Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1911)
- Date
- 1911-05-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 212 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 19 schätze Sic als Obcrrabbiner und Vorsteher unserer Gemeinschaft und mich mehr als Person, welche die Ehre der ihr teueren Gesellschaft verteidigt. Indem ich aber an den bekannten Spruch denke: ״Liebe Plato, liehe Aristoteles — noch mehr aber «Ko Wahrheit", wende ich mich an Sie mit einer kleinen Frage: Warum stellen Sie die ״Alliance" hoher als unsere Religion und Lehre? Weshalb treten Sic aus ״Mac• eabi" aus infolge eines Angriffs auf die ״Alliance" und bleiben doch ein Anhänger der ״Alliance", obgleich einer ihrer I lauptlciter, Herr Rcinach, unsere Religion und unser Volk in schärfster Weise beleidigt hat? Insbesondere interessiert mich die Sache, da ich als Lehrer in einer Allianceschule nicht weil!, wie ich mich in meinem Amte verhalten soll. Einerseits müßte ich Ihrem Beispiele folgen und mit Vcracli• itutg• meine Anstellung in jener üesellschaft aufgcbcu, deren I lauptleiter unsere heiligsten religiösen und nationalen Üeftihle verletzt hat - - oder soll ich mein Amt behalten und den mir anvertrauten Kindern die Lehre unseres Oberhirten Herrn Rcinach beibringen, dalt ״das Judentum weder ein Volk, noch eine Reli• gionsgemeinschaft, mich auch ein Unglück ist, sondern eine überwundene Tradition", und duli ״unser ganzes Verdienst darin besteht, der Welt das Christentum gegeben zu haben." Mit Hochachtung Uscltcr Erlich Lehrer der Alliaucescltule in Bcvrutli." Die Antwort darauf hat nicht der Chachambaschi sondern Rcinach selbst erteilt. Der dreiste Lehrer ist nämlich auf Befehl aus Paris seines Amtes ent• hobelt worden. Hie Angelegenheit, mit der sich auch das Odessacr Palästinakomitee befallt hat —, verdient gerade jetzt vor den Wahlen in der ״Alliance" bv• sondere Beachtung. Ritualmordhetze in Kiew Am 12. März a. St. verlieh der zwölfjährige Christ• liehe Knabe Andrej J u s c h t s c h i n s k y in Kiew die elterliche Wohnung und wurde seither vermillt. Etwa acht Tage später fand man ihn in der Umgebung von Kiew tot auf. Angeblich zeigte die Leiche Spuren von Messerstichen. Für die judenfeindlicheu Zcitun• gen war der ״Ritualutord" fertig, und alsbald er• schienen in der ״Russkoje /.namja", im ״Kolokol" in der ״Semsehtschina" und auch in dem ״vornehmen" Organ der höheren Bureaukralic, der ״Nowojc Wien!• ja", blutrünstige I letzartikel, in denen die Ermordung des Knaben den jnilcii in die Schuhe geschoben wird, die sein Blut sicherlich vor dem Pcssachfcstc zu ״rituellen Zwecken" verwendet hätten. Der berüchtigte antisemitische Mitarbeiter der ״Nowoje Wremja", Fürst Menschikow, veröffentlichte dieser Tage in dem genannten Blatte ein längeres Feuilleton, in dem er mit dein Aufwand grollen Scharfsinnes mul impo iiiercmLr Belesenheit in der antisemitischen Lite ralur nach/uwciscu sucht, die Kicwcr ״Chassidim" seien die Mörder des Knaben Juschtschinsky. Die Wirkung dieser gewissenlosen Hetze ist leider nicht atisgvblicbcu. Der Pöbel in Kiew nimmt gegen die Juden eine immer drohendere Haltung ein. An dem < irabe des ermordeten Knaben werden Truue.nndach* teil abgehalten, das Ural) wird von den Betern tag• lieh mit frischet) Blumen geschmückt, und die Vcr• sammelten erzählen einander offen, das arme Kind wiirdige Nachricht, dall sich Reisende davon überzeugt haben sollen, dall der Boden des Sees zwei Ebenen in sielt schliche, eine holte und eine niedere. Die erste im Süden soll aus