Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 16-17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16/17 Seite 180 JUEDISCHE RUNDSCHAU Auch in der Schweiz (inden wir einen JüdischcnStudcntcnvcrband, der aus 5 Kor• porationen, den Vereinen Israel (Lausanne), Chcruth (Oenf), Akademischer Studentc11vvr«in (Bern), Jüdischcr Studentenklub und Makkabäa (beide in Zürich) besteht. Neben diesen 41 Korporationen in Deutschland, Oesterreich und der Schweiz haben Frankreich, En«- laud und Holland zionistische Studentenvereine. Allen diesen Korporationen ist die Tatsache eigenuinilich, daß sic junge jüdische Akademiker, die zur Universität oder Hochschule ziehen, in ihren Reihen aiifnchmcn und sic zur zionistischen Idee, mindestens ״her in stark bewußt jüdischem Sinne erziehen. Bei dieser Erziehung tritt das rein theoretische Juden- Problem in den Vordergrund, und von ihm ausgehend, wird insbesondere bei den deutschen Korporationen, die viel Zuwachs aus assimilatorisch gesinnten jüdischcn Familien erhalten, der junge Student erst (iiimal ״zum Juden gemacht“ und daraus daun leichter zum Zionisten. Diese Art der Qewinnung und Erziehung von Anhängern unterscheidet sich ganz wesentlich von der sonst im Zionismus geübten Praxis für unsere Bee.cgung Parteigenossen zu werben. Gilt bei den Studentenverbindungen die mühevolle Kleinarbeit, die t icherzeugung und Belehrung des Einzelnen über die Richtigkeit unserer Ansichten und Ziele als der Weg, der zum Erfolge führt, so ist es sonst in der Partei meist die große Versammlung, mit dem glänzenden, packenden Redner, der im horchenden Zweifler jenen jeden erfassenden Enthusiasmus aufkommen läßt, der ihn am Schlüsse des Vortrages veranlaßt, den Schekel zu zahlen, Mitglied der Ortsgruppe;!u werden. Die große Masse solcher in der Volksvcrsanunlung geworbener Mitglieder, sie hat — von den Mühen des Alltages zu sehr in Anspruch genommen ־ meist gar keine Zeit, in die Tiefen des großen Problems näher cinzudringen. Hier genügt eine großzügige Orientierung über das, was wir wollen, eine Widerlegung orthodoxer, liberaler, staatsbürgerlicher kosmopolitischer Bedenken. Dazu kommt der gesunde Instinkt der großen Mehrzahl der Juden für das Stolze und Aufrechte im Zionismus, der viele unbewußt zu uns führt. Viel schwieriger ist die Werbearbeit unter der Studentenschaft, insbesondere da, wo, wie z. B. in Deutschland, es gilt, Söhne jüdischer Familien zu ״־keilen“, die schon mit einem Fuß draußen stehen, außerhalb des Judentums, und die um die Erlangung eines Staatsamtes, um den Offiziersrang ihr Judentum kalt lächelnd preisgeben würden. Da treffen wir ״überzeugte“ Egoisten, fanatische Sozialdemo• kraten, ängstliche Staatsbürger, die im Zionismus Landesverrat, ja noch Schlimmeres wittern. Und noch ein ungünstiger Faktor stellt sich ein: die Konkurrenz jüdischer und paritätischer Studentenorganisationen, welche unseren ideen abhold, den Musensohn für ihre Verbindung gewinnen wollen. Da muß alle Beredsamkeit aufgewandt werden, Dialektik und Logik, Geschichte und Nationalökonomie, theologische und juristische Kenntnissc müssen herhalten, ״bis der Mann aktiv geworden ist“. Damit ist er natürlich noch nicht Zionist, er will es erst werden. Und er wird cs aucli durch den systematischen Unterricht, wie ihn ganz besonders die deutschen zionistischen Korporationen pflegen. Daß ein solcher durchgcbildetcr Zionist, der im Vcrbindungsleben gerade die so wichtige organisatorischc Werbetätigkeit erlernt, für die Bewegung von Bedeutung ist, brauche ich nicht länger ausein• ander zu setzen. Durch