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Jüdische Rundschau · 1911-05-26 · Heft 21 (26.5.1911) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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! Seite 240 j u 1; 1) 1 s c 111• n u n t> s c hau Nr. 21 ״Liberaler Verein der Synagogcngcmciiide zu Brcslau". D a s n i m in t sic 11 a in s c 11 ö n s t c 11 a u s, \v e n n 111 a 11 \v cid, 11 a II die O r g a n i s a 1 i o n (I e r I. i!י c r a I e 11 in 1 > c 111 s c 111 a 11 ü 2000 M i t• gl jeder weniger umfaßt* als die 11 n s r i!׳ e.*) Der konservative Verein I1?«tte mit Rück* sieht auf seine zionistischen Mitglieder die Oefolg- Schaft verweigert; sein Vorsitzender aber unterschrieb für den Zentralverein, obsclmn er da weder Vor• sitzender noch Schriftführer ist. Diese Annoncen waren natürlich die wirksamste Propaganda, lind lange vor der festgesetzten Zeit war der grolle Börsensaal voll. Viele fanden keinen Sitzplatz und inulllen stehen. Mit gespannter Auf• merksanikeit folgten die Erschienenen den iuter* essanlen Ausführungen unseres Freundes Kurt II111111 e n f e I d, der eine fein durchdachte psycho• logische und kullurhistorisehe Begründung des jii• di? che.־: Nationalismus und des Zionismus gab. Leider emspracli die Diskussion durchaus nicht den Erwar• hingen, die man duuacb an sic stellen konnte. Nur ein Diskussionsredner, Dr. Lasker, ging auf die Ausführungen des Redners ein, gab aber von vorn• .herein zu, dafi sie ihm vieles in ganz neuem Lichte gezeigt hätten, und daß er dies erst überdenken müsse, eile er dazu Stellung nehmen könne. Lr machte nur einige wenige Einwendungen. Lin anderer Redner, ein junger (ieiueimlerabhiuer, versuchte dem Zionismus einen Strick daraus zu drehen, daß der Parteisekretär einige Taue zuvor einen Vortrag vor einer Anzahl Gymnasiasten gehalten haben sollte, — wahrscheinlich ein Versuch der schlimmen Zionisten, Gymnasiasten zu Uebortrettnigen der Schul• und Lniidesgeselzc zu verleiten, geheime politische Ver• bindmigeu unter ihnen zu schaffen und dcrgl. schreck• liebe Dinge mehr. I:s stellte sich heraus, daß eine Anzahl < iyuinasiastcn, g a n z 11 n a b b ä n g i g v 0 in Z i o n i s m 11 s und ohne Wissen offizieller zio• nislischer Kreise sich von Zeit zu Zeit von den verschiedensten Persönlichkeiten hatleu Vorträge über jüdische Themen halten lassen, 11. a, auch von uiiscrm Parteisekretär. (NIL: wenn mau in der Schule, in der Religionsstunde vor Tertianern den Zionismus damit bekämpfen will, dall man diesen gewiß noch nicht ganz, reifen Schülern erzählt, ein Zionisten* fiihrcr hat sogar eine christliche Frau, ergo . . . so ist das nach Auffassung dieser Herren ״objektive Darstellung", kein Hineintrngen von Politik in die Schule. Allerdings hat ein Tertianer daraufhin ge• fragt: ״Hat der die Frau nicht schon geheiratet, he* vor er Zionist war?", worauf der Herr Religions• Ichrer schwieg.) . Und .dann war noch ein Diskussionsredner, in der Reihenfolge der erste: Herr Dr. Carl Alex an• der, Vorstandsmitglied des liberalen Vereins und des Zentralvereins. Er batte sich wohl präpariert , , . aus antizionistischen Schriften. Zionistische Schriften, Kongreßprotokolle oder irgendwelche andere /io• uistischc Literatur scheint er nie gelesen zu haben. Denn was er vorbrachte, waren die ■ältesten Ladenhüter des Antizionismus, hundertfach widerlegte Dinge, die "aber leider in dieser Versammlung (was hier eiugcstanden sei) nicht /.um hundertsten Male widerlegt wurden, weil es uns schon zuwider ist. Auf die Ausführungen Bl. einzugehen, unterließ er wohlweislich. Aber: Dieses Vorstandsmitglied der hiesigen Ortsgruppe des Zentralvcreius halte seine Ausfall• rungen mit Zitaten aus — antisemitischen Zeitungen begonnen, um zu