Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 16-17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Drückeberger I ).18 ״B c r I i» c r T;1 g c b 1 n 11" ist eine |> o l i ־ tische Zeitung — gar kein %Zeifel möglich, sollte inan meinen. Aber wenn die Politik unbequem wird, schickt man sic ins Heuilleton. Dort ist man nicht so sehr /.u einem ״Standpunkt" verpflichtet, ohne den es in der Politik nun schlielllich bei einem so exponierten Blatte wie dem B. T. doch nicht geht. Hs gibt eine ganze Reihe von Leuten, die meinen, ein wissenschaftlich und politisch sc» bedeutendes mul bedeutsames Werk wie Sombarts ״Die Juden und das Wirtschaftsleben" sei lange nicht erschienen. Und jedenfalls ist cs der beachtlichsten Bücher der letzten Jahre eines das darf als ganz unzweifelhaft gelten. Wenn nun irgend ein mehr oder minder bc• deutender Liternturmacher ein Buch ankündigt, das möglicherweise eine kleine, ganz kleine Bedeutung haben könnte, so zahlt das B. T. für einen kleinen Aushängebogen vor dem Erscheinen gern die höchsten Honorare, und wenn sich dann in nenn von zehn Hüllen auch herausstellt, daB es ein Schmarrn war, so kriegt es doch noch eine eingehende Würdigung extra. So in der Literatur. — In der Politik, auf politisch-wissenschaftlichem Gebiete braucht1« nur eine kleine Broschüre über die Junggescllcnsteuer oder ein noch so unbedeutendes Buch über die gelbe Gefahr oder die wirtschaftlichen Instinkte der Heuerliinder zu sein, und flugs erhält es einen Leitartikel im B. T. gewidmet. Schlielllich ist es auch nicht so leicht, für dreizehn Zeitungsnummeru in der Woche immer einen interessanten Leitartikel heranzuschaflen. Da darf das ״Interesse" schon gelegentlich mal etwas fadenscheinig sein. Aber nun Sombarts Buch: das gibt doch einen interessanten Stoff! Was könnte nicht auch das B. T. von seinem Standpunkt alles dazu sagen. Wir gestehen ganz offen, daß wir darauf neugierig waren. Und verhüllt Huer Haupt, Musen! — was ge* schab? . . . Auf die Gefahr hin, wegen Nachdrucks belangt zu werden und obendrein noch Honorar für die folgende Raumvergeudung zahlen zu müssen, können wir es uns nicht versagen, die ״Kritik", die das Sombartsche Werk im B. T. (in der ״Literarischen Rundschau" (!) vom 2b. April) fand, wortwörtlich hier abzudrucken: ״Nur wenig Gebiete sind von der Volkswirtsehaftslehrc, die sonst in die dunkelsten Hcken der Heimarbeit hineinlcuehtct oder sich mit der wirtschaftlichen Lage der kleinen Arbeiter in den verschiedensten Jahrhunderten auf das sorgfältigste beschäftigt, so vernachlässigt worden wie die R e I igioneu in ihren Beziehungen zum Wirtsehn ftsl eben der Völker. Hs ist dies um so bemerkenswerter, als doch anerkanntermaßen die Religion in sehr vielen Hallen einen ganz entscheiden• den Hin Mull auf die wirtschaftliche Tätigkeit ihrer Anhänger gehabt hat; man denke nur zum Beispiel an die Wirkungen des kanonischen Rechts auf den Handel der Katholiken im Mittelalter oder den HinfluB der jüdischen Vorschriften und Gehole auf die Tätigkeit der frommen Juden in früheren Zeiten. So klar diese Zusammenhänge vor Augen liegen, um so auffallender ist cs, daß sie bei der Hlut religiöser Schriften, die wir besitzen, noch nicht zum Gegenstand einer Hinze!