Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 22 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 247 stellen will, wird manchen Verstoß in milderem Lichte erscheinen lassen, ohne uns der Pflicht zu entheben, auf die haltlosen Unterlagen der ״neuen“ Theorie hinzuweisen. — Kutscheras Theorie stützt sich auf die folgenden Behauptungen: Das jüdische Volk weist zwei anthropologisch verschiedene Typen auf: einen hrachvccphalcn, dunklen Typus, der zumeist in Süd* curopa und Asien verbreitet ist, und einen dolicho* i'tphalen, hellen Typus in Nord* und Mitteleuropa. Dieser anthropologischen Unterscheidung entspricht rin Unterschied in den .religiösen Briiuchcn und der Aussprache des Hebräischen. Die Frage nach der Ijifstcluing dieser beiden Typen will Kuischcra da* durch lösen, daß er die Herkunft der südcuro* puschen und asiatischen Juden, der Sephardim, v״n der altisraelitischcn Bevölkerung Palästinas ableitet, «ährend die russisch-polnischen Juden, die Aschket1,1 s i m, von der finnisch-chasarischcn“ Rasse absl.nunien, sich nach der Zerstörung ihres Reiches im inoskovitischcn Ländcrgcbictc niedergelassen und von da nach Deutschland und Oesterreich-Ungarn verbreitet haben sollen. Prüfen wir ganz kurz die Leitsätze dieser Theorie! ":׳ns die Unterscheidung zwischen den beiden angc* führten Rassentypen innerhalb der Juden betrifft, so ist zu bemerken, daß sic sich auf Merkmale stützt, die von der heutigen Anthropologie durchaus nicht als ausschlaggebend angesehen wer«tcn. Die Verwertung einzelner körperlicher Merkmale, wie Schädelindex, Haut* und Haarfarbe als Einteilungsprinzipien für die Rissensystematik kann nur im Zusammenhänge mit allen hierfür in Betracht kommenden Faktoren er* folgen. Es ist daher vom cntwickelungsgcschicht* liehen Standpunkte vollkommen verkehrt, auf den Ihiicrschicd in der Haarfarbe und in der Schädelform die Einteilung der Juden in Sephardim und Aschkcnasim gründen zu wollen, abgesehen davon, daß der gleiche Unterschied zwischen den nördlichen und südlichen indoeuropäischen Völkern festgestcllt wurde, ohne hier zu einer so strengen anthropolo* gischen Teilung geführt zu haben. Uebrigens ist im Gegensatz zu früheren Anschauungen anzunchmcn, daß die jüdische Rasse im allgemeinen keinen fundamentalen Transformationen in anthropologischer Hinlicht unterworfen war, daß sic keine wesentlichen Bei* misclmngcn andersartiger ethnischer Elemente enthält, und daß sie ״einen einheitlichen Rassenkörper darslellt, der sich seit mindestens 2*/a Jahrtausenden rein erhalten hat, und daher genealogisch eine in sich homogene Einheit repräsentiert“ (Z o 11 s eh a n ״Das Rasscnproblcm“, Wien 1011, S. M4 und an anderen Stellen, wo dieses Problem mit sehr ein* leuchtenden Argumenten behandelt wird). Der anthro* pologischc Unterschied zwischen Aschkcnasim und Sephardim hat jedenfalls in dem von Kutschern bchaupteten Umfange nie existiert, worüber bei Zollschan näheres nachzulcsen ist. — Hingegen ist cs ganz allgemein bekannt, daß Sephardim und Aschke* nasim sich in den religiösen Gebräuchen und in der Aussprache des Hebräischen unterscheiden. Die Ver- Kchicdenhcit der religiösen Sitten ist sehr einfach da* durch zu erklären, daß die religiöse Tradition bei einem ׳ Teile der Juden aus Palästina, bei einem anderen Teile aus Babylonien oder aus beiden Ländern zugleich übernommen wurde. Und bezüglich der Ausspräche de9 Hebräischen ist für jeden, der nur einigermaßen die semitischen Sprachen kennt, das Problem durchaus nicht so schwierig zu lösen, da im Syrischen zwischen Ost• und Westsyrern ein ähnlicher Unterstanden