sagen: Daß die den Zionisten zustimmen, ist der beste Beweis für ihre Gefährlichkeit . . . Nach seinen rühmlichen Ausfiih• rungen hatte er indes nichts anderes zu tun, als sich zu dem anwesenden Berichterstatter der konservativ• antisemitischen ״Schlesischen Zeitung", Herrn Julius Lichtenstein, zu setzen, der überdies ein chemaliger Jude ist und sich mit diesem aufs Angelegentlichste zu unterhalten. Ja, als schon die Versammlung längst zu Ende war und schon der Saal finster gemacht wurde, standen die beiden Herren, das Vorstandsmitglied vom Zentralverein deutscher Staatsbürger j ii d i s ch e n ü 1 a u b c u s, das eben mit antisemitischen Zitaten gegen uns operiert batte, und der aus dem Judentum ausgetretene antisemi• tische Berichterstatter noch immer im trau• liebsten Gespräch. Und es geschah am folgenden Tage, daß das Blatt dieses Herrn Lichtenslein, das sonst zwar nicht mit seinem Antisemitismus zurückhält, über unsere Versammlungen aber bisher stets objektive Berichte gebracht hatte, einen vorurteilsvollen, entstellten, ge•!lässigen Bericht gab. Wie das wohl gekommen sein mag? Nun erscheint aber in Breslau noch ein Blatt, betitelt ״Jüdisches Volksblatt" oder auch ״Lehrer- ) Wobei noch weiter zu bedenken wäre, daß diese liberale * ״Organisation" mit der zionistischen Bewegung selbst in aller Bescheidenheit nicht vorglichen werden kann, da die Pflichten eines ״übe• raten mit der Beitragszahlung so ziemlich erschöpft stml. Oe8in nungs m ttt braucht er doch höchstens gegenüber der getauften Verwandtschaft I heim". Dieses Blatt fühlte sich lu-müßigl, auch einige Bemerkungen zu dieser Versammlung zu machen. Sic sind nicht von Belang. Nur zum Vergnügen der Leser sei erzählt, daß Herr Dr. Louis Neustadt sich darüber beschwert, daß die Zionisten ״ihre Bekannt• mncluingcii mir in iiiclitjihlischen Zeitungen ergehen lassen" (Leser, merkst Du was?). Da droht es den Zionisten au, cs wurde in Zukunft zionistische Be• richte nsw. nicht mehr ״ungetrübt (wörtlich I!) in seine Spalten laufen lassen". Nim haben wir sie also endlich mal beisammen, unsere Breslauer Gegner: Carl Alexander, Louis Neu• stadt und Julius Liehtcnstein der liberale Jude, der Jenaelidem-Jude und der antisemitische Tauf• jude! Und dieses Triumvirat beweist, wenn nichts anderes, daß unsere Sache gut ist, daß auch in Breslau der Zionismus sieh weiter ausbrcitcu wird, noch viel mehr, als diese letzte Versammlung schon zuwege gebracht hat. D i b a r t i. Benjamin Hirsch An den Folgen eines Schlaganfallcs verschied am II. Mai in Karlsruhe der bekannte Großindustrielle Kommerz.ieiirat Benjamin Hirsch aus Halhcrstadt. Der Verstorbene war der Seniorclicf der Metallfirma Aron Hirsch Sohn in Halhcrstadt und stand außerdem an der Spitze verschiedener Gesellschaften, die der Firma Aron Hirsch & Sohn uahesteheu. Die deutsche Jiutculicit hat mit Benjamin Hirsch einen ihrer hervorragendsten Vertreter verloren, einen Mann, der mit seinem ganzen Herzen am Judentum hing lind jederzeit stolz, auf sein Judentum war. Er folgte nicht dem Beispiel der auf hoher gescllschaft• lieber Stufe siebenden Juden, die ihr Judentum verleugnen; es war vielmehr sein größter Stolz, sich hei jeder Gelegenheit als Juden zu zeigen. Seine engen Bcziclimigcu zu Parlamentariern und Staatsmännern hat er oft dazu bcmil/t, in einer dem Judentum und der Jiulenlieil förderlichen Weise zu wirken. Was ilui aber am meisten dazu befähigte, dem Judentum zu dienen, war seine wahrhaft tolerante Gesinnung, die ihn jede religiöse Anschauung ver• stehen mul ׳achten ließ. Obwohl Benjamin Hirsch selbst auf streng orthodoxem Hoden stand, war sein höchstes Bestreben, zu seinem Teile zu der gemeinsamen Arbeit aller Richtungen im Judentum heizu• tragen und so an der