Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651711-2651731--07737-2664925- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 225 Nr. 20 von den Sammlungen für־ die Institutionen, die sic geschaffen hat und für die sie die Arbeitskräfte zur VcrWßHUi,׳ stellt, einen Prozentsatz für sieb zu nehmen. Wenn sie sich dazu nicht entschließen können, dann verweise ich Sic auf die Gefahren,.die sich ergehen werden. Vergessen bie nicht, «lall die Ausgaben von Jahr zu Jahr steigen und steigen müsse״, wenn wir steigen sollen. Es werden wieder allerlei Vorschläge gemacht und Projekte unterbreitet werden. Das hat alles nur wenig wert. Die Institutionen wollen Sie nicht hesteuern. Die notigen Gelder können Sie auf eine andere Weise nicht schaffen. Was ist also zu tun־■- (Kclilcr: ״Zentralfoiuls“. Dr. HoUenlicimer: ״Jahres• beitrüge“.) Die Erfahrungen, die wir gemacht haben, sprcelien doch dagegen. Ich bedauere aufrichtig, dnh ich seinerzeit die Leitung mit Schulden übernommen habe. Eine neue Leitung wird diesen Fehler vermeiden müssen. Sic müssen sich aber auch darüber klar sein daß Sie keine neue Leitung einsetzen können, bevor Sie die Fiu.iiizfrage erledigt liaben. Ich persönlich hin davon überzeugt, dal) das Hnrraii nach Merlin komiiil. Ich will aber für einen Moment davon absehen, und nehme an, es kommt nach Paris. Ich möchte also Herrn Dr, Marmorck fragen: wenn wir eine Leitung ziisammenset/cii würden, in welcher I lerr Dr. Marmorck sitzt, oh er die Lehmig mit Schulden übernehmen wird? (Dr. Murinorek: ״Nein!“) Herr Dr. Marmorck sagt ״Nein“ und dasselbe ״Nein“ hat man mir aus Merlin und London zugerufeu. Wohin soll das führen? Wir sprechen fortwährend von großen Unternehmungen und haben nicht die Mittel, unsere laufenden Ausgaben zu be• streiten. Wir bewilligen anderswo Millionen für Projekte und sind als Organisation Hcttler. Ich habe die Gcwilk'hit, daß wir, wenn die Mehrheit des A. C. hier für die Besteuerung eintritt, die Finanzen auf dem Kongreß werden ordnen können. Der Vorteil für uns wäre, daß wir dann sofort die Mittel, die wir brauchen. zur Verfügung liaben. Aber ich habe cs leider erlebt, daß die meisten von ihnen auf dem Kongreß nicht dafür eingetreten sind. Und wenn wir jeizt zum neuen Kongreß mit der Sache kommen, und Sie sich liier nicht verpflichten, dafür ciiizutreten, so wird die Besteuerung mit Hurra abgcldint. ich frage Sic nun, was soll aus der Organisation werden? Sind Sic in der Lage, so schaffen Sic andere Mittel, aber nicht mit solchen Plänen, wie sie hier vorliegen. Schaffen Sie andere Pläne, die besser sind. Nicht aber so, wie Sic cs in Merlin gemacht haben, daß Sic eine Kommission einsetzen. Denn Sie haben ja eben gesehen, daß der Aufsichtsrat der Bank sämtliche Mi nt der Kommission abgclehnt hat. Können Sic sich dazu entschließen, eine Resolution zu fassen, und dem Kongreß vorzuschlagen, sämtliche Institutionen zu besteuern, 60 ist die Sicherheit vorhanden, daß wir unsere Finanzen ordnen werden. Das ist alles, was ich Ihnen über die Finanzlage zu sagen habe.“ Aus den Kolonien (Schluß.) Kincrcth. Dieser vor drei Jahren noch vollständig wüste Platz bildet sich alhnühlich zu einer blühenden An• Siedlung aus. In den letzten Jahren haben sich in dieser Kolonie einige tüchtige Kolonisten niederge• lassen, die gewiß zum Aufschwung der Kolonie viel beitragen werden. Die Farm der Palcstine Land De• vclopmcnt Company hat eine große Bewässeruugs• anlagc errichtet, mittels der mit Wasser aus dem Jordan über 30 ha bewässert werden können. Fin Teil dieser Fläche ist vier früheren Arbeitern verpachtet jüdischen Künstler, welche den Tendenzen des