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Jüdische Rundschau · 1911-05-19 · Heft 20 (19.5.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 20 (19.5.1911)
Date
1911-05-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 Seife 223 mit so fadenscheinigen Oründen, daß die Deutschen l1nd alle Unparteiischen sich sagen mußten: Es ist unmöglich, daß die Alliance auf Grund solcher Ueberlcgu«Kc״ ein Programm zusammenstcllcn oder beibehalten konnte; ein solches Programm läßt sich n״r durch die Tatsache erklären, daß diejenigen, die cs verteidigen, sich in erster Linie als Franzosen und nur in zweiter Linie als Juden fühlen. Das Ziel also, das die Allianceleitung durch Sendüng einer Mission nach dem Orient hatte erreichen wollen, war nicht erreicht. Die Orthodoxen und die deutschen Mitglieder hatten sich endgültig von ihr abgewandt; die ersteren verhielten sich vorläufig untätig, die letzteren aber sannen auf Mittel und Wege, um den Kurs der Alliance ihren Ideen und ihren Wünschen gemäß zu ändern. Die Geschichte des Zionismus zeigte ihnen den einzig gangbaren Weg. Zionisten, die überzeugt waren, daß die schönsten Reden und die besten Argumente der jetzigen Alliancclcittuig gegenüber wertlos seien, batten im Jahre 1902 die statutarisehen Vorstandswahlcn, die 9 Jahre lang unterblieben waren, erzwungen, und waren in den Wahlkampf getreten. Doch ihr Versuch, das Centralcoinite zu stiir/en, mißlang. Der Grund ihrer Niederlage war nln r nicht in dem Umstand zu suchen, daß die Stellung des Pariser Ccntralcomitls unerschütterlich und zu fest ist; sic waren nur unterlegen, weil die deutschen Alliancemitglieder gegen sic und für die bisherige Leitung eintraten. Die deutsche Konferenzgciiicinschnft folgte dem Beispiel, das der Zionismus 19(1'-' gegeben hatte, und verlangte Neuwahlen. Die Allianceleitung mußte sielt fügen, so schwer es ihr auch fiel, und setzte sie auf den 4. Juni dieses Jahres an. Der Kampf, der zwischen der Pariser Leitung und der deutschen Konfercnzgemcinschaft nusgcbrochen ist, wird also ausgetragen werden. Allem Anscheine nach kann letztere auf die Unterstützung der Orthodoxie rechnen. Wird sic auch den Zionisinus auf ihrer Seite finden? Dürfen wir Zionisten eine Aktion mitmachen, deren Endergebnis eine Vermittderung des französischen Einflusses auf die Alliance sein wird? Wir dürfen wohl weniger wie andere vergessen, daß das demokratische Frankreich den Juden die Bürgerrechte, die Freiheit und die Gleichheit gegeben und sic wie Brüder behandelt lut, und daß unter der französischen Fahne und dem französischen Schutz eine Aera des Glücks und der Wohlfahrt für die Juden begann. Wir können aber nicht die Pariser Leitung der Alliance mit dem demokratischen Frankreich identifizieren; denn — ihr Vorgehen in den letzten Jahrzehnten beweist es zur Genüge — die reaktionärsten Elemente des franzü• sischcn Judentums gehören ihr an. Frankreich sind wir für die Wohltaten, die cs den Juden erwies, zu Dank verpflichtet, — nicht aber der Pariser Allianceteitung. Und Frankreich kann auch nicht verlangen, daß wir für seine Interessen im Orient, die zweifellos problematischer!Natur sind, die Existenz und die Zukunft des jüdischen Volkes opfern. Unseren Dank . statten wir dadurch ab, daß wir für die Ideen ein• treten, die seit der Zeit der großen Revolution den Ruhm, den Stolz und die Größe Frankreichs bilden. I'iir diese Ideen tritt, die jetzige Alliancelcitung nicht ein. Sie hat die Frcihcitsdcvisc im Munde, diejenigen aber, die Objekt ihrer Fürsorge sein sollen, bc• handelt sic wie Knechte. Den Kampf gegen