Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1911)
- Date
- 1911-05-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 202 JUEDISCH E RUNDSCHAU Nr. 18 wahren Charakters des Zionismus und auf einer uii• richtigen Auffassung seiner Bestrebungen und seiner Ziele beruhen. Das A. C. •ist fest überzeugt, daß die zionistischen Bestrebungen in vollem Einklang mit den Interessen des ottomanischcn Reiches stehen,' und betrachtet cs als seine Aufgabe, seine Bemühungen in der Türkei dahin zu richten, daß der wahre Inhalt und die Ziele der zionistischen Bewegung richtig . erfaßt werden. : Sodann gelangte eine Interpellation des Herrn l)r. J. Fcuchtwanger zur Verhandlung, der im ן Namen der Federation Misraehi gegen die seitens des E. A. C. erfolgte Bewilligung von 1000 Frs. für das hebräische Gymnasium in Jerusalem aus den!Mitteln des Kulturfonds Protest einlegte. — Herr Wolffsohn legte die Oriindc dar, die das E. A. C. zu seinem Beschluß veranlaßt hatten, erkannte je• doch den Einspruch des Misraehi als berechtigt an und erklärte, daß man dafür Sorge tragen werde, dem Kulturfonds die 1000 Frs. aus Privatmittcln zu ersetzen. I Das A. C. nimmt die Erklärung des E. A. C. bc• Itreffs der dem Hebräischen Gymnasium zu Jerusalem bewilligten Subvention vpn 100Q Frcs. zur Kenntnis und erklärt die Angelegenheit für erledigt. Nach einer längeren Debatte nahm das A. C. folgenden Beschluß an: ln längerer Rede legt sodann Herr Dr. H a n t k c, welcher verhindert ist, den Beratungen am folgenden; Tage beizuwohnen, seinen Standpunkt zu den Punkten < Finanzlage und Organisationsstatut dar.' Bezüglich j des erstem befürwortet er die Vorschläge der Finanz• komtnission, bezüglich des Organisationsstatuts emp• [ fiehlt er dem A. C. die Annahme des vorliegenden Entwurfes, in welchem nur einige Bestimmungen über die oberste Leitung der Bewegung, an welche die , Kommission durch Beschluß des A. C. gebunden; war, revidiert werden sollten. (Schluß der Sitzung abends 9 Uhr.) Freitag, den 28. April, um 10 Uhr, fand die Generalversammlung des J. N. F. : statt. Herr Wolffsohn eröffnet die Sitzung des A. C, I um 12 Uhr und gibt Herrn Dr. Bodcnhcinicrzum; Punkte ן Organisationsstatut I das Wort. Dieser bespricht in seinem Referate die 1 zu dem Entwürfe eingegangenen Abändcrungsvor• I Schläge und beantragt die cn bloc־Annahme des Ent• | wurfcs mit Ausnahme der Paragraphen über die Lei•; tung, über welche eine Diskussion stnttfindcn soll. I Ein Antrag Grone mann auf Eröffnung einer | Generaldebatte wird abgelclmt. Das A. C. tritt viel• I mehr in die Beratung der einzelnen Paragraphen ein, 1 von denen eine große Reihe unverändert angenommen ן werden. Die zu anderen Paragraphen gemachten 1 Vorschläge werden der Kommission als Anregungen I überwiesen. Das A. C. beschließt, daß die Mit• 1 glieder des A. C. aufgefordert werden sollen, weitere 1 Bedenken zu den einzelnen Paragraphen der Korn- 1 mission, welche den Entwurf dein Kongreß vorlegen I wird, innerhalb einer bestimmten Frist schriftlich ein- 1 zusenden. Nachmittag-Sitzung. Herr Wolffsohn berichtet über die Finanzlage der Organisation und beantragt die lOprozentigc Besteuerung aller Finanzinstitutc und aller Sammlungen innerhalb der zionistischen Organisation. Nach längerer Debatte, an der sich die Herren Jean Fischer, Rosen• bäum, B. Ooldbcrg und Dr. B0dc nhcim er beteiligen, und in welcher die Ansichten für und wider die Besteuerung geteilt