He• zahl den geistigen Boden schufen, taten gut daran, sich alsbald wieder zurilckzuziehen und ihre Wirkung auf das spezielle Gebiet ihrer Kunst zu beschränken. Von den jüdischen Künstlern, deren Werke in den gegenwärtigen Kunstausstellungen zu sollen sind, laßt sich nur sagen, daß sic aus den Grenzen ihres bisherigen malerischen Wirkens nicht sonderlich her• ausgetreten sind. Ihre Tendenz, den bürgerlichen Krei!,, für den sie schaffen, ja nicht zu verletzen, das Bewußtsein der Preiswürdigkeit ihrer Ware be• stimmt ihren Entwicklungsgang, d. h. der Rahmen derselben ist durch die eben erwähnten Motive so festgefügt, daß sie nach neuen Zielen nicht auszulugen brauchen. Wenn auch das rein technische Können auf einer respektablen Höhe stellt, so findet man immerhin Lücken genug, vornehmlich in ihrem CImraktcr, in ihrer persönlichen, individuellen Stcl• lung zur Kunst, zu künstlerischen Aufgaben über• lumpt. Der Jude hat die Gabe schnell an/uiieluiicn, aber auch schnell abzuwerfen. Sein wandlungsfälliges Wesen findet zu rasch Berührungspunkte mit fremden Elementen. Daher kommt es, daß wir vor über* faschenden Veränderungen niemals sicher sind und Um plötzlich dort finden, wohin ihn eine konscüuente Entwicklung niemals geführt hätte. Derlei Betrachtungen muß man sich hingeben,• "׳enn man den Leistungen der jüdischen Künstler gerecht werden will, in Wien selbst sicht inan sie nicht geschlossen auftreten; aber die stattliche An* JUEDISCHE RUNDSCHAU worden in der Weise, daß von der Farm die Ocspaniiarbeit und von den Pächtern die Handarbeit geleistet wird. Wegen der exzeptionell günstigen Lage (in der Nähe des Tibcriasccs und der Eisenbahn• Station Samacli) ist hier ein besonders günstiger Platz für tieinüscbau und andere bewässerte Kulturen gc• gehen, welche eine große Anzahl von Pächtern und Arbeitern ernähren und der P. L. ü. C. beträchtliche Einnahmen bringen könnten. Die jetzigen Pächter wohnen in dem jüngst fertiggestelltcn Hause, in welchem der Motor imlcrgebraeht ist, Der neue Leiter der Farm in Kincrcth, Herr Agronom Golde, hat vor kurzem seine Arbeit auf• genommen. Er hat seine Studien an der landwirt• seliaftliehen Hochschule in Berlin und im Institut für koloniale Landwirtschaft in Paris absolviert und im Auslande einige große Betriebe geleitet. Die Genossenschaft, die auf der anderen Seite des Jordans, in Umdjuni arbeitet, wird im nächsten Jahre sieh vergrößern und die gesamte Flüche von über 300 ha bearbeiten. Mcdschdcl. Die Arbeit ist hier im vollen Gange; auf dem Felde und bei den Gebäuden arbeiten ca. 70 Arbeiter ständig. Der sehr fruchtbare, aber durch schlechte Bewirtschaftung vieler Jahre außerordentlich vcrnachlässigte, mit Unkraut überwucherte und mit Steinen bedeckte Boden wird noch viele Arbeit beanspruchen, um in kulltirfühigcn Zustand gebracht zu werden. Lin großer Teil des Landes laßt sich von der Mudau• weraqucllc bewässern und eignet sich vorzüglich zu intensivem Gemüsebau und zu vielen subtropischen Kulturen. Rosch-Pinah. Das letzte Jahr war ein ungünstiges, die Ernte im allgemeinen schlecht. Großen Schaden haben die letzten WintersUirme' verursacht. Eine große Plage war die Phylloxcra, durch welche die gesamten, che* mals blühenden Rcbcnpflanzungen vernichtet wurden. So steht auch der Weinkeller, der in früheren Jahren 501)—000 Hektoliter Wein auszuarbeiten pflegte, jetzt leer, ebenso wie die große Scldcufabrik und eine ,Muhle. Im allgemeinen herrscht eine viel zu ge• drückte Stimmung unter den Rosch-Pinahcr Kolonisten. Im Gegensatz zu dieser Stimmung wirkt erhebend die wunderschöne Lage der Kolonie lind die heitere klare Luft. Die