Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 240 JUEDISCHE RUNDSCHAU 1 I Das also erklärt am 22. Mai 1911 in voller Öffentlichkeit der Generalsekretär der Alliance, nach• dem er am 3. Miir/. desselben Jahres mit seinem Namen den Brief des Herrn Narcissc Leven gedeckt hat! Er selbst hat die Pariser Blätter versandt, auch nach Konstantinopel, selbstverständlich auch an Herrn Fernande/, der die Nachrichten dann, wie wir wissen, durch Herrn Benvenisie der türkischen Presse weiter• gab. h'r hat somit den Kampf gegen den Zionismus geschürt, die Mohammedaner gegen Juden gehetzt, somit dem ganzen Judentum schweren Schaden ge• stiftet. Und dann wagt er cs, einen Brief mit zu unterzeichnen, in dem er ״von ganzem Herzen das linde eines Streites lierhciselmt, der für das olto• manische Judentum nur von Schaden sein kann.“ Das geht denn doch über das Erlaubte hinaus! Wir sind von Paris her allerlei gewohnt, Hochmut, Millachtung der Volksslimmuug, offene mul geheime Bekämpfung. Aber ein solches Vorgehen hätten wir denn doch nicht für möglich gehalten! Jede Kritik könnte hier nur die Wirkung der erfolgten Fest• Stellungen ahscliwächen. Jetzt handelt cs sich nicht nur um die zionistische Bewegung, sondern um die Würde der Alliance, des Judentums überhaupt, und wir glauben, daß Zionisten und Antizionisten gegen ein solch schmähliches Vorgehen den schärfsten Protest erheben müssen. Einstweilen können wir nicht annehmen, daß I lerr Leven von dem Verhalten Bigarts Kenntnis gehabt hat. Wir fragen deshalb öffentlich: Was wird Herr Leven tun, um sich vor der• a r t i g c n T ii u s c h u n g c n z u s c h ü t z c n? W i r d Herr Bigart weiter Generalsekretär der Alllance bleiben? Was wird die deutsche Konfcrcnzgcmeinschaft tun, um die Wiederkehr solcher Dinge zu verhüten? Der Wahlspruch der Alliance, daß alle Juden für einander bürgen, darf doch nichf zur blutigen Sntyrc werden, und Treu und Redlichkeit können doch «licht zum Gespött gemacht werden? Herr Leven, H err Rcinach, wir warten auf Antwort! Soeben erhalten wir die letzte Nummer des ״El A v c n i r“ in Saloniki, in der an leitender Stelle über unerlaubte Wahlmanipulationcn auch in Saloniki berichtet wird. Es heißt dort: ״Es jst uns sehr peinlich 17.u bemerken, daß die Wahlen für die 23 Mitglieder des CcntraI״C01nit<־s der Alliance Israelitc Universelle in unserer Stadt in einer gänzlich unregelmäßigen und illegalen Weise betrieben werden. Die Wahlzcttcl werden nicht den Mitgliedern verteilt, damit sic denjenigen ihre Stimme gehen, die ihnen geeignet erscheinen: man präsentiert ihnen die Wahlzcttcl lediglich mit der Weisung, daß sie ihre Unterschrift darunter setzen und für Salomon Rcinach stimmen. Um es richtiger zu sagen: läßt man die Mitglieder der Alliance nicht die offizielle von Paris aufgcstellte Liste wählen, auf der auch die Namen der Vorsitzenden des Deutschen Landes• Comites Justizrat Max Fuchs und Professor Dr, Landau stehen, sondern man präsentiert ihnen eine Liste, von der die beiden erwähnten Namen ffcstrichen sind, obwohl diese Männer gerade für die Wiedereinführung des jüdischen Geistes in der A. J. U. so tapfer kämpfen, Atu meisten aber ist zu bedauern, daß, während die Gegner des Herrn Salomon Rcinach ihre Ideen frei aussprechen und mit legalen Waffen offen kämpfen, die Parteigänger