diese Leitung dürfen wir freudig mitmachen. Und plötzlich sind meine Tränen versiegt, die mvstisch-anbctcndc Stimmung ist verflogen, und ich stehe wieder auf der Erde. Erdenschwerc hat mich aus meinem Traumland herabgezogen. Woher kam sic? Aus dem Blick des jüdischen — Kindes — nein Mädchens. Wie die Glöckchen in der Ferne verhimmeln, schleiche ich hinaus. Ein Schmerz sitzt mir würgend in der Kehle. Mein armes, altes Volk! mein armes, kluges Volkl Wo blieb deine Kindheit? — II. Schulfrcundinncn Mitten im Gewühl des riesigen Warenhauses war cs, wo plötzlich die junge Frau in dem unmögheilen Kleide und fast noch unmöglicheren Hut auf mich zustcuertc und meinen Namen rief. Durch mein Ocdächtnis huschten in einer Sckünde hundert Namen und Gedankenverbindungen, und dazwischen tönt es wie ein lieber ferner Klang; da, da hatte ich cs — eine Schulkameradin I Aber was war aus dem hübschen Backfisch ge• worden! Fast schmerzlich berührt, schüttelte ich der furchtbar prosaisch ausschcndcn kleinen Frau die Hand. Ob ich mich auch auf Montag freue? Sic habe ihren Mann und ihr Bübchen allein gelassen und 8ei extra dazu aus Hinterpommern hergekommen■ *!!Montag?“ ׳fragte ich verständnislos, und da, JUEDISCHE RUNDSCHAU Alle Freunde Zions, aber auch alle Freunde des demokratischen Frankreichs werden auf unserer Seite sein. Die Ritualmordhetze in Kiew Unser Petersburger Korrespondent schreibt uns: Zunächst sei liier auf einen w i c 111 i g c n P u n k t tingewiesen, der bisher auch in der jüdischen und )hiioscmitischcn Presse nicht genügend betont worden ist. Die Leiche des getöteten Christenknaben Juschtschinsky — so heißt es in den echt-russischen Blättern — sei int ״Keller eines Juden“ aufgefunden. Dieser Jude, auf dessen außerhalb der Stadt Kiew telegenen Platz die Leiche gefunden wurde, ist nun der getaufte Jude Jacob Nikolajcwitsch Berner, der in seiner Jugend zun! Christentum übertrat und jetzt ein bekannter Führer der schwarzen Hundert in Kiew ist. Während des furchtbaren Judenpogroms in Kiew im Jahre 1905 hatte Berner die unglücklichen Juden, die in seinem Hotel Zuflucht suchten, erbarmungslos zurückgewiesen, während sonst auch christliche Hotelbesitzer den Zufluchtsuchenden Schutz und Aufenthalt gewährten. Diesen verbändlc• rischen Judenfresser, der in der Kiewer Stadtduma ein• mal die Behauptung aufstellte, die Juden benötigten christliches Blut — bezeichnen die ״patriotischen" Pogronilicldcn als ״Juden“! — Charakteristisch ist ferner, daß während der ganzen blutrünstigen Ritualmordhetze auch nicht ein einziges mal auf irgendeine bestimmte Person als ״Ritual• mörder“ hiiigcwicscn worden ist. Die gcsvisscnloscn Hetzer wollen dadurch der Möglichkeit Vorbeugen, daß sie wegen grundloser Verleumdung gerichtlich verklagt würden. Da sic nur von einer ״jüdischen Sekte“ sprechen, so fehlt die juristische Handhabe, sie gesetzlich zu verfolgen. Zudem beweist die Nichtiicniiting einer bestimmten Person, daß bei der ganzen Hetze auch nicht der geringste Schatten eines Be• weises vorgebracht werden kann, daß überhaupt ein Juile mit der Mordaffäre irgendwie int Zusammenhang steht — und doch diese ruchlose, wahnwitzige Be• haiiptimg, diese verbrecherische Hetze! Durch die am 12. Mai in der Duma verhandelte Interpellation der Rechten hat die Hetze einen noclt ernsteren Charnkter erhalten. Der Wunsch der Vcrbündlcr ist in• /.wischen jedenfalls in Erfüllung gegangen: von der Dumatrihünc herab konnten Pogromreden gehalten werden, die min iin ganzen Lande Verbreitung finden. Die Vorbereitungen zur Interpellation, die streng ge• heim