gute Luft und das Schmackhafte, aus drei Quellen im Ocbirgc stammende Wasser bedingen einen erfreulich befriedigenden Ocsumlhcitszustaiid der Kolonie. Leider wird nicht in genügendem Maße gearbeitet, jeder Kolonist bedient sich vielmehr einer oder zweier ständiger arabischer Arbeiter aus dem Dorfe Dsehauny, selbst mir in ׳ beschränktem Maße mitarbeitend. Dieses Dorf liegt in der Nähe der Kolonie und ist geradezu eine Fortsetzung derselben. Die Bewohner des Dorfes waren Ursprunglieh sehr arm. Nachdem sic aber zwei Drittel ihres Landes an die Kolonie verkauft haben, haben sie, dank den Erwerbsquellen, die Rosch-Pinah den Fellachen erschlossen hat, sich zu einem Wohlstände einporgehoben, an den sic früher überhaupt nicht denken konnten. Das Erfreulichste in Rosch-Pinah ist eine von einem der besten Pädagogen in Palästina, Herrn Wilkomitz, vorzüglich geleitete Schule. Sie zählt zusummen mit dem Kindergarten ca. 200 Kinder und sechs Lehrer. Imponierend wirkt besonders der von den Kindern selbst angelegte und gepflegte Gemüsezahl läßt einen sicheren Ucbcrblick zu. Man hat das Gefühl, daß ein tüchtiges Können sich in den Bildern ausspricht. Aber man vermißt den Willen, über sich durch das Werk hiiiauszuwaehsen, die zwingende Notwendigkeit, sich in Farben auszusprechen. Die Seele und die Sehnsucht, die Flügel der Seele, stecken vielleicht irgendwo, aber man kann sic nicht finden. Darum wirken auch die Bilder der Porträtistcn, wie Schattcnstcin, Epstein, Kraus! und Scharf, leer und gleichgültig. Isidor Kaufmann, durch seine Judenköpfc berühmt, hat zu einer größeren Komposition Atem geschöpft: Der ״Sabbateingang“ zeigt deutlich seinen malerischen Charakter, der einfach ist bis zur Sclbstvcrständlichkeit, obwohl er den Licht- und Luftproblcmcn nicht aus dem Wege geht. Lazar Krcstin hat in seinen Jemenitenfiguren starken Sinn für Kolorit bewiesen, auch der Pinselstrich ist energischer, die Farbe nicht mehr dünn und fadenscheinig. Hingegen ist das Porträt des •Jargondichters Morris Rosenfeld zu konventionell geraten; Roscnfelds zermübtes, ver•• wiltertes Ghettogesicht zeigt sich hier in einer salonmäßigen Physiognomie. Leopold Horowitz gibt wieder eine Probe seines fertigen, aber kalten Talentes. Auch David Kohn, der Meister des Rötclstifts, kann sich von seiner Manier nicht losringen. Epsteins ״Vcrschgang“ ist eine feine, kolorlstische .Studie, aber nicht mehr. Obwohl technisch gereift, hat er die ■Wege, auf denen er zur Zeit seiner biblischen Szenen geschritten, verlassen. Der Moloch ״Oroßitadt“ verschlingt ihn allmählich. garten. Es ist eine große Kulturarbeit, die die kleinen• Gärtner hier durch Wegschaffei) der Steine, Düngen und Urbarmachung des Bodens geleistet liaben. Die Kinder bearbeiten ihre Gemüsegärten gruppenweise, und ihr Interesse an der Arbeit wird dadurch noch gesteigert, daß sie selbst ihre eigenen Erzeugnisse auch auf den Markt bringen und verkaufen. Einen der lebhaftest besprochenen und stets wiederholten Wünsche der palästinensischen Jugender/ichuiig sieht mau hier in schöner Weise verwiik* licht. Mehr als viele Artikel und Versammlungen kann dieses lebende Beispiel auf die palästinensischen Schulleiter und Lehrer wirken, wenn sie den Gemüsegarten besuchen und ihn nachahmen wollten. Durch den Dschehel Kcnan ist Rosch-Pinah mit Saffcd vereinigt. Eine Aufforstung dieses etwa 2000 ha umfassenden Berges würde gewiß zur Stärkung und Hebung von Roseh-Pinah und Saffcd beitragen. Die Saffeder stellen, wie echte Gebirgsbewohner, trotz des unsäglichen Schmutzes und der Armut, in der die Bevölkerung lebt, einen gesunden und schönen Menschenschlag dar. Mau findet