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Jüdische Rundschau · 1911-04-28 · Heft 16-17 (28.4.1911) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 16-17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 187 Nr. 16/17 JUEDI8CHE RUNDSCHAU 1l,m (|,111׳k de» beruflichen Mitarbeiten» Keiner Frau ״IUI Töclitcr in die Tasche läuft. Das ist;״ich die UrMcIii׳, warum man wenig Blumeiigärtelicii sieht 1״ul vielleicht im «rollen ganzen zu wenig ländliche Acstlietik heim!*nssicrcu der I laupUlraßcn der jüdischen Kolonien empfindet. Die Kolonisten hängen ,war mit Gehirn, Herz und Geldtasche an den 1111• jaren, aber im I lausleben noch zu sehr an den alten Ilai1svinricl1tuu«c11 der europäischen Judenvierlei. Aber der Wahrheit die Ehre, mau sieht schon viele Anläufe zum bessern. In l,etach־'l ikwali sah lCh bereits hei einem Kolonisten einen Gemüsegarten, ,!in den ihn ein jeder deutscher Gärtner beneiden würde. Schöne Artischocken, neu angelegte Spargel• bcclc, kräftige Kartoffelstauden und anderes mehr. Das Beispiel wird wirken und jetzt schon will ein reicher Kolonist auf meinen Vorschlag hin einen jüdischen (ieniüsegärtiicr aufuchmcu und Gemüse• bau im «rollen betreiben. Jaffa selbst ist ein großes. Absatzgebiet. Als Heispiel sei erwähnt, dall jetzt ein K'dilkopf mit 25 Centimes bezahlt wird. I beiiso steht es mit der M i I cli p r o d u k t i o n. tin I ׳tor Milch wird in Wilhelma mit 45 Centimes ufkault. Die reichsdcutschen Frauen würden bei einer solchen Teuerung einen Boykott veranstalten, der ciuster zu nehmen wäre als der vorjährige Hutter• boykoit in Merlin. Es ist typisch für die Verhält■ nisse, dall mir auf einer Kolonie, als ich.ein Hutter• brot verlangte, gesagt wurde: ״Sie wollen hier auf dem l aude Hutter? Die können Sie höchstens in Jaffa bekommen I" Die hiesigen deutschen Kolonisten leben vorzüglich von der Milchwirtschaft, ich muH gestehen, dall ich der Anstalt in Mikwch deshalb sehr «rollte, daß sie in den vielen Jahren auf diesem so wichtigen Gebiete nicht vorbildlich «ewirkt hat. Was die deutschen Hauern können, sollten und müßten die jüdischen auch. Wir haben dafür Beweise. Der Wein• und Obstbau steht bei den Juden viel höher als in den deutschen Kolonien, und ich hatte meine Freude, als ich sah, wie sich der Agronom Keller, Direktor der landwirtschaftlichen Schule in Wilhelma, von unsern Kolonisten Verbesserungen im Rebensclmitt Vorhalten lief). Herr Keller, den ich in Wilhelma mit zwei jüdischen Kolonisten, Herrn Agronomen l’askal und Herrn Li eh recht, Verwalter der Lachmann'schcn Gründungen zu Pctach-Tikwali, he• aiclit 11.111c, ist ein auffallend liebenswürdiger Fachkollere, der mit gröllter Bereitwilligkeit mir alles zcij,׳lc und uns dann bis zur Koloniegrenze begleitete. Herr Keller versprach mir, die Resultate seiner Versuche cinzuscifdcn und gab mir Gelegenheit, Vorbandencs in Augenschein zu nehmen. Ein ostfriesischer Bulle spazierte in gröllter Gemütsruhe auf dem Hof herum, und seine prächtige Form zeugte von vollständiger Akklimatisation. Eine rassige Damaszener• Kuli, die 16 Liter Milch gibt, ein gewiß für hiesige Verhältnisse auffallendes Quantum, soll die Mutier einer stattlichen Reihe von Nachkommen werden. Auch einige deutsche Edclschwcine rüsselten fröhlich ini schönen Kanaan herum. Wird hier in Wilhelma auf dem Gebiete der Hcr/iicht recht vieles versucht und getan, so liegt dieses Wirtschaftsgebiet bei den jüdischen Kolonisten noch ganz brach. Einer ähnlichen stiefmütterlichen Behandlung untersteht die Geflügelzucht bei unsern