Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1911)
- Date
- 1911-05-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Seite 203 jetzt sieghafte Reaktion anwcndc(, um unsere gcistDe uml wirtschaftliche Rechtlosigkeit zu befestigen, werden in den gesetzlichen Institutionen, durch admi• nistrative Verordnung oder kurzerhand durch die Ver• Wallung^ durchgeführt. Aber beweist nicht gerade dieses System, daß die dritte Duma, obgleich sie siel« nach Belieben biegen und wenden läßt, dennoch ihre Zustimmung zu allen diesen Mitteln versagen würde? Dieser Umstand muß uns meiner Meinung nach einen gewissen Trost bieten in unserem jetzigen grollen Unglück. Ich persönlich habe die Ueber• Zeugung, daß die jetzige bittere und schwere Zeit für uns nicht lange dauern wird. ... Es werden sich natürlich Ucbcrklugc finden, die beweisen werden, daß ich die gegenwärtige Situation zu optimistisch beurteile, daß zu einem solchen Optimismus kein Grund ׳vorhanden sei und daß man sicli von jeder Sentimentalität befreien müsse u. dgl. Ich sage es aber offen heraus, daß mich all dieses Oerede der Pessimisten nicht irre machen kann, weil ich an der Meinung fcsthaltc, daß ohne ülaubcn und ohne Hoffnung ein Arbeiten unmöglich ist und mein heutiger Aufruf richtet sich an alle diejenigen, die im üifent• liehen jüdischer» Leben tätig sind. An alle diejenigen, die ״*!eh vor kurzer Zeit mit solchem Feuereifer ge• arbeitet haben, jeder auf seinem Platze und heute, infolge der »!»getretenen Reaktion, resigniert und müde sich zurückziehen von jeder gesellschaftlichen Arbeit, die ganze volle Verantwortlichkeit den zwei jüdischen Deputierten mit den Petersburger jüdischen Kreisen überlassend, ohne daran zu denken, daß sdbsl zur kleinsten Arbeit, wenn sie Erfolg haben soll, die Unterstützung der großen jüdischen Gesell• scliaft unerläßlich ist. — Indem ich mich an Euch wende, wiederhole ich! verliert nicht den Mut, Brüder, und helfet uns arbeiten zum Nutzen und zum Glück für unser Volk.“ Unffftrn Wie aus Budapest gemeldet wird, hat der 1111• garische Minister für Kultus und Unterricht, Oraf Johann Xicliy, den Beschluß gefaßt, zur Leitung und Pflege der jüdisch-konfessionellen Angelegen• heilen innerhalb seines Ressorts eine eigene Sektion zu errichten und an deren Spitze zum Ministerialrat eine dem Judentumc angehörende Notabilität der Scliriitstellerwelt ernennen zu lassen. Dieser Plan stößt auf große Schwierigkeiten, da die zwischen Orthodoxen und Neologcn bestehenden Eifersüchteleien leider eine Einigung auf eine Persönlichkeit last unmöglich machen. Diese Frage wurde auch von früheren Kultusministern wiederholt erwogen, konnte aber wegen der eben bczciclmctcn Zustände niemals realisiert werden. Da auch der dermaligc Minister Graf Zichy sich kaum entschließen dürfte, zwei jüdische Sektionen, eine orthodoxe und eine ncologc, zu organisieren, so steht zu befürchten, daß der Plan, dessen Ausführung der Judenschaft Ungarns wichtige Vorteile bringen könnte, auch dies• mal nur ein Plan bleiben wird. Bukowina Bei der Landtagswahl wurden beide jüdischen Kandidaten gewühlt. Dr. Wcissclbcrger erhielt 4731, Prof. Dr. L. Kellner 4(172 Stimmen. Gesinnungsgenossen! I He ״Jüdische Nationalpartei Ocsteiroichs“ ist in den Wahlkampf anläßlich der bevorstehenden Wahlen für das österreichische Parlament