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Jüdische Rundschau · 1911-05-26 · Heft 21 (26.5.1911) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 236 J U EDISCH E RUNDSCHAU Die (irütulc, die für nun•«• Jhilliuig in der Fi.igi• der K a 11 d i d a 111 r des Herr 11 R e i 11 a e 11 In׳• stimmend waren, sind Ihnen ans dein Iterielil über die letzte Tagung der I). C. (1. bekannt. Wir wurden es nicht für nötig erachten, noch einmal auf dies.• Frage zurück/ukoiiimcn, wenn nicht der in Ihrem erwähnten Schreiben initgcteilte Brief *unseres Herrn Präsidenten an ein Mitglied des C. C. älter Herrn Reinaeh von neuem hierzu Veranlassung gäbe. Wir bedauern außerordentlich, *1.111 wir den Stand• pimkt unseres verehrten Herrn Präsidenten hierin nicht teilen können. Dali Herr Reiiiaeh bereits seit 2(1 Jahren dem 0. C. als Mitglied .mgehört, ist für uns umsoweniger ein Grund zur Aufreehterhaltmig seiner Kandidatur, als seine 2(1j.ihrigc Zugehörigkeit zum C. C. nicht ein• mal vermocht hat, ihm eine richtige Vorstellung von den hohen Aufgaben, die unsere Religion und Sitten• lehre noch immer zur Aufklärung und Veredlung der Menschheit zu erfüllen hat, beizubringen. Sie veimochte auch nicht, iluu eine höhere Achtung vor dem grollten Teil unserer Glaubensgenossen ein/u• flotten, die für ihre Religion und für ihre Traditionen in heldenmütigem Kampfe gegen Unterdrückung und Veifolgung ihr Ciut und Blut optern. In unseren Augen bedeutet es eine Ve r• I c t z ti n g der Pflichten der Alliance, wenn einer ihrer Leiter durch völlig unbegründete Anklagen Millionen von Juden wegen ihrer religiösen Heber• Zeugung in den Augen der gesandelt nichtjiidischen Welt als rückständige Menschen hinstellt. Die Lei• te r und Vertreter der Alliance haben die Aufgabe: J u d e n z ti v e r t e i d i g e 11, nicht a 11 /. u k I a g e ״; h a b e ״ die Pflicht, Zwistigkeiten a u s z u g 1 e i c h e n , n i c 111 Zwietracht u 111 e r unseren Ci I a 11 b e 11 s g e miss e ״ zu s ä e 11. Es uitill zum Schaden der Allgemeinheit führen, wenn eine aggressive Stellung der Leiter zur Folge hat, dall jüdische Institutionen und Bewegungen mögen sie unsere volle Zu• Stimmung haben oder nicht - von der Alliance öffent• lieh und geheim bekämpft werden. Wir können zu einem Mann, der es offen als seine Pflicht bezeichnet, für eine Auffassung des Judentums zu kämpfen, die, wie unser Präsident bemerkt, weder von ihm noch vom C. C. geteilt wird, nicht das Vertrauen haben, dalf er das Werk der Alliance in religiösem (leiste leitet. Wir können uns nicht denken, dall Leiter und Lehrer unserer Schulen Vorschriften eines Mannes respektieren, die von ihm selbst als dem (leiste der Aufklärung wider• sprechend hingestellt werden. Wir müssen vielmehr befürchten, dall durch den Zwiespalt in der inneren Gesinnung und der Sehullätigkeu nur eine Hypo• krisie in unseren Schulen e'rzeugt wird, die für die moralische Erziehung der jüdischen Jugend im Orient von aullerordentlicher Gefahr sein muH. Wir wünschen auch nicht Lehrer und Leiter au unseren Schulen, die, wie Herr Reinaeh, verächtlich über die jüdische Religion und die jüdischen Einrichtungen denken und sprechen, ihre Schüler aber zu einer Denkweise und Hihrung zwingen, die sie von ihrem Standpunkt in ehrlichem Freimut aufs energischste bekämpfen müssen. Aber wir können uns auch keinen rechten Erfolg von der Intervention des Herrn Reinaeh für alle unsere (Ilauhensgenossen, namentlich nicht in östlichen Län• dem versprechen, da er gerade die Juden jener Gegenden wegen ihrer religiösen Ueberzeugung ihren eigenen Verfolger!1 gegenüber als ״rück• ständig" bezeichnet. Würden denn nicht unsere Feinde mit scheinbarem Recht seine eigenen Aeullerungcn als Waffe gegen ihn und gns benutzen? Schon wurden wir von russischer Seite — um einen aktuellen Fall zu erwähnen י ־ darauf aufmerksam gemacht, dall hei dem jetzt in Rullland drohenden Kampf um den Sabbat die Gegner sich auf die Autorität des echte Messias erstehen .ist das alles wahr? . . “ ״Es ist wahr!