den jungen Studenten dringt in den Ferien oft in die antizionistischstc Familie die agitatorisch so fruchtbringende Debatte über den Zionismus ein, der wie ein großer Baum mit tausend Acstcn überall Wuml schlägt, die juvknheit aulweckt und zum Nachdenken zwingt. Wenn heute in Deutschland 2. B. die jüdischen Gcmcindcwahlen für die große Mehrzahl der deutschen Juden von weit höherem Interesse sind, als vielleicht vor 10 Jahren, so ist zweifelsohne der Zionismus daran schuld, und ich glaube zu einem gewissen Teil auch die zionistische und bewußtjüdischc Studentenschaft, die jüdischen Lagern aller Schattie rungen entstammt Aus den jungen jüdischen Studenten werden Männer, die in ihren Berufen tüchtiges leisten, auch der nichtzionistischen jüdischen Mitwelt Achtung und damit Einfluß abgewinnen können. Da wo heute der antizionistische Vater in der jüdischen Gemeindestubc sitzt, wird in zwanzig Jahren vielleicht der jüdisch gut geschulte zionistisch gesinnte Sohn seinen Einfluß geltend machen können. Das ist um so wahrscheinlicher, als die jüdische Jugend, soweit sic nicht orthodox oder zionistisch resp. bewußt-jüdisch ist, überhaupt vom Judentum nichts oder nicht viel wissen will und weil deshalb gerade die heutigen Studenten in der Zukunft die immer spärlicher werdenden Kandidaten für die Kultuswahlcn abgeben werden. Welch großer Gewinn für die Organisation und für ihre Ausdehnung die Verwirklichung dieser Prognose wäre, liegt auf der Hand. Niciit nur in der Diaspora zu arbeiten ist die Aufgabe derer, welche heute in zionistischen Korporationell jüdische Erziehung genießen. Letzthin muß jeder praktische Zionismus in Palästina enden. So sehen wir denn heute schon z. B. Angehörige des Kartells Zionistischer Verbindungen im Lande der Väter wirken, und wir glauben, daß dieses Vorbild nachahmenden Einfluß haben wird, denn jedes Vorbild ist der beste Lehrmeister. Das Durchschnittsalter der österreichischen Korporationen Ist ca. 15, das der deutschen ca. 10 Jahre. Diese Zeit ist natürlich zu kurz, um heute schon große Erfolge aufzuweisen. Aber ich glaube, in weiteren 10—20 Jahren wird man schon den günstigen Einfluß einer systematischen Erziehung und Bearheitimg der studierenden jüdischen Jugend für den Zionismus konstatieren können. Auch hier gilt der Satz: Der Erfolg ist dem, der zu warten versteht. Vossische Zeituni/, JJerlin Tagtäglich wird über Scliönherrs ״Glaube umi Heimat“, .seinen Inhalt, seine Tendenz, seine Bercclitigung und seine Wirkung debattiert. Vielleicht ist da auch ein Vorschlag am Platze. Den Höhepunkt erreicht die Tragödie in der Szene, in der dem Vater initgcteüt wird, er habe beim Vcrlassen der Heimat seinen minderjährigen Sohn zurückzulassen. In Ostpreußen ist in der letzten Zeit ausländisehen Juden der Aufenthalt nur unter der Bedingung gestattet worden, daß sie sich verpflichten, ihre Söhne mit vollendetem neunten Lebensjahre wieder ins Ausland zu senden. In der Tragödie wie im Leben soll der Vater seinen minderjährigen Sohn um seines Olaubcns willen verlassen, dort ihn in der Heimat zurücklassen, hier ihn aus der neugewonnenen Heimat entfernen. Wie wäre es. wenn man den ostpreußischen Beamten, die mit der Ausweisung von Ausländern bescliäftigt werden, die Schönlierrsche Tragödie vorspielen ließe, damit sie die Konsequenzen der Maßnähme erkennen? Vielleicht bemühen sic sich dann von selbst, die Aufhebung der Verordnung herbeizuführen. Denn das darf doch heutigen Tags keinen Unterschied machen, daß cs sich in der Tragödie um Christen augsburgischcr Konfession, in der preußischen