Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 224 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 20 Der Verein, welcher mit dein Sitze in Hamburg gegründet und, um die Hechte einer juristischen Person zu erlangen, und für die Verwaltung gröberer Geldmittel eine Gewähr bieten zu können, in das Vcrcinsrcgistcr des dortigen Amtsgerichts eingetragen worden ist, bezweckt, unter seinen Mitgliedern die Kenntnis Palästina durch die Ermöglichung eines Besuches des Landes zu vermitteln. Eine Wirtschaftliehe Betätigung des Vereins als Ersverbsgescllschnft oder dergl. ist jedoch ausgeschlossen. Der Zweck des Vereins soll durch Veranstaltung von Reisen nach Palästina unter den Vereinsniitglicdern erreicht werden. Für diese Reisen soll das jeweils nach Abzug der Vcrwaltungskostcn, welche, da sämtliche Funktionäre im Ehrenamte angcstcllt werden, äußerst gering sein werden, vorhandene Vcrcinsvcrniögcn verwendet werden. Die Reiseteiluahme wird durch das Los bestimmt, und zwar werden die Reisebeihilfen in Anteilen von je 500 M. unter die Mitglieder verlost. Dasjenige Mitglied, welches durch das Los das Recht auf die Reisebeihilfe erworben hat, ist verpflichtet, die Reise innerhalb zweier Jahre nach der Verlosung, weiche in den Halbfciertagcn des Pcssachfcstcs eines jeden Jahres stattfinden soll, zu unternehmen. Die Beihilfe ist auf 500 M. festgesetzt worden, weil erwartet wird, daß der Gewinner, da er bis zur Ausführung der Reise zwei Jahre Zeit hat, den etwa noch erforderlichen Rest durch Unter* lassen seiner gewöhnlichen Somincrreisc und durch Sparsamkeit im übrigen leicht aufbringen kann; auch wird dadurch eine größere Anzahl von Reisenden das Ziel erreichen können und gerade dadurch wird der Verein eine größere Anzahl von Mitgliedern gewinnen. Ist cs dem Gewinner nicht möglich, innerhalb der vorgeschriebenen Zeit die Reise zu unternehmen, so erhält er nicht etwa die Beihilfe zu freier Verfügung, so daß der Zweck des Vereins also nur auf eine gewöhnliche Geldlotterie licrauskämc, sondern er kann sein Recht auf die Beihilfe auf eine andere Person, welche aber schon zur Zeit der Verlosung Mitglied des Vereins gewesen sein muß, übertragen. Andernfalls fällt der Anteil an den Verein zwecks Vornahme einer neuen Verlosung zurück. Mitglieder, welche mit Hilfe des Vereins eine Palästinarcisc unternommen haben, sollen gehalten sein, in einer Vcrciiisversammlung mündlichen oder schriftlichen Bericht über die Reise zu erstatten. Diese Berichte sollen event. auch in geeigneten Zeitschriften zur Veröffentlichung gelangen, damit auch die übrigen Mitglieder und weitere Kreise von den in denselben etwa gebrachten Anregungen und Mitteilungen Nutzen ziehen können. Der Jahresbeitrag beträgt 10 M.; es steht jedoch den Mitgliedern frei, ein Vielfaches des Jahreshclträges zu zahlen, wodurch sie das Recht zur mehrfachen Teilnahme an den Verlosungen erwerben und natürlich die vielfache Gewinnchance haben. Geleitet wird der Verein von einem aus drei Mitgliedern bestehenden Vorstand, der absichtlich so klein gewählt ist, um die Verwaltung nicht zu kompliziert und kostspielig zu machen. Die Kassenführung wird außerdem von zwei Revisoren beaufsichtigt. Augenblicklich bestellt der Vorstand aus folgenden Personen: Vorsitzender Ist Herr Rechtsanwalt Dr. Tannenwald, Schriftführer Herr Dr. ChwoIIcs und Kassenwart Herr Leopold Laudau, zu Revisoren sind die Herren Neumann und Dr. Weigert bestellt. Die Generalversammlung und wieder kommen, aber wir — werden wir nicht genug haben an einem kleinen Ausflug ins Sentimentale? III. Fremde Menschen Noch ein Erlebnis will ich erzählen, ein Erlebnis, dessen Sinn und Bedeutung mir erst nach langer Zeit klar