“ ״Wird man ihn auch erkennen?“ ״Jeder wird ihn erkennen, keiner wird irren oder zweifeln können. Er wird Messias sein in jedenv Zug seines Antlitzes, mit jedem Wort seines Mundes, in jedem Blick seines Auges. Er wird nicht reiten, kein Schwert wird seine Lenden timgürteu , . “ ״Wie wird er denn erscheinen?“ ״Flügel wird er haben ... ja, der Messias wird Flügel haben, und alles wird dann Flügel bekommen ... So wird cs geschehen: Einmal wird ein Kind geboren werden, das Flügel hat, dann ein zweites, ein drittes und dann immer mehr. Erst werden die Menschen erschrecken, dann aber werden sic sich daran gewöhnen . . . ain Ende wird ein Menschengeschlecht da sein, das Flügel hat, ein Menschengeschlecht, das nicht im Erdenkot wühlen wird nach schmutzigem Lehensgut , . .“ So sprach er noch lange, lange; ich verstand ihn nicht mehr. Doch den Klang seiner Worte, den wundersam weichen Klang sog ich in mein Herz . . . Und als er aufgehört hatte, war der Tag da. Die Tore waren offen, die Brücke legte *ich über den Fluß ... Herrn Rcinncli;11* I eitel tler AHi.mcc berufen würden, der früher, mul jefz.l neuerdings in seinem Propaganda• werk ,,Orpheus" die Beobachtung des Sabbats für eine Rückständigkeit erklärt. Für uns unterlieg! es keinem Zweifel, dall die Angriffe des I Icrru Reinaeh gegen das Judentum und seine Anklagen gegen die Juden unter Umständen sehr gefährliche Konseqiiein/en nach sich ziehen können. Und mtiUtc cs uns nicht schon unsere Würde verbieten, einen Mann an der Spitze unserer jüdischen Vereinigung zu sehen, dessen AeuUerun* gen Uber Juden und Judentum dieselben sind wie die unserer Feinde und der Renegaten, die gern eine wissenschaftliche Begründung für ihren Abfall Vorgehen I? Wir können also keineswegs eine so grolle Ver• atilworluug auf uns iicluneii und Herrn Reinaeh ein Mandat übertragen, das auch die ganze iiichljiiüisclie Welt als Vertrauensvotum der gesamten Judeiihcit für ihn ansehen muH, da die Mitglieder des Cciilrat• Coinitcs von den Juden in allen Erdteilen gewählt werden. Auch unser groller Cretnicux war ein aufgeklärter, liberaler Jude. Aber er fühlte sich voll und ganz, mit der gesamten Judeiiheit solidarisch ohne Rücksicht auf die religiöse Richtung des Einzelnen. Und mit welcher glühenden Begeisterung spricht er von dem ״antiken Volk", von dessen Lehren und Ueber/eugiingcn! Gerade wegen seines Liberalismus und seiner Toleranz in religiösen!־'ragen 11.1t er in der Erhaltung unseres Volks, in der Verteidigung unserer Lehren und Ueberzeugimgen seine vornehmste Pflicht gesehen. Sehr befremdend wirkt auf uns die Bemerkung unseres Herrn Präsidenten, dall Herr Reinaeh Mit• begriimler der I. (.*. A. ist. Wie lins bekannt ist, hat Baron Hirsch allein das ganze Kapital für die I. A. gestiftet, und hloli der Umstand, dall I lerr Reinaeh vielleicht in seiner Eigenschaft als Mit• glied des Aufsichtsrats die Stiftuiigsurkuiule mitunter• zeichnet hat, dürfte unserer Ansicht nach kein ge-!lügender Grund sein, I Icrru Reinaeh als Milbe* gründer der I. C. A. ,,inztiselien. Unsere bisherigen Darlegungen dürften Ihnen, sehr geehrte Herren, zeigen, wie begründet unsere Beanstandung des weiteren Verbleibens des Herrn Reinaeh im C. C. ist. Wir möchten aber Ihre Aufnierksanikeit noch auf einen anderen Gesichlsmiiikt lenken. Wir fragen uns: was bestimmt denn Herrn Rein a c 11, einen so regen Anteil an der Leitung einer Gesellschaft zu nehmen, die ihrem ganzen Charakter und inneren Wesen nach Ziele von ausgesprochen jüdisclnreligiösen Tendenzen im Auge hat, Ziele, gegen die Herr Reinaeh schon seit Jahren mit geradezu blindem Panalismus ankümpfl? Wie kann es Herr Reinaeh der jüdischen und auch 11 iclitjiulisch11-.