Kolonisten. Ist für eine deutsche Bäuerin e״t Hof ohne Geflügel etwas Undenkbares, so hat die jüdische Kolonistenfrau noch gar kein Bedürfnis, die Pflegemutter unserer, sieh durch gutes Fleisch, ,hier und l edern dankbar zeigenden I l.msvögel zu sein. Fs liegt das wahrlich nicht etwa au natürlichen Wider• ständen, denn ich habe hier heim liahnhofsbeainten in Lydda liehen Italienern echte Koehinluihner gesehen, die in ihrem ganzen Exterieur vorzüglich waren. Die oft geäullerte Behauptung, dall Gänse hier nicht ge• »leihen können, gehört in das Bereich »ler Märchen, denn ich habe bis jetzt vielfach stattliche Exemplare gesehen. In Pctuch-Tikwah sah ich hei einem Kolonisten elf herrliche Truthähne mul einen Tnubensohlag mit weit über lüü Tauben. Nebenbei bemerkt, habe ich hei diesen Kolonisten bereits trockene Baum• w o 11 s t r ä u c h e gesehen, die von einem geglückten Versuche herstammen. Des näheren mich darüber aus/.ulassen, null) ich mir versagen, da mir diese Pflanze wie auch ihre Kultur fremd ist. Nunmehr zum Ackerbau übergehend, will ich von vornherein bemerken, dall ich auf diesem wich• tigsten Gebiete bis jetzt *mir weniges zu beobachten Gelegenheit hatte, da ich meist Rehen• und Obstkolonien besucht hatte. Atis dem bisher Gesehenen habe ich entnehmen können, dall wir es hier vorläufig mit einer Zwei• f e I d e r w i r 18 c h a f t zu tun haben, hei der Sommer• frueht mit Winterfrucht alterniert und wobei es sieh vorwiegend um Gerste und in geringerem Malle um Hafer und Weizen als Winterfrucht -- Sesam, Durra und Melonen als Sommerfrucht handelt. Der Stand der Saaten wäre als sehr günstig zu bezeichnen, wenn nicht der regenkarge Winter — bis jetzt sind 40 nun Regen gefallen — Brandstellen und trockene Spitzen gezeitigt hätten. Diejenigen Saaten, die mit Kunst• (länger behandelt wurden, sind trotz mangelnder Niederschläge von schöner dunkelgrüner Farbe, und die Bestockung wie auch das lllattvcrmögen läßt nichts zu wünschen übrig. Als Düngermiltel kamen in Betracht: Superphosphat, Chili, Ammoniumsulphat mul Aetzkalk. Die leichten Böden verlangen eben alles, da die Bevölkerung des Landes bis jetzt einen höchst intensiven Raubbau getrieben hatte. Geber•' haupt ist die Düngerfrage von eminenter Bedeutung. Der Futterbau ist vorläufig nur ein frommer Wunsch und bis jetzt ist noch nichts geschehen, um diesem Ucbcl ahzuhclfcn. Hand in Hand damit geht das Ausbleiben einer genügenden Viehhaltung, womit auch der Stalldünger, die belebende Kraft des Pflanzeuwaclistums, ausbleibt. Der für teures Geld von den Arabern angekaufte Tierdünger kann meiner Ansicht nach nur von minimalem Werte sein. Der Araber wirft die Exkremente seiner Tiere irgendwo auf freiem Felde hin, wo sie unter strahlender Sonnen• hitze dem Wind und Wetter ausgesetzt, allmählich zu einem niihrstofffreicn Material werden. Der Stick- Stoff verwittert, der Phosphor und das Kali werden zum größten Teil ausgewaschen. Die trockene Masse, die zurückbleibt, kann nur in sehr geringem Maße für die Ernährung der Pflanzung in Betracht kommen, Ihre Wirkung wird inehr in physikalischer Verbesse• rung der Bodenkonsistenz zu suchen sein. Es wäre also rationell, diesen Dünger für schwerere Böden und weniger für leichte in Anwendung zu bringen. Es ist natürlich kein Fehler, wenn auch der leichte Boden diesen Dünger erhält. Es fragt sich nur, ob es ökonomisch ist. Kommt es aber auf Nährstoffzufuhr an, so ist hier es meiner Ansicht nach besser, chemischen Dünger zuzuführen. Nun scheint es hier auch damit sein Bewenden zu haben. Die