Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1911)
- Date
- 1911-05-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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V JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 19 Mikwch Israel der Direktor Lottpo ganz Jaffa citilud, dann aber das, Halten von hebräischen Reden wie solchen im jüdischen Jargon verbot, und dal) dann I•/* Stunden die Alliance in französischer Sprache vor (»00 Personen gefeiert wurde, von denen kaum eine einzige französisch verstand. Oder dal) von dritter Seite ein monatlicher Zuschuß von 100 Francs gewährt wurde und vermutlich noch gewährt wird, damit man in der größten Hafenstadt Syriens an der Allianceschule hebräischen Unterricht erteilte I Wie sollen Kinder jüdisches Fmpfiudeu lernen, die das vor sich gesehen haben! Die Klagen der geset/es• Irenen Juden sind nicht weniger berechtigt. Was sollen wohl die Alliancelchrer die Kinder in religiöser Hinsicht lehren, wenn der Spiritus rcctor der Alliance öffentlich vom ״dreist-dummen Uilualisinus der Juden" redet, erklärt, daß er mit Freuden einen Kampf gegen die Spciscgcsct/c führen werde, den Sahbalh bcscitigcn möchte und ausruft: ״Voltaires Parole Fcrasons l'iufaine gilt gegen altes, was dem gesuiulcn Menschenverstände cutgcgcnwirkt," Wenn er erklärt, daß das Judentum w׳cder eine Religion, noch ein Volk, noch eine Rasse bedeute! Müssen in diesem (»eiste geleitete Schulen nicht direkt zum Abfall vom Judentum erziehen? Und wird dieser gehässige und verunglimpfende Geist, wie ihn der Rabbiner Werner mit Recht nannte, nicht der allein herrschende werden, wenn dereinst Herr Rcinach den greisen Herrn Leven ersetzen sollte? Wissen doch schon heute die Alliancelchrer genau, wie sehr sie von Herrn Rcinachs Gnade ablüingen. Wie sich die Alliance zu anderen Organisationen, zu üer tmsrigeii, zum Hilfsverein, zum Uezalcl stellte, war hingst bekannt. Nun erfahren wir, daß der Geist der rücksichtslosen Oligarchie auch im Inneren der Alliance schonungslos waltet. Daß — nach den Ausführungen des Geheimrats Landau ־־ man in Berlin kaum unterrichtet wird über das, was in Paris geschieht und beschlossen wird. Daß man sogar vermutet, nicht einmal die französischen Zentral• koinitccmitglicdcr seien richtig über die wirklichen Vorgänge zwischen Berlin und Paris informiert worden! Wenn das im Schoße der Alliance selbst ge• schiebt, kann man sieh freilich nicht darüber wundern, wem! gegen den verhaßten Zionismus in jener Weise vorgegangen wird, über welche die Ocffcntlichkeit kürzlich durch den Briefwechsel zwischen der Alliance und Herrn Wolffsohn unterrichtet wurde, Wenn man schon die eigenen Funktionäre nicht schont, wenn man hinter dem Rücken des Vorsitzenden der deutschen Coufcreuzgeniciiiscliaft gegen ihn die Kollegen scharf zu machen sucht, so können wir uns wenigstens insofern trösten, als offenbar gegen uns nur ein geheiligtes System zur Anwendung gebracht wird. Allerdings mußte ein solches Handeln eines Tages alle gesunden Kräfte des Judentums gegen Paris mobil machen, und soweit sind wir nun — leider — gelangt. Was soll jetzt werden? Die Conferenzgemeinsebaft hat nach Paris die Bitte gerichtet, Herrn Rcinach nicht mehr kandidieren zu lassen. Natürlich bekämpft sie nicht seine Person, sondern daß von ihm ver* tretene System. Sie ist abschlägig beschießen worden, mit der Motivierung, daß Herr Rcinach ein verdienst• volles Mitglied der Alliance sei, dessen religiöse IJeberzetigung mau nicht zu prüfen habe. Das klingt sehr schön, ist aber vollkommen falsch und stellt die Tatsachen auf den Kopf. Man kann einmal sehr lange einer Organisation augehören und braucht ihr darum noch nicht genützt zu