Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 222 JIJEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 20 Dieser Anschlag muß unter alle 11 Umständen abgcwehrt werden! Wenn die in der Tat revisionsbedürftigen Statuten des O.cmeitidcbundcs geändert werden sollen, dann muß die Acnderung inj liberalen Sinne erfolgen. Wir wollen für heute ganz davon abschen, was jeder wahrhaft Liberale an For* derungen für eine solche Aenderung zu stellen hätte, z. B. vor allem Wahl der Vertreter durch die Ocmeindemitglieder und nicht Ernennung durch den (ktneindevorsland. Jetzt kommt cs lediglich darauf an, daß nicht etwa die geradezu unerhörten Bestimmungen, die der Vorstand des D. I. Ü. B. Voranschlägen für richtig findet, gel• tendes Gesetz werden. Denn das wäre die Z e r* Störung des ganzen Deutsch-lsrae- I i t i s c h e n 01 e in c i n d e b u n d e s, an dessen Existenz alle Juden das gleiche Interesse haben, dem weiter anzugehoren sich die kleinen Gemeinden aber mit Recht weigern würden, wenn sic einsehen müßten, daß ihnen außer dem Rechte, zu zahlen, nur noch das eine Recht zu* stellt, den Mund zu halten. Noch gelten für die Beschickung des XII. Außerordentlichen Deutsch-Israelitischen Ge* meindetages die alten Bestimmungen, die zwar schlecht sind, aber hundertmal besser, als die neu vorgcschlagcncn. Deshalb ist es vornehmste Pflicht der ganzen jüdischen Presse, soweit sie sich nicht in den Dienst einseitiger Interessen einiger Großgemcindcn stellen will, die Vorstände aller kleineren Gemeinden schleunigst darauf aufmerksam zu machen, welche Gefahr ihnen droht. Diesmal können noch alle Gemeinden, auch die kleinsten, sich eine Vertretung beim Gcmcindctage sichern und einen Delegier* ten mit der Stimmabgabe beauftragen, der die bindende Verpflichtung cingcht, unter allen Um* ständen gegen den ominösen § 13 des neuen Statuts zu stimmen. Versäumen die kleinen Gemeinden diese nächstlicgcndc Pflicht, so werden sic sich nicht beklagen dürfen, wenn der XIII. Gcmeindetag ein Judengesetz annchmcn und der Regierung in Vorschlag bringen wird, das alle ihre Inter* essen vernachlässigt und in der einseitigsten Weise auf die Bedürfnisse der Großgemcindcn, 80 wie unsere liberalen ״Führer“ sie verstehen, zugcschnittcn ist. Was irgend in unseren Kräften steht, muß geschehen, um den liberalen Herren durch ihre reaktionäre Rechnung einen dicken Strich zu machen. Gar zu gut haben sie von ihren Gegnern im allgemeinen politischen Leben Deutschlands gelernt, wie man es machen muß, um sich' die Macht zu sichern. Unsere Pflicht ist cs, die innere Verlogenheit eines solchen ״Liberalismus“ aufzuzcigen und alle zu warnen, die es angcht Gegen diesen neuesten Putschversuch muß alles mobil gemacht werden, was in der deut* sehen Judenheit noch an wirklich liberalen Kräften lebt. Denn wirklich liberal wäre cs, auch die kleinsten Gemeinden — und gerade diese, die heute einen so überaus schweren Stand haben — ausgiebig zu Worte -kommen ku lassen, statt ihnen jeden Einfluß zu nehmen. Es ist aber so unliberal als möglich, erst einen Verband der Gemeinden zu schaffen und daun dessen Satzun* gen so ciuzurichten, daß der Wille einer Handvoll Leute, die der Zufall oder die eigene Strebsam* keit oder die Unachtsamkeit der anderen an die Spitze gestellt hat, zum allein ausschlaggebenden Faktor für die Geschicke des Verbandes und damit der ganzen deutschen Judenheit wird. Wir sind nicht naiv genug, uns cm/.ubildcn, daß wir die Herren, die bei der Ausarbeitung ihrer Acnderungsvorscbliige sicherlich sehr genau gewußt haben, was s|e wollen, eines besseren belehren werden. Eben deshalb aber wieder* holen wir ,nochmals unsere eindringliche Mali* nnng an die deutsche Judenheit, soweit sie sich nicht blindlings gängeln lassen will, alle primi* tive Vertrauensseligkeit von sich abzutun und ihre Geschicke zielbewußt und energisch selber in die Hand zu nehmen. Das wird dann wirklich liberal im besten Sinne sein. Was die leitenden Herren jetzt vor* haben, 'das nennen sic selber sonst mit Vor* liebe;,Agrarier-Politik“, soll heißen: andere zahlen lassen und selber regieren! ’ Drei oberflächliche Geschichten f&r nachdenkliche Leute Kinder Sonntagnachmittag. Ein kühler Märztag, Noch stehen die Bäume kahl, noch jagen grauweiße Wolken am trüben Himmel. Und doch liegt ein