hiesigen Düngerhändlcr verkaufen nur selten unter Garantie* Ein Herzlbrief hi der Passalmummer der ״Welt“ findet sich bemerkenswerter Artikel Dr. Oscar Frankes ״Moderne deutsche Dichtungen altjüdischer Stoffe", in dem u. a. das bekannte Maibuch B ö r r i s F r e i It c r r n von Münch• ‘1äusens gewürdigt wird. Bei dieser Gelegenheit der OcMenUichkcU zum' ersten Male ein inler* ^ssautcr Brief Theodor Herzls an den Dichter!!J Faksimiledruck unterbreitet, der von der hohen ״«!Schätzung Zeugnis gibt, die Herzl dem ״letzten ”ulLdendichter" entgegenbrachte: ״Mein lieber Lord! . So muß jc|j Sic nennen, und Sic sind, Gott sei 1-hiik! lyrisch genug, um cs mir zu gestatten. Doch ajf ich Ihnen nun auch die Gründe nicht vorent• Veiten, sonst meinen Sie, ich wäre doch ein bi liehen “״«geschnappt. Als ich vor Jahr und Tag in diese zionistische «vegung hineinging und denen, die sie nicht ver• ®nden oder verstehen wollten, die Augen zu öffnen «suchte, da sagte ich auch Ihr Kommen an, mein 5bcr Lord. Ich wußte nicht, wie Sic heißen würden, ,״« ich wußte, daß Sic kommen müßten. Ich ״ndigte an, daß auch unsere Bewegung einen Byron sjCf;c'8fcrn würde, wie einst die Sache der Griechen ctl einen Sänger aus anderem Stamme holte. Ru 1 We'* den' Vergleich nicht treiben. Ur Ihnen sagen, wie es mich gefreut, und mir auch richtig gegruselt hat, als ich Ihre Judensängc in die Hand bekam. Und dieser aufrechte Ephraim Mosche Lilien. Dem brauche ich freilich keinen Dank zu sagen, weil es seine eigene Sache ist, so gut wie meine. Noch aber traute ich mich nicht, Sie als einen adelsgeprüften Lord der Dichtung zu begrüßen, weil ich mein Urteil für chauvinistisch getrübt hielt. Jetzt habe ich auch Ihre schönen ״dunkelen" Balladen gelesen, und das Gruseln war wieder da, jenes schöne Gruseln, das mich nur überläuft, wenn ich wahre Kunst plötzlich erlebe. Vorläufig wollte ich Urnen nur diese kleine Huldi* gtmg darbriiigeu, Ich hoffe auf die Freude, Sie ein• mal persönlich kennen zu lernen. Und jetzt, da ich den Brief schließen will, fällt mir auf, daß er eigentlich unbescheiden ist: ich setze nämlich voraus, da() Sic meinen Namen und meine Bestrebungen kennen. Ist das ein Irrtum, so lassen Sic sich dennoch diese Huldigung gefallen, mein lieber Herr von Münchhausen, und lesen Sie einfach die Unterschrift ״Ein Jude" an Stelle des Namens Ihres Sic grüßenden und verehrenden Theodor Herzl. Meine Lieblinge in ״J u d a": Euch, Enak, Passah, Triumphgesang, Mose — in den Balladen: Die Pest in Elliant, die Glocke von Hadamar, das seidene Haar, König Kristian, Halfdan, der Fischer, der Letzte des Stammes, das Ocdicht." gchalt, und heim Mangel an Untcrsiiclumgsgelcgen* heit wird der Käufer zu leicht geprellt. Der Ankauf müßte dien genossenschaftlich organisiert werden, dann könnte bei Großhändlern unter Garantie des Nährstoffgehalts gekauft werden. Aber wie gesagt, die Düngerfrage ist zum großen Teil eine Folge der Futterfrage und die Lösung der letzteren scheint absolut nicht etwas Unmögliches zu sein. Man sieht hier die schönsten Lupinen, die, nebenbei bemerkt, schon jetzt vielfach zu Gründüngung angebaut werden, in Saronn und Wilhelma gut gediehenen Klee und gelungene Luzerne. Es werden auch in letzter Zeit Futterrüben angebaut, die sich sehr gut entwickeln und im zukünftigen Fruchtwcchsclsystum von größter Bedeutung sein werden. Mit dem Trocknen der Rübeiisclmit/ci werde ich, sobald ich nur dazu Ge• legciiheit haben werde, einen Versuch anstellen. Die Kartoffel, die bis jetzt nur gemüsegärlncrisch ange• haut