hat, wird auch noch die Sympathien des Herrn Raab überstehen. Die Lektüre der kleinen, gutgemeinten Broschüre Ist aus den oben angeführten Gründen zu empfehlen. C. Kaiser. David Gordon Zu seinem 25 jährigen Todestage.) Ein Vicrtcljahrhundcrt ist jetzt verflossen seit dem Tode David Gordons, der zu den ersten Verkiindern des Palästinagednnkens zählte. Seine mehr* jährige Tätigkeit als Redakteur des - von Silbermann begründeten hebräischen Wochenblatts ״Hamngid“ in l.yck war ein ununterbrochenes Wirken im Dienste der Cliihath-Zio», an die bekanntlich die moderne zionistische Bewegung anknüpftc. David Oortlon widmete sich dem Zionsidcal mit der ganzen Hin- 'fvbungskraft seiner kindlich-naiven Seele. Er war l:1,i:n stürmische Kämpfernatur und jedem geräusch- Wien Effekt abhold. Still und bescheiden, voller Güte und Sanftmut, wirkte er durch die Echtheit und Lauterkeit seiner Ueberzeugungstreue und durch «einen tiefen Inneren Glauben an die Zukunft seines Volkes und seinen endlichen Sieg über die finsteren Mächte, die seinen Horizont verdüstern. In der Oeschichte der nationaljüdlschcn Rcnaissnncchcwcgung wird der Name David Qordons fortbcstehcn. schied in der Vokalisatlon vorhanden ist wie im Hebräischen zwischen Sephardim und Aschkcnasim. Die Behauptung <Xutschcras, daß die Aschkcnasim von den Chasnren ^abstammen, entbehrt jeder Basis. Vor allem ist durch die Forschungen Harkavys und anderer erwiesen, daß nur ein kleiner Teil der Chasaren, nämlich der König (Chngnn genannt) sowie seine unmittelbare Umgebung und die Großen des Reiches zum Judentum übertraten. Wenn diese gewill nicht allzu zahlreichen Konvertiten sich mit Juden überhaupt vermischt haben, so können dafür nur die Juden des Kiewer Fürstentums sowie der Krim in Betracht kommen. Letztere können aber ausgeschieden werden, weil sie zum weitaus größten Teile dem Knriiertum siel: zugcscllten, das sich von den Rnbba* niten, deren Nachkommen die heutigen Juden sind, vollkommen abschloß■ Und die wenigen Chasnren des Kiewer Fürstentums haben eine Umgestaltung des jüdischen Rassentypus wohl kaum bewirken können. Das Chnsarcnvolk selbst Ist nach der Zer- Störung seines Reiches größtenteils in der früheren Heimat geblieben und ist hier durch Mischung mit kaukasischen Stämmen aus der Geschichte spurlos verschwunden. Was nun die Frage betrifft, wie die zahlreiche jüdische Bevölkerung Im Laufe der Jahrhunderte in den Ländern des einstigen polnisch-litauischen Reiches entstanden ist, so kann cs gar nicht Wunder nehmen, wenn unser mit der jüdischen Geschichtsforschung nicht sonderlich vertrauter Autor keine richtige Antwort zu finden vermag. Die Lösung dieses Problems ist der deutsch-jüdischen Historiographie bisher noch nicht gelungen, obwohl von Harkavy, Bcrschadski, Dubnow u. a. eine Menge wichtigen auf diese Frage hcziigl. Urkundcnmatcrinls herausgegeben wurde. Der überwiegende Teil der jüdischen Bevölkerung hat sich in den polnisch-litauischen Gebieten infolge einer mehrere Jahrhunderte währenden Wanderbewegung;!»gesiedelt, die ihren Lauf von Mittel- und Nordilcutschland über die halhslawfsclien Länder Böhmen, Mähren und Schlesien genommen hat. Als die Ur* Sachen dieser Wanderhewegung, die nur selten und nur einmal in erheblicher Weise unterbrochen wurde, sind einerseits die Judenverfolgungen in Deutschland während der Kreuzzüge, andererseits der relativ größere Spielraum, der sich dem jüdischen Volkstum in Polen und Litauen eröffnctc, zu betrachten. Eine Rückwanderung nach Deutschland hat nur zeitweise während der Chmielnickischcn Verfolgungen (nach 1618) stattgefunden, doch