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Jüdische Rundschau · 1911-04-28 · Heft 16-17 (28.4.1911) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 16-17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 186 JU ED ISCHE RUNDSCHAU ו¬!׳ 1 Nr. 16/17 vermag im Volke Wurzeln zu schlagen und kraft seiner Ideen die Massen für die Ideale des Juden• tums zu begeistern. Antisemitische Agitation im Lande, antisemitische Mililärdebatten im Reichstage, Massentaufen in Stadt und Land«öffnen auch dem Indifferentesten die Augen und machen ihm klar, wohin der ״Liberalismus“, die Vorfrucht des In• differentismus, führ». So klug sind die Herren liberalcn Führer in den Gemcindcstuben, um zu lülilen, daß die zionistische Bewegung das wahre Juden• tum repräsentiert, daß die Ziele derselben eine Stärkung unserer Gemeinschaft im Auge haben; wenn den Zionisten die Möglichkeit gegeben ist, in der Verwaltung ihre Stimme zu erheben und ihre Pro• grammpunkte zu entwickeln, dann werden sich auch den schärfsten Gegnern die Augen öffnen und sie werden einschen, daß die Pflicht einer jüdischen Verwaltung nicht allein in Steuern erheben und Kitualicnsorgcn besteht. Der Zionismus will durch die Gemeindcvcrwal• tungen solche Maßnahmen treffen, welche die Stär• kung des Zusammcngchörigkcitsbcwußtscins der Juden herbeiführen soll, und wer hierfür Interesse hat, weiß, welch schwere Aufgaben dies mit sich bringt. Das Gemcindeprogramm der Zionisten wurde schon so oft in diesen Blättern besprochen, daß cs nicht nötig ist, solches hierbei nochmals zu erörtern. Um mm auf die Fränkclschcn Ausführungen zurückzukommen, möchten wir unsere Meinung dahin präzisieren, daß die tonangebenden Kreise der ersten Grollgemeindcn Deutschlands von der höheren Wart e d e r Gerechtigkeit und gegenseitigen Duld• samkeit aus wohl kaum sich zum Prinzip der Verhältniswahl verstehen werden. List wenn ihnen, utn mit dem Volksmuud zu sprechen, das Wasser an den Kragen geht, oder wenn die betreffenden Staatsrcgicrungen dieser Ungerechtigkeit steuern, werden die Verhältnisse sich ändern. Auch die Zio• nisten sehen nur das Heil darin, daß unsere Großgemeinden eine solche Entwicklung nehmen, auf deren Boden jeder religiösen Rieht u n g ihre volle Unabhängigkeit und B e w cg u ng s f r c i h c i t ge w ä h r I c iste t w i rd. Nur die Verhältniswahl bietet hierfür den richtigen Boden, und wenn nach Lrreichuug dieses Zieles Liberale, Orthodoxe, Mittelparleilcr und Zionisten auf dem gemeinsamen Boden der Gcmcindcstubc friedlich zusammenzuarbeiten sich bemühen, dann wird auch das Judentum nach außen kräftiger dastchcn und , die Stürme, welche Taufen und Mischehen hervor• rufen, kräftig abzuwehren in der Lage sein. Ivri. Eine Wanderung durch die judäischen Kolonien Herr Dr. Franz Oppenheimer stellt der ״Welt“ folgenden, von einem Fachmann auf dem Gebiete der Agrikultur in Palästina an ihn gerichteten Brief, der von Anfang Januar 1911 datiert ist, zur Verfügung: ״. . . Auf Vorschlag des Herrn Dr. Ruppin bereise ich gegenwärtig die jüdischen Kolonien in Judäa, um bei mehrtägigem Aufenthalt auf den einzelnen Siedlungen Land und Leute kennen zu lernen. Bis jetzt war ich in UI s c h o n I e Zion, Sarona, Beth-Arif, Petach-Tikwah und W i 1 h e I in a. Rischon lc Zion ist bereits eine typische knüpft, daß der häusliche Friede gewahrt blieb. ־־ So ließen wir ihn in Mähren zurück. — Das Jahr verging. Und cs glich mir die Straße des Lebens so sehr der Landstraße, auf der wir gewandert. Viel