׳ Oeffenlliehkeit gegenüber rechtfertigen, dall er an der Spitze einer Institution steht, deren Bestrebungen dahin gehen, unsere Glaubensgenossen 1111 Geiste des liidentums zu erziehen, trotzdem er wiederholt erklärt hat: liidenlum bedeute für ihn keine Religion, und *lall die jüdische Religion in dem Sinne, wie sie von dem grünten Teil unseres Stammes aufgefalft wird, in unserem aufgeklärten Zeitalter keine Existen/berechti• giuig mehr habe? Wir fragen uns *veiler, wie kann es Herr Reinaeh mit seinen eigenen Ucberzcugiuigcn vereinbaren, Schulen zu leiten, in denen ganze Gene• rationell in einem Geiste erzogen werden sollen, der den schärfsten Widerspruch seinerseits herausforderu mußte? Da wir mm I Icrru Reinaeh nicht in die Reihe jener Männer stellen, die eine ״doppelte Wahrheit" kennen mul nach zwei einander widersprechenden Uebcr/eiigtingcu handeln, so hleiht uns auf alle diese Fragen nur eine Antwort übrig: Herr Reinaeh ist ein erklärter Feind aller überlieferten Religionen und he• trachtet es als seine Aufgabe, die nach seiner Ansicht Seit jener Nacht wurde mir das Lehen in der Festung noch unerträglicher als früher. Die alten Mauern, die ächzende Brücke, die knarrenden Tore, die Wachen und Patrouillen, das zornig-hciscrc ״Wer dal“, das unterwürfigfalsche ״Stadtbewohner!“, die furchtsamen Ge• siebter, der Markt mit den zitternd-faiilen Schatten —, das alles lag auf meiner Seele wie ein Stein, ich meinte, ich könnte nicht mehr frei atmen. Schreckliche Sehnsucht rill mir am Herzen, Ich beschloß, dem Messias entgegen• zufahren . . . * . * Hinauf auf den ersten besten Wagen! Der Fuhrmann dreht sich zu mir und fragt: ״Wohin?“ ״Wohin Du willst, nur weit, weit fort von liier!** — antworte ich, ״Wiclange?“ ״Solange das Pferd aushält“ Der Fuhrmann zieht die Zügel an und wir fahren. Immer weiter, weiter geht es. Felder und Wälder, Dörfer und Städte wechseln vor meinem Blick. Doch immer dasselbe. Wo mein Auge schärfer hinblickt, — auf alles drückt die* selbe Trauer, jeder Menschenblick ist furchtsam• falsch, jeder Ton gebrochen, auf allem liegt ein düsterer Nebel, der jeden Glanz verlöscht und ________ __ Nr. 2t «!״* h zmmkgcblu 11cm• f.m.ilisilic Wth nut/tikl.m.״ tmtl eines Besseren zu belehren. Von ilicsem | jf r (liirehtlningeii, wurde Herr Kemach gewilS *Ihiim! ,״,! *lein Kampf gegen andere idniliefeite Religionen;,ul nehmen, wurde man es ... ermöglichen, senu״ ״Aufklariingskainpf" von einer prominenten Stelle ״״ zu fuhren. Glauben Sie, *ehr geehrte Herren, ,b,R etwa Katholiken, Mohammedaner mul seihst |ri1. denkende Protestanten .*111*11 nur einen Aiigitibluk einen Mann mit solchen missionarischen, ihren lieber. Zeugungen ziiwiderlaiifenden lemleii/eii .111 der S״/!!״ ihrer Sihulvercine dulden wurden? Sollen wir mm einen! solchen Mann au der Spit/e unserer Gesellsch.dl die Hill Schulen mit ID Df Hl Schülern zu leiten Im’ d i e p r ״ m 111 c 111 c s t c S I c 111111 g einraunien, vim der aus er am wirksamsten seine Mission aiiMiben kann? Wollen Sie, geehrte Herren, die Vera״!. *v ortung dafür uhcriicluncii? Hall man uns ja nicht vorwerfe, wir hätUn ״ns in unserer Stellungnahme gegen Herrn Reinaeh von sogenannten orthodoxen Motiven leiten lassen! E$ gehört eine vollkommene Verkennung oder eine ab• sichtliche Mißdeutung der Sachlage dazu, um unserem Vorgehen gar klerikale Tcmlcn/cn zu unterschieben Unter den Mitgliedern der