Aussöhnung der in religiöser Hinsicht differierenden Anschauungen mitzuarheiten. Die deutsche Jiulcnheit wird den Dahiugcgangcncn bald schmerzlich vermissen. Westdeutscher Brief Lange, lange Jahre hindurch hat mau den Westen Deutschlands für einen steinigen Boden mischen müssen, der der Pflanze Zionismus keine Lebenssäfte /ti/ufülircn vermochte. Alle von zionistischer Seite mit noch so viel Fleiß mul Liehe unternommenen Kiiltiirversnche mußten nach mehr oder weniger langer Zeit als nur wenig aussichtsreich wieder an fg .,geben werden. Aber jetzt endlich scheint unser Bezirk aus seinem Dornröschenschlaf zu erwachen und rege Zionsarhcit an allen Orlen zu erblühen, so daß, wenn nicht alles täuscht, mail die Hoffnung haben darf: Die alle Scharte wird ausgewetzt werden; d i e S ö 11 n c d e r j ii d i s c!1 c 11 R e n n i s s a n e e zeit werden gut machen, was die Väter aus der Eninn/ipn•' ti on sc poche - vielleicht menschlich begreiflicherweise ~ gefehlt haben. Uchcrall regt sicli's im Rheinlande: Hier bildet sieh eine kleine Gruppe von Schekel- Zahlern, dort reckt sogar kühn eine Ortsgruppe ihr junges Haupt empor und hier kommt in die Glieder einer Gruppe aller Streiter neues Leben hinein, neue Streitkräfte gesellen sich zu den alten und alle, alle stellen sieh mit frohem Mut hinein in den Kampf gegen unbegründete Vorurteile, gegen stiipcmle Unkenntnis und charakterloses Assinnlantenhim, so daß es für die selbstbewußten Söhne in Juda wahrlich eine Freude ist, zu leben um! zu kämpfen. Wie sehr dieses Stimmungsbild den tatsächlichen Verhältnissen entspricht, dafür war auch ein deutlicher Beweis, wenn es eines solchen von außen her überliattpt noch bedurft hätte, die Tatsache, dall die Ortsgruppe Elberfeld der Vereinigung für das liberale Judentum ihren lautesten Rufer im Streit entbot, um die Gefahr, die der Zionismus wenigstens in den Köpfen dieser Leute — für das Judentum darstellt, lebhaft zu schildern mul bei dieser Gelegenheit dem Zionismus, wemi’s ging, den Garaus zu machen. Mit großen Erwartungen sahen Freund und Feind dem Vortrage des Herrn Rabbiner Dr, Caesar Selig mann aus Frankfurt a. M. entgegen. Der religiöse liberalismus mul seine ׳Gegner, so lautete sein Thema. Um cs von vornherein• zu sagen: Herr Dr. Seliginnnn war für uns alle eine große Enttäu• schling in Person. Dali die Sache, die er vertritt, ihren Eindruck auf stnrkjiidisch empfindende Menschen ganz, und gar verfehlt, das wußten wir. Und 80 Über• raschle es uns nicht, daß der erste Teil des /vvciimj. ciiihalbstuiuligcn Vortrages so wenig anregend wirkte daß gar mancher Zuliöier in einem ständigen Kanmß mit dem (iäluicn lag mul in diesem Kampfe ah llmj zu iiailigehen mußte. Seligmann war in der wcnö behagliche» Situation, eine innerlich so schlevlii fm* dierte Sache, wie sie der religiöse Liberalismus dar• stellt, begründen zu müssen mul er tat es so Hiilechi und so recht, wie es in der Natur der Sache liq■! also mehr schlecht wie recht. Aber auch die käinpfung des Zionismus war von Grund aus ver. fehlt und cs wäre im Interesse eines hohen |)js, liusdfttisinvcaus im höchsten Grade bedauerlich, wenn wir es immer mit so schlecht orientierten Widersachern zu tun hätten, wie an jenem Abend. Die t lanpirollc in den Argumenten des Herrn Doktor spielte n.imlich der olle ehrliche Nationaljude protestantischer Kon• fesdou, diese S p o 11 g e I) u r t eines Ii Iura len T 11 e o I o g e 11 g e 11 i r 11 e s. Es ist doch in der Tat ein bezeichnendes Merkmal einer gcrade/u astaim• liehen Schwäche unserer Gegner, wenn man sieht, ein wie jämmerlich kleines Mitlelelien ihnen dazu lierhalten muß, wem! sie den Zionismus bekämpfen wollen. Andere!seils ist es wiederum menschlich sehr gut zu verstehen, daß die