Tage lang sind wir gepilgert, wenden uns um; und sielten am selben Flecke; nur wenige schauen den Weg, den sic nach vor• wärts getan. Alle aber sehen wir sehnsüchtig in die Ferne: die Einen bis dorthin, wo der Hirn* mcl die Erde berührt und sic ahnen noch Einiges darüber; die Anderen bis zur nächsten Wege• biegung. — Daß der Vater die Arbeit beende, kamen wir übers Jahr wieder ins Städtchen. Blieben bis der Winter kam. Nahmen den Juden, dem das kleine Stadterl zu eng geworden, mit nach Wien. — Da schlürfte er in vollen Zügen das viel- und feinfasrige Leben, seine Sprache gab kraftstrotzend, unverfälscht die Eindrücke dieser Kraftsccle wieder. Er aß, heißhungrig all das Neue — und krankte nicht. — Im Nu hatte er sich den neuen Gewohnheiten angepaßt. Ging ins Theater, urteilte mit klarem, ungetrübtem Verstände, ging am Parlamente vorbei über den Ring durch die Kärntnerstraße, während der Korso hell flutete. Die Menschen drängten sich, Autos, Elektrische, Fiaker sausten vorbei; cs Uiilernclmicrkoloiiie im Ocgem.atz zu Pclaclt-Tikwah, 1 die ich als Pflaiizbaucriikulonie bezeichnen möchte. Die Kolonisten von Rischon sind zum großen Teil im Weinkeller beschäftigt oder »reiben Unter• iielimungen anderer Art; jedenfalls sind die meisten Besitzer in Rischon Arbeitgeber. Arbeitnehmer sind vorwiegend Fellachen. Von jüdischen Arbeitern habe ich fast keine bemerkt und die vorhandenen Jemeniten finden Beschäftigung im Haus oder auf dem Itof, nur selten auf dum Felde und in den Pflanzungen. Der Wohlstand und der teilweise aufdringliche Luxus ist weniger die Folge andauernder intensiver Arbeit, als vielmehr das Werk einer zwar großzügigen, aber nicht vulkscrzichcndcn Philautropic. Die meisten besitzen einen typischen Bauernstolz und scheinen bereits vergessen zu haben, daß sic einmal selbst arme Schlucker waren. Nur selten und unter nicht sehr günstigen Bedingungen erhalten die neu zii/icliendcn jüdischen Arbeiter bei diesen Kolonisten Beschäftigung und Verdienst. Das Anlcrneu der neu Angekommenen bedeutet für sie einen Kapitalverlust, und im übrigen finden sie im Fellachen eine billigere und gefügigere Arbeitskraft. Sind die geäußerten Be• obachlungcu vom sozialen Standpunkt zu verwerfen, so bedeutet aber auch diese Kolonie vom nationalen Standpunkte einen bedeutenden Sprung nach vorwärts; denn Rischon ist eine blühende jüdische Besitzung und ein Zentrum neujüdischer Kultur. Die Umgangs* spräche ist hebräisch, die Sitten und Gebräuche In bestem Sinne jüdisch. Haben die vielen Millionen des Baron Rothschild nur pnvatwirtschafllich genützt, so haben sie andererseits erzieherisch gewirkt und haben einen Stamm gelernter und denkender Kolo• nisten liervorgebracht. Ich habe drei Tage auf den Plantationen verbracht und habe mich gefreut, treffende theoretische Begrimdungen über praktisch ausgeführte Arbeit zu büren. In den wenigen hier existierenden Orangen• gärten steckt fleißige und verständnisvolle Arbeit, und cs ist nicht schwer zu konstatieren, daß liier der Stand der Bäume besser ist als in den deutschen Kolonien. Die Weinberge sind schön und werden intensiv bearbeitet. Ich konnte konstatieren, daß hier der Schnitt der Reben, wie überhaupt die ganze Behandlung dieser Sträucher dem System ähnlich Ist, das ich in Stuttgart Gelegenheit hatte zu erlernen. Bei der Obstkultur (Aepfcl, Birnen, Aprikosen, Pfirsiche) fand ich viele Mängel vor. Der Grund dafür ist, daß die Kolonisten damit erst vor zwei bis drei Jahren begannen und darin