Veroranung aber um Juden handelt. * * Seit langen Jahren wird über die Engherzigkeit geklagt, womit in Preußen manchen Ausländern gegen• über Verfahren wird. Familien, die ein Menschen• aller hindurch auf deutschem Boden wohnen, triedlieh ihrem Beruf nachgehen, alle ihre Pflichten ge■ treulich erfüllen, auch ihre Steuern pünktlich entrichten, erhalten plötzlich den Befehl, uas preußische Staatsgebiet zu verlassen. Gründe brauchen mellt angegeben zu werden. Und müßten sie angegeben werden, so wären sie wohlfeil wie Brombeeren, solange nicht, was wiederholt verlangt worden ist, eine richterliche Behörde zu ihrer unabhängigen Nach- Prüfung befugt wäre. Es ist eine erschütternde Vor- Stellung, daß ein Mann, der sich in Mühen und Sorgen Haus und Herd gegründet hat, der Weih und Kinder redlich ernährt, der sein neues Vaterland autrichtig und dankbar liebt, auf die .Rachsucht eines gewissenloscn Feindes hin, auf die Zwischenträgern eines neidischen Konkurrenten oder aus irgend welchen anderen unlauteren Gründen, vielleicht aus strebenschein Ucbereifcr einer subalternen Seele, friedlos, glücklos, heimatlos gemacht, in die Fremde, ins Elend gestoßen wird, weshalb? Es genügt, daß er als ״lästiger Ausländer“ erscheint. Er wird aut ״den Schub gebracht“, oder, wie cs in Oesterreich heißt, er wird ״abgeschafft“. Die Minister «eben in gemessenen Zwischenräumen die Erklärung ab, daß Vorsorge getroffen sei, alle Härten bei Ausweisungen zu verhüten. Aus der Praxis lassen sich nur zu viel Tatsachen anführen, die bewiesen, daß diese Absicht nicht erreicht wird. Die hierzulande leider noch vielfach übliche Handlialnmg des Fremdenrechts widerspricht den Ueberliefcrungcn der besten Hohenzollern und der Gesittung großer Kulturstaatcn. Vollends unbegreiflich erscheint die Forderung, daß Eltern ihre Sohne, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, ins Ausland schicken sollen. Man hat im Gegenteil wiederholt gehört, daß Ausländern, die uni die Aufnahme in den preußisehen Staatsverband nachsuchten, amtlich erklärt wurde, sic sollten nur warten, bis ihre Söhne militärpflichtig würden und in Deutschland der Dienstpflicht genügten: alsdann würde dem Gesuch Folge gegeben werden. Daß jetzt umgekehrt der Ableistung der Dienstpflicht ln Preußen vorgebeugt und die Abschic• bung der Söhne schon bei Beginn ihres zehnten Lebensjahres angeordnet wird, ist neu und ohne Bei- ::AUS ALLCR WELT ״ /hiss/(Dt'/ Tolmatschew halle den Konseil der Recht s * a 11 w alte von Odessa gebeten, ihm eine Liste aller jüdischen Advokaten und ihrer Gehilfen eiuzureichen. Der Konseil weigerte sich aber und gab eine juridische Begründung seiner Weigerung. Toimatsehew forderte die Liste noch einmal, wobei er mit dem Zustand des verstärkten Schutzes drohte. Der Konseil gab wieder eine ablehnende Antwort. Man sagt, Tolmatsehew wolle eine Anzahl jüdischer Rechtsanwälte wegen Aneignung christlicher Vornamen verfolgen. * In einem Kiewer Leihhause erschien dieser Tage ein Bauer und wollte eine vergoldete Schüssel versetzen. Die Sache kam dem Verleiher verdächtig vor, und er verständigte die Polizei. Nach längerem Leugnen gestand der Bauer, daß die Schüssel aus dem Juwelierladen des jüdischen Juweliers Marsehak stamme, der anläßlich der allgemeinen Pogrome im Jahre ldl)r> von den lloligans geplündert wurde. Der Bauer erklärte mm, er habe sich damals die Schüssel ״bloß als Andenken an die große Zeit mitgeiiommcn“. Der Bauer wurde freigelasscn. Aus Kiew wird uns geschrieben: 111 unserer Stadt entwickelt sich in letzter Zeit ein reges nationaljüdischcs Leben, das