selten unter den Zöglingen der Jeschiwoth so viele stämmige und kräftige Jünglinge wie in Saffcd. Leider aber vermindert sich ihre Zahl in rasch fortschreitendem Maße. Aus Mangel an Erwerbsquellen wandern Dutzende und Hunderte von diesen jungen Leuten alljährlich aus. Und cs ist schade, denn die Saffeder zeichnen sich durch Fleiß aus. Als die Seidenfabrik in Roscli- Pinali arbeitete, hat sic ständig einige Hundert Saffeder beschäftigt. Ebenso gehen sic gerne nach den Kolonien, wo sie ständige Arbeit finden. So findet man in dem neugegründeten Mcdschdcl eine große Anzahl Von Arbeitern aus Saffcd, zumeist Familienväter, die des Verdienstes halber sich ständig in Mcdschdcl aufhalten und nur auf die Feiertage zu ihren Angehörigen nach Saffcd zuriickkeliren. Neben einigen gewerblichen Unternehmungen ist für Saffcd eine gute Elementarschule eine Notwendigkeit. Ucber die Schule der Alliance wird im allgcmeinen geklagt, daß sie zu wenig Kenntnisse und eine zu schlechte Erziehung ihren Zöglingen vermittelt. Man sucht sie nur auf der kleinen Unterstützungen wegen, die die Kinder hier an Kleidung und Nahrung erhalten. Man verläßt sie, sobald man auf diese Unterstützungen verzichten kann. Noch weit schlimmer und schädlicher ist die andere Schule, die dann unsern Kindern offenstcht, nämlich die Schule der Mission. Was die Kinder in erster Reihe hier lernen, sind die christlichen Gebete und die christlichen Qcbrüuchc. Die Resultate einer solchen Erziehung kann man sich leicht vergegenwärtigen, Seit einigen Jahren steht die Saffeder Gemeinde mit dem Hilfsvcrcin der deutschen Juden in Verbindung, der die Eröffnung einer Schule bereits in Aussicht gestellt hat. Es wäre sehr zu bedauern, wenn diese Schule noch lange auf sich warten ließe. In wenigen Plätzen Palästinas wird der Hilfsverein ein so gutes und vollständig noch brachliegendes Arbeitsfeld haben wie hier, und wenn irgendwo in Palästina, dann ist hier der Unterricht der deutschen Sprache am Platze, da die jüdische Bevölkerung meistenteils aus Oesterreich stammt und mit deutschsprachigen Ländern in Ver* bindung stellt. Die arabische Sprache in den galiläischcn Schulen. Es ist bemerkenswert, daß selbst die kleinsten galiläischcn Kolonien für einen guten arabischen Unter• ln der ״Sezession“ ist der Krakauer M a r k o v I c z aufgetaticlit, auch der lange Zeit verschollene Abra• h a 111 Neu m a 1111 aus Galizien, dessen lebendige palästinensische Landschaften vor einigen Jahren Hirschcnbcrgs Kolossnlgcmäklc ״Golus“ im jüdischen Museum panoramaartig umschlossen haben. 1111 Kunstsalon Keller brilliert der Berliner hier• mann Struck durch ein paar rassige, Charakter dokumentierende Radierungen, die man nur dem Besten, was die Radiernadel in unserer Zeit produziert, an die Seite stellen kann. Sein Nachbar ist der alte Josef Israels mit dem radierten ״Sohn seines alten Volkes“ nach dem berühmten Gemälde, das bereits mit der Spitzmarkc ״klassisch“ versehen ist. Die jungen Künstler, welche ihre Arbeiten im Jüdischen Museum für das Rotschildschc Stipendium (jüdischer Künstler) cingereicht haben, bilden ein Kapitel für sich. Sie werden gelegentlich, dem Um• fang ihrer Bedeutung gemäß, gewürdigt werden. Dr. M.״ Letteris (Zu seinem 40. Todestage.) Am 19. Mai 1871 verschied in Wien im Alter von ö7 Jahren der jüdische Dichter und Gelehrte Dr. M. Letteris. Einer armen Familie in Qa• lizien entstammend, über vielerlei Schwierigkeiten und Hemmnisse hinweg, erlangte Letteris eine führende Rolle in der jüdischen, so namentlich in der hebräi• sehen Literatur, und auch darüber hinaus, einen gc• achteten Namen. Sein 1847 erschienenes•• Werk