D. (;. (i. sowie unter!hj überaus grollen Zahl von (ilauhensgenossen, die mit uns in dieser Frage einig sind, gibt es Vertreter und Verfechter des ä 11 Bersten Liberalismus ün Judentum, und wir müssen es als Tatsache erw ihnen <1 a B die erste A n r e g 11 n g / 11 r Abi e I! ״ u n J des Herrn Reinaeh von liberaler Seite a u s g e g a 11 g e n ist. Denn wenn auch die l.ibo• rnlen nicht in jeder Hinsicht mit den Vertretern strengster Observanz im Judentum einverstanden sein können, darin sind aber Liberale wie Konseivatnr unbedingt einer Meinung, dall nämlich da! J11 d e 11111111 in seinen < i r 11 n d n r i 11 z i p i t n erhalten bleiben muH, und dall da* 111 d e 111 u in in religiöser 1111 d e 1111 s e 11 c r Hinsicht noch K r a 11 und Lehen h esi t ,11 um die Menschheit zu jenem religiösen und mH* liehen Ideal zu erziehen, für das wir Juden schon seit vielen jalirlumderteii k.impteii und hinten. Und wenn wir alle, Liberale wie Konservative, in unserem jetzigen Kampfe uns die I Linde reichen, su geschieht es eben deshalb, *veil *vir den unersciiiitterlielien Wunsch haben, dall unsere Alliance fur die Stärkung, Vertiefung und Verbreitung der grollen religiösen und sittlichen Ideale wirke, die *m von unseren Vorfahren als heiligstes Vermächtnis er• halten haben. Wir bedauern aufrichtig, dall Sie, sehr geehrte Herren, uns durch Ihre Haltung gezwungen haben, uns in einen so scharfen Gegensatz zu Ihnen /u stellen. Aber wir hallen es für unsere Pflicht, den Versuch zu machen, durch unsere Darlegungen da» (!entraLComile zu überzeugen, dall es seine bisherige Stellungnahme aufgiht. W 1 r s i n d entschlossen, unseren Standpunkt a 111 s äu Herste /u v c r t e i d i g e n in der lesten l kberzetigting, dall wir schon jetzt einen (׳rollen Teil unserer Glaubens• genossen auf unserer Seite haben und dall sieh bald die ganze jüdische Oeffentliehkeit uns aii'Chliclhii wird. Mit ausgezeichneter Hochachtung Das Präsidium der Deutschen Confereiu-Gemeinscliaft. Max Fuchs, Professor Dr. L. Landau, Justi/rat lind Notar. Geheimer Medi/in 1lr.it. Diesem Schreiben, das auf die willkürliche ll.nd• habuug der Wahl seitens des Zentralkomitee* ein neues Schlaglicht wirft, ist eigentlich nichts 11:11/11• zufügen. Wir möchten uns nur noch eine I 1gc gestatten. Was sagen eigentlich die fr. 111/0• sischen Rabbiner zu diesen Auseinamlerset.'iin• jede Freude verdunkelt. Alles zerdrückt um! erstickt . . . ״Weiter, *veiler!“ schrei ich . . . Doch iclt bin in Fuhrmanns Hand, der Fuhr• mann in seines Pferdes Gewalt — und das!’!erd wurde hungrig! und wir mußten halten. Ich trete in eine Schenke; eine große SiuIk־, in der Mitte durch einen alten Vorhang geteilt. Vor dem Vorhang sitzen drei Männer an ».:!.m großen Tisch, Sie bemerket* mich mehl, uw. ich habe Zeit, sie zu betrachten. Es sind drei ( ue• rationell. Der älteste ist urgrau; doch ei ui gerade und sein Auge blickt scharf, ohne bi-He, in ein großes Buch, das vor ihm auf dem Ti •die liegt. Das alte Gesicht ist ernst, die alten Augen blicken fest; und der alte Manu und das .1110 Buch sind eins, in eins verwoben durch den weißen Bart, der sich vom Kinn au die Blatter des Buches rankt. — Zur Rechten des Allen sitzt ein Mann, jünger als der erste, *voltl sein Sohn: Das Gesicht hat die Züge des Alten, nur etwas jünger, lebhafter, nervöser, manch• mal auch müde, verschwommen. Auch er schaut in ein Buch, doch durch eine Brille. Das Buch ist kleiner als das des Vaters, er hält es Italic vor die Augen und stützt sich mit einer Hand an den Rand des Tisches. Bart und Haar sind halb ergraut; er ist ein Mann in der Mitte dos Lebens. Er bewegt den Körper pendelnd hin

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