wurde. Ich hatte den ersten Schritt in die Welt hinaus getan, stand zum ersten Mate altein im Leben und suchte einen Standort, einen Boden, um Wurzel zu schlagen. Noch wußte ich nicht viel von mir selbst, über die geheimnisvollen Bande des Blutes, der Abstammung, der Tradition hatte ich noch kaum nachgedacht. Nur als Menschen, als ein Glied des Weltalls kannte ich mich, und Menschen, Seelen suchte ich, die mit der meinen im gleichen Takt schlugen. Ich lebte In einem englischen Damenheim, man war freundlich zu mir, Ich fand Frauen mit manniß• fachen Interessen, von denen ich lernen und andere, mit denen ich jung sein und lachen konnte. Wir hatten lange, angeregte Unterhaltungen, in denen Ich eifrig meine Meinung verfocht. Aber ein Etwas, ein Eigenstes, Innerstes blieb in mir und wagte sich nicht heraus und sehnte sich doch nach Offenbarung. Aber ich hielt es zurück — sic waren mir doch alle Freunde, und wie nahe wir uns auch manchmal rückten, Irgendeine unllbcrstciglichc Schranke blieb zwischen uns. Eines Abends saß ich itn Konvcrsntlonszlm 111er am Kamlnfcucr und hatte Sehnsucht, fühlte Intel», die Verlosungen finden alljährlich in den Halbfcierlagen des Pessachfcsles statt. Die Mitgliedschaft des Vereins kann jeder Jude mul jede Jüdin gegen Zahlung des Jahresbeitrages von 10 M. erwerben. Schriftliche Anmeldungen werden vom Vorstand jederzeit entgcgcngenomincn. Auch zu Auskünften jeder Art über den Verein ist der Vorstand gern bereit. Der Verein soll sich nicht auf Hamburg heschränken, sondern der Vorstand beabsichtigt, mögliehst viele Mitglieder auch außerhalb, sowohl in Deutschland als auch ln außerileutselien Ländern zu gewinnen. Es werden daher die Leser, die Interesse für Veranstaltung von Palästinareisen haben, gebeten, sich umgehend hei dem Schriftführer, Herrn Dr. Chwollcs, Altona-Bahrcnfcld, Mo/artstraßc 7, als Vercinsmitglieder zu mehlen und auch Ihre Bekannten und Freunde, Zionisten und Nichtzionisten, zur Anmcldung zu veranlassen. Erst wenn der Verein 1000 Mitglieder hat, so daß jährlich mindestens zwanzig Personen, vielleicht sogar als selbständige Reisege• Seilschaft, in das Land unserer Sehnsucht geschickt werden können, wird der Vorstand mit dem Erfolge seiner Bemühungen zufrieden sein. Da auf 50 bis 55 Mitglieder jährlich ein Gewinn entfällt, so wird beabsichtigt, event. Ortsgruppen des Vereins zu gründen und unter deren Mitgliedern die auf Ihre Anzahl entfallenden Gewinnanteile separat zu verlosen. Dr. Bruno Tannenwald, Rechtsanwalt, Hamburg, Kaiscr-Wilhciinstr. HO. Die Besteuerung der Institutionen Wie wir bereits in der vorigen Woche unseren Lesern zu melden in der Lage waren, wurde auch in der Kölner Sitzung des Gr. A. C. jener Vorschlag zur Sanierung unserer Parteifinanzen, den wir in Ucbereinstinuniing mit der gegenwärtigen Leitung der Bewegung seit Jahren vertreten haben, abgelebt» t. Wir sind auch heute der Ansicht, daß damit in der Angelegenheit keineswegs das letzte Wort gesprochen ist und freuen uns, daß unser Präsident trotz der; bisherigen lntransigeuz der Mehrheit cs auch diesmal nicht verabsäumt hat, sein ״ccterum ccnseo" in dieser; Präge in die Debatte zu werfen. Wir gehen seinen Ausführungen liier Raum und hoffen, daß die darin vertretenen Anschauungen sich bis zum Kongreß allüberall in der deutschen Landsmannschaft durchgcsetzt haben werden. Nur dann haben wir Aussicht, die neu zu wählende Leitung mit den Mitteln auszustatten, die es ihr ermöglichen, den Willen des; Kongresses in die Tat umzusetzen: : ״Meine Herren, Sie wissen, daß wir der Bank : eine große Summe schuldig sind, icii habe mm versucht, von privater Seite Mittel zu erhalten, und! cs kamen insgesamt ca. 25000 Mk. ein,־ wovon 12000 Mk. cingczahlt sind. Herr Rosoff war derjenige,; von dem eigentlich diese Idee nusgegnngen ist, in , anderer Form zwar und mit dem Nachteil, daß auf solche Weise für sofort kein Geld zu erlangen war.; Wir brauchen aber das Geld sofort, und nicht erst in , späteren Zeiten. Alle diese teils gezahlten Beiträge, teils ziigcsagten Unterstützungen reichen nicht hin,; um die Schuld zu bezahlen, geschweige denn die Lage der neuen Leitung zu erleichtern. Vergegenwärligen Sic sieh noch einmal die Situation. Wir haben eine beträchtliche Schuld an den J. C. T., wir i müssen noch bis zum Kongreß leben, wir müssen den , «■M—n» » Mr»»»11—■ 1 ■ —יו——— , 1 verlassen, Allerlei Gedanken gingen mir durch den 1 Sinn, Lchcusrätscl quälten mich, ich hätte so gern! darüber gesprochen — aber mit wem? Ich sah um-; her. Lauter fremde Frauen. Doch dort saß eine still über ihre Handarbeit : gebeugt, mit ruhigem Blick. Ich hatte noch nie mit: ihr gesprochen, aber in ihrer Erscheinung lag etwas, das mich anzog. Sie war nicht hübsch, gar nicht,: aber sie schien mir etwas Verwandtes im Gesichts-1 ausdritck zu haben. Wie ich sic ansah, blickte sic! zu mir herüber, lächelte und machte irgendeine kleine i Bemerkung. Die griff ich gierig auf, wir kamen! ins Gespräch, zuerst ein oberflächliches, dann ver-; tiefte es sich. Sie ließ die Arbeit sinken -- wie ver-: standen 1ms so wunderbar, manchmal nur durch! einen Blick, ein halbes Wort,! Ich sagte Irgend etwas ganz. Alltägliches; da. fragte sie: ״Nicht wahr, Sic sind eine Jüdin? Ich. halte es Ihnen nicht. angesehen, aber nun, da ich! mit Ihnen spreche —M, Ich hatte cs schon längst: gefühlt, daß and» sie eine war, trotz ihres rein; englischen Addieren. , Wir verließen das Zimmer und gingen im Flur weiter plaudernd auf und ab.' Plötzlich öffnete sich* die Tür des Wohnzimmers und eine junge Dame, die erst am seihen Morgen In die Pension cingczogcn, trat auf uns zu. Sic ging ein paar Male um uns, herum, dann sagte sic: ״Ich hörte Sic vorhin; plaudern, und Ihr Gespräch fesselte mich. Ist cs sehr keck, wenn ich Sie bitt.e, mich daran tcilnehmcn zu lassen?" , . .. .! Kongreß veranstalten und wir können nicht nach dem Kongreß mit leeren Hände» beginnen. Da wir ein Kongreßjahr haben, rechne ich, daß wir mindestens 100 UDU Mk. für Schekel ciiiiiehnic» werden. Dtr vorjährige Schekel betrug zirka 01)000 Mk, Wir halten gehofft, daß wir in diesem Jahre mehr Einnahmen nahen werden, weil ja nach dem Beschluß der Jahreskonferenz der Schekel unverkürzt abgeliefert werden soll. Es machen sich aber schon gegenteilige len. denzcu bemerkbar. Wie sollen wir aber eine neue Leitung ciusctzcn, wenn wir unsere Schulden nicht getilgt haben und ihr nicht die Mittel, die sie sofort nötig hat, zur Verfügung stellen können; denn der Schekel für das nächste Jahr geht erst im Sommer 1012 ein. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit, Sie müssen berücksichtigen, daß die neue Leitung nicht billig wird arbeiten können. Nun sagt man uns, wir sollen mehr sparen; aber sehen Sic sich doch die Ausgaben au. Ich bin der Ansicht, daß nach all dem, was Sie liier an Wünsche» vorgehraclit haben, wir noch mehr Ausgaben machen werden. Wir sollen die Presse ausbatieii, und Sie wollen eine Leitung ־/iisaiiiiiicnsctzen, die doch sicher mehr kosten wird, als die jetzige. Soviel ich gehört habe, stehen mehrere Herren auf dem Standpunkte, daß auch unsere ersten Beamten, d. h. die Mitglieder der Leitung, besoldet werden sollen, um sich vollständig mit all ihren Kräften der Bewegung widmen zu können. Wenn wir rum besolden sollen, so müssen wir dafür die nötigen Mittel haben. Sie werden auch auf dem Kongreß nichts erreichen können, wenn