• forschuug oder Speziahmtersucliung gemacht wurden. Aber wenn man bedenkt, daß es bis heute wo die Zahl der Schriften über das Mission swesen schon Legion ist -- noch keine einzige große Untersuchung über die gewiß sehr bedeutsann• Frage des w i r t s c h a f 11 i c h c u Wertes der Missionen besitzen, so muß man eiusehen, daß dieser Mangel nicht ganz zufällig ist. Unsere Nationalökonoinen sind eben in der Mehrzahl in religiösen Fragen nicht genügend bewandert, sie beherrschen die Quellen der christlichen oder jiidischen Religion meist zu wenig, um eine eingehende Untersuchung der Beziehungen zwischen Religion und Wirtschaftsleben anstelle!! zu können, mul *unsere Theologen stehen wieder meist den wirtschaftlichen Vorgängen zu fern. Sombart, der geistvolle Nationalökonom, der zweifellos zu den bcfählgstcn jetzt lebenden Köpfen gerechnet werden muß, bat daher dankensweiterweise unternommen, hier Wandel zu schaffen: mit seinem ueuen Werke, das den Zusammenhang zwischen J u d e n t u in und Wirtschaftsleben behandelt, hat er einen, gewaltigen Grundstein geschaffen, auf dein jetzt andere weiterbauen können.׳ Die Arbeit, die Sombart geleistet hat, und die ihn Vjn..g«nze8 Jahr in Anspruch nahm, war für ihn um .so schwieriger, als er — dem Judentum völlig fernstehend sich erst in die Quellen jüdischer Gesetzt,'..Vorschriften und dergleichen einarbeiten inullte, ,'Man denke nur au das Studium des umfaugreichen Talmudes, des ״Schulchan Aruch", der Thora, der zahllosen talmudisch rahbiuischen Schriften und dergleichen (zusammen über 600), die zu diesem Werke ein Nationalökonom erst keimen lernen muß! Sombart hat diese Mühe nicht gescheut, er bat sieb aus der großen religiösen Literatur die kleinen Steincben gesammelt, die er beim Bau seines stattlichen Werkes benutzte. Die Schlußfolgerungen aber, die über den Zusammenhang zwischen der Religion der Juden und der Hiitwiekelung des wirtschaftlichen Lebens gezogen sind, imißte Sombart selbst sich ziehen; hier gaben ihm weder Talmud noch das alte Testament noch der Kodex des Maiiuou oder die Turiiu eine Aus• knnft, und eine Literatur über diese Frage existiert, wie erwähnt, nicht. Die H r m i 11 e l u 11g s 111 e t h o d e n über den Anteil der Juden am Wirtschaftsleben waren, wie Sombart im ersten Kapitel seines Buches zeigt, äußerst schwierig; die Statistik — soweit solche überhaupt vorhanden war -- versagte häufig voll• kommen. Trotz dieser Schwierigkeiten ist das Werk ausgezeichnet gelungen, und keiner legt das Buch Sombarts aus der Hand, ohne es zu Hude gelesen zu haben. Vereinigt es doch neben gründlicher wissenschaftlicher Bearbeitung eine äußerst flotte mul fast wie eine geistvolle Plauderei klingende Schreibart. Naturgemäß werden nicht alle Leser über Somhart dasselbe Urteil fällen: die Rabbiner werden vielleicht die eine oder andere Auslegung eines tal• imidisehen Satzes nicht billigen, die Zionisten wer• den bemängeln, daß ihre ״große Idee" in dem Buche nicht eingehend dargestellt ist, (?) mul die Antisemiten werden den von Sombart festgcstclllen großen Uiiifluß der Juden auf die Entwickelung des ganzen Wirtschaftslebens im Mittelalter be• streiten sonst aber Sombarts Buch vielleicht als Fundgrube für neue Angriffe gegen jüdische Eigen• art mul jüdisches Wesen benutzen. Aber alle diese Bemängelungen ändern nichts an der Tatsache, daß wir es hier mit einem 11ervorrageiulen wissenschaftlichen Buche zu tun haben, das eine Lücke in der Nationalökonomie nusfüllt. Der wesentlichste Inhalt des Buches ist in kurzen Zügen unseren Lesern schon früher durch die Berichte über die Vorträge, die Sombart vor kurzem in Berlin gehalten hat, bekannt geworden. Zuerst gelaugt der Anteil der Juden am A 11 f b a u 11 e r in o d e r 11 e n V 01 k s w i r t s c h a f t zur Darstellung. Es folgen alsdann