haben. Herrn Rcinachs Arbeit war geradezu verderblich. Und was seine religiösen — oder unrcligiösen — Ucbcr/cugungcn angeht, so würden sic niemand interessieren, wenn er sie für sich behielte, oder wenn er sie veröffent• lichte, ohne zugleich der stellvertretende Vorsitzende der Alliance zu sein. Denn diese ist ein Schuluntcr• nehmen. Und zwar eins, das auf religiöser und v״ür. lieber Grundlage beruht. So wenig man aber zum Leiter eines katholischen Scluilwerks ,für Franzosen einen Mann brauchen könnte, der alle kathnlisclun Dogmen schmähte und das französische Volk für nicht existent erklärte, so wenig kann man einem Rcinach •10000 jüdische Schulkinder anvertrauen. Fs ist zur Not noch verständlich, dal) seine weltlichen fran/ö• sisfhen Kollegen ihn an der Macht erhalten wollen. Atis SöTTdaritätsgefühl oder aus anderen Gründen. Schwerer faßlich für Unbefangene ist schon das Verhalten der französischen Rabbiner im Pariser Komitee, die ja doch von Berufs wegen die Religion zu schützen haben! Gar nicht zu verstehen aber ist Herr Rcinach, selbst, der nach allem, was er getan und geschrieben,' was man ihm öffentlich gesagt hat, nicht begreift, daß er am falschen Platze steht, und der, statt ihn freiwillig zu räumen, um seine Person einen solchen Kampf ent* brennen läßt. Wir sind überzeugt, daß man in Paris die deutschen Juden als Halbbarbaren ansiebt, denen man nur vätcr• lieb zu winken braucht, damit sie dem vorango schrittencu französischen Judentum gehorsam folgen. Aus diesem oft beobachteten komisch wirkenden Ueberlegcnhcitsgefühl ist wahrscheinlich das ganze Mißverständnis entsprungen, das jetzt zum Kriege führt. Wir müssen aber denn doch sagen, daß die Kultur, so weit sic itn Zartgefühl besteht, in Deutsch* land größer zu sein scheint. Schwerlich wäre ein deutscher Herr, der solche gewichtigen sachlichen Angriffe erfahren hätte, nicht bereit gewesen, seine Person der guten Sache zum Opfer zu bringen! Herr Rcinach bleibt und ist entschlossen, seinen Posten zu behaupten, selbst wenn darüber dem Judentum unheilbarer Schaden zligcfügt wird. Quand mente. Das Judentum ist ja schließlich auch ״weder eine Religion, noch eine Rasse, noch ein Volk, noch selbst, wie Heine meinte, ein Unglück". Fs ist ja nach Herrn Rcinach nur eine Tradition des Freisinns, die Negation des Götzentums und alberner Fabeleien. Also nichts Positives. Und wegen solcher fleischlosen Negationen . . . Eine andere Frage ist nun, ob die ״zurückgc• bliebenen Juden" nicht bei der Wahl erzwingen werden, was man ihnen verweigert. Ob sie nicht sehr energisch ihr Votum abgebeu werden. Freilich ist die Arbeit der D. C. G. nach Kräften erschwert worden. Man hat in sehr berechtigter Angst vor der erwachenden misera contribucns plehs die Wahlen Hals über Kopf anberaumt, jeden Aufschub verweigert, und es so den Deutschen fast unmöglich gemacht, sich mit den Alliauccwäblcrn in entfernteren Ländern in Verbindung zu setzen. Paris hat auch natürlich bei der Abhängigkeit, in der Leiter und Lehrer der Allianceschulen gehalten werden, bei der wirtschaftlichen Abhängigkeit zahlreicher ungefestigter Existenzen, die man durch einen Wink auf die Straße setzen kann, viele Wähler in der Hand. Um so mehr wird man darauf achten müssen, daß unanfechtbare Wahlen erfolgen und die Angestellten der Alliance 3׳ד—י——-—יי————————-" Seite 210 ist der Ausdruck allmählich angesammelter ehrlicher Entrüstung guter Juden und aufrechter Männer gegen den geistigen Urheber des gegen wattigen Systems der Pariser Alliance, der in Büchern und Aufsätzen, in Reden und Handlungen einen Standpunkt vertritt, der das Judentum in der öffentlichen Meinung schwer schädigen, seine Bekenner herabwürdigen und in Tausenden