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Jüdische Rundschau · 1911-05-26 · Heft 21 (26.5.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 JUED ISCHE RUNDSCHAU Seite 235 <10111'Zionismus gar nicht trifft und nicht treffen k.'iim, da dieser bekanntlich Aiisiedlungen ״in i t eigenen politischen Ziele n" nirgendwo erstrebt. Was der Minister gegen das Schreckgespenst von ״Zionismus" sagt, d*s seine und des Zionismus Gegner ihm vorgehalteu haben, ist so selbstverständlich, daß es überhaupt kaum gesagt zu werden brauchte. Herr Rcinach und seine Beschützer Die Alliancewahlen haben allmählich eine tief• gehende Erregung in der gesamten jüdisch-denkenden Welt hervorgerufen. Die jüdische Presse nimmt fast ausnahmslos die Partei der deutschen Konfcrcn/gc• imiiiscliaft, und Herr Rcinach hat sich böse Worte sagen lassen müssen.. Sehr lebhaft befremdet ist man von dem zähen Festhalten des Verfassers des ״Or• plieus" an seinem Posten, und einzelne Blätter geben diesem wohl ziemlich allgemeinen Gefühl sehr deut• liehen Ausdruck! Auch uns ist ein solches Verhalten völlig rätselhaft. Wir verstehen wohl, daß ein Mann in langjährigem Ehrenamt sich nicht vor der Opposition irgendeiner poUtischen Richtung oder Clique beugt, sondern auf• rechten Hauptes seine Prinzipien mit seiner Stellung verteidigt. Daß aber ein Mann, der doch bisher, abgesehen von der großen Blamage mit der Tiara des Saitapherncs, immerhin als ein Gelehrter von Ruf uml als ein Mann von bürgerlichem Ansehen bc• trachtet werden muß, sich an eine politische Position trotz. Gegnerschaft aus liberalem und orthodoxem, zionistischem wie assimilatorischem Lager derart zäh aiiklammert, ist neu. Er kann ja unmöglich veriinilcn, daß er der berufene Schützer von Prinzipien im Leben einer Organisation ist, d i e in i t seinen eig e 11 e!1 U eherze 11 g u 11 g e 11 i n schroffstem Gegensatz st e 11 e 11. Verlegen fragt man sich, was Herrn Reinaclt eigentlich zu solchem Verhalten bestimmt! Oder will er seinen schönen Wnhlspruch ״Ecrasons!,infame" nicht nur auf das gläubige Judentum, sondern auch aut die Alliance beziehen? Er muß sieh doch seihst sagen, daß im Falle eines Sieges der Opposition seine .Stellung eine klägliche wird. Und daß, wenn er seinerseits gewählt wird, die Alliance Erschütterungen erleidet, von denen sic sieh vielleicht in Jahren nicht erholen kann! Aber es gibt eben Leute, bei denen das Verantwortliclikcitsgefühl die merkwürdigsten Formen;!״nimmt t Herr Rcinach hat denn auch die Notwendigkeit empfunden, sich der jüdischen Oeffentliclikeit gegen• über zu rechtfertigen,! Er tut dies in der folgenden, geradezu klassischen Erklärung: ״Ich habe gesagt, daß ich die Spcisegeset/c als Ueberbleibscl der Vergangenheit betrachte, und daß ich die Emanzipation des Judentums fordere. Ich sagte dies mit vielen Einzelheiten in meinem Werke: ״Cultes, Mythes et Religions." Aber indem ich dieser Ansicht Ausdruck gal), habe ich sic niemals jemand aufdrängen wollen, und es ist Böswillig• keit zu behaupten, daß ich die Jugend der Alliance• schulen vom Judentum oder seihst der Ausübung seiner rituellen Vorschriften abzichcn wollte." Diese Aufklärung hat uns geradezu erschüttert. Sie hat uns mit einem Male klar gemacht, daß der ihren Glanz, die Lider senken sich’, das Herz stockt einen Augenblick, selbst der Atem wird uithürbar . . . Dann beginnt der Rtmdgang der