wird, kann ohne weiteres in Fruchtwechsel auf• genommen werden, nur ist zu erproben, ob sie nur als Winterfrucht oder auch als Sommerfeldpflanze nngebaut werden kann. ~~ Meine derzeitigen Eindrücke über den hiesigen Ackerbau möchte ich dahin zusammenfassen, daß alles technisch so gemacht werden kann und schließ• lieh gemacht werden muß, wie in Europa. Es handelt sich im grollen und ganzen tun eine Zeitverschiebung, und wo Schwierigkeiten in der Beschaffung von Wasser bestehen, dort stellt man vor einer rein ökonomischen Frage. Zur Arbeiterfrage übergehend, will ich bemerken, daß ich bis jetzt nur wenige Arbeiter angetroffen habe. Es waren dies meist Aufseher und Vorarbeiter in den Bojaren und Packer heim Orangenexport. Die wenigen, die ich getroffen habe, und zwar die landwirtschaftlichen Arbeiter, sind Männer des Berufs und der angeborenen Intelligenz. Was midi persönlich am meisten bei diesen jüdischen Arbeitern gefreut hat, war die Wahrnehmung, daß dies Leute sind, die an• und zufassen können. Sie verstehen und lieben ihren Beruf und ist ihrem sozialen Streben, auf eigener Scholle als freie Männer arbeiten zu können, die Aussicht auf Verwirklichung gegeben, dann sind sic das beste Meiischenmatcrial für ihr grandioses Problem. Die Arbeit in der freien Natur auf geliebter Scholle hat das Drängen und Stürmen etwas in den Hintergrund gestellt und eine mehr besorgte Ruhe und Ucbcrlegung tritt hervor. Die gedrückte Stimmung unter den Arbeitern, die bestand und in geringem Maße noch bestellt, ist bedingt durch die lokalen Verhält• nisse. Der jüdische aus Europa kommende Arbeiter kann den Konkurrenzkampf mit dein naturwüchsigen, bedürfnislosen Fellachen mir schwer aufnehmen. Es kommt noch hinzu, daß der besitzende Kolonist zu leicht vergißt, wie er selbst einmal gedarbt, bis ihm ein anderer unter die Arme gegriffen hat. Viele Arbeiter mußten ihren Leidensweg zurück nach Europa nehmen. Ein großer Teil derjenigen, die hier ge• blichen sind, lebt in der Hoffnung auf Verwirklichung der S i c d I u 11 g 8 g c 11 o s s c 11 s c 11 a f t. Dieser starke und heiße Glaube wird das Wunder schaffen, trotz und zuwider dem Gekreisch der weisen Raben, mögen sie Löhs oder sonst wie heißen. Audi jüdische Arbeiterinnen habe ich angetroffen, fröhlich bei der Arbeit, aber gedrückt in Qemüt und Stimmung. . . . Auch für sic wird ein Haus in der Heimat erstellen!" Bücher und Zeitschriften Jüdische Turnzoitung, Monatsschrift für die körperliche Hebung der Juden, licratisgcgeben von der Jüdischen Turnerscliaft. Jahresabonnement Mk. 3,50 Ausland Mk. 4,75 inkl. freier Zustellung. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Berlin €., Alexander• Straße 39. Aus dem Inhalt des Aprilheftes: Passah (Gediclit). — Ein Vorschlag zur Kreisein• teil uugder Jüdische uTurncvsc halt. Von Theodor Sleiiilierz-Wien-Ftiiifliaus. — Der Wert dcrOrganisation im Judentum. Von Hans Goslar-Berlin. — Das moderne Turnen der jüdischen Fra u. Von Bctti Egcr-Bcrlin. - Ver• bandst umfahrt nach Thüringen. — Aus der Jüdischen T u r n e r w e 11. — Die Ver• breitungsmöglichkeiten des Gelände• I a u f 8. — S t a b ü b u n g e n. Eingegangene Bücher Georg Kaiser: Die jüdische Witwe. Bib• lische Komödie. (Verlag S. Fischer, Berlin.) Hermann Welnheimcr: Die Entstehung des Judentums. Zweiter Teil: Die Geschichte des Volkes Israel. (Buch-Verlag der Hilfe G. m. b. H.) Preis 3,- Mk. Heinrich Heine: Sämtliche Werke. Erster Band Leipzig (im Insel• Verlag) 1911. Geh. 2,- Mk.’ gcb. 3,— Mk,

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