Etwas in der Luft, eine Ahnung, ein Seimen und Verheißen und raunt und flüstert: still, still, er will erwachenI Hoch uml&ngt ihn der Schlummer, aber schon regt er sich leise, schon schaffen allerorten unsichtbare Mächte und bahnen ihm den Weg: ihn!, dem Prinzen Frühling! An mir vorbei schreiten in dem fahlen Sonnen* 6chcin ein paar kleine, •weiße Ocstaltcn. Durch die dünnen Kleidchen bläst die scharfe Märzluft, und starre Finger halten die große Kerze. Wie mir der Sturm einzelne zerrissene Glockcnklängc von der nahen Kirche herweht, da fast mich ein seltsames Verlangen. Ich gehe auf die Kirche zu und steige die Stufen hinan. Pa 8*c^c c*bc Ecke gedrückt und lasse die Stimmung, die mich umfängt, auf mich wirken. Den. Altar,, die Kanzel verbergen mir die Pfeiler, nur auf eine dicht gedrängte Menge von Menschen blicke ich, auf der das fahle Licht des Märznachmittags, vermischt mit dem der elektrischen Lampen, . j . kämpfen miteinander, die beiden Lichter, und keines kann Herr werden. Zu den bevorstehenden Alliancewahlen Von Dr. Elias (Mülhausen i. Eis.). Lange Zeit galt die Alliance israölite universelle als die beste und rührigste Vertreterin des Juden׳ tums. Ihr Programm und ihr Name, der ein Pro* gramrn bedeutete, hatten einen mächtigen und nach■ haltigen Widerhall in allen jüdischen Herzen ge• funden. Alle diejenigen, die ihr Solidaritätsgefühl als Juden betätigen wollten, schlossen sich ihr oder Organisationen an, die nach ihrem Vorbild gegründet und geleitet wurden. Und solange Crdmicux lebte und unter seiner Führung verfolgte die Alliance nur ein Ziel: den Juden in der Not zu helfen; und sie kannte mir einen Weg, um dieses Ziel zu erreichen: den Weg, auf dem CriSmicux sic führte. Nachdem aber Crcmicux, der in seiner Eigenschaft als Prüsi• dent der Alliance sich nur als Jude gefühlt und nur als Vertreter der Judenheit gewirkt hatte, gestorben war, übernahmen die in Paris wohnenden Mitglieder des Zentralkomitees der Alliance die Führung und schlugen einen Kurs ein, der mit den Wünschen und Interessen der großen Majorität der Mitglieder in Widerspruch stand und der früh oder spät zu einem Konflikt führen mußte. Durch rücksichtsloses Vorgehen, durch Ausniitzung und Verletzung der Statuten, je nachdem dieselben ihren Interessen entsprachen oder widersprachen, gelang es ihnen bis heute, die Herrschaft zu behaupten. Der Diffcrcnzlcrungsprozeß aber, der die Judenheit in die verschiedensten Oruppcn zer■ legt hatte und der zur Zeit Cremlcux's vor der Alliance Halt gemacht hatte, griff nunmehr auf die Von vornher dringt die Stimme des Geistlichen; für mich bleibt er unsichtbar, dadurch erhält der monotone Singsang der Litanei etwas ,Wesenloses, ln kurzen Intervallen durchrauscht das: ״erbarme dich unser“ der Gemeinde die Kirche wie eine kleine, dunkle Welle. Die Litanei ist zu Ende, die Menschenmenge auf die Knie gesunken; nur ich, die Fremde, stehe auf* recht in meiner Ecke. Dann hebt da vorn, da, wohin ich nicht schauen kann, ein Raunen an, ein gc* schäbiges Sichrcgcn. Noch ist alles meinen Blicken verborgen, nur eine süße, schwere Wcihrauchwolkc dringt zu mir. Und dann klingeln die Qlöckchcn, und erwartungsvoll fühle ich die Atmung eines Kom* menden. Eine neue, dichtere Wcihrauchwolkc. Lauteres Glöckchcngcbinuncl. Eine wallende Falmc. Ein gleichmäßiger Schrittakt ־־־ und nun tauchen vor mir die ersten Gestalten auf. Die Prozession kommt. Da ziehen sic vorbei, die kleinen Knaben, in der festgeschlosscncn Hand die brennende Kerze, die Lippen ernst aufeinandergepreßt, und ihre Augen, die reinen Kinderaugen, sehen.still vor sich hin ein wenig Fragen ist darin, ein wenig erwartungs* volles Glänzen, ein wenig Stolz und dennoch die unfaßbar durchsichtige Klarheit des tiefen, tiefen Bcrgsccs. . Ich stehe und stehe,.starre auf die kleinen Oe* staltcn, und mein Blick umflort sich,, cs steigt mir heiß in die Augen. Erde und Gegenwart sind mir Alliance über, und Zionisten und Orthodoxen und die in der Deutschen Confcrcn/gcmcinschaft gruppierten deutschen Allianccmitglicder begannen die Tätigkeit des Allianccvorstundes zu prüfen. Die Zionisten sahen, wie die Alliance Tausende von Schülern dein jüdischen Nalionalgvdankcn entfremdete, und wie sie durch ihren Einfluß auf die lea und mittels einer ihr ergebenen Presse und ihrer