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Jüdische Rundschau · 1911-05-26 · Heft 21 (26.5.1911) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 237 neu? Wohnen sie den Sitzungen des Zentralkomitees in Paris bei? Mau versichert uns aus guter Quelle, ,lall sie seit Wuelien des Mutes besseren Teil, die Vorsicht wählen, und sich fern vom Schult halten. I s wäre wahrlich hohe Zeit, da» sie endlich auf• horten, die gekreuzten Hände auf dem Schilde der Alliance mit gekreuzten Armen zu verwechseln! Sie Meuten Schutz, für die Cjeset/estafeln! Immerhin kann man Levens Standpunkt, der ,inen allen Kollegen halten will, versieben, wenn auch nicht billigen! Aber da ist ein zweiter Streiter auf der Walstatt ,,schienen, dessen Verhalten den schärfsten Wider• .sprucli herausfordert. Kein anderer, als der treff-!׳״he Herr Bi gart, der Sekretär der Alliance. Nicht nur, da» er seine Pflicht zur Objektivität als Ue• a m t e r schmählich hintenansetzt, indem er sich in aufdringlicher Weise in den Kampf mischt, nein, er bedient sich auch solcher Mittel, da» die Konferenz•;;emeinschnft gezwungen war, sich bcsehwcrdcfülirend an Herrn Leven zu wenden. liucr der französischen Kandidaten der Kon• icrcnzgeineinschaft ist ein höherer Offizier der fran• /ösischeu Armee. Was tut Herr, Higart? Fr ver• sucht, ihn von der Liste zu hriiigen, indem er ihm belichtet, dem Vorgehen der I). C. G. liege ,1 e 111 s e h e r N n t i o n a I i s in 11 s z 11 ׳ ( i r 11 n d e. I ml diese grobe Unwahrheit hindert ihn nicht, wieder anderswohin zu erklären, die ganze Wahlbewegung gehe von Zionisten und Orthodoxen aus. Mail sieht, er ist auch ein Diplomat. Um uns mit I.cssing höflich atiszudriickeu, nennt mau das ״corrigcr la fortune". Ueberhaupt, was wird in diesem Wahlkampf von l'afis aus alles berichtet! So wird behauptet, die D. C. 0. habe die Juden des Orients rechtlos gemacht, indem sie den einzigen Vertreter der Alliance int Orient, Herrn Fernande/, von der liste gestrichen habe. Das letztere ist nun zwar wahr und sehr erfreulich, denn über Herrn Fernande/, und seine Wirksamkeit ist sich die Oeffentlichkcit laiiu't klar. Wahrscheinlich aber wird an seiner Stelle der hervorragendste Jude Konstantinopcls, der kaiser• liehe Senator Bcltor Effcmli auf der deutschen Liste stehen! Und nach Deutschland wird sogar berichtet, die D. C. (i. habe Franzosen auf die Liste gesetzt, die nicht der jüdischen Gemeinde augehören, um so für Deutsche den Anschein zu erwecken, die iirucu Pariser Kandidaten seien Dissidenten. Dabei wei» jedes Kind, da» in Frankreich seit der neuen Kiillusgesetzgebung mir noch freie (jcmciudcn existieren, und da» die Zugehörigkeit zu ihnen mit dem Bekenntnis zum Judeutiim nicht das geringste zu schaffen ha». Woher aber wollte man mm in Paris die Namen der vorgeschlagenen Kandidaten der I). C. O. lange che die Liste definitiv feststand? Nur ein Spion kann sie nach den Ufern der Seine übermittelt haben. Aber wieder einmal ein ungeschickter. Demi er übermittelte eine unter» i g e Liste und hat es nun auf dem Gewissen, da» die Pariser I lerren sich gegenüber vielen Leuten mit unrichtigen Hehaup• timgen blollstclltcn. Ueberhaupt haben die Herren in Paris Pech. Ihr ״ehrlicher Makler“ in Berlin war ein Herr l ischer aus