eingetrden. Die Bedeutung, welche der Ausgang der Wahlen für die künftige Entwickelung des jüdisch-nationalen Gedankt ns unter den österreichischen Juden hat, wird heute von keinem Zionisten mehr unterschäl/t. Eine ßrolie Stimmcnzahl wird den Mut und die Zuversicht unserer Gesinnungsgenossen heben und anspornen. An Arbeitswilligen ist kein Mangel. Viele Hunderte *hui entschlossen, ihre ganze Kraft der Agitation »u widmen. Doch fehlen unserer Partei die nötigen Geldmittel, um die Agitation wirksam zu führen. Wir richten daher an unsere Gesinnungsgenossen die Bitte, uns durch Spenden für den Reichsratswahl• fotul in unserer schweren Arbeit zu unterstützen. Spenden sind an die Administration der ״J ü dischcn Zeitung“ in Wien, IX., Liechtenstein־ *traße 11 zu senden. Der Ausweis erfolgt in der *Jüdischen Zeitung“. Der ,,Jüdische NaUonalverrin für Oesterreich“. Persönliches Am 27. April hat im Tempel in der Scitcnstätteu- Rasse in Wien die Trauung der ältesten Tochter Theodor Hcrzls, Frl. Paulinc Hcrzl mit Herrn 1״genicur. ff i f t aus Scräjewo stattgefunden. JUEDISCHE RUNDSCHAU PALßSSTi NA-'RU r i OSCH AU Der Viehbestand in der» jüdischen Kolonien bc• .gmnl sieh in Judäa und in Galiläa langsam zu vermehren, und das Bedürfnis nach Tierärzten ist seit einiger Zeit vorhanden, im vorigen Jahre hat sieh der erste jüdische Tierarzt In Haifa niedergelassen, es ist aber noch für einen Tierarzt in Jaffa und für einen Tierarzt in Galiläa eine Existenzinöglichkcit vorhanden. Einzelne Kolonien, z. B. die Kolonien des Kreises Tiberias, würden bereit sein, einem Tierarzt ein jährliches Fixum zu gewähren, falls sich geeignete Bewerber fänden. Angebote und Referenzen nimmt das Komitee der Kolonie' Jcmma (Adresse: Comite Jcimnn, pre Tiberias) entgegen.!•erner ist in der Kolonie Jcmma die Stelle eines Arztes mit einem Jahresgchalt von 5000 Frs. und freier Wohnung zu besetzen. Der Arzt ist verpflichtet, zweimal wöchentlich die Kranken der umliegenden Kolonien M i I h a in i c, M e s 11 a und S c d s c h e r a unentgeltlich zu beimchen. Bewerbungen sind ebenfalls an die oben angegebene Adresse zu richten. ZIOmSTISCHe B6w66un6 Mitteilung des Zentralbureaus der Zlonlstlschen Vereinigung für Deutschland Ende dieses Monats erscheint eine Broschüre: ״Die Krisis der jüdischen Jugend Deutschlands“ von Hans Goslar, Berlin. Die Broschüre behandelt insbesondere eingehend die letzten, unseren Freunden zur Genüge bekannten Kämpfe innerhalb der jüdischen Jugend und dürfte sich sowohl als Werbeschrift unter der akademischen und kaufmännischen Jugend, wie auch zur Infor• mation über gewisse Strömungen der jüdischen Jugend unserer Zeit eignen, — Vorbestellungen nehmen wir schon heute entgegen, und wir erwarten, daß unsere Gesinnungsgenossen schon jetzt überall, auch in nicht• zionistischen Kreisen, zum alsbaldigen Bezug auffordern. - Der Preis der Broschüre ist aut dreißig!Mennige im Sammelbezug durch die Ortsgruppen festgesetzt. — Die gleiche Vergünstigung erhalten Vorbesteller. Der Preis für das Einzelexemplar nach Erscheinen soll fünfzig Pfennig betragen. vom veRem״esRA» Der Verein ״Esra“ hat im Jahre 1010 seinen Kolonisationsfond um mehr als 0000 Mk. verstärken können, so daß dieser gegenwärtig SO 000 Mk. übersteigt. B n e i - J e 11 u d a: Trotz vieler Bemühungen konnten die Besitztitcl