Ion, die nördliche aus Schlamm, Inkrustationen und recbtwinkeligcn Salz• kristallen, die sich in grolle Tiefen senken, bestehen. Das Tote Meer hat keinen genügenden Ahflull, mul «hielt nimmt cs ja das gesamte Wassc^ des Jordan in sich auf. Das ganze Deprcssionsgebiet umfalit eine Fläche von ’3S'IV> Quadratkilometer. Nach den Berechnungen von Marchnut flicflcn täglich durch• schiüttlich (i'XMIOI) Eiter Wasser in «las Tote Meer, tlie ihm allein durch den Jordan ztigeführt werden. (Vergleiche auch die Abhandlung: ״Woher kommt «las Wasser «les Toten Meeres.) Der Regen un«l die andern Zuflüsse verdreifachen diese Zahl, so dall wir eine tägliche Wasserzufuhr von rund zwei Millionen rönnen oder zehn Millionen Ktdtikftill rechnen können. Nach «len Versuchen, die Alexander von Humboldt in Ctimbano über die Verdunstung groller Wasserflächen anstclltc, könnte mau für das Tote Meer auf 'H Quailratmeilen eine tägliche Wasserverduustung v«m 2<130C()ß Kttbikfull rechnen. Balard, der aus• gedehnte Studien über die Verdampfungsbassins im südlichen Frankreich, die zur Gewinnung «les Koch• salze» aus dem Meere angelegt wurden, machte, fand, da|l auf einer Fläche von 2U0 Hektar bei einer Tiefe v«»n •10 Zentimetern jährlich 800 0(Xf Kubikmeter Meereswasser verdunsten. Die Balardschen Zahlen mit Berücksichtigung Von Temperatur und Tiefe er• geben» für das Tote Meer eine tägliche Verdunstung sei ein Opfer der Juden, die ihm Blut für ihre Mazzoth abgezapfl hätten. . . . Die Kiewer Juden erinnern sielt voller Besorg• nisH־ der Wirkungen, welche derartige Agitationsver* suche in froherer Zeit gerade an ihrem tlurch Po• groinc mehrfach hcimgestichlen Orte gehabt haben. Von Kiew sagte ja Fürst Urussow in der ersten Duma, dall «lort zu jeiler Zeit du P«»gro1n je nach Bedarf, mit Ermordung von zehn Juden mler von Zelmtaiisenden parat sei. . , , Die in Warschau erscheinende jüdische Tageszvi• tung ״Der Moment" fonlert die russische Rab• h i n e r k o mm i s s i o n , die nach dem Qesetze eine ständige Institution bildet und daher auch in einer Zeit, wenn sie nicht gerade tagt, als religiöse Ver• tretungskörperseliaft der russischen Ju1lcnh1.it gilt, dringend auf, eine Eingabe an den Premier* minister zu richten, in der die Grundlosigkeit der Ritiialinordhcsehtililigimg nachgcwiescii und die Re* gierting ersucht werden soll, tlie Verbreiter der falschen Nachrichten, welche den Zweck haben, die verschie• «lenen Bevölkeruugsklusseu gegen einander aufzureizen, mit aller Strenge zu bestrafen. Auch fordert «las genannte Blatt die beiden jüdischen ßumadepu• tierten auf, durch persönliche Vorstellungen bei «len Ministern dahin zu wirken, daß die gefährliche Ritualmordlietze im Keime erstickt wird. Ueber Rentabilität von Oel־ bäumen ln dem jm Jahre IQÜS erschienenen Palästina• Buche*) von Professor Dr. Hermann Out he ist »lein Oelhatim besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Es heißt dort: ״Junge Oclhäumc zieht man in Palästina nicht aus «lern Kern, sondern in der Regel dadurch, «laß mau die Wurzelschößlinge des älteren Baumes durch Oku* liercn veredelt. Wenn dieses gelungen ist, so trennt man sie von dem Wurzclstaumi los und pflanzt sie au ihren Oi* Sie wachsen nicht rasch und fangen daher erst nach Altlauf mehrerer Jahre an, Früchte zu tragen. Der einheimische Bauer läßt dem Oel* haiini wenig Pflege aitgeilcihcn; er pflügt den um• gehenden Boden und putzt von Zeit zu Zeit «lie Zweige aus. Daher vergleicht er sie mit einer Be- «lawijc, einer lleihiiuenfrau, «lie selbst in «ler Wildnis und trotz