namentlich von den hiesigen Abteilungen der ״Bildungsgesellschaft“ und des ״Literaturverbandes" sowie von der hiesigen Lundcszeiitrale der ״Organisation für hebräische Sprache und Kultur" ausgeht. Diese Korporationen veranstalten häufig öffentliche Vortragsversammhingen, die sich eines lebhaften Zuspruchs erfreuen. Vor kurzem hielt hier auch Dr. Nathan Birnbaum, der sich gegenwärtig auf einer Tournee durch Rußland befindet, im Literaturverein einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über ״Ost- und W e s t j u U e n t u m“. Besonderes Interesse erregte die dabei geäußerte Stellungnahme des Referenten zur hebräischen Sprache. Dr. Birnbaum galt bekanutlich in letzter Zeit, seit der von ihm geleiteten ״Czcrnowitzcr Konferenz“, als Anhänger des Jargons. Wir begrüßen es daher mit besonderer Genugtuung, daß sich Dr. Birnbaum in seinem hiesigen Vortrag uneingeschränkt auf den Standpunkt der Neubelcbung der hebräischen Sprache gestellt hat, die die Grundlage unseres nationalen Kulturlebens und der jüdischen Renaissance bilde. Und es war eine symptomatische Erscheinung, daß die Wortführer der ״Jüdischisten“, d. i. der Jargonaiihänger, in der Versammlung gegen Dr. Birnbaum auftreten zu müssen glaubten, während die zahlreichen anwesenden Hebraisten mit Begeisterung für ilm Partei ergriffen. So ist hier die bereits mehrfach gemachte Erfalirung bestätigt worden, daß westjüdische Persönlichkeiten nur solange den Jargon als ״die eigentliche jüdische Volkssprache“ betrachten können — als sie nicht die jüdischen Volksmassen in ihren Wohnorten selbst unmittelbar kennen gelernt haben. ü sein, ob solche Vcrfügungen mit Wissen und Willen des leitenden Staatsmannes ergangen sind und ausgeführt werden. Heute wird cs genügen, die Frage zu stellen. U. A. w. g. Die vom Ministerrat beschlossene Ausdehnung der Schulprozentnorm für die Juden auch auf die jüdischen ״Externen“ hat nunmehr die Allerhöchste Bestätigung erhalten und ist in der ״Russischen Geset/essammhmg“ publiziert worden. Diese Verfügung, die seihst nach der ״Rossia“ aus den bestellenden Judengesetzen nicht abgeleitet werden kann, ist ohne Befragen und Zustimmung des Parlaments zum ״Gesetz“ erhoben worden und stellt somit einen ״unkonstitutionellen Akt“ dar. Es wird daher von Interesse sein, was die Duma dazu sagen wird. Eine darauf bezügliche Interpellation ist dieser zwar von eleu jüdischen Abgeordneten eiugehcacht worden — die Dringlichkeit derselben ist von der Dumamehrheit jedoch abgelelmt worden. Die russischen Gesetzgehör haben cs nicht eilig — wo es sich um Stellungnähme zur Judcncntrechtung handelt. Die ״Externen- Verordnung“ selbst bedeutet, wie an dieser Stelle hervorgehoben wurde, einen schweren Schlag für die studierende jüdische Jugend, der dadurch die Möglichkeit genommen wird, auch die zum Besuch einer ausländischen Hochschule nötigen Zeugnisse zu erlangen. Die Verordnung läßt sich auch durch keine ״patriotischen“ Motive begründen. Für die ״Prozcntnorm“ in den Schulen selbst wird als Grund angeführt, daß die fortwährende Berührung mit jüdischcn Schülern auf die christlichen Schüler ״demoralisiercnd“ einwirken würde. Dieser ״Grund“ fällt aber bei den Externen gänzlich fort, da diese die Schule selbst gar nicht besuchen und nur von der Prüfungskommission examiniert werden. Die Extcrncnbcschränkung ist somit bloß ״Selbstzweck“: eine sinnlose Entrechtung um der Entrechtung halber! Zugleich werden auch in verschiedenen Orten jüdische Studenten, die eine russische Hochschule absolviert haben, in eclit-russischcr Weise schikaniert. So sind .