sind, gelangt schließlich folgender Antrag Dr. B o d c n h c i m c r zur Annahme: Das A. C. erklärt cs für Pflicht jedes Zionisten, außer dem Schekel einen Jahresbeitrag an die Or• ganisation zu entrichten und macht den Landes• Organisationen zur Pfiicht, die Sammlungen hierfür sofort cinzulcitcn. Die russischen Mitglieder des A. C. berichten nunmehr Uber die Lage in Rußland. Bezüglich des nächsten Punktes der Tagesordnung (Palästina) schlägt Herr Wolffsohn vor, den Bericht des Herrn Dr. Ru pp in den Mitgliedern des A. C. schriftlich zu unterbreiten und das Referat über Palästinasaminlungen mit Rücksicht darauf, daß Herr Professor W 0 r b u r g verhindert ist, an der Sitzung tcitzunvhmcn, von der Tagesordnung abzusetzen. Das A. C. erklärt sich mit diesen Vorschlägen einver• standen, Herr W01 ff60hn: Wir kommen zum nächsten Punkt (X. Kongreß). Das E. A. C. macht Ihnen' folgend^ Vorschläge bezüglich der Tagesordnung des Kongresses: 1. Die ersten beiden Tage, Mittwoch und Donners• lag, sollen den gewöhnlichen Agenden unserer Kon• grosse gewidmet sein, und zwar in der Weise, daß >m Mittwoch vormittag nach der Eröffnung die Bc• ßrüßung und Burcauwahlcn stattfinden, am Nach• mittag der Bericht des E. A. C. erstattet wird und die־ Generaldebatte beginnt. Diese soll dann Donners• tag vormittag fortgesetzt werden, während wir für Donnerstag nachmittag den Bericht des 1. N. F.'die Berichte uer Banken und die anschließende Debatte in Aussicht genommen haben. 2. Der ganze Freitag soll der Beratung über das Organisationsstatut reserviert bleiben. 3. Für Sonntag haben wir die Erstattung von Rc• feraten, z. U. über Palästina, sowie über kulturelle' Fragen mit anschließenden Debatten in Aussicht ge• nommen. -I. Am Montag sollen keine Kongreßverbandlungeu stattfiuden, dieser lag soll vielmehr für Sitzungen der Landsmannschaften, des Permanenzausschusses, der Bank und der Kommissionen frei bleiben. 5. Am Dienstag vormittag sollen die Wahlen vorgenommeu und 11er Kongreß geschlossen werden, am Nachmittag sollen Sitzungen der ueugewühltcn Körperschaften stattfiuden. In der anschließenden Debatte regte Dr. Mar* in o r e k an, die Wahlen diesmal schon früher als sonst, etwa am 3. Kongreßtage, vorzuuehmen. Herr Dr. KatzencIsohn wies darauf hin, daß es wünschenswert wäre, die Generalversammlung der I. C. T. so anzusctz.en, daß sie dem Bericht über die Banken und der Debatte im Kongreß voraufgeht. Herr Sckolos regt an, daß die Eröffnungsrede eingehend die heutige Lage des jüdischen Volkes behandeln solle, und im besonderen auf die Frage der Naturalisation der Juden in der Türkei eingehe. Er verlangt ferner, daß zur Erstattung der Referate Männer von Ruf aufgefordert wer• den, und begrüßt den Vorschlag des E. A. C., einen Tag für die Besprechung kultureller Fragen zu re• servieren. Herr B. Go Id borg bittet, ein Referat ״Fünfzehn Jahre politischer Zionismus“ auf die Tages• ordnuug zu setzen, in welchem auch die Begründung der zionistischen Idee gegeben werden soll. Herr Dr. Zweig unterstützt diesen Vorschlag des Herrn Goldberg. Das Actions-Comite beschließt, die vom E. A. C. in ihren Grundlinien vorgeschtagcne Tagesordnung für den Kongreß zu genehmigen und die genaue Ausarbeitung derselben dem E. A. C. zu überlassen. Herr Wolffsolm berichtet sodann über die ge* plante Ausstellung anläßlich des Kongresses und teilt mit, daß sich bisher der Jüdische National-Fonds, der