ihrer Vernachlässigung stark und leistungs* fähig wird. Aber freien Platz, will der Oelhatim haben; seine breiten Wurzeln ziehen die Säfte aus «lern Boden und seine umfangreiche Krone wirft Schatten. Daher kann man Reben oder Feigenbäume, wenigstens auf die Dauer, nicht dazwischen pflanzen, das l eid auch nicht besäen. Es gib! verschiedene Arten des Olivenhaumes und demnach auch Früchte, «lie sieli in der Größe und Farbe voneinander unterscheiden. Die Oliven werden entweder in Salzwasser eingemacht und gern zum Brot verzehrt, oilcr sic werden zu Brei gemahlen, um Oel aus ihnen zu pressen. Man rcclmct mir in jedem zweiten Jahr auf eine reichliche Ernte und nimmt z. B, in J e r 11 s a 1 e 111 au, il.ill ein guter Baum durchschnittlich im jaltre 10 Franken einbringt. Das würde für «len Hektar mit ungefähr 20(» Olivenbäumen einen Ertrag von 2000 Franken bedeuten. *) Verlag Velhagen IV Khssing, Bielefeld u. Leipzig. von IS Millionen Kubikfull Wasser. Diese Zahlen ergeben uns eine Erklärung für die Tatsache, «laß trotz des mangelnden Abflusses und des starken Zu• Busses «lie SpiegelhOhc «les Toten Meeres ziemlich konstant blich. Nach dieser Berechnung hätte es sogar eintrocknen müssen, jedoch nimmt mit der Kon/ciitr.itioii des Salzgehaltes der Verdaiiipfimgs• (jimticnt einer Losung ah. In «len letzten 15 Jahren will man bemerkt haben, «lall der Wasserspiegel des Voten Meeres im Steigen begriffen ist. Für diese Annahmen sprechen folgeiule Tatsachen: Die kleine In-il Rutsehiuuel Bahr, die auf den großen englischen Kaden 1111 nördlichen Teil «les Sees vcr/eiehnel er• scheint, ist verschwunden. Ferner ist ein Weg am Westufer des Meeres, der um einen Felsvorsprung hernitiführte, jetzt ganz mit Wasser bedeckt, so «lall man jetzt über den Felsen reiten muß. Sodann stehen einige Sträuehcr jener Salzpflanzen, die allein in der Nähe des Toten Meeres gedeihen, jetzt unter Wasser, mul auch «ler I lahilus der weiiersteheiidcn Pflanzen läßt den Einfluß des Wassers erkennen, der sich über einem grillieren Gürtel als früher erstreckt. Wissenschaftliche Messungen sind noch nicht erfolg»; natürlich ist auch noch keine Erklärung für die Er• seheimmg gegeben. I ast alle Beobachter, vom Jahre 1778, w«> La• voisier und l.csagc Analysen des Wassers ausführten, Ins zum Jahre l‘K)7, in welchem* Stutzer und Reich «me Untersuchung über diesen Gegenstand veröffent• lichten - stimmen darin überein, «laß das Wasser des Toten Meeres überall klar und durchsichtig, aber Noch günstiger für den Wert «les Oclbauincs lautet «lie Berechnung, die auf die Erfahrungen der «I e u t s c h c n Kolonisten in Haifa ziirüikgeht. Sie verwenden mehr Pflege auf den Baum als die Fellachen; sic pflügen den Boden nicht nur, sondern düngen ilm auch und lassen ilm dreimal im Jahre hacken; ferner schlagen sie im Herbst ilie reifen Fruchte nicht mit dem Stock ab, wie cs die ein• heimischen Bauern schon seit di'it Zeiten Israels zu tun pflegen, sondern sie pflück«: n sie mul tragen dadurch sehr viel zur Schonung des Baumes bei, dessen zarteste mul wichtigste Zweige durch das Abschlagen der Früchte verletzt werden. Die bessere Behandlung vergilt der Baum durch reicheren Ertrag; er bringt mehr Früchte, und cs schwindet zu• gleich die Ungleichheit «ler Ernten, die d e m F c 11 a c h c n schon als Regel gilt. Fin Oelhatim von 50 Jahren kostet höchsten« öl» Franken. Bei guter Pflege bringt er jährlich im Durchschnitt zwei Keb Oliven zu je 60 Piaster, al«<> 12!» Piaster. Davon gehen als Unkosten für Pflugui und Hacken etwa 15 Piaster