von Juden ein Gefühl unendlicher Bitter• keit und Verlassenheit erzeugen mul). Uns allen sind diese Ansichten nichts Neues. Wir lasen sic im ״Echo sioniste", im Frankfurter Israelitischen FumilicnhlaU, im famosen ״Orpheus". Wir haben gestaunt und den Kopf geschüttelt, aber geschwiegen, wie wir es stets tun, wenn es sich um interne Angelegenheiten anderer Verbände handelt solange nicht die Ocffcntlichkeit direkt g e z. w u! g c n wird, sich mit deren führenden Persönlichkeiten zu beschäftigen. Wie die Verhältnisse liegen, würden wir ja oft genug sonst nur den von uns Angegriffenen nützen. Denn wenn die bösen Zionisten einen Mißstand rügen, so greift man gern zu dem bequemen Auskunftsiniticl zu behaupten, daß wir lediglich aus politischen Gründen, aus Eroberungstaktik in den Kampf gehen. Deshalb haben wir uns stets auf die Abwehr von Angriffen beschränkt. Nun aber haben sich die Verhältnisse geändert. Den deutschen Führern der Alliance, den Fuchs, Landau. Werner, Vogelstein (!) wird man ja schwerlich Zionismus vorwerfen können, und wenn s i c heute in die Oeffcntlichkcit flüchten, nachdem Paris ihre sehr gerechtfertigten Bitten und Wünsche mit derselben kaltblutigen Nichtachtung abgewiesen hat. der sich andere jüdische Organisationen stets im Verkehr mit Paris zu erwehren haben, so muß cs wahrlich weit gekommen sein! Und darum wäre es für uns ein großes Unrecht, auch heute zu schweigen. Die Alliance ist der schönste und reinste Ausdruck der Verbrüderung des Judentums. Sic betreibt «ins der großartigsten humanitären Werke, die es in der Geschichte gegeben hat. ״Alle Juden bürgen füreinander" ist ihr Wahlspruch, und sic will allen, <lie als Juden leiden, ihren kraftvollen Arm leihen. Deshalb haben wir stets freudig dem großen Einheitsgedanken dcrAlliancc zugestimmt und würden cs äußerst schmerzlich bedauern, wenn der in ihrem Schoße begonnene Kampf zu einem Bruche führen würde. Die Alliance ist eine Notwendigkeit für das Judentum, insbesondere ins Osten! <10000 Kinder sind iltrer Leitung anvertraut, 30000 Männer in der ganzen Welt steuern für ihr Hilfswerk bei und widmen ihr ihre Unterstützung. Wie aber übt nun Paris die ilun so gewordene Machtfülle aus? In den Schulen wird ein Geist gefördert, der •alles andere, nur nicht jüdisch ist. Es ist der Geist französischer Kultur, ins levantinisch-wässerigc übertragen — einer Kultur, für die sich wirkliche Frauzosen wohl bedanken würden —, die eine auswandcrungslustigc, der Tradition wie den heimischen Verhältnissen entfremdete Jugend erzieht. Wenn die Conferenzgcmeinschaft in der letzten Sitzung beklagte, daß man sich in Paris bemühte, aus der in tc rnationalen Vereinigung ,eine französische Institution zurecht zu machen, so erscheint dieser Vorwurf der Französicrung um so gerechtfertigter, als das, was in dieser Beziehung an den Schulen gesündigt wird, allmählich jedes Maß übersteigt. Vielleicht hatten die Herren noch schärfer geurteilt, wenn ihnen z. B. bekannt gewesen wäre, daß bei der Feier des fünfzigjährigen Bestehens der Alliance in David Pinskis neue Komödie Von D. Oskar Roscnfcid (Wien). Sollen wir das Streben der jüdischen Dichter nach einer geschlossenen Kunstform als das Symptom erwachter, bisher im Dunkeln schlummernder Kräfte anschcn? Als ein Zeichen, daß das Schicksal sic zum Verkünden von Trieben und Leidenschaften gemacht hat, die endlich einmal, von der Seele losgelöst, ein selbständiges Dasein führen wollen, in der Weise, daß im Dichter selbst eine innere Wand- 11mg, eine Kristallisation seiner unbenutzten Gefühle vor sich geht? Der Ghettojude neigte zum Sentiment, zur Resignation, bisweilen zur Ekstase oder zum Pathos. Zum bewußt Tragischen niemals. Er ging an