weder Muster noch Erfahrungen haben. Einige Obst/üchter gaben ohne weiteres zu, was bei Bauern mir selten der Fall ist, daß sic oft ratlos dastchcn, da sic auf diesem Gebiete weder erfahrene Mitbürger noch Fachleute be• fragen könnten und eben so lange hermiiprobieren müßten, bis sic auf das Richtige kommen werden. Lin junger Kolonist aus Wad il Cltaiiin, der eine Obstplautagc besitzt, bat mich, ich möge zum Obst• schnitt zu ihm kommen und ihm Instruktionen er• teilen. Jedenfalls sind alle der Meinung, daß der Obstbau liier eine große Zukunft bat. Die edelsten Sorten von Birnen und Acpfela gedeihen hier vor• züglieh und die bereits geernteten Früchte werden zu auffallend hohen Preisen auf den Markt gebracht. Nebenbei bemerkt, gedeiht hier der weiße Wintercalville vorzüglich. Lin Beweis für die Rentabilität wie überhaupt für die Möglichkeit des Obstbaues in Palästina ist der großartig angelegte Obstgarten des Agronomen Herrn Apfelbaum in Pctach-Tikwah, eines verwirrte ihn nicht; wie ein klarer Wasserspiegel, in dem sich die Kreise rasch verlaufen; nur daß die Bewegung, die sie veranlaßt, zurück• blieb.-Er lernte Menschen kennen, sprach überall mit, treffend, und immer wahr. — Was aber ans einem solchen Menschen machen, der schon weit über Dreißig war? Der nicht erst lernen konnte, sondern verdienen mußte? Es gelang dem Vater, für Ihn eine Bcschäfti* gung zu finden. In einer Eisenhandlung ward er angcstellt. — Nach einigen Tagen fragten wir an, wie er sich zur Arbeit stelle. — Da war der Jude nicht mehr dort. ־־ Er hatte ihm nicht gefallen. Vielleicht, daß das kalte Eisen zu starr war, nacl» dem er das warme Leben geschlürft. -Fein empfand er sein Unrecht. — Er fuhr fort von Wien. —■ Nach vielen Monaten kam eine Karte aus Budapest. Ums neue Jahr war’s und er wünschte uns Glück.- So seltsam; da letzthin, an einem kalten Oktobertag war's. Ganz unversehens mußte ich Wien verlassen. Wien hatte ein herbes, rauhfröstelndes Aussehen.-Dann hielt der Zug in einem kleinen Dorfe, im Salzkammcrgut. Ueber den Feldrain ging ich rasch auf die Straße. Stehen bleiben muß ich. Will schreien, kann nicht. — Stumm in Ehrfurcht neigte ich mich. — Vor mir in stiller Zauberschöne der Winter. gediegenen Fachmannes, der (>800 Bäume, die vor. nehiiisteii Sorten, gepflanzt hat und vom Stand Keiner Kultur sehr befriedigt ist. liier habe ich cim.i11h,1j|, Tage verbracht und konnte mit großer Gemigtuuu״ einen wirklich herrlichen Besitz kennen lernen. |jcr Boden ist in seiner Kulturarl am günstigsten n|$ Standort für Obsthäume zu verwerten. Die aus I r.ink. reich importierten Lxemplare, ursprünglich an Qualität nicht das beste, da zu einem relativ sehr niedrigen Preise angekauft, haben hier prächtige Stämme umj auffallend starke Holz- und l'ruchttriebe entwickelt. Die Aepfelbäume, die jetzt nach der Veredlung drei Jahre alt sind, haben einen Stamm wie Bäume von sechs bis acht Jahren in Europa. Alis dem grollen Sproß- und Blattvermögen ist auf eine entsprechend starke üewurzehmg zu schließen, was im ganzen eine vorzügliche Entwicklung bedeutet. Dasselbe trilü auf die meisten Hiruhüiuuc zu, mir sind einzelne Sorte'n zu sehr mit Fruchtholz beladen. Dies letztere kann die F'olge des zu großen Standortwechsels sein, »,der es liegt auch am zu starken Schnitt, den sich liier der Besitzer in Erwartung einer schnelleren Ernte erlaubt hat. Es kann aber auch au den Sorten liegen, was erst durch Erfahrung festzustellen sein wird.’ Jedenfalls habe ich den Kolonisten einen IU1 gegeben, und zwar die Fruchtbarkeit nicht zu sehr zu beschleunigen, da sich manche Exemplare tot. tragen können. Ich muß cs mir versagen, hier aul fachtechnische Auseinandersetzungen des näheren ein• zugehen. Ich möchte mir bemerken, daß eine modern eingerichtete Baumschule eine Notwendigkeit ist, da einerseits klimafeste Sorten aufgezogen werden und anderseits jeder Kolonist das passende haben konnte. Ich glaube kein falscher Prophet zu sein, wenn ich behaupte, daß nach wenigen Jahren Palästina in großen Massen diese Übstart (Kern• und Steinobst) kultivieren wird. Mit nicht geringerem Interesse untersuchte ich den hiesigen Gemüsebau. Schon bei der Ankunft in Jaffa konnte ich bei einem Gang auf dein Markt über auffallend schöne Gemüse staunen. Hatte ich mit Bewunderung auf die prächtigen Kohlköpfc, Salate, Blumenkohl mul anderes mehr geschaut, so frappierten mich die hohen Preise, die man in Europ.1 zur größten Tcucruugszcit nicht keimt. Man kann hier au Gemüsebau ein reicher Mann werden, und der Gemüsebau ist tatsächlich die I laupteinnaliineipiellc der Saronacr Deutschen. In dieser Jaffa naheliegenden Kolonie sah ich fcldiuäliig angchuutcs Gemüse, da« mich an die Vorortgärteii Berlins erinnert hat. Nun besteht aber ein bedeutender Unterschied zwischen den hiesigen und den Berliner Verhältnissen. Schalft dort in Europa der intensive Kapitals- und Arluils• aufwaud relativ weniges, so segnet das hiesige Klima die geringe menschliche Arbeit mit schönstem l'riolg. Die einmalig größere Ausgabe für Wasseranis;,• ist nichts im Vergleich zur natürlichen Fruchtbarkeit. Allerdings ist dieses Gebiet der Pflanzenproduktion bei den jüdischen Kolonisten noch zu sehr vernach• lässigt. Es lag dies bis jetzt zum großen Teil am ganzen System der Kolonisation, ln der ersten Zeit war man auf großzügigem Weinbau eingerichtet, dem folgte Orangen•, Oliven•, Mandel• und Obstbau. Alle diese Kulturen tragen den Charakter größerer Planta• tionen, deren Besitzer mehr Unternehmer als eigen!• liehe Produzenten sind. Es sind eben noch die Gene• rationell aus dem alten Ghetto, die sich zwar so weit emanzipiert haben, aber noch zu wenig vom B.aicrn haben, dem Gemüse ein laufendes Einkommen is׳, das — Da heulte der Zug auf, fährt rasselnd :,altin. Ich sehe ihm nach, immer nach, bis das glt.i.ciidc Auge kleiner wird, bis ich nur mehr die Pupille sehe, bis es erblindet. — Da fällt mir der russi• sehe Jude ein. — Ich aber will nicht an ihn denken. — Weiter eile ich auf der Land׳,:־.: alle, bald so rasch, daß eine heiße Fieberglu; sich über mich ergießt, bald wieder stockend langsam. Eine Schwere legt sich auf meine Brust, die mich erdrück(. Nach Luft schnappe ich, trinke sie gierig. — Immer wieder sehe ich den Jaden, den schwerkranken, vor mir gehen. Will mir sagen, ich sei doch nicht in Mähren. Da sehe ich die Landstraße, und es ist dieselbe. Es ist dieselbe Landstraße, die über die ganze Erde geht, in ewigen Spiralen. Auf ihnen ziehst du wieder dahin, armer russischer Jude. Wie ein Kreisel; und willst du stehen bleiben, dann treibt's dich weiter, bis du aus der Bahn gehoben, nieder• stürzt. — Du wanderst weiter, deinem Amerika zu. Wo ist der Meilenstein, an dem du dich jetzt ermattet ausruhst? Da sehe ich den Grabstein, so täuschend ähnlich dem Meilenstein. Schwarz ist drin eine Zahl cingegrabcn. Sovicle Kilo• metcr bin ich im Leben gewandert. Bis hierher kam ich und nicht weiter.

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