auf •die 150 ha strittigen Bodens in der Kolonie Unci-Jehuda nicht erlangt werden. Da diese Besitztitel für eine weitere Aktion in Bnci- Jchuda unumgänglich sind, müssen wir mit der Sanierung dieser Kolonie uns noch weiter gedulden. Wir können um so ruhiger warten, als die Kolonisten von Bnci-Jchuda von dem Ertrage ihrer Arbeit leben können und von uns seit vielen Jahren fast keine Unterstützung mehr verlangen. Ansiedelung von Arbeitern: Dagegen haben wir im Berichtsjahre den schon im Jahre 1009 gefaßten Plan, die bereits bestehenden Ansiedelungen in Palästina zu konsolidieren und ihnen die noch fehlende breite unerschütterliche Grundlage zu ver• leihen, weiter gefördert und zu einem gewissen Abschluß gebracht. Dieser!Man ging, wie unsere Mitglieder aus dem vorjährigen Bericht haben er• sehen können, dahin, jüdische Landarbeiter in den bereits bestellenden Kolonien anzusiedeln, und so den jüdischen Bauern Palästinas zu ermöglichen, im Bedarfsfälle jüdische Arbcitshünde zu beschäftigen. Erst wenn diese ohne große Opfer von seiten der Kolonisten geschehen kann uml sie nicht mehr ge• zwungen sind, jahrein jahraus Tausende von Nicht• juden zu beschäftigen, werden die jüdischen Kolonien des Heiligen Landes wirklich jüdisch werden und eine breite Basis für die ,Ansiedelung neuer Aus• wandercr aus Rußland und Rumänien abgeben können. Ka fr •Saba: Der erste Schritt dazu ist vor kurzem in der Kolonie Kafr-Saba geschehen. Nach langen Verhandlungen mit der Anglo-Palestine Comp, in Jaffa eit^rscits und den jüdischen Besitzern des Bodens von Kafr-Saba andererseits haben wir der Bank im Februar 1011 22000 Frank überwiesen. Mit dieser Summe sollen in genannter Kolonie 12 jüdische Arbeiter auf rationeller wirtschaftlicher Grundlage an• gesiedelt werden, Ueber die näheren Modalitäten dieser Aktien werden wir berichten, wenn die Häuser in Kafr־Saba gebaut sein werden, Chcdcrah: Einen weiteren Schritt auf diesem Wege hat der Verein ״Esra“ in der Kqlonie Che• derah zu tun beschlossen, Wir hoffen, in diesem Jahre noch in der etwa 3600 ha umfassenden Kolonie bis 20 jüdische Arbeiter anzusiedeln. Da die Gesund• hcitsverhältuisse in Chcdcrah noch manches zu wünschen übrig lassen, so sollen da zunächst eine ärztliche Station gebaut und eine Wasserleitung an• gelegt werden. Das ganze Unternehmen dürfte eine Ausgabe von 00 000 Frank erfordern, von denen etwa 40 000 voraussichtlich im Laufe dieses Jahres schon verausgabt werden dürften. Agitation: Um die Mittel für alle diese Aus• gaben zu erlangen und uns die Möglichkeit zu ver• schaffen, unsere segensreiche Tätigkeit auf breiterer Grundlage weiterzuführen, sind wir genötigt, eine lebhafte und größere Ausgaben erfordernde Agitation zu betreiben. Wir haben daher im Berichtsjahre unser Bureau erweitert und größere Mittel für Drucksachen, Porti und Reisen auswerfen müssen. Unsere im vorigen Jahre herausgegebene Festschrift, welche hoffentlich sich im Besitz, sämtlicher Mitglieder befindet, ist in einer Auflage von 10000 Exemplaren erschienen. Dennoch mußte einige Monate später eine zweite verkürzte Ausgabe und am Ende des Berichtsjahres eine dritte hergestellt werden. Die günstigen Resultate der verstärkten Agitation werden alter erst in unserm niichsteu Bericht sichtbar werden. Für das Jahr 1011 hat der Verein ״Esra“ in