ab, so daß 105 -llü Piaster als Ei trag bleiben, d, h. 20 Franken. I »er Baum macht sich also in 2 Jahren bezahlt. Boi einer größeren Anzahl von Bäumen stellt sieh die U«•• reclmtmg noch günstiger. Mein Gewährsmann kaufte seihst einen Baum für 15 Franken und erntet davon jährlich einen Ertrag von 31» Franken. Für Bäume im Alter von 200 Jahren zahl» man 100 Franken und gewinn» von ihnen jährlich bis zu vier Keb, nach obiger Rechnung ein Wert von 210 Piaster oilcr reichlich 40 Frauken, mit anderen Worten eine Verzinsung «les Anlagekapitals zu 10 Prozent. Aus diesen Angaben geht klar lu'rvor, welch große Bedeutung der Olivetihatmi für den Landmaim in Palästina hat. Er bietet ihm «len sichersten und hc(|1tcmstcu Erwerb. Das weiß selbstverständlich die Regierung sehr gut und hat daher jeden gut tragenden Baum mit einer Steuer von 1,5 Piaster oder ungefähr 23 Pfennigen belegt. Der hohe Wert eines Oel• baumes spielt auch in Landverkäufe in cigentüm• lieber Weise hinein. Kauft man einen Oilbnmn, so hat man /!■gleich «len Grund und Boden bezahlt, in dein er stellt; kauft man aber ein Stuck Eaml, auf dem ein Oelhaum steht, so darf mau sieh durch• aus nicht der Hoffnung hingeheu, auch den Oelhaum zu besitzen, er gehört nach wie vor seinem alten Herrn." Aus den Kolonien weiß die ״Welt" zu berichten: Eine der besten Kolonien unter den von der lea in dem letzten Jahrzehnt in t •ntergahläa begründeten jüdischen Ansiedlungeii ist die Kolonie Milhamie. Während in andern Kolonien viele Kolonisten die Kolonie nach kurzer Zeit verlassen haben und aus• wandert sind, hat die Kolonie Milhamie im l aute der acht Jahre ihres Bestehens nur ein einziger Kolonist unter den 23 Familien, die sie bewohnen, verlassen. Die Kolonie zeichnet sich durch ihren fruehtb.irea Boden, durch ihre günstige Lage in der Nähe de« jordanfliisses und in «ler Nähe der Hedschashalm aus. Sic ist etwa eine Stunde von «ler Bahnstation Dschisei• Madscha (Brücke der vereinigten Wässer, weil hin der Jordan mit dem Jarmuk sieh vereinigt) ent fern! scharf und bittcrs.il/ig ist. Am östlichen Ufer s<■!; sich, nach Angaben von Hcrmbstüd», «las Salz m Lagern von zwölf Zoll Dicke aiigeli.iufl Italien, ähnlich wie man sie in der Nachbarschaft großer Gradier• werke vorfinilct. Die Belebung «les auwhmstcmkn Wassers mit Sal/teilchcn isl so groß, «lall die Kleid«! «ler Reisenden wie mit Reif beschlagen .־iiissclu״ Im See selbst wird alles organische Leben, mit Ae• nähme einiger mikroskopisch kleiner Protoplutcn, n.mi »ich Diatomeen des Süßw.isscrs, und einiger patii«»• gelier Bakterien tlurch den ungiwvöhnlielieii Sal/gclt.16 «les Wassers vernichtet. Der große Gehalt an gelösten .Mineralien veileiht dem Wasser einen so hohen Ora l von spezifischer Dichte, «laß ein Mensch nicht darin untersinkeii kamt. Der Asphalt, auf dessen reichliches Vorkommen schon der hauptsächlich bei den Franzosen übliche Name Asphallmecr einen Schluß gestattet, scheint auf dem Boden des Sees abgelagert zu sein und wird in festen Stücken an das Ufer geworfen. Diese Stücke sollen, nach Berichten der Alten, manchmal so groß gewesen sein, dall ein Kamel sie nicht hätte fort• tragen können. Neben diesem schönen porösen Asphalt, der auch für iiicdi/iuischc Zwecke Verwcn• düng tindct, treffen wir auch einen gröberen an, «ler längs der Küste gegraben wird und ״Jtulenpcclt" heißt. Außer dem Asphalt befindet sich in der Nachbar• schaft des loten Meeres ein von Bitumen durch• drungcticr Kalkstein, der, wenn er gerieben oder I erwärmt wird, einen dem Asphalt ähnlichen Geruch