Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 234 JUE0ISCHE RUNDSCHAU Nt. 21 Angriffswaffc. Es ist nötig, hier Klarheit zu schaffen. Das Land gehört den Juden ebensogut wjc den Türken und den Griechen. Rouhi Hey hat von der Bibel gesprochen, als ob er die Juden von heute verantwortlich machen wolle für das, was dort geschrieben steht. Wenn Rouhi will, braucht er bloß die Bibel zu verbrennen. (Proteste.) Mein Kollege ist ja gläubig, und er vergißt, daII der Koran die Bibel für heilig erklärt. Ich appelliere au die Auf. richtigkcit Rouhis, wenn ich ihn hier frage, ob er audi nur im geringsten an die Möglichkeit eines jiidi• selten Staates glaub(. E 8 i s t g e f ä 11 r I i c h , s 01 c 11 e Diskussionen, die dem L a n d e viel Schaden verursachen können, an?.«• schneiden. Man b c n u t z t d c n Zionismus, um die R cg i e r u n g a n z u g r e i f e n. Diese muH deshalb energisch gegen die Initiatoren dieses Planes Front machen. Rouhi Uey hat von einem Judenstaat esprochen, als ob er schon existierte. Die Feinde er Osmanen sind auch unsere Feinde. Ich schlage daher vor, eine Kommission zu bilden, die damit beauftragt wird, die zionistische Frage zu studieren, und die Wahrheit zu ermitteln, um den Machenschaften unserer Feinde ein Ende zu bereiten. Ich bin nicht für und nicht gegen den Zionismus. Sie werden wenige so hingebungsvolle Patrioten finden, wie es die Juden sind. ’ Die Türkei ist das einzige Land, wo sie ruhig leben können. Die Juden sind rührig und gebildet, und Sie werden k e i 11 e besseren Freunde finden, als es die Juden sind. Vardkcs Effcndi (Erzerum): Uns fehlte etwas, und Sie haben es gesenaften. Es ist der Zionismus. Man verfolgt die Juden in Rullland. Qibt cs in Ruilland ein Palästina? In Deutschland, in Oester• reich und in Rumänien inaclu man ihnen Schwierig, keilen. Ist das in Palästina der Fall? Sic schneiden eine Frage an, die bei uns nicht existiert hat. Die unwissende Masse versteht von den Dingen nichts. Mail hat gegen die Armenier Massacres veranstaltet, heute wollen sic in der Bevölkerung Massacres gegen die Juden veranstalten. Ich weilt, was die Armenier gelitten haben, und ich spreche aus Ertahrung im Namen des Osmancntunis. Es ist nötig, d a II d i c Regierung d i c A u g cn a u t h ä 11 und darüber wacht, d a II man keine neu c F r n g e schafft. Ich bitte den Präsidenten, die Debatte zu schließen und nicht noch einmal das Wort über den Zionismus zu erteilen. Ich schließe mich Ucm Antrag Mazliahs aut Einsetzung einer Studicnkuiu• mission au, und bis zur Berichterstattung über den Zionismus muH dann eine jede Diskussion unterbleiben. Die luden sind solidarisch untereinander, sei cs, daß sie Osmanen oder Fremde, liier oder in der Fremde sind. SchUkri (Damaskus) verteilt Marken, die Photograpliicn von Herzl und Nordau enthalten. Er sagt, daß Dr. Philippsohn (?) an der Spitze der zionistischen Bewegung steht, daß cs in Palästina zahlreiche Klubs gibt, mit ihrer Leitung in Sammarin. Die Juden, sagt er, machen ihre Prozesse unter sich ab und wenden sich nicht an die Behörde, cs sei denn, daß cs sich um ein gemeines Verbrechen handelt. Sie haben einen Nationalmarsch und tragen während der Festtage ein blaues Banner mit dem ,Worte ״Zion1‘, Der Postdienst wird in geradezu mustergültiger Weise durchgeführt, so daß ich ihre Funktionäre au allen Orten wünschen möchte. Ich habe diese Tatsachen zur Kenntnis der Minister des Inneren und des Aeußercn gebracht, aber meine Mitteilung ist in den Papierkorb gewandert. Die Juden bemühen sich auch, ein großes Gelände zu kauten, welches den Weg nach Hcdschas beherrscht, und wo sich eine alte Festung befindet. Talat Bcy (Exminister des Inneren): Nach dem Gesetz dürfen rrcindc überall Land erwerben, mit Ausnahme von Hcdschas, j. L. Perez: Messias’ Zeit (Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz) Alle jüdischen Städte und Städtchen Galiziens haben ihren Verrückten; auch in dem Ort, wo ich meine Kindheit verbrachte, fehlte er nicht. Natürlich hatte unser Verrückter, wie alle seine ״Standesgenossen“, vor niemand Angst, weder vor den Gcmeindchäuptcrn, noch vor dem Rabbi und seinem Gericht, nicht einmal vor dem Totengräber — und der ist doch der stille Schrecken selbst der Reichsten und Mächtigsten. Dagegen zitterte das ganze Städtchen, die Gemeindegewaitigen und alle ״Instrumente der Heiligkeit“, selbst der Totengräber vor unserem Verrückten, und Tür und Tor schloß sich vor ihm. Der arme Verrückte hatte keinem je ein böses Wort gesagt, keinen auch nur mit dem kleinen Finger berührt; und doch schrie ihm alles nach, wo er sich zeigte, man schlug ihn Der wohlbekannte jüdische Dichter I. L. Perez feierte dieser Tage das Fest seines 60. Oeburtstagcs. Aus diesem Anlässe gingen dem Jubilar zahlreiche Glückwunschtelegramme und Adressen seitens versebiedener literarischer Gesellschaften und sonstiger jüdischer Körperschaften, sowie seitens vieler hervorragender Männer des öffentlichen jüdischen Lebens In Rußland zu, Schllkri (fortfahrend): Die Zionisten haben die Absicht, sich in Mesopotamien und Syrien niederziil.issen, um einen mächtigen Staat zu gründen, (de- )achter.) Wenn sie ilas Land in Händen naben, werden die Juden das Volk unterdrücken. Ihre Banken leihen Geld mul hcmüchligcn sich dann der Imiuohilien der Schuldner. Im Jahre 1825 schlug der Katasterminister dein Minister des Inneren ein Gesetzesproiekt vor, welches der jüdischen Kolonisation in Paläslina ein Ziel setzen sollte. Man braucht diesem Gesetz mir zuzustimmen, um der Frage ein Ende z.u bereiten. Hierauf wollte ieii die Aufmerksamkeit der Regierung und der Kammer lenken. Hafiz Ibrahim (Ipck): Füntzehnmnf werden liier schon dieselben Dinge wiederholt. Es ist wirklich lächerlich, Sie mit solchen ganz oflenbaren Hirngespinsten zu befassen. Wir naben eine Million Soldaten, und wir zahlen 18 Millionen türkische IMumt für unsere Armee. Sofien w i r vor 100 000 Juden Angst haben, die mit ihren Familien nach Palästina gekommen sind? Man mtili darüber lachen. Die- Juden sind intelligent und rührig, sie sind das aut der ganzen Welt. In England sind die Rothschilds Juden, in Saloniki ist der Handel in den Händen der Juden. Soll man sich darüber wundern? So lange wir faul bleiben, wird es so sein. Die Fremden setzen sich fest, sie bemächtigen sich des Handels und verdienen Geld. Laßt uns auch Männer sein und nicht darüber greinen, was die Freimten bei uns verdienen. Sich mit Chimären zu belassen, heißt unsere wertvolle Zeit vergeuden. Ich schlage deshalb vor, die vorbereitende Debatte z.u schließen und zur Diskussion der Kapitel des Budgets des Inneren überzügelten. (Zustimmung.) י * * In der M i 11 w o c 11 •S i t z u n g hatte der Zio-, nisnuis von neuem den Vorzug, im Parlament Gegenstand der Debatte zu sein. Diesmal machte sich der bulgarische Deputierte Via ho ft Eficnd» zum Interpreten. In einer gut durchdachten Rede über Emigration uml Immigration bedauerte Viahoft, dal) hunilerUaiiseude Ottomanen jährlich ihr Vaterland verlassen, ohne daß die Regierung versuche, diesem Exodus, der für das Land einen Verlust bedeute, einen Dainiii zu setzen. Andererseits tue die Regierung nichts, um die Immigranten zu fördern, fm Gegenteil, wenn Juden kommen, um sich in uiisereiii Lande anzusicdcln, ohne irgend etwas von der Regierung zu verlangen, bereiten