des alten Regimes der Alliance cs vorziehen, im Dunklen zu arbeiten und Nr. 22 den ״ulen Glauben der Personen, au die sie sich wenden, zu mißbrauchen. Ihre Kampfmittel sind voll, kommen illegal. Das ist um so trauriger, als die Majorität der Mitglieder der Alliance in unserer Stadt, sowohl ältere als auch jüngere, ganz brave ehrliche luden sind, die dein Judentum und dem jüdischen Volk mit Liebe und mit Leib und Seele ergehen sind und niemals um alle Welt erlauben würden, das Juden, tum in der Weise hcrabzuset/en, wie es 1 lerr Salomon Rcinach tut.“ Weiterhin fliegt uns ein Brief des I Icrni Rabbiner! Dr. P o r g c s-Lcip/ig auf den Redaktionstisch, der von neuem beweist, mit welchen Mitteln Paris arbeitet. Herr Dr. Porgcs hat zwar dem einstimmig gefällten Beschluß der I). C. Ü., Herrn Rcinach von der Kandidatenliste zu streichen, nicht widersprochen, also seine Zustimmung dazu gegeben. Trotzdem ist cr kaltblütig genug zu erklären, daß er für die Wahl des Herrn Rcinach stimmen werde. Des weiteren behauptet er, daß die Wahlen in der D. C. G. mit Geldern der Alliance gemacht werden. Das ist durch• aus unwahr, da die Mittel für die Wahlen lediglich von privater׳ Seite gezeichnet worden sind. Dieser Punkt ist auch bereits in Gegenwart des Herrn |)r. Porgcs auf der Tagung der I). C. O. von Herrn Gcheimrnt Landau, dem Vorsitzenden der I). (;. Q.( fcstgestelit worden. Das Auftreten des Herrn Dr. Porgcs, der auf diese Weise der Confercnzgemcm• schaft in den Rücken fällt, erinnert uns lebhaft ao sein Verhalten, als er von der berühmten lnspektion»• reise in Palästina zurückkehrte. Ucbrigcns heißt es iu dem Briefe des Hern Dr. Borges des weiteren: ״Ucbrigcns weiß i c 11 aus z u v e r I ä s s i• gcr Quelle, daß Herr Rcinach nie in all Präsident der A. I. U. werden will und cs niemals werden wird.“ Das wäre also wenigstens schon erreicht! Die Cliasaren*) Die Frage, ob und inwieweit die zum Juden• tum übergetretenen Bewohner des ehemaligen Clia• sarenreiches sich mit den polnisch-russischen Juden vermischt haben, hat schon vielfach die Gelehrten beschäftigt. In kompetenten Kreisen ist mau sich darüber einig, daß eine irgendwie erhebliche Mischung nicht stattgefunden hat, und daß alle dahin gehendes Behauptungen jeder Basis entbehren. Durch das vorliegende Werk ist diese f rage wieder aktuell geworden und soll hier an der Hand der letzten Ergebnisse der Wissenschaft geprüft wer• den, um ״dem großen Lesepublikum“, für welche» der Verfasser schreiben will, die Möglichkeit zu bieten, zu den Schlüssen, die er zieht, Stellung zu nehmen. — Freiherr von Kutschcra, der als Ad• ministrativdircktor der Landesregierung in den oster* rcichischen Okkupationsländern Bosnien und llcric• gowina eine hervorragende Rolle spielte, hat in den Mußestunden, die ihm sein Amt ließ, dieses Werk verfaßt, das erst nach seinem Tode von fremder Hand licrausgegcben wurde. Der Umstand, daß der Autor gar nicht mit der Prätention eines Gelehrten auftritt, sondern teils unter Berufung auf längst über• holte Autoritäten, teils ohne ausreichende I1istuii1!