die Untersuchun• gen über die Befähigung der Juden zum Kapitalismus und wie jüdisches Wesen entstand. Sombarts Buch wird sicherlich zu weiteren natioiialökoiiomisclien Arbeiten über Religion und Volkswirtschaft anregen. Otto Jöhlinger." Wie wunderschön objektiv das klingt! Wo mau sich auch Herrn Otto Jöhliugcr - dessen Kritik den Eindruck eines Scniinarrefcrats eines Studenten im ersten Semester macht — hervcrschricbcu haben mag, er hat die Aufgabe, über Sombarts Werk zu schreiben und es zu loben, ohne seines Geistes und seines Inhalts auch nur einen Hauch verspüren zu lassen, glänzend, vielleicht mit gütiger Nachhilfe der Redaktion, gelöst. Die unglaublich törichte Berner• kling, die Zionisten könnten in dem Buche eine Darstellung ihrer Idee vermissen, zeigt aber auch, daß er dieser Aufgabe würdig \var>Hcrr Jählingcr also mag sieh seines leicht verdienten Rezension«, excmplares freuen. Die Redaktion des B. T. aber, die für das Buch absolut keine andere Verwendung wußte, als es Herrn Jölilinger zur ״Kritik" in der ״Literarischen Rundschau" zu übergehen, verdient dafür öffentlich eins auf die Finger. Insofern sie sieh damit seihst ein Armutszeugnis ausstellt gegenüber ihren Leser!!, die das Sombartsche Buch in der Flaiul gehabt haben, ist das ihre Sache. Es ist aber eine Pflicht der jüdischen Presse, darauf liinziiweisen, daß ein Blatt wie das doch auch von einigen Juden gelesene B. T. einer so ernsten Bc• arheitung einer hochwichtigen Frage nichts weiter ah/.ugewinnen weiß (oder ahgevvinnen will!), als diese ״literarische" ״Kritik"! Im Volksmuiide, den das B. T. ja bisweilen so gern zitiert, heißt das eine ״Drückebergerei" — die denn hiermit festgenagelt werden sollte. Englands neue Fremdenbill Unser Londoner Korrespondent schreibt uns: Die neue von der Regierung im Parlament ein• gebrachte Bill zum ״Schutze vor den unerwünschten Fremden" ist und bleibt ein Ausnahmegesetz. Daran ändern auch nichts alle Beschönigungen und Beteuerungen des Ministers Churchil, daß die Bill das Asylrecht, auf das England stolz sei, nicht bc• einträchtigen werde. Der Minister hat die bittere Pille zu verzuckern sich bemüht, bat namentlich der eingewanderten, jüdischen Bevölkerung das Lob gc• spendet, daß sie ״friedlich, arbeitsam und gesetz.es• gehorsam" sei. 111 der Tat werden aber die so belobigten jüdischen Emigranten unter der Bill, an deren üesetzeswerdung nach der gegenwärtigen allgcmeinen Stimmung gegen die ״Fremden" kaum m zweifeln ist, zu leiden haben. Die hiesige jüdische!,resse mit dem ״Javish Clironicle" au der Spitze hat auch die den jüdischen Einwanderern von der Bill drohenden Schikanic. rungon erkannt und wendet sich mit aller Schärle gegen dieselbe. Es scheint aber mehr als zweifelhaft oh dieser Kampf Aussicht auf Erfolg hat. Es js| den Konservativen, die immer ein ״Schreckens, gespenst" brauchen, gelungen, die Houndsditcliafiärt gehörig auszusehlaeliten und in den weitesten Kreisen der englischen Bevölkerung eine übertriebene, fast kuriose Angst vor den ״Fremden" ciiizujagcu, n״t der auch die liberale Regierung rechnen zu müssen glaubt. Gewiß ist es das gute Recht und die Pilicht der Regierenden, die Bevölkerung vor Verbrechern und Verbrechen zu schützen. Gibt es aber nicht auch einheimische Verbrecher? Und glaubt die R«. gierung, daß die bestehenden Gesetze keine genügende Sicherheit gegen Verbrecher bieten, so müßte sic diese Gesetze überhaupt verschärfen! Weshalb denn Ausnahmebestimmungen gerade gegen die ,,Kremden", von denen ducii der Minister