gehalten waren, dauerten eine Woche lang. Nicht ohne Schwierigkeiten gelang cs den Initiatoren, die nötige Anzahl Unterschriften zu erlangen. Selbst manche Nationalisten lehnten es ab, an.der blutigen Arbeit mitzuwirken. Schließlich aber hatte man •10 Unterschriften bekommen, deren erste die von Purisch• kewitsch war. Am Tage der Interpellation brachten sämtliche ״patriotische“ Blätter große Leitartikel über den ״Ritualmord“ mit dem Wortlaut der Interpellation. Die ganze Kampagne wird nach einem genauen ein• lieblichen Plan betrieben. Hier fand eine Beratung von führenden jüdischen Persönlichkeiten statt, in der beschlossen wurde, eine geeignete jüdische Persönlichkeit nach Kiew zu ent• senden, um sich über die Sachlage an Ort und Stelle zu informieren. Von einer besonderen Ausforschung der Mordaffäre selbst wurde Abstand genommen, eben• so von der Festsetzung einer Belohnung für den Entdecker des Mörders. mußte sie mich erst daran erinnern, daß svir uns ja für Montag, den 1. April 1911, verabredet hatten, uns alle in einen! Kaffeegarten zu treffen — die ganze Klasse! Ich lächelte — du lieber Gott, das halte ich freilich vergessen I Erst ein paar Jahre, und doch, wieviel Lebenssturm und Kampf hatte mich seither umbraust I In welchem rasenden Lauf war ich dem Ziele zugestrebt, höher, höher hinauf! Und doch hatte cs mich manchmal mit weichen Armen umfangen und mich gezwungen, eine Sekunde still• zustelien und zurückzuschaucn in meine Kindheit. In meinem Herzen stand ein sonniges Frühlings• | bikl, tausend neckische, liebe Erinnerungen an Schul• zeit und Klndcrfrcuiidschaftcn und unsere ersten süßen kleinen Geheimnisse, als ich dem Treffpunkt zuschritt. Ich kam spät und wunderte mich im Stillen, daß andere schon um 4 Uhr Zeit hatten. Als ich kam, sah ich schon die lange Kaffeetafcl, und dahinter die vielen bunten blumen- und federgcschmücktcn Fraucnhütc. Es gab ein kleines Hailoh bei meinem Eintritt, ein Händeschütteln und Begrüßen begann, dam! zog mich Else, die Einzige, mit der ich die ganze Zeit über im Verkehr geblieben war, neben sich auf einen• Stuhl. Es war selbstverständlich, daß ich gerade hier sitzen mußte; ich machte mir das noch nicht klar, aber ich empfand cs. Nun konnte ich sie alle in Ruhe mustern. Da war Hedwig, die ein so keckes kleines Ding gewesen, Ocsela, die die Taschen stets voll Konfekt und Liebesbriefen hatte, Johanna, die kluge Klassen• erste, Gertrud mit d־־. ׳jiiscligcn Oarderobe und, Palästina-Reise-Gesellschaft e. V. in Hamburg Die Verbreitung der Kenntnis von Palästina ist besonders in den letzten Jahrzehnten das Bestreben weitester Kreise sowohl unter Juden als auch Nichtjuden gewesen. Der Grund dieser Tatsache ist wohl darin zu suchen, daß neben der größeren Bedeutung, welche die Neuzeit religiösen Fragen beimißt, gerade unter den Juden durch den Zionismus Palästina als das Land unserer Väter und auch, wie wir hoffen, als das Land unserer Kinder der Gegenstand allgcmeinen Interesses geworden ist. Rein .Wissenschaft• liehe Vereine, wie der deutsche Palästinaverei» und die Gesellschaft für Palästinaforschung, welche Ende 1910 in Berlin ausschließlich von Juden gegründet worden ist, beschäftigen sich mit der Erforschung des Landes und seiner Geschichte; Kolonisations• vereine und Gesellschaften, wie der Verein ״Esra“, die Palästina-Land•! >cvclopmcr1t-Co. und die Oppen• hcimersche Sicdelungs-Oenossenschaft, der Jüdische Nationalfond. und die Oelbauinspendc befassen sich mit der Aufforstung des Landes und der Förderung wirtschaftlicher Möglichkeiten. Wohltätigkeits• und Seludvcrcine