wir ihnen Schwierigkeiten. Vlahoff Effcndi fuhr dam! tort: Fs ist hedauvrlieh, »lall die Redner von gestern die Frage der jüdischen Eiuwandcruug in Palästina vom politischen und iiicht vom ükouoniischcn Standpunkt aus hehandelt haben. Denn die Frage ist eine Ökonomisc 11 e, und von diesem Standpunkte aus sollte sie auch behandelt werden. Die Redner haben von der Gefahr jenes imaginären Judenstaates gesprochen. Das sind Visionen. Wenn das Land keine sch lim ineren Feinde hätte als die Kinder Israel, dann könnten wir r u h i g schlafen. Wir sollten an unsere wirklichen Feinde denken und nicht an jene, die nur in unserer EinbiUlung existieren. Man sollte Maßnahmen gegen diese ergreifen. Eine dieser Maßnahmen wäre, okonomische Kräfte zu sammeln. Und gerade dazu wird die Ansiedlung von Juden in unserem Lande außerordentlieh viel beitragen! Wie sollen wir uns also zu der Einwanderung von Juden stellen? Ich habe mich für die Frage interessiert und mich mit maßgebenden arabischen und jüdischen Stellen in Verbindung gesetzt. Wir haben in Palüstiiia aut eine Bevölkerung von 700 000 Seelen 00000 Juden, 80000 christliche Araber und der Rest sind mohammedanische Araber. Die Juden und die Christen haben hier keine Vertretung. Andernfalls hätte man sie verteidigt, und die arabischen Deputierten haben, anstatt diesen Teil der Bcvölkeoft, und die Gassenjungen warfen Steine und Kot nach ihm. Tiefes Mitleid mit dem Verrückten stieg in mir auf. Es zog mich mächtig zu ihm; ich wollte zu ihm sprechen, ihm ein freundliches Wort sagen, ihn trösten, ihn streicheln ־— doch es war mir nie möglich, an seine Seite zu treten. Denn Kot und Steine, die um ihn sausten, hätten auch mich getroffen. Ich war ein kleiner artiger Junge und trug stets schöne Anzüge, auf deren Herkunft — sie waren aus Lemberg oder Krakau — ich stolz war. Acngstlich mied ich Schmutz und Kot auf meinem Anzug; drum kam ich dem Verrückten nicht nahe. Das Städtchen, in welchem meine Eltern wohnten, wo meine jungen Jahre vergingen im stolzen Bewußtsein des Besitzes von Au/.iigcn aus Lemberg oder Krakau, war eine Festung, umsponnen von Gräben, Wasserfurchen, Mauern und Wällen. Auf den Wällen standen Geschütze, und Soldaten mit geschultertem Gewehr bewachten sie und marschierten ernst und schvvci* gend mit gemessenem Schritt auf und ab, auf und ab . . . Wenn sich die Nacht niedersenkte, wurde die eiserne Brücke aufgezogen, die über dem Fluß vor dem Städtchen lag, die Tore wurden verschlossen; bis zum Morgen war das Städtchen von der übrigen Welt erbarmungslos abgc- ««»א verteidigen, ihn lebhaft angegriften und gar die Gemüter erhitzt, indem ‘nie im i.amle Neues in Umlaut setzten, de״ Antisemitismus!*! Kolonien kaufen die Ländereien der Großgtmulbi* sitzer. Ist das wahr? Sie kultivieren größt e n teils unkultivierte L ä » d e r c i e 11, sie Inben zur Entwicklung von Handel und Industrie bci״e tragen. Sie führen neue lamlwirtscli.iltlielie Methoden ein. Sie gründen Banken, Kreditinstitute, Genossenschäften usw. Uml das ist bekannt geworden, durch die arabischen Zeitungen ״Kelimat ul I lack",.״ז,«.™ ui Hai" und ״La Palestine“. Nach diesen Zeiitm ״cn wurde die Kolonie Petliach Tikwah im Jahre 1878 gegründet mul wirft jetzt dem Staatsschatz, eine Einkuiifl von 2260 Plund ab, während sie vor diesem Datum bloß JO Pfund ciiibrachtc. Die Kolonie Kisehon le Zion, gegründet im Jahre 1882, lielcrte dem Sinaisschal/, vor diesem Datum '30 Plund. Die!:inLiinfte betragen jetzt 3J20 Plund, usw. Davon pmiitiert die arabische Bevölkerung, tu der gleichen Zeit ist der Lamlpreis, der damals 25 Piaster betruj׳, au| . 