Hannover. Fr ist einem kleinen Kreis als Zionistenfresser ungefährlicher Art bekannt und hat wohl als solcher das Vertrauen des Pariser Zentralkomitees erworben. Dieser Herr tritt in Berlin und her. Es sicht aus, als wollte sich sein Körper immer wieder von dem Buche losmachen, doch das Buch zieht ihn stets zurück. Still be• wegen sich die Lippen. Manchmal blicken die Angen zum Vater hinüber, doch der merkt es nicht, — An der Linken des Alten sitzt der Jüngste von den Dreien, wohl ein Enkel des Alten: Ein junger Mann mit glänzend schwarzem Haar und unndug-Backemlem Blick. Auch er bückt in ein Buch, doch das Buch ist kleiner; er hält cs ganz nahe zu den lebhaften Augen. Oft legte er es nieder, wirft einen Blick, der von Schreck und Scheu zugleich spricht, auf den Alten, schaut mit einem lcis-spöttischeu I iichcln zum Vater hinüber und beugt sich nach rückwärts um zu hören, was hinter dem Vorhang vorgeht. Und hinter dein Vorhang vernimmt man das Stöhnen eines kreißenden Weibes . . . Ich mache eine Bewegung, damit man mich bemerke. Doch in demselben Augenblicke wird ein Stück des Vorhangs zurückgcschlngen und zwei Frauen kommen hervor. Die eine ist alt, hat ein knochiges Gesicht und scharfblickende Augen, die andere ist jünger, aus ihrem weichen, dicken Gesicht schauen trübe Augen unsicher herum. Die beiden Frauen bleiben sieben, blicken zu den Männern hin und warten auf eine Frage. Der Acltestc bemerkt sie nicht, sein Geist weilt als PricilciiKVvrmittlcr auf und lanziert zu gleicher Zeit einen Artikel gegen die D. C. 0. in die Presse, dessen Färbung so verdächtig schimmert, da» man nach erfolgter Feststellung des Autors sich wohl htikhi wird, weiter mit Herrn Fischer zu verhandeln. Doch wir wollen unsere Leser nicht weiter mit Fm/clhcitcn ermüden, die wir nur angeführt haben, um zu zeigen, mit welchen Mitteln man in Paris den Wahlkampf führt. Erfolg wird trotz alledem der Pariser Liste hoffen(• lieh nicht Iteschiedcn sein. Sie bedeutet den Sieg des Unjüdischcn, Unaufrichtigen, des Streitens nach holder Assimilation und ungestörter Selbstherrlich• keil. Alter selbst wenn die Pariser Liste siegen sollte, würde das keine endgültige Niederlage des Kcformstrchciis bedeuten, Fs wäre mir des Dramas erster Teil beendet I Und Herr Reinacli wird sich der Worte Zolas aus der* ״Affaire“ erinnern: ׳ La verite est en ntarchc, el riet! ne l'arretera!“ ... Ben Aron. Wir werden noch um Aufnahme der nach• folgenden Erklärung gebeten: In verschiedenen jüdischen Zeitungen gelangte eine aus Berlin lierrültrende Korrespondenz zum Ab• druck, in der über den Wahlkampf zwischen dem Cwnite Central der Alliance in Paris und der Deutschen Kuufcrcii/gcniciiiscliaft einige Mitteilungen gemacht werden, die geeignet sind, die Leser über die wahre Saeldage irre/,11 führen und daher einer Berichtigung bedürfen. 1. Fs ist nicht richtig, da» die ganze Aktion gegen Paris nur unter Leitung der Herren Geheimrat Landau und Dr. Yalutda geführt wird. Eine ganze Heilte von Mitgliedern des hiesigen LokaUKomitces beteiligt sich ununterbrochen in gleicher aulopterungsvoller Weise an unseren Sitzungen und Beratungen über die schwebende Wnhlfrnge. 