GoUhiiaiui-Seligiiiann e tutti »piaiili, wenn iliucii große Mittel fehlen, zu den kleinen greifen. Jeder behilft sieh so gut, wie er halt kann. Und eliese Herren, die es sonst mit dem p e r s ö 111 i c 11 e 11 G o 11 e s g I a 11 b e 11 gar nicht so!!sonders stark halten, legen plötzlich... in aiili/ionistiselieu Versammlungen wolilgeuurkt dem persönlichen Gotte Aussprüche, in den Mund, die die aiiti/iuiiistisehc Auffassung tles WellciiscliöpLn dartun sollen. Es ist wahrlich schwer, keine Satire zu sehreiheu. Ueherl’atipt mit dem persönlichen Gotlcsglanhen. Als nämlich ein Zionist Herrn Dr. Selignianii fragte, oh sich der I laiiptidecngelialt des religiösen l.ihcra• lisnius nicht vielmehr mit der Umwertung des Gottes• begriffes befasse, als mit den stets in den Vordergrund geschobenen Forinalieii des Gottesdienstes, oh nielil vciliuehr von den liberalen Rabbinern an die Stelle iles biblisdte», persönlichen (iotteshegriffes ein um• sehreihender, unklarer Pantheismus gesetzt werde, da tat Herr Dr. Seligmamt das Klügste, was er angesichts dieser heiklen Frage tun konnte, ersehn icg sielt in eingehendster Weise aus und dann tat er noch etwas, was allerdings weder klug noch vornein» war: er gab dem Abend die persönliche Nute, indem er nämlich in seinem Schlußworte völlig un• motiviert die gehässigsten und persönlichsten Angriffe gegen unseren Nordatt richtete. Nun haben wir es gelernt, wie liberale Führer den Zionismus bekämpfen. Und dafür sind wir dem Herrn aus Frankfurt zu Dank verpflichtet. Ebenso dafür, daß sich infolge dieser unfreiwilligen zioni'ti• scheu Propaganda auch an diesem Abend die Mit• glieder/ahl unserer zionistischen Ortsgruppe abermals vermehrte. Elberfeld, im Mai PHI. Dr. G. RUNDSCHAU DER PRESSE /{(hi t'f/sb. Zfarf1n1f/sch(> Zvihn1!l Das Hauptorgaii tlcr •freisinnigen Vo'ks• Partei in Ostpreußen bringt unter der Ueherscluift: ״Russische Studenten auf Deutsch• I a 11 d s h o 11 cnSc 11111 e n" einen Artikel, der w iulcr einmal zeigt, wie groß für ״unentwegte" Freisinnig»: die ständige Gefahr ist, ״aus der Rolle /u f.T׳n": ״Wir denken über die Iniiiiatrikulation russ. ciuf Studenten an Deutschlands hohen Schulen an sich ungeheuer skeptisch. Wir hätten nicht einmal > .was dagegen, wenn sie rundweg und grundsätzlich ״m•;» verweigert wurde. Denn diese Elemente geh«:. 11 ja eigentlich nicht zu uns. Sie haben, da die rn^'i*i1!־e1» Gymnasien uml gar noch die Realschulen aucli nicht entfernt dem Kursus unserer Vollaiislalteii entsprießen, keineswegs die Vorbildung, die wir von un cren angehenden Museiisöhiieii verlangen. Weil sie uuii'f zu großen Teilen sieh aus durchaus anderen Seine»• teil rekrutieren, haben sie andere gesellschaftliche Gewöhnungen als wir und werden so vielfach von iinscreii deutschen Studenten mit Recht als eine höchst unerfreuliche Belästigung empfunden. Sie kommen vielfach auch gar nicht zu uns, tim zu lernen mm wie es sieh für sie in solcher Position ziemt, bescheiden auf/tiiicliiiicii (?), sondern um vom ersten Augenblick an zu kritisieren. Wer diese Leute überhaupt richtig kennen gelernt hat - mit ihrem unleidlichen Hoch• mut, der sie über die alten Formen unserer Gesittung nur mitleidsvoll die Lippen kräuseln laßt, mit ibfc'f Krittelsucht und unausstehlichen Besserwisserei wird sich schwer versucht fühlen, schützend über sie die Hände zu breiten. Wie gesagt, wenn man die russischen Studenten prinzipiell von unseren Hoch• schulen aiisschlösse, wäre kaum Ernsthaftes dagegen cin/uwenden." Man fragt sich verwundert, schreibt dazu das ,,Israelitische Wochenblatt", wie kommt ein frei• sinniges •Blatt zu solchen Gedankengängen, denen mau sonst doch nur in alldeutschen und antisemitischen 1

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