Berlin, Frankfurt a. M., Karlsruhe und Mannheim eine wesent• liehe Zunahme der Mitglieder erzielt und an manchen Orten neue Zweigvcrcine begründet. Der im vorigen Jahre verstorbene edle Philanthrop Eduard C o h c 1t in Frankfurt a. M. hat uns ferner 2000 Mk. hinter• lassen und Herr Dr. Paul S c 110111 ä n d e r in Breslau anläßlich des Ablebens seines Vaters 3000 Mk. gespendet. Möge das Beispiel dieser edlen Spender zahlreiche Nachahmung finden! Die von uns anzusiedclndeit Landarbeiter werden nach dem von uns int Vereine mit ttnsern sachverständigen Vertrauensmännern in Palästina entworfenen Aktionsplan die für sie aufge• wendeten Beträge in kleinen Jahresraten dem Verein ״Esra“ zurückzahlen. Die unserm Verein gespendeten Summen werden daher immer neuen Segen stiften und zur immer weiteren Ausdehnung des jüdischen Besitzstandes itt Palästina dienen. AUS D€N ÖSMCIMDCN Berlin. Anläßlich der Aufstellung des Grabsteins für ihren verewigten Geschäftsführer Schriftsteller M. A. Klausner veranstaltet die Deutsche Conferenz• Gemeinschaft der Alliance Israelite Universelle am Sonntag, den 7. Mai, vormittags 12 Uhr, attl dem Friedhof in Weilleusee am Grabe des Entschlafenen, Feld U 1, eine Gedenkfeier. Osterburken. Der Synodalabgcordnetc unseres Bezirkes, Herr Dr. Simon aus Heidelberg, hat heute int großen Saale zum ״Löwen" einen Bericht über seine Tätigkeit in der Synode erstattet. Bei der sich daran anschließenden Besprechung erzählten einige Gemeindevorsteher, daß die beiden au die Synode abgesandten Telegramme, welche sich gegen die — offenbar nicht ohne Absicht vollständig mißverstandenen Worte des Herrn Dr. Simon richteten, eine von Karlsruhe aus bestellte Arbeit waren. Es wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: ״Die heute in Osterburken versammelten Vor• steiler und Vertreter der Gemeinden des XVI. Sy• nodalwalilbezirks sprechen ihrem Svnodal.ihgeord• nelen, Herrn Dr. Jonas Simon in Heidelberg, ihr volles Vertrauen aus und danken ihm für seine erfolgreiche Tätigkeit auf der 6. Landessynode," (Wir ()ctnerken dazu, daß die Worte des Herrn Simon in der Form auch von unserem Bericht• erstatter, dessen bewährtes und sachliches Urteil wir nicht mtzweifeln können, mißbilligt wurden. D. Red.) AUS HAMBURG-ALTONA Am 10. April fand im St. Georger Stadtteil in Koopmanns Hotel eine stark besuchte Bczirksver• Sammlung statt, in der Dr. in cd. Kalmus unter Beifall über das Thema: ״Der Zionismus, die Lösung der J11 d e n f r a g e“ sprach. Der Abend brachte 17 nette Schekclzahler, in der lebhaften Dis• knssion, in der unsere Freunde Dr. Haiperu, Dr. W. Unna, Julius Nemnann, Dr. Oscar Nathan, Lehrer Kloetzei u. a. zu Worte kamen, vertraten zwei Gegner den negativen Abwehrstandpunkt des Zentralvereins. Als Antwort auf den alten Einwand der Unvereinbarkeit von Zionismus und Staatsbürgertum stellte sich einer unserer Freunde als österreichischer Leutnant der Reserve vor mit dem Bemerken, daß es in dem ver• bündeten Nachbarliche sogar einen zionistisch tätigen General gegeben habe, was auf unsere Gegner offenbar tiefen Eindruck machte. Zum Schluß geißelte Referent mit scharfen Worten die gcschmack• und würdelose Enquete des ״Jüdischen Jugendbuudes“. Zur Zionisten bedürfe die treue Pflichterfüllung der Juden gegenüber dem Vaterlandc keiner amtlichen Be• stätigung.