Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1911)
- Date
- 1911-05-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 18 Seite 201 England, Deutschland und der Zionismus Am 19. April ist in der Plenarsitzung der Kammer der Zionismus von neuem in die Debatte gezogen worden. Hasri Ucj, ein Mitglied der Majoritätspartei, lieft i״ seiner Rede, in der er die auswärtige Politik der türkischen Regierung einer Kritik unterzog, folgenile Bemerkungen fallen: ״Rußland will die russischen Schulen in Palästina dein russischen Auswärtigen Amt unterstellen. Das ,st unzulässig und darf nicht geduldet werden. Auch die Deutschen gewi n n e 11 d u r c h d i e Z i o - nisten mehr und mehr Einfluß. Da ich in die Angelegenheit weiter nicht eingeweiht bin, stehe ,cli von weiteren Betrachtungen ah. Doch erkläre ich. die Türkei darf keinem fremden Staat Privilegien erteilen, das das Zentrum des Christentums ist." Diese merkwürdige Aeußerung des Deputierten Ikon Bej, der ja selbst erklärt, daß er von der Sache nichts verstehe, muß zu denken gehen. Sie stimmt mit einer seltsamen Preßhenierkimg ans der /.eil der großen Zionistemlehatte vor או1־01ל Wochen iilmcin, die wir an dieser Stelle hervorgehohen hatten. Sie wiederholt die absurde Idee, daß der Zionismus nichts anderes als einen Vorspann des Pangcrinanis* mns darstelle. In höchst treffender Weise widerlegt ״Der ()»manische LLloyd" diesen schweren Irrtum, indem er in seinem Leitartikel vom 20. d. M. aus• fuhrt: ״Basri Bej zeigte sich in bezug auf die jüdische Kolonisation als ein ebenso eifriger wie nicht eben gut unterrichteter Verfechter nationaler Rechte. Es ist geradezu eine Verhöhnung aller Tatsachen, wenn er die rcin-jüdisch-natianalc Bewegung des Zionisnuis als im Interesse des Deutschtums liegend hin- 'stellt. Weiß Basri Bej denn nicht, daß der Zionist von jedem Zusammenhang mit den europäischen Nationalitäten abstrahiert und dem auf die moderne hebräische Sprache sich stützenden jüdischen National• geist ergeben ist, dem das Deutschtum gerade so nahestcht wie das Frauzoscntum und das Slawen• 5 tumV“ Dieser treffenden Erklärung ist nichts hinzuzn• fügen. Sie resümiert das wahre Wesen des Zionismus in knapper und einwandfreier Weise. Trotzdem zieht das neue Märchen anscheinend immer weitere Zirkel. Es ist offenbar dazu erfunden, um dem momentan am Goldenen Horn vorherrschen* den deutschen Einfluß eins zu versetzen: also Be• autzung des antisemitisch aufgebauschten Zionisten• gespensles zur Vernichtung der deutschfreundlichen Politik. Dieses Charakteristikum verweist direkt auf eng• iische Duelle. Und zwei Artikel der ״Times", die unlängst erschienen, geben die gebührende lllustrie• rung. Der eine bespricht einen Vortrag des Ingenieurs Santo Serno Bej über Mesopotamien im ״Union et PrugriV-Klub in Saloniki und wirft dem Redner, der in bewußter Absicht zum Zionisten gestempelt wird, vor, im Interesse des Zionismus für eine jüdische Kolonisation im Zwcistromland zu plädieren und gegen (iroßbritannien zu hetzen. Es braucht wohl kaum fcstgestellt zu werden, dall dieser Mesopotamienredner weiter, wie behauptet wird, in engen Beziehungen zur zionistischen Leitung steht, noch irgendwelchen Auftrag oder Wink zionisti• scher Instanzen erhalten hat, gegen England und für jüdische Ansicdlungcu zu reden. Der Zionismus j'at nicht das entfernteste Interesse daran, England irgendwie entgegenzuarbeiten, England, das in ,so gerechter Weise seine Juden behandelt und als erste Macht der Welt im Zionismus den Vertreter des