Sic sich nicht heute über die Beschaffung der Mittel klar werden. Die Beschlüsse, die Sie bisher in bezug ,auf die Finanz.frage gefaßt haben, sind eben mir Beschlüsse, die auf dem Papier bleiben. Ich kann Ihnen das nu.t Erfahrung sagen, Denn keiner dieser Beschlüsse hat uns bisher das nötige Geld gebracht. Ich wieder, hole daher nur, was ich bereits früher gesagt habt, daß wir nur dann zu einer gesunderen Regelung der Finanzen kommen werden, wenn wir unsere sämtlichen Institutionen besteuern. Wenn 2. B. der ״Bc/alcl" — wie.ich schon früher einmal dagclegt habe — seine Agitatoren nach Südnfrika geschickt und dabei ein so günstiges Resultat erzielt hat, so war dies mir deshalb der Fall, weil unsere dortige Föderation ihre ganzen Kräfte in den Dienst des ״Ikvalel" gestellt hat. Der ״BezaUT‘ hat hat einen großen Erfolg davon gehabt, und die einzigen, die dabei leer aiisgingcn, waren wir, die Organisalio». Warum soll also der ״Bezalcl" für die große Arbeit, die wir für ihn leisten, uns nicht ent« schädigen? Genau so ist cs auch mit der Siedlungsgeiiosscnscliaft. Herr Dr. Oppenheimer hat sieh an• gestrengt und sehr viel für die Genossenschaft ge• arbeitet. Schließlich hat 'aber die Organisation doch das meiste au dem Zusammenkommen der Gelder für die Geiiosscnscliaft bcigelragen. Und wieder genau so verhält cs sich mit dem ׳Nationalfonds. (Dr. Bodenheimer: ״Nein!") Der Nationalfonds hat seine Saininclstcllcn, deren Arbeit von Zionisten geleistet wird. Wenn es min die zionistische Organisation ist, die den Nationalfonds geschaffen hat und fur ihn arbeitet, denn auch Herr Or. Bodcnlieinui Nt j.1 nur als Mitglied des A. C. der Leiter des National• fomls, so sehe ich nicht ein, warum;wir betteln müssen, wenn die andern in Geld und Luxus schwiiiimen. (Heiterkeit.) Genau so verhält es sieh mit unser» Banken. (Dr. Katzendsolui: ״Nein!" Heiter• keit.) Sie begreifen nicht, daß ich die Hank schonen will. Ich hin nicht dafür, daß man die Bank über• lastet. Ich will sie ja durch die Besteuerung der amlern Institutionen schonen. Wenn der National• foiuls, die Sammlungen für den ״He/alcl" und alle übrigen Einrichtungen besteuert werden, dann bähe ich die Garantie, daß tlic Bank nicht mehr besteuert wird, als notwendig ist. teil hin also der Ansicht, daß die Organisation dazu wird übergehen nuiven, Sie griff in die Unterhaltung ein, und wir drei י־ so verschiedener Herkunft und so verschiedenen Temperaments wir waren — verstanden uns Ix .ser, als ich mich all die Zeit über mit einer der Hins• gcnossiniien verstanden hatte. In» Laufe des Gesprächs erwähnte unsere neue Gefährtin, daß sie katholisch, aber jüdischer Ab• stamimmg sei. Da sahen wir drei uns bcdcutungs• voll lächelnd an— wir waren unter nahezu fünfzig Damen aus aller Herren Länder die einzigen Jüdinnen. Wiener Kunstbrief Von Dr. Oskar R 0 s c n f c I d. Daß man dem Problem der jüdischen Kunst!•ich durch theoretische Gespräche, sondern durch T.dei »ähcrkoiiinicn kann, haben alle diejenigen cin/uschci begonnen, denen mit Selilagworten zu operieren bis her tiefstes Bedürfnis war. Als der Bc/alol sein kunstgewerblichen Produkte zum erstenmal in F.urop scheu ließ, war man überrascht von der Fülle de Neuen, noch mehr von den Perspektiven, die da bisher Geschaffene eröffnete und strebte instinktiv de praktischen Ausnützung der in der jüdischen Hnml werkerintclligcnz. vorhandenen Kräfte zu. Und noc etwas trat zutage: die Tatsache, daß sich da* Ge werbe der Kunst nur soweit nähern solle, als si für den Geschmack, nicht aber für das Wesen de Erzeugnisse bestimmend sei; denn Kunst und Hane werk sind zwei grundverschiedene Elemente, ein Vermischung.der beiden kann nur Unheil stiften. Di