Patrouille: die Schlcppsiibcl schlagen klirrend an die hohen Stiefel, die Bajonette leuchten drohend und hallend tönen Stimmen: ״Wer da?" Darauf muß es widertönen: ״Stadtbewohner!", sonst ginge es nicht gut ab. Und nur wenige wagen cs, aus ihren Mauern hervomtkriechen .... Ich badete vorder Stadt. Ich verschautc mich in den Himmel, versann mich in lange Gedanken und vergaß die nahe Nacht. Plötzlich sah ich die Brücke emporgehen, und die Tore fielen zu; die Töne schlugen grausam an mein Ohr, grauen- Haft an mein Herz. ״Vorbei! Nun muß ich die Nacht vor der Stadt verbringen! . . ." Und cs war sonderbar: Wenn icli daheim in meinem warmen Bette lag, träumte ich Nacht für Nacht von der weiten, freien Welt außerhalb der Festung; und als sich nun mein Traum erfüllte, ergriff mich der Schreck. Kopf und Herz lagen mir im Streite. Der Kopf rief: ״Sei ruhig! Ge• nieße die reine, freie Luft, den weiten Sternenhimmcl," Das Herz aber sprach anders, undeutlich, mit Zucken und Zittern. Und ein nebcl- Hafter Dunst stieg vom Herzen in den Kopf Vizepräsident der Alliance nicht nur ein guter Jude, sondern auch ein vorzüglicher Diplomat aus der Schule Talleyraiuls ist. Er besitzt wie dieser sein Meister die Sprache, 11111 die O e d n 11 ken zu ver b e rgen. Er will die innere Emanzipation des Judenluins, also doch der Juden, Nur nicht, derjenigen, die sich in den von ihm geleiteten Schulen befinden. Die will er dem gläubigen Judentum, dein ״mythologischen‘! erhalten. Und das hat er uns bisher verschwiegen! Aus Diplomatie. Denn wenn man das beim Lesen seiner Schriften geahnt hätte, so wäre niemand auf den Gedanken gekommen, Herrn Rcinach zu befehden. Und die Alliancelelirer wären vielleicht nicht in die traurige Lage des Herrn Ehrlich ip Beyroutli gekommen, der aus Gewissensnot sich an den Cltacham Baschi gewendet und ihn angefragt hat, was er mm cigcntlieh seine Kinder lehren solle? Das überlieferte Judentum oder die Ideen des Herrn Rcinach. Wofür man Herrn Ehrlich s o f 0 rt entlassen und auf die Straße geworfen hat. Denn ein disziplinierter Lehrer hat nichts zu fragen. Er hat zu lehren, und zwar das, -was man in Paris denkt, nicht was man sagt. Das lehrt uns Herr Rcinach. Aber Scherz, bei Seite! Herr Rcinach schätzt die ״rückständigen" Juden doch viel niedriger ein, als sie es verdienen, wenn er sich von solchen Erklärungen Erfolg verspricht! Einstweilen gilt, was er ohne irgendwelche Vorbehalte geschrieben hat, jetzt aber wohlweislich verschweigt. Wohlweislich verhehlt er nämlich, daß er die Juden nicht nur für rückständig hält, weil sie die Speisegesetze beob• achten, sondern auch, weil sie den Sabbat heiligen uml an den Wert der Bibel glauben, So lieißt's im Orpheus Seite 'J03: ״Noch heute bleibt der größte Teil der 11 Mil- Honen Juden in dieser Hinsicht weit gegenüber den C11 r i s t e n zur ü c k, d a sie 111 i t großer S t r e 11 g c d e 11 S a b b a t und die ab• surden Speisegesetze beobachten," Aber seine I Icrabwürdigimg des Judentums gegen• über dem Christentum treibt noch herrlichere Blüten. Auf S. 1()'J derselben Schrift heißt es: ״Wenn das Studium der Geschichte, besonders seit dem Triumph des Christentums uns leider nur allzuviel Unglück und Verheerung als durch religiöse Unduldsamkeit in die Welt g e k o m in e 11 zeigt, als Folge jenes Fanatismus, den Griechen mul Römer nicht kannten, und den d a s C 11 r i s t e n t u 