jüdischen Volkes anerkannt und ihm hochherzig ein Territorium für die verfolgten Juden offeriert hat. Antibritische Tendenzen dem Zionismus anhängen zu wollen, ist daher ein Akt bös• williger Verleumdung. Und wenn die ״Times", das grolle britische Webblatt, in einem zweiten, diesmal •1us Konstantinopcl datierten Artikel die ganze hier bisher befolgte zionistische Politik als England-scliädheb behandelt und zu diskreditieren versucht, so ist sic einer schlau angelegten Mystifikation zum Opfer gefallen, deren Quellen nicht allzu schwer auf* zudecken sind. (Die WELT.) Der Wert der Organisation im Judentum Von Hans Goslar-Berlin.*) Das vergangene Jahrhundert hat in organisatoriscUcr Beziehung dem Judentum oder doch min• bestens dem deutschen Judentum viel Gutes gebracht. Zahlreiche Organisationen, teils religiöser, sozialer oder politischer Natur sind entstanden, die sämtlich m‘f ihrer spezifischen Eigenart das gesamte Lehen *) Aus dem Aprilheft der ״Jüdischen Turnzeitung". J U E D1S C H E RUNDSCHAU der deutschen Judenlieit wohltuend beeinflußt, ja ihm zum leil ihren Stempel deutlich aufgcilriickt haben. Um* sehen z.u können, wie außerordentlich wichtig schon allein .die I at nadle, daß überhaupt große und bewußtjüdische Organisationen entstehen konnten, an und für sich ist — deutet doch das Entstehen und Zustandekommen einer Organisation stets auf uas Vorhandensein treibender, lebendiger, nach Uc• tätigung oder Abwehr ringender Kräfte hin — müssen wir erst einmal in großen Zügen das "Wesen der Organisation überhaupt, wie sic uns in mannigfacher Variation im Wirtschaft»• und im politischen Leben begegnet, zu erfassen suchen. — Organisation ist, wenn man dieses Wort so definieren darf, der Zu• sammenschluß einer Anzahl Einzelpersonen oder Gruppen, die teils, weil sie einzeln in Gefahr sind, einem übermächtigen politischen oder wirtschaftlichen heindc zu erliegen, teils, weil sic irgendwelche Vor• teile oder Erleichterungen zu erringen wünschen, die der Einzelperson oder Gruppe nicht erreichbar sind, sieh aneinanderschlicßcn. Die Form der Organisation kann verschieden, der Zusammenhang innerhalb derseihen locker oder fest sein, stets resultiert ihre Ent• Stellung aus der Tatsache oder vielmehr aus der Er* keuntiiis der Tatsache, daß die Gesamtheit gleich• gesinnter oder gleichgestellter Existenzen bei eiuheit• liebem Vorgehen mehr erreicht als der einzelne. Be• weise hierfür aus dem Wirtschaftsleben, wie Verbände, Verkaufs• und Konsumvereine, hcranzuzichcn, dürfte sich erübrigen. Der Grundgedanke der Organisation zerfällt also in zwei gleich wichtige Teile; wie aus dem Vorlicrgcsagtcn hervorgiug, ist einerseits der Wille maßgebend, die allgemeinen Lebensbedingungen zu verbessern, andererseits der Wunsch, sich eines mächtigen Gegners erfolgreich erwehren zu können. Wir können also rein mechanisch die Organisation in zwei Gruppen gliedern: in Abwehr• und in Kampf- Organisationen. Das Prinzip der Organisation Ist in jedem Falle zuversichtlich und lebensbejahend; eine jede Organisation legt Zeugnis von dem Lebenswillen und der Kampfesstimmung ihrer Begründer oder auch ihrer Mitglieder resp. der in ihr vertretenen Berufs• schichten ab. Aus diesen Gründen vor allem ist cs erfreulich zu nennen, daß im modernen Judentum Organisationen entstanden sind, die einerseits ~ ganz wie wir es oben gesehen haben - Abwehrbestrebilligen verfolgen, die sich bemühen, Angriffe auf die jüdische Gesamtheit zu parieren und zurückzu• weisen oder die erworbenen Rechte der Juden