׳:־e und philologische Kenntnisse eine Hypothese auf* *) Die Chnsarcu, Historische Studie von Hugo Freiherr von Kutschcra. Ein Nachlaß. Wien 1910. betrifft, so weisen Sie der Alliance eine Stelle und einen Einfluß zu, welche durch die Tatsachen nicht gerechtfertigt werden . . . Die Alliance hat den Kampf weder provoziert noch gefördert. Niemals hat eine Organisation in der Tüflkei, irgend ein Schriftsteller von uns irgend eine Parole oder eine Subvention erhalten. Wir haben mit dieser Bewegung nicht» zu tun, wir sind nicht einmal aufgeforderl worden, irgendeine» Rat zu geben. Die ottom,׳mischen Israeliten sind selbst imstande zu beurteilen, auf welcher Seite ihre Pflicht liegt, wo ihre Interessen als Israeliten und als ottomanisdie Untertanen sieh befinden. Die• j c n i g e n, welche b e v o 11 m ii c 111 i g t sind, i in Namen der Alliance z u sprechen, haben die Ordre, den religiösen und politischen Streitigkeiten f e r 11 z u bleiben... Da der Kampf, von dem Sie sprechen, nicht von uns gefördert worden ist, da keiner unserer Vertrauensmänner dabei beteiligt ist, so wissen wir nicht, an wen wir 11 ns mit uns c r c m Rate zur Mäßigung wenden solle 11. Herr Leven und Herr Bigart erklären dann ihren Wunsch, daß der Kampf aufliöre und meinen: ״Wir wünschen so wie Sic von ganzem Herzen das Ende eines Streites herbei, der für das otto• manische Judentum nur von Schaden sein kann." Am Montag, den 22. Mai, hat nun in Basel eine große Versammlung von Allianccwählern stall• gefunden, zu der Herr Bigart aus Paris erschienen war. iu der Diskussion richtete Herr Dr. Y a h u d a an Herrn Bigart die Frage, ob cs richtig sei, daß der Vertreter der Alliance in Konstautinopel, Herr Fernande!, von Paris aus ein Conimuniqud über den Empfang der türkischen Delegation bei der Alliance und über die Ansprache ihres Präsidenten zur Weiter• Verbreitung übermittelt worden seil? (Es ist bc• kannt, daß Herr Fcrnandez durch den Direktor der Allianccschulc in Konstantiuopcl, Herrn Bcnvcuiste, ein solches Coinmuniqud an eine große Anzahl von Zeitungen mit der Bille um Aufnahme verschickt hat.) Dr, Yahuda erklärte, wenn Herr Fcrnandez eine solche!nstruktion erhallen habe, so stelle sic die größte Niederträchtigkeit dar, die seit dem Verrat der Samari• tancr von Juden gegen Juden verübt worden sei. Der bereits durch das Mißlingen seiner Mission, die Schweizer für Herrn Rcinach zu stimmen, einiger• maßen aus der Fassung gebrachte Herr Bigart er• klärte darauf folgendes: ״Als die türkischen Paria• mentarier nach Paris kamen, sei von Mazliah und Sasson der Wunsch geäußert worden, die Alliance möge zum Zionismus Stellung nehmen. Daraufhin habe Herr Leven beim Frühstück, das die Alliance den fremden Herren gab, eine Ansprache gehalten, in der cr die bekannt gewordenen Ansichten über den Zionismus kundgab. Der türkische Abgeordnete Riza Bey, ein alter Allianccschülcr, sei ganz ent• zückt gewesen mul habe die Ansprache mit seiner Visitenkarte dem Figaro gesandt, der sic veröffent• lichte.“ (Wie die Angelegenheit zur Kenntnis des Tcmps kam, hat Herr Bigart nicht vcrratenl) ״Er selbst — Bigart — habe nun ein halbes Dutzend Exemplare jeder Zeitung ge• kauft und nach Konstantinopcl und anderen orientalischen Städten gc• 8 a n d t.