selbst behauptete, daß sie im allgemeinen friedliche Leute sind? Warum sollen denn z. B. gerade die ״Fremden" keine Waffen tragen dürfen? Wohl können die östlichen Juden liier sehr gut ohne Waffen auskammen. Das bezügliche Verbot aber stellt sie auf eine tiefere Stufe als die einheimische Bevölkerung. Der schlimmste Paragraph der neuen Bill ist derjenige, der die Bestimmung enthält, daß von ״verdächtigen Fremden" ein Führungsattest für die Dauer von fünf Jahren verlangt werden soll. Die Feststellung, ob jemand ״verdächtig" sei, wird lediglich von der Will, kür jedes subalternen Poli/eibeamten abhüngen. Und die Erlangung einer fünfjährigen Garantie für ״gute Führung" wäre für die meisten, selbst die anstin• digsten ״Fremden" eine Unmöglichkeit. Noch weiter als die von der Regierung eingc• brachte.Bill geht ein Antrag des Parlamentsmitglieds Golding, wonach sämtliche ״Fremde" in einer be• sonderen Liste registriert und so sozusagen unter Aufsicht der Polizei gestellt werden sollen. Merkwürdigerweise hat der Minister gegen diesen in einem freien Lande ungewöhnlichen Vorschlag keinen Einspruch erhoben und dessen Uebcrweisung an eine Kommission seine Zustimmung gegeben. Ent■ hält denn auch dieser Antrag keine ״Beeinträchtigung des Asylrechts", auf das England ״stolz" ist?- I; 4 i % % Die Bedeutung der organisierten zionistl sehen und bewußtjudisclien Studentenj; schaft für den Zionismus Von Dr. Ludwig Wasser m a 1111 (München). >, Für eine große Idee brauchen wir eine große Menge von Anhängern, um ihre Ziele zu verwirkliehen. Diese Anhänger nennen wir, wenn sie organi• siert sind, Partei. Zu den wichtigsten Aufgaben einer Partei aber gehört zweifelsohne die Sorge um ihren Bestand und uni ständigen Nachwuchs. Daß in dieser Richtung die jüdischen Studentenkorporationcti der zionistischen Partei dienlich gc• wesen sind, daß sie für die Erziehung eines ganz bestimmten Nachwuchses sich stets eingesetzt haben und es auch heute fortwährend tun, dies zu zeigen ist die Aufgabe dieser Zeilen. Die Zahl der jüdischen Studentenkorporationcn, welche für die zionistische Bewegung in Betracht kommen, ist eine verhältnismäßig große. In Deutschland ist es vor allem das Kar• teil Zionistischer Verbindungen mit seinen 3 Korporationen Hasmonaea-Berlin, Jord.inia• München, Ivria-Freiburg, dann der Bund Jü• d i 8 c 11 e r Korporationen, der, wenn auch nicht offiziell zionistisch, doch immerhin unserer Bewegung sehr w.ihe um! sympathisch gegenüherstchl. L: wa* fallt 10 Vereine in Berlin (2), Charlottenburg, München, Marburg, Freiburg, Straßburg, Bonn, Königsberg, Breslau, ln Leipzig existiert ein Verein 2ionis tisch er Studenten, in Köthen der Aka• dcmisch*zionistischeVcrein״Tschio h". ln Oesterreich haben wir ebenfalls eine seht große Anzahl von meist auf national-jüdischer Grund• läge gegründeten Verbindungen und Vereinen. So in Wien: Die Verbindungen Kadimall, Liba* nonia, Ivria, Makkabäa, Unitas, die Vereine Bargiora, Barkochba, Leo Pinsker und Jüdische Lesehalle; in Prag: das Prager Studentenkartell, bestellend aus den Verbindungen Barissia und Jordania; ferner den Verein Barkochba. Drei Korporationen hat Czcr• n 0 w i t z: Hasmonäa, Zepliwa und Hcbronia, je eine Brünn (Vcritas), Leinberg (Enutnah), Oraz (Charitas). In Budapest befindet sich der Vcr• ein Makkabäa. Ferialkorporationcn finden wir in B i c I i t z (Emunah) und in S u c c a w a (Tikwah). Die Zahl der hier aufgczäliltcn österreichischen Kor* porationen beträgt 21 gegenüber 15 den rcichs• deutschen Hochschulen.