2, Fs ist nicht richtig, da» Herr Dr. Yaluida d.is Amt eines Geschäftsführers der l). C. Ci. überminimen hat. Wahr ist nur: da» unser bisheriger Cie• schaftsführer seine Demission aus dem Grunde ein• gereicht hat, weil ihn seine beruflichen Pflichten daran hindern, das ihm von uns anvertraute Amt mit der Energie zu verseilen, die die jetzige Zeit erfordert. Fs ist nicht wahr, da» wir in Paris Zionisten als unsere Kandidaten aufgestellt haben. Wie uns versichert wurde, gehört kein einziger unserer Kamli• daten der zionistischen Partei an. Fine grobe U11• Wahrheit ist es, wenn gesagt wird, unsere Pariser Kandidaten behaupten, wir hätten ihre Namen mill• braucht. Wir haben keinen einzigen von diesen Kan• didaten ohne vorher cingcliolte ausdrückliche Ein• willigmig aufgestellt. Wahr ist nur: dab einer unserer französischen Kandidaten, der eine hohe soziale Stet• luug cinniiiimt und von guter, treuer jüdischer Cie• siunung ist, aut Betreiben des Sekretärs der Alliance Herrn Bigart sich gedrängt fühlte, uns gegenüber seine Bedenken gegen seine Kandidatur atiszusprcchen, weil der Herr Sekretär dun unsere ganze Aktion al> eine deutsch-nationalistische bezeichnet habe. Die Behauptung, da» einige unserer Pariser Kandidaten nicht einmal der israelitischen Kultusgeincindc nnge• hören, ist mir dazu angetan, in Deutschland die Auflassung zu verbreiten, als seien die bclrelfcmlen Herren konfessionslos, was aber durchaus nicht der Fall ist, weil cs in Frankreich bekanntlich seit der Trennung von Kirche und Staat keine anerkannten Kultusgemcinden gibt, lind cs jedem Juden trcistclit, einer Kultusgemcüide anzngeliören oder nicht. Diese beim Geiste des Buches, das vor ihm liegt. Der Mittlere hat die Frauen bemerkt und denkt an ein Mittel, cs dem Vater mitzuteilen. Der Jüngste springt auf: ״Mutter! Großmutter! Wie steht es?“ ... Sein Vater erhebt sich unruhig, der Groll• vater schiebt das Buch ein wenig zurück und hebt das Auge zu den Frauen. ״Wie geht es ihr?“ — fragte der Jüngste weiter mit zitternder Stimme. ״Sie hat es glücklich überstanden“ — ant• woriet die ältere der beiden Frauen ruhig. ״Glück—lieh überstan—den! . . .“ stammelt der Junge. ״Und Du sagst gar nicht Masel-tow, Mutter?“ fragt der Mittlere. Der Alte denkt eine Weile nach und sagt dann: ״Was ist denn geschehen? Wenn es auch ein Mädchen ist . . .“ ״Nein!“ — erwidert die Alte ernst —״ ־ein Junge . . .“ ״Tot geboren?“ ״Nein, er lebt!“ sagte die Alte, doch keine Freude klingt Jn ihrer Stimme. ״Ein Krüppel? Eine Mißgeburt?“ ״Er hat Zeichen auf beiden Achseln . . ,“ ״Was für Zeichen?“ ״Flügel I“ oflciiliare Irreführung der öflciillicfieii Meinung in Deutsdilaiul kann nicht schart genug gerügt werden; mu so mehr,, als zwei unserer Kandidaten sogar konservativer Wichtung sind. Zur Charakterisierung der von Paris aus gegen lins betriebenen Agitation wollen wir lieivorlielieii, da» unsere Bewegung in Deutschland bald afs deutsch• nationalistische• bald als zionistische, und wenn es na»!, als orthodoxe Inngestelll wird. alles ledig* lieh zu dem Zweck, um diese Bewegung zu diskredi• tieren, die in Deutschland wie 1111 Auslände trIren• liclierweise immer weitere Kreise ergreift. I. Fs ist nieht wahr, da» wir die Vertretung der ottoiiianischen Jmleiiheit 1111 Comite Central in unserer Liste ausge>el1altet haben. Wahr ist viel• mehr, da» Wir au Stelle des