“ Dieses Zugeständnis reizte die Baseler Versammlung in solchem Maße, daß sie in großer Erregung schloß. חג הבכורים - מחן תורתנו Schewuofh Der Crstlingstrucht vom Ackerland Salt dieses Fest, so ireudenooll; Du legtest ln des Priesters Band Was dir einst gab der Belmat Schollt Des größten IUeisters ew'ger hehr״, Die du empfingst am Sinai heut, Buch dieser galt des Tages 6hr*, Buch dieser Ist das Fest geweiht. Welch Doppelfest, welch Doppelwelh* Für Brbeltskraft und Gelstesllditt* Drum, lern* und arbelt', deine üosung sc! — — Ein Bcferoolk nur bist du nicht. — Rabbiner 9akob ßflbsdter. »־jto Die Reichstagswahlen vorderTtir Von*Artur Schweriner. (Verlag von Emil Helle, Liebenwerda, Prv, Sachsen.) Der Verfasser der vorliegenden Broschüre hat in seiner Eigenschaft als Rcichstagsjouriialist am 2b. Fc• brunr 19U die Rede des Abgeordneten Raab über die Zulassung jüdischer Einjähriger zum Reserveoffiziers• dienst mit anhören müssen. Er druckt nun diese nach dem Stenogramm vollinhaltlich (18 Seiten!) hier ab und hofft, daß allen ״Glaubensgenossen“, die sic zu lesen bekommen, wie ihm selbst, das Blut zornig emporwallen wird, und daß dann bei den nächsten Waiden zum Reichstage dem vereinten Bemühen alter anständig gesinnten Elemente der parlamentarische Antiscmitis• mus erliegen inufll Ein Anhang enthält einige der vom Verfasser erbetenen Aeußcrungcn anderer Abgc• orduetcr über die Raabschc Rede. Auch wenn man die optimistischen Anschauungen des Verfassers nicljt teilen kann und überhaupt der ganzen jüdischen Rescrveoffi/.iersfragc — relativ und absolut — nicht die Wichtigkeit beizumessen vermag, mit der sic heute behandelt wird, so Ist doch das Studium der Raabschcn Rede in der Tat nicht ohne Interesse. Es ist für jeden ganz nützlich, einmal ein dcrarliges Elaborat in vollem Umfange durchzulescn. Insbesondere die rohe Verhöhnung der jüdische» Tri»• gcr des Eisernen Kreuzes und die ״Ueilcrkdt“, die dadurch bei einem großen Telle des deutlichen Reich«• ■■״.. .. -.. ....׳ rfi tages ausgclöst wurde, könnte unseren fortschrittlichen Phrasenhelden über manches die Augen öffnen, wenn die sich überhaupt von irgend etwas in der Welt die Augen öffnen ließen. Im übrigen ist die Rede ein witzloses Ragout der allerersten antisemitischen Wilzcheii, befeuchtet mit der landesüblichen Sauce von ״gebildeten“ Zitaten. Natürlich ist auch die berühmte Mommscustelle wieder da, deren Anführung in Theodor Fritsch's ״Handimch der Judenfrage“ der arme Mommsen wohl ausschließlieh die Ehre verdankt, von seinen teutschen de• wunderem gekannt zu werden. Auch auf ״eine e.ht bezeichnende Auslassung des französischen geist• reichen und gelehrten Philosophen Voltaire“ (wer dankt dabei nicht an ״den bekannten Dichter Goethe" in den Quintaneraufsätzen!) spielt Herr Raab an, will sic aber nicht zitieren, um seine jüdischen Mitbürger nicht zu sehr zu verletzenIII Wcr’s nicht glaubt und Voltaires Existenz bezweifelt, den verweist cr stolz auf Seite 28 des ״Handbuchs“, dieser ״geistigen Rüslkam* mer, darin Hundcrlc von Aussprüchen der bedeutend• sten, auch frcigcsinnlcsten Männer aller Jahrhunderte aufgeführt sind, die sich in ernstem, warnenden Sinne über das Judentum aussprechen.“ Für uns ist die Raabschc Rede auch deshalb noch von ״tieferer Bedeutung“, weil sie eine in alle Tage»• blättcr übergegangene Sielte enthält, In der der Redner die Zionisten seiner wärmsten und ehrlichsten Sym* pathlcn versichert, und die daher unseren Ocgncm Gelegenheit zu vielen geistvollen Betrachtungen «0־ geben hat. Nun, der Zionismus, der soviel über• r I , I i I 1 I I ' i ־ t י; 1!