dein Schmachten, an der Verhätschelung der Idee zugrunde, wenn seine Seele größer war als das alltägliche Geschick. Er krankte an! Utilitätsprinzip, wenn die Tradition ihm gebot, sich dem praktischen Nutzen itinzugeben. Der moderne Jude sucht die Einheit der äußeren und inneren Welt herzuslcllen, «r schleudert das Individuum .in den Kosmos hinein; «r weiß mit der Natur umzugehen wie mit Menschen. Aber der jüdische Dichter hat dies noch nicht gelernt: sein Gewissen, auch sein künstlerisches, ist zwiespältig und darum unwahr; cs wagt nicht, aus •einen eigenen ethischen Forderungen die Konsequenzen zu •ziehen und bleibt daher auf halbem Wege •tehen. Itn Bühnenstück rächt sich diese Halbheit atn tiefsten. Es verlangt handelnde Menschen, sei cs der Weg eines Einzelnen oder eines Volkes. Es ist nicht leicht, wenn man mitten im Erlebnis steht, sich der aufdrängenden lyrischen und episghen Elc* mente zu erwehren. Aber die Grenzen der dramatischen Technik sind zu fest und zu sicher gezogen, als daß man mit ihrer Vcrzichtlcisfung einer neuen, noch ungeprüften und gewiß waghalsigen Gestaltung zustreben dürfte. Pinski hat verheißende Ansätze im Dramatischen gezeigt, obwohl er sielt dem realistischen, russischen Milieustück genähert hat. Im ״Eisik Seheftei" gibt es Lichtblitz.e eines energischen Talents, Akzente auf tonlosen Flächen und echte Ausbrüche im Dialog. Daneben allerdings viel wertloses Füllsel und uttmotiviertes Insichhinciitsprecltcu. Das Schicksal Eiriks, des unverstandenen Erfinders, des Grüblers, der des Tages Notdurft vergißt, ist so recht typisch für die Empfindungswelt des Gliettomcnschcu in seiner beschränkten Anschauung und seinem engen Verstehen. Aber cs ist weder ins Allgemeine, Symbolischc gesteigert, noch instruktiv genug für den individuellen Fall. Eisiks Tragödie ist cs nicht, daß seine Umgebung den besseren Teil in ihm verkennt, sondern daß er nicht die Kraft hat, sich seine eigene ringt den Zweiflern ihre Geständnisse und nun stoßen er sie, sein Werk und sich. Pinskis zweites Aufflammen: Familie Zcwi. Ein übervolles Herz entleüigt sich programmatisch seiner Probleme. Das grinsende Schreckcnsantlitz, die Pogromgefahr, rüttelt die Nerven, treibt die Angstvollen zusammen, entringt den Zweiflern ihre Geständnisse und nun störten die Extreme aneinander. Jedoch kein Brand entstellt, bloß ein armseliges Strohfeuer, genährt durch das fanatische Bekennen der Idee, zur Tat erhoben durch die Abwehr gegen Mordbuhen. Ein Schauspiel, mehr aU ein Schauspiel, aber kein geformtes Erlebnis. Und nun die Komödie: Der Schatz.*) Line Komödie sagte ich? Ja, eine triviale Komödie für triviale Leute. Im Grunde genommen haben auch die großen Ereignisse, von der Kehrseite betrachtet, ein possenartiges Antlitz, erscheinen in ihrer zufälligen oder bedingten Lächerlichkeit, je nachdem wie man das Leben nimmt. Das Erhabene mag aus der Frosch- Perspektive kleinlich erscheinen, wenn man cs negiert. Das Lächerliche kann wiederum, indem man es auf große Schicksale überträgt, zu einer grandiosen Flöhe gesteigert werden. Pinski betrat einen Seitenweg und schuf Ausnahmsfällc: Der idiotische Sohn eines Totengräbers, Judkc, findet in einer Grube auf dem Friedhof ein paar Goldmünzen. Er bringt sie seiner Schwester, an die ihn eine instinktive Liebe bindet, worauf in der Schwester (Tille) der wollüstige Trieb erwacht, wenigstens einmal in ihrem Leben aus ihrem bcgrenzten Dasein herauszutreten, die Millionärin zu spielen. Sic besorgt sich Putz und Tand in der Stadt, gibt zu verstehen, dal) aus der armen Totengräberstochtcr eine ״gute Partie" geworden ist, und *) Komödie in 4 Akten, beim Thcatcrvcriag Eduard Bloch, Berlin C. Deutsch von Fcga Frisch.