kehrten die Flüchtlinge bald nach der alten Heimat wieder zurück. — Der relativ geringe Bruchteil der polnisch-russischen Judenheit, der nicht auf dein bezeichnctcn Wege nach dem Osten gelangte, stammt teils aus den griechischen Kolonien in der Krim und dem bosporanischcn Reiche, teils aus den kaukasischen Ländern. Wir könnten noch auf verschiedene Fehler hinweisen, so die irrige Ansicht, daß die Chasnren finnischen Ursprungs waren, während sie türkischer Abkunft sind, oder die märchenhafte Behauptung, daß die rumänischen Rabbiner den Titel ״Chagan“ führten, während nichts weiter als eine Vcrwechslung des Titels ״Chagan“ mit ״Chncham“ vorlicgt (S. 261), oder die kuriose Hypothese, daß Georg Tsoul nicht der letzte chnsarischc Chngnn, sondern ein georgischer Fürst war (S. 103 ff.), oder die geo* graphischen Exkursionen des Verfassers über die Wohnsitze der Chasnren (S. 116 ff.), die allen Berichten der arabischen Geographen wider¬ Bücher und Zeitschriften ׳ Jüdischer Brautzug und Orfßlnnl-Chussid. Für Piano zu zwei Händen von k. k. Kapellmeister Victor Kostclccky ist soeben Im Verlag der Buch- und Musikalienhandlung M. L a n d a u, Czcriiowllz, erschienen. Mit dieser originellen musikalischen Novität wird der Verleger zweifellos einen großen Erfolg erzielen. Der Komponist musiziert uns in reizender mclo* discher Marschart einen jüdischen Hoctacitszug vor, als die Braut zur Trauung schreitet und knüpft daran den Original-Cluissid, einen Tanz, dessen prickelnde Melodie die Zuhörer hinreißt und begeistert. Es Ist gleichsam der ״Mascltow“, der mit diesem ״Chussid“ in belustigender Weise zum Ausdruck gelangt. Wer «las Leitmotiv der jüdischen Volksmusik, die erst Im Entstehen begriffen ist, kennt, der wird auch dem Verleger Dank dafür wissen, daß er den Anfang gemacht und Wurzel fiir ein großzügige« Unternehmen gelegt hat, «las zur Förderung des jüdischen V«>lkslietlcs hiermit In Kraft tritt, zumal das Opus als ״Sammlung jüdischer Origiiial-Volksmclodicn Nr. 1“ erschienen ist. Nicht zuletzt soll der außerordentlich billige Ladenpreis von 1,20 K. infolge der großen Auflage und des zu gewärtigenden Massenabsatzes erwähnt werden. Zu beziehen durch sämtliche Buch- und Musikalienhandlungen des In- und Auslandes, sowie direkt vom Verlag. Naturgemäßes Leben und Denken. Ein Buch der Hygiene von Dr. A. G u t h m a n n. 206 Seiten. Leicht gebunden Mk. 3,60. Schwabach er Verlag In Stuttgart. , ״ ״Naturerkenntnis ist die beste Hygiene,“ Dein Denken und Leben muß deiner eigenen. Natur gemäß sprechen usw^. . . Doch wir glauben, an dieser Stelle darauf nicht näher cingchen zu müssen. — Das Buch Kutscheras hätte nur dann irgendwelchen ■ Wert gehabt, wenn ein Kundiger teils die Ansichten des Autors mit entsprechenden Bemerkungen versehen, teils auch Streichungen bezw.. Acndcrungen vorgenannten hätte.111 ׳ der vorlicgcmlen Form, die cs von offenbar unkundiger Hand erhielt, wie schon aus der falschen Wiedergabe mancher Eigennamen hervorgeht, hat das Buch, wie wir leider sagen müssen, nur eine untergeordnete Bedeutung. Ja, es ist sehr dazu angetan, wie Schreiber dieser Zeilen an Beispielen erhärten könnte, in Köpfen von Nichtitifor* , mierten eine bedauerliche Verwirrung anzus'cftcn. Dr. Josef Meist. Nachklänge zur israelitischen Landessynode Wir erhalten die folgende Zuschrift, deren be rechtigte Schärfe uns der Pflicht enthebt, das darin gekennzeichnete Vorgehen noch unsererseits zu bc* werten. Unter dieser Uebcrschrift versucht Herr R. A. Spiegel in Tauberbischofsheim in den politischen Tageszeitungen Badens mich als einen ״unerhörten Vcrunglimpfcr“ unseres Landesfürsten vor breitester öeffeiitlichkeit liinzustelicn. Derartige Angebereien von Juden gegen Juden hat die jüdische Gesamtheit in allen Zeitläuften ihrer wcchsclrcichen Geschichte mit dein gcscllschaftliehen Boykott beantwortet. Damit ist das Vorgehen des Herrn Spiegel genügend gekennzeichnet. Ich für meine Person hätte nun eigentlich keine Veranlassung mehr, mich mit den Unterstellungen des Herrn Rechtsanwalts Spiegel zu befassen, um so weniger, als ich die Gewißheit verbrieft in H ii n d c n habe, daß unser Großherzog Hinsichtlieh der von Herrn Spiegel angezogenen Synodalvvr- Wandlungen die volle Wahrheit kennt und würdigt. Ferner hat mein Wahlbezirk mir seinen Dank für meine Tätigkeit auf der Synode votiert Und mir sein volles Vertrauen ausgesprochen. Ich wurde jedoch gebeten, im öffentlichen Interesse folgendes festzustellen: Was zunächst «lie an die Synode gesandten Tele gram me betrifft, so glaube ich Herrn R. A. Spiegel gerne, daß dieselben der ureigensten Initiative ihres Absenders entspringen. Es hat damit nämlieh folgende Bewandtnis: Als die das jüdische Gesetz und jüdische G r u n d a n s c 11 a u ungen entthronende Reform politik des Gr. Oberrats, dessen Parteigänger Herr R. A. Spiegel ist, durch die bekannte Vorlage des Reformgcbctbuchs zu einem wuchtigen Schlag gegen das historische Judentum ausholte, wurde die gesamte badische J u d e n h c i t bis in das entlegenste Dorf in die höchste Erregung versetzt, utul cs entbrannte der heftige Wahlkampf zur Synode des Jahres 190$, wo die oberrätliche Vorlage zu Falle kam. In jener Wahlkampagne war Herr R. A. Spiegel mein Gegenkandidat im XVI. Wahlbezirk, wo er ansässig ist und den er bisher vertreten hatte, wo er aber in jenem Wahlgang mit großer Majorität unterlag. Bei der nächsten Synodalwahl 1911 kam seine Kandidatur überhaupt nicht mehr zur Aufstellung. Herr R. A. Spicg«:l hatte nun immer noch das Bedürfnis gefühlt, sicli bei der Synode, der er seit scinl Von diesem Gesichtspunkt ausgehend hat der beliebte ärztliche Mitarbeiter der Woche usw., Dr. A. Gothmann, unter dem bezeichnenden Titel ״Naturgemäßes Leben mul Denken“ ein Buch der Hygiene herausgegeben, das alle Fragen der Gesundheitspflege in streng naturwissenschaftlichem Sinne behandelt. Von einer Fülle geschichtlicher Anekdoten und(philosophischer Qedanken diirchflorlden — alles in der «lein Verfasser eigentümlichen klaren Weise zum Aus* druck gebracht •־־ liest sich das Buch wie ein spannender Roman, während 11er Leser daraus spielend Weisbeiten schöpft, die ihn zu einer befriedigenden Weltansclmiung führen und ihm zu einem langen und glücklichen Leben verhelfen sollen. Man könnte das im Schwabachcr Verlag zu Stuttgart herausgekommene schöne Werk (Preis Mk. 3,60) treffend als eine Gesuiullieitslchre auf cntwicklungsgcschichtlichcr Basis bezeichnen. Es bringt keine trockene Aufzählung von Gcsumlheitsrcgcl», «he man schon bis zum Ueberdruß gelesen hat — es gibt naturwissenschaftliche Grund• Kenntnisse, die jeder seht eigen nennen muß, der ein gesuntlhcitsgcmäßes Leben zu führen gedenkt. Es enthält kein unlauteres Wort und ist m fließender Rede geschrieben. Der heranreifende Verstand kann sich daran bilden, der Geist des Erwachsenen die Lücken seiner Kenntnisse damit ausfüllcn. Sicherlich werden auch viele Aerzte, besonders jüngere Doktoren, das Buch mit Vergnügen und nicht ohne Erfolg lesen und das auch zu Geschenken hervorragend geeignete, trotz des billigen Preises vortrefflich aus* gestattete Werk schon wegen seiner Tendenz im allercigcnstcn Interesse dem Publikum warm empfehlen. . ..