111 von der jüdische 11 Bibel erbte (!1), so muß man andererseits das Gefüllt der Menschenwürde, der Nächstenliebe, der Gleichheit der Menschen vor Gott auf das Haben• konto setzen." (״Bedankt soll er sein," würde ein ״rückständiger Jude" sagen, daß Herr Rcinach der jüdischen Bibel wenigstens einige Verdienste zugestellt I) Wenn man das liest und die Zitate mit der Er• klärung Reinaelis vergleicht, die gerade die ihn be• lasteiulsten Aeußerimgeii ausscheidet, so wird man Herrn Reinaelis ״Vielseitigkeit" bewundern müssen, tir kann offenbar so und so und anders, ganz wie es gerade notwendig erscheint. Da aber die Lehrer der Alliaiicexehuteu seinen Schriften den Eingang nicht wehren können, so sind •IU 000 Kinder in Gefahr, dem Geist dieser Schriften - nicht der Erklärung — zu verfallen, und dieser Gefahr wollen wir sic doch lieber entziehen. empor und hüllte seine Frcihcitgedanken mehr und mehr ein; sie wurden dunkler und undeut* lieber, und bald vernahm ich sie nicht mehr. Es klang mir in den Ohren, es flimmerte vor den Augen. Jeder schmale Schatten eines Zweiges, jedes Säuseln eines Blättchens trieb mir Schreck und Schauder durch Auge und Ohr ins Herz. Es warf mich zur Erde, und ich barg meinen Kopf im Sande. Ob ich schlief oder nicht, wielange ich dalag, weiß ich nicht. Plötzlich vernahm ich neben mir ruhiges Atmen. Ich' sprang auf. Zwei wohlbekannte tiefsclnvarze Augen ‘blickten voll und herzensgut auf mich. Es war der Verrückte . . . ״Was tust denn Du hier?" fragte ich; meine Stimme klang unfrei. ״Ich schlafe nie in der Stadt ..." — ent* gegnete er, und sein Blick war weich, seine Stimme so brudergut, daß aller Schreck von mir wich. Einstens hielt man, ging rnir’s durch den Sinn, Verrückte für Gottgesandte, für Propheten. Und ich fragte mich: Ist nicht auch er einer von jenen? Verjagt und verfolgt man ihn nicht wie einen Propheten? Wirft man nicht Steine nach ihm? Und seine Augen — leuchten sie nicht wie Sterne? Seine Stimme klingt wie zarter Harfensang. Und liegt nicht auf ihm der Schmerz Nun hat;»brr Kcinarh;mell Beschützer gc• fmuleii, und zwar solche sehr verschiedener Qualität. Mit ihnen wollen wir uns ein wenig beschäftigen. Da ist zunächst der greise Herr Leven. Er tritt für Rcinach in einem Schreiben ein, in dem er ausfiilirt, daß Rcinach seit 2(» Jahren dem Zentral* koniitee der A. I. U. angehöre, einer der Gründer der J. C. A. sei, von großer Intelligenz, und daß er seine persönlichen Ansichten nicht auf das Schulwerk der Alliance übertrage. Die Deutsche Konfereii/genieinschafi antwortete darauf folgendermaßen; Berlin, 15. Mai 1911. An das Coinitö-Ccntral der Alliance Israölltc Universelle in I* a r i s. Seiir geehrte Herren! In Beantwortung Ihres geschätzten Schreibens vom *L Mai d, J. müssen wir Ihnen leider unser Bedauern darüber ausdrücken, daß die Sil/ung des C. C. vom L d. M. nicht <laz.11 beigelragcn hat, die Wahlfrage in einem friedlichen, für die Interessen unserer Alliance förderlichen Sinne zu lösen. Wir stellen fest, daß das Coinitc-Ceiitral den gerechten Forderungen der D. C. G, in keinem Punkt irgendwie Rechnung getragen hat.'Aber damit nicht genug, hat das C. C. durch die Streichung 1ו0ץ drei deutschen Kandidaten aus der ursprünglich auf 3ü festgesetzten Liste uns von neuem den Beweis dafür geliefert, daß unsere Klagen über das Vorgehen der Ccntrallcituiig nur zu sehr berechtigt sind. Wir