zu schützen, andererseits aber solche, die, von selb• ständigen neuen üedankengängen ausgehend, neu• artige, bessere Lebensbedingungen für die jüdischen Massen erstreben und den entschwundenen jüdischen Geist wicderbelebcn wollen. Geht einerseits aus dem Vorhandensein dieser Organisationen unweigerlich die Tatsache hervor, daß zum mindesten ein Teil der heutigen Juden bewußt zum Judentum als einer lebendigen Kraft, als einem teuren und unersetzlichen Schatz hält, so ersehen wir auf der andern Seite sogar daraus, daß diese Tätigkeit sich nicht nur lediglich auf das Erhalten uralter Güter erstreckt, sondern daß weiter ausgebaut wird und neue Werte im alten Geiste geschaffen werden, daß das Judentum von heute noch produktiv im besten Sinne des Wortes ist. Die Tätigkeit der jüdischen Organisationen ist mit anderen Worten eben nicht nur eine konscr• vicrciidc, sondern gleichzeitig auch eine krcatorische. Wie sich von selbst versteht, gereicht die Tätigkeit der bewußt-jüdisch arbeitenden Organisationen nicht 11111׳ dein Judentum als der Gesamtheit der Juden mit ihren geistigen Gütern zum Vorteil, sondern sie wirkt auch rein psychologisch betrachtet auf das Einzelindividuum ungemein segensreich ein. Der Jude, der sich einer solchen Organisation zuerst oft wohl rein mechanisch und noch halb uninteressiert an• geschlossen hat, wird allmählich durch den regen Pulsschlag des jüdischen Lebens, das sich in jcdei größeren bewußt-jüdischen Organisation naturgemäß konzentriert, seelisch beeinflußt und jüdischen Interessen und Zukunftsarbeiten eher zugänglich gemacht, als derjenige, der draußen im Leben isoliert steht und in keinem irgendwie gearteten Konnex mit dem Judentum und den jüdischen Massen steht. Dieses ist jedoch nicht der einzige Vorteil, den die Organi• sation dem Judentum gebracht und den ihr der weitere Ausbau derselben bringen muß. Es sind vielmehr noch andere überaus wichtige Momente vorhanden, von denen wir die zwei hauptsächlichsten hervorlicben wollen. Die Juden besitzen in der Diaspora kein Zentrum, keinen geistigen und wirtschaftlichen Mittelpunkl, nach dem sich die Augen der gesamten, über alle Länder zerstreuten Nation richten könnten. Der Mittelpunkt fehlt, von dem immer wieder neues jü• dischcs Leben in alle Teile des Volkskörpers strömen könnte, von wo aiD das Lebcnselcment, das warme, quellende Blut durch alle seine Adern fließen könnte. Wo kein Herz ist, kann kein lebender Organismus sein, wo kein Blut mehr fließt, ist keine• Möglichkeit, einen scheinbar erstorbenen Körper wieder zu beleben. Das Judentum ohne Zentrale in der Diaspora, ohne Herz oder, wenn man will, auch ohne Gehirn, ist auf die Dauer nicht lebensfähig. Solange daher die Bestrebungen, einen solchen Mittelpunkt zu er• richten, ein jüdisches Milieu, ein jüdisches Geistes• und Kulturzentrum zu schaffen, noch nicht von Erfolg gekrönt sind, muß die Organisation als yercinigung eines Teiles der Judenlieit, als Personifi• zicrung des jüdischen Solidaritätsgefühles, als ein solches Zentrum, warn auch stets für einen relativ kleinen Teil des jüdischen Volkes, fungieren. Von ihr müssen bis zur endgültigen Schaffung c*ncr Heini- Stätte des jüdischen Geistes die Lcbcnstunktioucn ausgelien. - Und noch ein zweites: Die Organisation bricht mit der Methode, die in der Judenlieit bisher in bezug auf gegenseitige Hilfe geübt wurde. Sie zentralisiert die kleinen, zahlreichen Bächlein und Quellen und leitet sie zu einem gewaltigen Strome zusammen, ln ihrer Hand nur Hegt die Zu• kunft des