von Paris aulgestelllcu I lernt Isaac Fernande/ «las Mitglied des Kaiserlich ()ttomaiiischcn Senats Beltor Lfteiuh Ascbkenazi in die Liste der Kandidaten mitgenommen haben. Diese von Paris aus in Deutschland verbreitete Behauptung geht darauf zurück, da» eine trübere, noch int Vor• bcrciluugsstadiiim befindliche Kandidatenliste durch Indiskretion nach Paris übermittelt wurde. Pie Herren in Paris haben es nieht einmal für nötig gelinlleit gns an/ufrageii, ob die ihnen zugegmigenc Liste be• reits als feststehend zu betrachten sei. 5. Wenn uns /um Vorwurl gemacht wird, daft wir zwei von Paris vorgeschlagene deutsche Kau• didaten in Süddcutsddaiid abgelelmt haben, so haben wir wiederholt erklärt, da» wir uns zu diesen! Schritt durchaus nicht aus persönlichen, sondern aus priu• zipicllen Gründen genötigt gesehen haben. Diese Berichtigung war unerläßlich um zu ver• hüten, da» die deutsche Judenlieil durch wahrlich»• widrige und böswillige Mitteilungen über den Gang des gegenwärtigen Wahlkmnples fernerhin getäuscht wird. Berlin, den 21. Mm 1911. Deutsche Koufercn/gemciuschafl der Alliance brachte Universelle. Der Vorsitzende M a x Fuchs, Justizrat und Notar. Liste der Kandidaten der D. C. G. für die Wahlen ins Zentralkomitee der Alliance Mitglieder in Paris: 1. Charles Bcrr, 2. Albert C a h c n, , J. Dr. R. Ui rsdiberg, I. I)r. Alexander Klein, Advokat, 5. Lueien La/, ard, h. Isai L e v a i I f a 111, 7. Narcissc L e v e n, 8. Israel L c v i, 9. Alfred Lev 1, 10. Camille L t o n, 11. J. M a c 11 i e I s, 12. Saul M e r z h a c 11, U. Fugen U i c 111 e n h e r g e r. I I. Maitre T c 11 e r 11 o I t, Advokat ä la cour d'appellatiou. Mitglieder außerhalb Paris: 1. Dr. II. E. Ass cli er, Amsterdam, 2. Bclior Eflcndi Ascbkenazi, Mitglied des Kaiserlich otlonianisdicn Senats, '}. Armand B c r 11 h e i in, Mülhausen 1. Eis., I. Prot'. Dr. Ilcrutanu Cohen, Geheimer Ue• gierungsrat, Marburg, b, Rabbiner I )r. 1' e i I c I! e 11 f e I d, Posen, b. Iiistizrat Max Puchs, Notar, Berlin, 7. flermanit Gumpertz, llaiuburg, S. Stadtrat Leopold G u 11 m a n n, Reuthen, 9. Ritter D. von G u t in n n 11, Wien, ״Flügel?“ ״Ja, Flügel; sie wachsen . . Der Alte bleibt sorgenvoll sitzen, tlcs Mittleren Gesicht ist verwundert, mir der Jüngste springt voll Freude auf: ״Gut, gut! Sie sollen• mir wachsen, wachsen zu grollen, starken, echten Flügeln! Gut!“ ״Woher die Freude?“ ■ fragt der Mittlere, ״Eine entsetzliche Mißgeburt!“ — seufzt der Alte. ״Warum?“ -־ fällt der Enkel ein. Streng erwidert der Alte: ״Flügel lieben in die Höhe. Mit Fitigeln kann man nicht auf der Erde bleiben." ״Ist auch gar nicht nötig!“ — ruft der Enkel trotzig — ״Wenigstens wälzt man sich nicht im Kot. Man lebt in den Höhen ... Ist der Himmel nicht schöner als die Erde?“ Der Großvater wird schreckensbleich und sein Solm nimmt das Wort: ״Närrisches Kind! Wovon kann man in den Höhen leben? Luft schnappen genügt noch nicht ... In der Höhe kann man keine Schenke pachten, kein Heu ver* kaufen, keine Felle kaufen . . . In der Höhe . . Per Alte unterbricht ihn: ״in der Höhe“ — seine Stimme klingt stahlhärt — ^gibt es keine Schul׳, kein Beth*Hamidrasch zum Lernen und Beten; in der Höhe gibt es keinen Pfad, den

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