Bczalcl, der Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina sowie einige palästinensische Privatleute bereit erklärt haben, in Basel auszustcllcn. Das Actions-Comite nimmt diesen Bericht zur Kenntnis. Betreffs der Errichtung eines Ehrengerichtes für die Organisation beschließt das Actions-ComitE auf Antrag Oroncmann. Das E. A. C. soll für die Zeit bis zum 10. Kon• greß ein Ehrengericht nach eigenem Ermessen er• nennen, das in dieser Zeit nach einer von ihm selbst zu beschließenden Geschäftsordnung verhandeln soll. Präsident Wolffsohn: Ich habe Ihnen noch einige Mitteilungen zu machen. Auf dem im Juli d. J. staUfimlciulcn Rassenkongreß in London wird unsere Organisation durch eine Deputation, bc• stehend aus den Herren Dr. Oaster, Sir Francis Montefiore und Dr. Zollschan vertreten sein. Es liegt noch ein Antrag unseres Kollegen Schein• kiti vor: Das A. C. möge jährlich 500 Frcs. zur Vcr* fügung stellen, damit ein palästinensisches Mitglied des A. C. die Möglichkeit habe, wenigstens einmal im Jahre an einer Sitzung des A. C. tcilzunchmen. Meine Herren! Obgleich sicher manches für diesen Antrag spricht, bitte ich Sie doch, von einer Beschlußfassung Abstand nehmen zu wollen, da wir ja vor dem Kongreß keine Sitzung mehr haben werden, und die Sache durch die Neuregelung in der Organisation unserer obersten Behörden sich anders gestalten kann. Das A. C. erklärt sich mit dem Vorschläge des Herrn Wolffsohn einverstanden. Nachdem sodann dem Präsidenten der Dank der Versammlung für die Leitung der Beratungen ausgesprachen war, schloß Herr Wolffsolm mit einer kurzen Ansprache, in der er den anwesenden Mitgliedern des A. C. für ihre Mitarbeit dankte, die Sitzung. Sitzung des Direktoriums des Jüdischen Nationaifonds Mittwoch, den 26. April fand im Zionistischen Zcntrnlburcau zu Köln eine Sitzung des Dircktorin ms des Jüdischen Nationaifonds statt, In der die von den Revisoren genehmigte Bilanz pro 1910 sowie der Bericht des Vor* sitzenden des Direktoriums entgegengenoinmen wurden. t• Es wurden einige Beschlüsse betreffend eine Häuscrbaugcscllschaft in Jaffa, Neu• bauten an den Bczalcl-Gebäudcn und in der Filigran arbcitcr*Koionie Ben Schämen, die Einrichtung einer landwirtschaftlichen Schule in Ben Schämen, die Verträge mit der Sicd I ungsgcsellscha f t m. b. H. ״Erez Israel“ usw. gefaßt. Die Beratung über eine Reibe von Punkten wurde, da mehrere Direktoren noch nicht eingetroffen waren, bis zur nächsten Sitzung vertagt. RUNDSCHAU OCR PRG556 Gen.-Ans. für Nürnöerf/~/*1iirO^ lin Nürnberger Magistrat beschäftigte man sich dieser Tage mit der Frage der Suspendierung orthodox-jüdischer Firmen von der unbedingten Einhai• tung der Sonntagsruhe. Das Blatt schreibt dazu: ,.Die Eingabe von etlichen vierzig israelitischen Geschäftsinhabern, in welcher gewünscht wurde, dal! ihnen gestattet sein soll, falls am Sabbath die (je. schäfte geschlossen sind, am Sonntag von 8 — 12 Uhr die israelitischen Angestellten unter Beachtung der sonstigen für die Sonntagsruhe geltenden Vorschriften beschäftigen zu dürfen, fand nur wenig Widersacher. Und diese wußten nicht gerade überzeugende Argu• mente für ihre Gegnerschaft ins Feld zu fuhren. Nicht die Heiiighaltung des Sonntags ist heutigen Tages die äußere Ursache zur gesetzlichen Regelung der Sonntagsruhe, sondern der Hauptgrund dafür ist: den Angestellten wöchentlich mindestens einen Ruhetag zu sichern. Selbst wenn jene recht haben sollten, die in