Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 16-17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 16/17 Seite 185 über die staatsrechtliche Stellung der Juden in der Provinz Posen bringt. Und nun zu guterletzt - eigentlich wollte icli’s unterschlagen, aber daun wurde das Gesamtbild un• vollständig sein — noch eines: In Her Rubrik ״Beitrage von Staatsmännern und Politikern" findet sieh auch ein Sprüchlein des Stadtverordneten Louis Sachs, Vorsitzenden des Repräsentantenkollegiuius der Ber• liuer Jüdischen Gemeinde. Uer zweite und letzte Satz daraus sei den Lesern der Rundschau zum Früh• stück gewidmet: ״Von meinem liberalen Standpunkte aus tnuli ich aber betonen, daß eine segensreiche und hoff• nuiigsfrolic Wirksamkeit nur dann entfaltet werden kann, wenn die zionistische Bewegung, die ich für eine schwere Gefahr für uitser Judentum und seine Zukunft ansehc, energisch ferngehalten und jeder Versuch, die jüdische Jugend dem Zionismus aus• zuliefern, als ein Verbreche n gegen die gute Sache erkannt wird, für welche wir angesichts der vielen Entrechtungen der jüdischen Staatsbürger unser ganzes Leben hindurch zu kämpfen haben." Ob Rabbi Hillcl wohl diese Grundweisheit des liberalen Judentums einem Heiden bei/.ubringen ver• imicht hätte, während der auf einem Bein stand? Oder ob er dann auf einen Nebensatz hätte verzichten müssen? — Und das Gesamtergebnis? Man kann den weh• mutigen Worten nicht gerade widersprechen, in die das ״Israelitische Wochenblatt" am Schlüsse seiner kurzen, recht sanft gehaltenen Besprechung ausbricht: ״bin bescheidenes Büchlein mit schlichten jüdischen (jedanken wäre uns viel lieber als all die hoch• trabenden Namen, Aber wir leben eben in einer Zeit, wo jede Idee zuerst auf ihre Wirkung als Reklame geprüft wird. Pür den alten jüdi• sehen Idealismus fehlt heute unter den Jungen wie u n t c r d c n A 11 e n d a s richtige V c r s t ä n d n i s." Sollen wir darum den Mut verlieren? Ich glaube, daß vielleicht doch die eine oder andere der hier verantwortlichen Persönlichkeiten in einer Stunde der Einkehr bei sich selbst ahnen wird, dall diese Be• trachtimgcn am Ende doch nicht nur der Freude am ״Runterreißen" alles Nichtzionistischen entspringen, sondern daß die eigene Rechnung irgendwo nicht ganz stimmt. Dann wird aber die Zeit nicht mehr krn sein, in der alle die Schuldigen von heute nur noch mit mitleidigem Lächeln an ihr eigenes Werk zurückdenken. An diese Gedenknummer, die allen denen schmerzlich gewesen ist, die im ״Jü• dischcn Jugendbund" gern etwas anderes seiten möchten als einen Zuchtteich für das trübe Quallen* aquariurn des deutschliberalen Schutzjudcntums. C. Kaiser. ״Judenschicksal“ Eine ״Sammlung von Bcispiclsfällen" nennt sich das auch schon an dieser Stelle besprochene Heft, das der ״Verband der Deutschen Juden" einer kleinen Tcilcrschcinung der Judenfrage, soweit sie die deutschen Juden ganz unmittelbar betrifft, gewidmet hat. ״Beispielsfällc" zu der Frage der jüdischen Reserveoffiziere, die es nicht gibt. Diese Kleinarbeit fand auch unsere Anerkennung, wie sie ein jedes würdige Eintreten für jüdische Ehre und. jüdische Menschenrechte stets gefunden hat. Unser Wunsch ist es nur, daß die intensive Beschäftigung mit solch ת T"T 1——— —————■——■—■ ■»1.” ׳ «■׳ Wie sic abend schlafen gegangen sind, hab׳ ich jedem ein paar Kreuzer geschenkt. Dann sind sie