Verbindungen mit türkischen Machthabern der Ver• wirkiiehung des Zionismus Hindernisse in den Weg zu legen wußte, die bis beute noch nicht überwunden werden konnten. Die Orthodoxen sahen an der Spitze des Schulwerks der Alliance einen Mann, der sich durch kein Rcligionsgesetz gebunden fühlte, und der durch ein Sendschreiben, in dem er andere zur Uebertretuug der wichtigsten religiösen Gebote aufgefordert hatte, sich berüchtigt gemacht hatte. Die deutschen Mitglieder, die lange Zeit der Leitung das größte Vertrauen entgegengebracht hatten und der Ucber/.euguiig gewesen waren, ein Werk zu unter* stützen, das ausschließlich jüdischen Interessen dienen sollte, kamen allmählich zur Ucher/.cugung, daß die Alliance cs als eine ihrer wichtigsten Aufgaben be* trachte, die französischen Staatsintcressen im Orient zu fördern. Seit Jahren hielten sich auch die bc* rufensten Vertreter der französischen Politik für ver* pflichtet, im Parlament und in der Presse der Alliance ihre Anerkennung für die Dienste auszudrücken, die sic Frankreich geleistet habe. Es lag für die deutschen Mitglieder kein Grund vor, das Wort solcher Per* sönlichkciten in Zweifel zu ziehen. Auf die Zionisten glaubte die Alliancclcitung keine Rücksicht nehmen zu müssen. Sic versäumte deshalb auch keine Gelegenheit, um ihren Anti* pathien gegen die zionistischen Bestrebungen einen möglichst klaren und lauten Ausdruck zu geben. Sogar bei Gelegenheiten, bei denen Schweigen die erste Anstandspflicht eines Juden gewesen wäre, mußte geredet werden. Mit größerer Vorsicht wurden die Orthodoxen und die (Hutschen Mitglieder behandelt. Als die Alliancclcitung die Wahrnehmung machte, daß das Zutrauen der Orthodoxen und der deutschen Mitglicdcr zu wanken begann, entschloß sic sich, um die Bedenken derselben zu zerstreuen, eine Mission pach dem Orient zu schicken; dieselbe sollte die Schulen inspizieren und den Nachweis bringen, daß die Alliance nur jüdischen Interessen diene. Das Mißtrauen der Orthodoxen aber wuchs. Sic hatten erklärt, nur einer Mission, der auch Ortbo* doxe angcliörten, Vertrauen cntgcgcnzubringcn, und hatten dementsprechende Forderungen gestellt, und die Alliancclcitung hatte auf sic keine Rücksicht ge* nonimen. Sic nahmen deshalb von dem Bericht, den die Mission nach ihrer Rückkehr abstatletc, keine Notiz. Und auch die deutschen Mitglieder sahen sich nicht veranlaßt, ihre Haltung zu ändern. Der Bericht* erstatter der Mission konnte selbstverständlich die Tatsache nicht verschweigen, daß das Französische der Angelpunkt des Unterrichts in den Alliance* schulen sei. Er behauptete aber, daß das Französische in dem Umfang gelehrt werden müsse, wie cs in den Alliancescliulcn geschehe, weil nur auf diese Weise die Schüler in ausreichender Weise die Sprache lernten, die für ihr späteres Fortkommen notwendig wäre. Einen Vergleich aber mit den Resultaten der Schulen anderer Organisationen, der allein hätte überzeugen können, versuchte er nicht. Er operierte entschwunden, meine Seele schwebt in den Reichen der Vergangenheit und Zukunft. Ein paar kleine Knaben sehen erstaunt zu der Fremden auf, der die Tränen unaufhaltsam über die Wangen rinnen. Wie durch einen Schleier sehe ich die kleinen Mädchen kommen, die Qesichtchcn so ernst, weiße Kränze im offenen Haar, und der Blick rein und hell ־— nur bei ganz, ganz wenigen schon der Spiegel einer Persönlichkeit, eines bewußten Ich. Unaufhörlich klingen — nun schon cntfcrnlcr -• die Glöckchen durch den Raum, und unaufhörlich fließen mir die Tränen über das Oesicht. Ich trinke die salzigen Tropfen und sehne mich nach dein Zeichen zum Niederknien. Knien, anbeten die Majestät des Kindes, der reinen Unbewußtheit! Da bleibt mein umflorter Blick an einer Oestall hängen. Sic schreitet mit im Zuge, ist weiß und jung und zart wie die anderen. Und doch — was ist cs, das sic unterscheidet, sic hervortreten läßt aus den vielen weißen Kindern? Eine ganz kleine Besonderheit im Schnitt des Anzuges, eine ganz kleine Nuance in der Haartracht, ein wenig fertigere Formen unter dem weißen Kleide, ein weißes Damentäschchen in der Hand mit der Kerze und ־־־ ein ganz bewußter Ausdruck in Oang und Blick. Der Oang und Blick eines Weibes. .• Ich sehe dem Mädchen schärfer ins Oesicht — seine Züge verraten unverkennbar seine jüdische Ab* stammung.