die erste Reihe die Heiiighaltung stellen wollen, so setzen sie sich sofort in einen Widerspruch mit sich selbst. Der Israelit erkennt ebenso wie der christliche Sabbathist nicht den Sonntag, sondern den Samstag als heiligen Tag an. Der Glaube aber ist eine Ucberzcugungssachc, der nicht in staatsgesetzliche Formen geprellt werden kann. Das ethisch-höhere Moment, das Herr Oberbürgermeister Kutzer anführte, fällt also in dem Augenblick zusammen, in dem man Andersgläubige zwingt, einen kirchlichen Feier• tag anziierkennen, der nicht in ihrer Religion be• gründet ist. Tolerant sollen wir sein — zu Toleranz aber gehört es auch, daß strenggläubigen Staats• bürgern aus der Befolgung ihrer Giaubeiisrcgdn ein geschäftlicher Schaden nicht erwächst. Man kann also der Einschränkung der Sonntagsruhebestimmungen für orthodox-israelitische Geschäfte zustimmen, schon um deswillen, weil diese Einschränkung nur die Ange• stellten gleichen Glaubens betrifft, die also in der Heilighaltung ihres Feiertags — des Sabbaths — nicht beschränkt sind.“ -AUS ALLER WELT « Itusstan(/ In Prof. Daniel Chwolson, dem großen Altertumsforscher, hat sich die jüdische Tragödie der Gegenwart in ihrer schärfsten Form verkörpert. Bis zum letzten Atemzuge dem Judentum innerlich anhängend, zählte er doch nicht zur jüdischen Gemcinschaft. Ein Kind des Ghetto, hat er zwei Gene• rational hindurch evangelische und katholische Geist• liehe für sein ״Vaterland“ heraugcbildet, was ilm nicht hinderte, mit Rabbinern und Talmudgelelirten mit Vorliebe zu verkehren. Ein entschiedener Kämpfer gegen den Blutaberglauben, trat er zu denen über, aus deren Mitte die Pogromvcranstalter und die Prediger des Blutmärchens hervorgegangen sind. Ein langes, glanzvolles Leben war ihm beschießen, das aber jenen ״dunkeln Punkt“ seines Daseins nicht zu verschleiern vermochte. Auch nicht für seine eigene Person. Oft genug erinnerte er selbst daran mit bitteren Worten. Bis zu seinem Heimgang hat er seine Lebenstragöüie empfunden. Anläßlich des P c s s a c h f c s t e s erließ der Dumadcputierte Nissclo witsch den folgenden beachtenswerten Aufruf: ״Mit diesem Aufruf wende ich mich an unsere verfolgten und unterdrückten Brüder und Schwestern zu einer Zeit, da sie ihre täglichen Sorgen mutig von sich streifen und sielt trösten werden mit fröhlichen Gedanken unter dem erhabenen geistigen Einflüsse unseres nationalen Festes, des Pessachfestcs, zum Andenken au die Befreiung unserer Eltern von der geistigen und materiellen Knechtschaft im Lande der Pharaonen. ־ Verzweifelt nicht! rufe ich Euch aus vollem Herzen zu, trotzdem wir in einer der traurigsten Epoche unserer Geschichte in Rußland leben! Verliert nicht den Mut! In der zweitausendjührigen Geschichte unseres Unglücks und unserer Verfolgungen finden sich noch düsterere Blätter als die jetzigen und wir sind dennoch ganz geblieben und nicht verschwunden vom Erdboden. Wir sind auch noch ,eine Macht und eine Kraft, gegen die unsere Feinde sich gc• zwungen glauben, mit den unmöglichsten, wenn auch ungerechtfertigten Mitteln zu kämpfen. Aber nicht deshalb allein sage ich, sollt ihr nicht den Mut fallen lassen, sondern auch deshalb, weil selbst bei den gegenwärtigen Bedingungen unserer traurigen Wirklichkeit Zeichen sichtbar sind, welche cs an• deuten, daß diese Zustände und die grausamen Mittel, die gegen uns angewendet werden, nur vorüber* gehenden Charakter haben. Diese Mittel, die die