cingcschlafen und nach der Reihe hab׳ ich sie geküßt. - ln der Früh׳, wie noch niemand wach gewesen, bin ich aufgestanden. Nicht’s hab׳ ich mir mitgenommen, damit sic glauben, ich geh׳ wie sonst in die Arbeit. — Am Bahnhof hat er mich gefragt, wohin Ich will. Nach Amerika, und soweit als man um vier üuldcn kommen kann. Im Zug bin ich gesessen, die Maschine hat schon aufgeseufzt, da Herr — Herr — das werd׳ ich nie vergessen. Da ist sic gekommen — Fradel, mein Weib — wie ein abgehetzt׳ Wild — ist sie gekommen. Sic muß etwas geahnt haben. Und dann - Herr, hat sic die Arme nach mir gestreckt, aber die Maschine hat schon geschluchzt, da bin ich weggefahren, sie ist allein geblieben.- Wie ich ausgestiegen bin, war ich wieder auf der Landstraße und vier Wochen hat sic mich nicht losgclasscn, hat mich geschunden, wie ,,a blut• wilde Bestie“.- Ueber die Wiesen sah ich, weit hinab bis zur Windmühle. Nichts regte sich. Das Mühl• rad stand still. — Also gibt cs doch noch etwas, was das ewig laufende Rad zum Stillstand bringen kann?- Alles tickte im regelmäßigen Gang. — Längst hatte die Ebene ihr Aussehen ver- JUEDISCHE RUNDSCHAU einer Frage den Blick und das jüdische Gewissen nicht ablenke von den ganz großen Fragen der jüdischen Gegenwart und — der jüdischen Zukunft. Da gibt es Dinge und ungelöste Probleme, deren gewaltige Tragik die das allzu rege Interesse für das Schicksal der jüdischen Offiziersaspiranten beinahe als Frevel erscheinen läßt. Ein ״Bcispiclsfatl“, der den Weg in die Presse gefunden hat: ״Siebzehn russischen Juden wurde die Erlaubnis verweigert, in Ncwyork zu landen, weil sie nicht die erforderlichen Barmittel besaßen. Sic fuhren daher nach Europa zurück, ln Amsterdam angekommen, wurde ihnen verboten zu landen, weil sic nicht im Besitze der nötigen Papiere waren. Auch die deutschen Behörden verboten ihnen die Durchfahrt, um nach Rußland zurüekzukehren. Sic mußten also wohl oder übel wiederum nach Amerika fahren, wo sic höchst• wahrscheinlich wieder zurückgewiesen werden.“ Hier waren cs siebzehn russische Juden. Ein anderes Mal sind es zwanzig. Manchmal auch ein einzelner, der von Land zu Land gejagt wird, weil er ״nur ein Jude" ist und -- keine Heimat hat. ״Und so etwas passiert im 20. Jahrhundert. Scheuß• lieh!" bemerkt zu der Nachricht ein liberales jüdisches Blatt. Es wird auch im 21. Jahrhundert passieren und typisches Judenschicksal bleiben, wenn cs bei der sittlichen Empörung der großen Mehrheit des westlichen Judentums bleibt. Wenn der jüdisch־poli־ tische Horizont weiterhin durch die Frage der jü• dischcn Reserveoffiziere begrenzt wird. Solch c i n Bcispiclsfatl sollte seine Lehren unseren Juden eindringlicher und lauter verkünden, als die Dutzende, die der ״Verband der Deutschen Juden" gesammelt hat. Jene Tragik, die der Nichtjude Byron vor Jahrzehnten empfunden hat und die Morris R o s c 11 f e I d aus eigenem Erleben dichterisch ge* staltctc, liegt dem liberalen Juden von heute weiten• fern, in Dessau bedauert man die russischen Juden, aber man ist ״nicht verrückt genug", das eigene Schicksal mit dem ihrigen zu verbinden, und das jüdisch dcuisehnationalc Credo des Abgeordneten Dr. Cohn lautet: ״Der letzte masurische (oder kassu• bische) Ochsenknecht steht meinem deutschen Emp• finden näher als ein russischer Jude." Aehnlich denkt man in Paris, dort wo die Geschicke der großen