sind gegründet worden, um die Armen vor den! Verhungern zu schützen und der Jugend die Möglichkeit zu gewähren, moderne, für den selbständigen Erwerb ihres Lebensunterhaltes notwendige Kenntnisse sich an/ueignen, wie sic z. B. das liebräisclic Gymnasium, die Tachkcmoniscliulc, die Schulen des I lilfsvcreins deutscher Juden und. der Alliance brachte universelle und die Kunstgcwcrbcschule ״Bezalel“ darbictcn. Zeitschriften und Bücher sorgen für die Ausbreitung der Kenntnis über das Land unserer Selmsucht, wie auch Vorträge und Bilder und der gelegcntlichc Vertrieb von Erzeugnissen unserer Koloiiicn uns immer mehr die Schönheiten und wirt* schädlichen Aussichten Palästinas vor Augen führen. * Das llauptmittel, Land und Leute kennen zu lernen, und wohl auch eit! großer Ansporn, sich event. mit der Möglichkeit einer eigenen Ansiedlung oder wenigstens der Investierung eines Teiles des eigenen Kapitals in Erez. Israel zu beschädigen, sind aber Reisen, bei welchen man aus eigener Anschauung und durch eigene Nachprüfung die Nachrichten, die von dort gebracht werden, auf ihre Richtigkeit und Wahrheit untersuchen kann; ganz abgesehen davon, daß wohl jeder von uns in dem Innern seines Herzens den größten Wunsch hegt, das Land unseres Ideals wenigstens einmal im Lehen mit eigenen Augen gesehen und die Stätte der glorreichen Geschichte unseres Volkes betreten zu haben. Solche Reisen sind, wie bekannt, schon wiederholt von zionistischen und nicht/ionistischcn Gesellschaden unternommen worden und werden auch noch weiter beabsichtigt. Die Teilnahme an einer solchen ist jedoch mit sehr erheblichen Kosten verbunden und nicht jedem, der gern tcilncluuen möchte, ist es möglich, allein den nötigen Betrag aufzubringen. Um diesem Ucbclstaml nbztihclfen, und wenigstens einem Teile dieser Palästinafrcurulc die Mittel zu einer Palästinnreise zur Verfügung stellen zu können, ist nun auf der Grundlage gegenseitiger Hilfe die Palästina-Reise-Gesellschaft in I laniburg begründet worden, deren Ziele und Organisation im folgenden kurz dngclegt werden sollen. dem träumenden Blick, die einst durchaus eine Tragödin werden wollte und nun Genicindeschullehrerin war. Ach, wie wenig war noch übrig von der einstigen Lieblichkeit! Junge Frauen, meistens unschick, geschmacklos gekleidet, alle ein bißchen nüchtern aussehend, oder Mädchen mit ernsteren Blicken, die den Lebenskampf kämpfen. Und dann die anderen — denn ich bemerkte plötzlich, daß sich unsere Gesellschaft genau in zwei iiäiitcvi U'iUc, die Schlichten da drüben und die etwas Anspruchsvolleren um mich und meine Freundin Else. Auch hier junge Frauen mul strebende Mädchen. Auch hier Sorge für Häuslichkeit und Gatten, Stolz auf die kleinen Kinder oder auf den selbständigen Beruf. Und doch ein Unterschied, eine andere soziale Stufe, ein Lehen mit anderem Gesichtswinkel, kleinen und doch so trennenden Unterschieden. Eine andere Art der Kleidung auch, etwas Geschmackvolles und zugleich prätentiöser. Die drüben hatten sich zun! Teil geputzt, wir hier gingen absichtlich einfach. Drüben ein Aufgehen im Behagen der Stimmung des Augenblicks, liier ein Beobachten, ein wenig Wehmut, ein wenig, ein klein wenig Zufriedenheit mit sich selbst, Ueberlcgcnheit und Spott, daß man hergekonunen. Noch einmal sah ich mir die an, die in meiner unmittelbaren Nähe saßen, zu denen ich gehörte: cs waren die Jüdinnen unserer einstigen Klasse; die Christinnen saßen drüben. In fünf Jahren wollen wir uns wieder treffen. Die kleine Frau aus Hinterpommern wird gewiß

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