200 bis 250 Piaster gestiegen. Was folgt daraus? Diese Einwanderung hat der arabischen Bev ö I k e r u n g genützt, den Ein w a n 11 e r e r n selbst und ebenso der Regierung, D!e Deputierten von Jerusalem sind gegen die jüdische Einwanderung, aber ich frage, ob die dortigen arabischen Bauern unzufrieden sind, 011 die Ucputierten, bevor sie die jüdischen Einwanderer;mgreifen, an die Lage der arabischen Bauern gedacht haben. Man dar! nicht vergessen, daß die jüdischen Bauern, .nach Lage der Dinge, B u n d c s g e n o s s c u d c r a r a b i s c h c n Bauern sind. Es gibt zwischen ihnen keine Auseinander« Setzungen. Man muß mm, meine Herren, von diesen Intrigucn endlich ahlassen. Dank diesen intrigucn hat Dsclinvid Bey seine Demission eingereicht, Dant diesen Intrigucn beginnen seit zwei oder drei Monat» einige Zeitungen eine ganz, neue Empfindung, die bisher unbekannt war, großzuziehen, nämlich den Antisemitismus. Aber die Wahrheit triumphiert immer. Die jüdischen, arabischen, türkischen und anderen Bauern sind Brüder. Sic haben die gleichen Interessen, und sie haben auch die gleichen Feinde: Nach dieser Rede wurde die Generaldebatte über das Budget geschlossen. I )er Minister des I n n ern, II a I i 1 Bey, hielt eine längen Rvde, in der er aul die Ausführungen der verschiede n n Redner einging. Die Politik der Regierun;;, sagte er, will alle Osmanen vereinen. Wir wollen, dal) alle Osmanen das Land lieben uml als Vaterland anerkennen. Die politische Union verbindet uns. A n die N a t i 0 n a (i t ä t e 11 wollen wir nicht rühre n, auch nicht a 11 d i e R e I i g i 011 c n und die Sprachen der versc 11 i c d e n c n Eiern c n t e. Wir wollen sie nicht zu einer Nation vermischen, da ein Zwangssystem dem Land schaden würde, das unter dem Kamp) der Nationalitäten schon viel gelitten hat. Der Minister wandte sich dann dem Zionismus zu. ״Was nun den Zionismus betrifft, so habe ich den Erklärungen, die die Kegicrung schon bei der allgemeinen Beratung des Budgets abgegeben hat, nichts hinzii/ufiigui. Die Regierung hat alle Maßnahmen getroften uml wird sie auch in Zukunft zur Anwendung bringen, um zu verhindern, daß Ansammlungen fremder Juden in irgendeinem Teile des Reiches eigene poli• t i s c 11 e Ziele verfolgen.'' Es ist charakteristisch, daß die* gesamte deutsche P resse von der großen Debatte nichts weiter wiederzugeben wußte, als die — teilweise noch arg entstellte! — Erk l ä r u n g d e s M i n i s t c r s, die in Wirklichkeit schnitten. Denn vor jedem der festverschlossenen Tore stand ein Posten in grimmen Waffen. Erst bei Tag wurde das Städtchen wieder frei aus seiner Haft. Man konnte nach Herzenshist aus- und eingchcn, durfte im Teiche vor der Stadt baden, sich hinstrecken auf dem grünen Ufer und weit über die Erde oder geradeaus in den hohen Himmel schauen, wie man wollte. Niemand hinderte uns, niemand schalt und keine Sorge gab's. Nur bei Nacht mußte es still im Städtchen sein — so war’s befohlen -־, aih’s Regen und Bewegen, alles Aus- und Eingehen war verboten. Oft dachte ich im Stillen: ״Welche ,Gnade‘, daß man wenigstens den Moml bei Nacht zu uns cinläßt“ . . . Ich werde nie vergessen, wie es in meinem Städtchen Nacht wird: Sowie die Abendscliattcii kommen, kriecht ein Schauder über alles hin, Menschen und Häuser ziehen sich gleichsam furchtsam ein. Jetzt geht die Brücke empor, die Eisenketten winden sich kreischend um riesige Räder; das Schreien des Stahls dringt in harten, abgerissenen Tönen durch alle Ecken und Enden der Stadt, und der Ton fährt durch alles gell durch. Dann fällt Tor um Tor zu. Immer und immer geschieht dasselbe, und doch erzittern jedesmal alle Knien, müde Stumpfheit legt sich auf alle Gesichter, alle Augen löschen