jüdischen Volkes. Nur die Organisation der Juden ist qualifiziert, an das Riesenwerk der Lösung der Judenfrage in rein praktischem Sinne , heran zu gehen. Die Organisation der Organisationen wird es beenden können. Sitzung des Actions-ComitSs 27. April 191t Bei Eröffnung der •Sitzung waren anwesend: Vom E. A. C. Präsident David W o I f f s o h n , J. H. Kann. Vom Großen A. C. die Herren: Dr. M, 1. Boden hcimer, Köln, Dr. I. Feuchtwangcr, Frankfurt a. M., J. Fischer, Antwerpen, Dr. S. Franzic-Bcrcnstcin, Haag, B. Goldberg, Wilna, Rechtsanwalt S. Gronem a n n , Berlin, Dr. A. H a n t k c, Berlin, L. Kess- 1 c r, London, Dr. Sch. Lcwin, Berlin, Dr. A. Marmorck, Paris, R.-A. S. Rosenbaum, Minsk, J. A. Rosoff, St. Petersburg, N. Sokolow, Warschau, Dr. H. Spitzer, Esscg, M. Ussischk i n, Odessa. Als Gäste waren zugegen die Herren Dr. N. Katzen c Iso hn, Dr. V. Jacobsohn, Dr. E. Zweig und A. Boruchow. Ferner waren anwesend Herr S. Hoofien sowie Herr Dr. M. R o s c 11 b I ü t h als Sekretär. Präsident Wolffsohn cröffnete die Sitzung um 10Va Uhr, begrüßte die anwesenden Mitglieder des Actions-Coniitcs und teilte mit, daß sich Herr Prof. Warburg auf ärztlichen Rat zur Erholung nach Tirol habe begehen müssen und daher der Sitzung nicht beiwohnen kann. Ihr Fernbleiben haben ferner die Herren Prof, Belkowsky, Bc nt wich, Böhm, Cowen, Dr. Friede mann, K r c in e n c z k y, Moser, Dr. TschIen o w, CIa rcnce de Sola, M. H. Schein, Dr. Frankel, J. L. G o I d b c r g, Dr. Pink us, sowie die Referenten des Organisations-Ausschusses, die Herren Dr. W. Munk und Dr. E. M a r g u I i e s, entschuldigt. BegriiBungstelegramme waren von Prof. Bel• kowsky, der Schweizerischen Landes- Organisation sowie der Berliner M i $ r a c h i- Gruppe eingetroffen. In seiner Eröffnungsrede gedachte der Präsident zunächst mit warmen Worten eines verstorbenen Kollegen im Aclions-Comite, des Präsidenten der Südafrikanischen Federation, Hyman Morris, sowie des schweren Verlustes, den die zionistische Oeffentlichkeit durch den Heimgang der Mutter unseres Dr. Herzl, Frau Jeannette Herzl, erlitten hat. Die Versammlung ehrte das Andenken der Toten durch Erheben von den Sitzen. Herr Wolffsohn legte sodann noch einmal die Gründe dar, welche die Verschiebung und Verlegung der für den März anberaumten Sitzung notig gemacht haben, und berichtete des weiteren über die Lage des Zionismus in der Türkei und in Rußland, welche wichtige Gegenstände der Beratungen des A. C. sein werden. Außerdem soll in dieser letzten Sitzung vor dem Kongreß, in der auch dessen Tagesordnung festgesetzt vreulen soll, die Frage des neuen ö r g a nisations-Statuts ihre Erledigung finden. Herr Wolffsohn teilt mit, daß das E. A. C. beschlossen habe, den Präsidenten des J. C. T., Herrn Dr. N. K a t z e n e I soh n , sowie die Herren Boruchow und Dr. E. Zweig als Gäste zur Sitzung des A. C. cinzulmlcn. Es wurden sodann ein ausführliches Schreiben des Herrn Professors Warburg, in welchem er seine Stellungnahme zu den meisten Punkten der Tages- Ordnung darlegt, sowie ein Brief des Herrn Dr. Ruppin über die Lage in Palästina verlesen. Dur ganze erste Tag war der Beratung über die Lage In der Türkei gewidmet. Es wurde folgende Resolution angenommen: Das Aktionskomitee hat sich eingehend mit der Lage des Zionismus in der Türkei und mit den Berichten, die es von dort erhalten hat, beschäftigt. Es ist dabei zur Ucberzeugung gelangt, daß die in der letzten Zeit gegen den Zionismus erhobenen Anklagen nur auf einer mangelhaften Kenntnis des