müssen energisch dagegen protestieren, daß die Centralleitiing ohne Bedenken die Rechte der 13 000 deutschen Mitglieder beeinträchtigt und die Zahl der deutschen ,Vertreter im C. C. um drei Stimmen gekürzt hat, bloß aus dem Grunde, weil die kurze Zeit bis zum Wahlterniin eine Verständigung über drei neue Kandidaten nicht mehr gestatte. Nicht die I). C, ü., sondern das Coitiite-Central hat den Wahlterniin auf den •E Juni festgesetzt und hielt trotz unseres nachträglichen Einspruchs an ihm fest. Wir erachten es datier für unbillig, daß nun gerade dieser Grund gegen uns angeführt wird. Wir wollen jedoch nicht noch einmal tun Aufschub des Waldternuus er• suchen, da wir nach iniscrn bisherigen Erfahrungen auf keinen Erfolg rechnen konnten. Durch den Umstand, daß Sie, geehrte Herren, es ahgelehnt haben, uuserm Wunsche entsprechend, für Herrn Reinaeh einen anderen in Paris domizilierenden Herrn vorzusclilageu, und noch dazu drei deutsche Kandidaten gestrichen haben, sehen wir uns genötigt, die von uns bis jetzt beobachtete 'Zurückhaltung in bezug aut die Nominierung von Pariser Kandidaten auf/ugehen. Wir werden daher auch andere in Paris wohnhafte Kandidaten Vorschlägen, von denen wir nnnehmen, daß sie im Sinne der Prinzipien und Ziele der Alliance bestrebt sein werden, die Interessen des Judentums und unserer Glaubensgenossen zu wall• ren und zu fördern. Was 1U111 die beiden von Paris vorgeseldagcuen deutschen Kandidaten behilft, so wiederholen wir noch einmal, daß wir ihre Nominierung nicht aus persönlichen, sondern nur aus prinzipielle!1 Grün• den abgelehnt haben. Wir ׳geben der Erwartung Ausdruck, daß beide Herren unscru Standpunkt billigen und unserer Kandidatenliste /uslimmeii werden. Zum Beschluß der D. Ci. bezüglich der Wahl- Prüfung möchten wir bemerken, daß es uns nicht auf eine Vertretung heim Skriitimum in Paris an• kommt. Was wir wünschen Ist, bei der Prüfung der aus allen Weltteilen in Paris cininufenden Waiilzettel durch einige unserer Mitglieder vertreten zu sein. Wir halten die Erfüllung dieses Wunsches umsomehr für geboten, als gerade dieses Mal durch die Versendung von zwei verschiedenen Kandidatenlisten gewisse Komplikationen eintreten könnten. für alle, das Leid der ganzen Gemeine? Er muß wohl Zukunft wissen? . . . Ich wollte die Zukunft erfahren, und ich fragte ihn aus; er antwortete mir, still, zärtlich' mit seiner süßen Stimme, daß ich meinte, es sei Traum, der süße, oft geträumte Traum von der Sommernacht vor der Festung ... ״Glaubsl Du an Messias’ Zeit?" — fragte ich. ״Gewiß!" — erwiderte er still und fest — ״Der Messias muß kommen!" ״Er muß kommen?" ״Er muß kommen! Alles wartet seiner, Himmel und Erde wartet. Wäre es nicht so, keiner hätte Lust zu leben, auch nur die Hand zu regen . . . Und daß man lebt und zeigt, daß man leben w i 11, ist ein sicheres Zeichen, daß alles fühlt, •der Messias kommt, er muß kommen, er ist »schon auf dem Wege ..." ״Ist cs wahr," — frage ich weiter — ״werden wirklich vorher furchtbare Kriege gegen falsche Mossiase wüten? Wie wilde Tiere werden die Menschen gegeneinander kämpfen; Ströme von Blut werden von Ost nach West, von Nord nach Süd fließen; alle Tiere in Feld und Wald werden Mcnsclienblut trinken; auf allen Wegen und Stegen wird es strömen; und mitten in der Zeit des Blutbades wird erst der wahre, der

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