allgemeinjüdisehen Alliance geleitet werden. Angesichts solcher heillosen Verwilderung jü• dischcn und sittlichen Empfindens bleibt nur der Trost, daß die, die heute im Judentum auf expo• liiertem Posten stehen, in Wahrheit nicht mehr als die berufenen Vertreter unseres Volkes angesprochen werden dürfen, und daß eine Generation nachwächst, die mehr Achtung vor sich selbst besitzt und vor der Gemeinschaft, mit der sie sich stolz verbunden fühlt, als die letzten, absterbenden Vertreter einer kurzen, aber darum nicht weniger schmachvollen Epoche jüdischer Zeitgeschichte. Für sie ist der ״Beispielsfall" der siebzehn russischen Juden mehr als eine Zeitungsnachricht unter vielen. Ihnen spricht daraus der ganze Jammer ihres Volkes, der ihr eigener ist. Er festigt in ihnen den Vorsatz, mitzuwirken am großen Werke der Befreiung und im alten Juden* lande das zu schaffen, was dein wandernden Juden in Rußland, in Amerika, in Holland, in Deutschland und in allen übrigen Ländern versagt ist: ״Eine öffentlich •rechtliche gesicherte Heim• stiitt e". ändert. Wenn ich des Tages oder gar abends vorbei an den letzten Häusern des Dorfs hin• aus auf die Landstraße schritt — ein weites Stück zwischen den Feldern — da schwebte er auch schon entgegen der Schleier. Lindlcicht umhuschte cs mich. Er drückte nicht -־ denn er war wie schmeichelndwclchcs Musselin. Aber es war da und mit ihm das ieisc Bangen. So wie cs über einen ganz Gesunden kommt; daß er plötzlich schmerzlich mild wird; das große Kranken umhaucht ihn wie ein Ahnen. — Wohin das sommerlich Sonnige, wohin du, klare Nacht, die wie krystallcn scheint, wie edel geschliffenes, kaltes Glas. Die du uns soviel Lebensmut und Kraft einflößt, so sorgsam zart wie die Mutter, daß du uns ja nicht verletztest, und erquickt gehen wir davon. — —־ — Nun das Licht so müde, so müde das Grau; alle Farben im Er• löschen, Im Absterben, alles so krank. — — Vom feuchten Boden stiegs modernd empor, faulend von den schwarzen Feldern. Mitten durch den nassen Nebel gehe ich und sehe nicht einen Schritt vor mir, nicht einen Schritt ins Lichte, Zukünftige. Und das köstlichste in uns erstirbt — die Hoffnung.- Noch immer sind wir im mährischen Dorfe. Er aber war schon daheim, Weib und Kind hatte er gesehen. Was ihm zum Vollen seines inneren Die Verhältniswahl in den Großgemeinden Der bekannte Führer der Orthodoxie in München, Herr Sigmund Frankel, veröffentlich( in Nr. 12 bis H der ״Jüd. Presse" eine größere Abhandlung, welch«: sich mit der ״Einführung der Verhältniswahl bei den Waiden für die Verwaltungskürpcr der Israel. Großgemeinden" be- , schäftigt und die es verdient, auch in einem zio• nistischcn Organ besprochen zu werden. Die U't/.tjährigcn Rcprüscntantcnwahlen innerhalb der Grollgeuicindeu Berlin, Posen und München, welche nach äußerst lebhafter Wahlagitation statt• fanden, hatten das Ergebnis, daß in Berlin und München die sogenannte ״liberale" Liste mit größerer, in Posen mit geringerer Majorität zum Siege gelangte. Herr F. gelangt in seinen Auseinandersetzungen zu dem einzig richtigen Vorschlag, bei derartigen Wahlen nicht das jetzt beliebte System des relativen «Majoritätsprinzips, sondern die Verhältniswahl in Oeltung treten zu lassen. Während die politisch liberalen Parteien bei Land- und Gcineindewahlcn die ״Ver• hiiltniswalilen" als einen Punkt im liberalen Wahl- Programm aufstdlcn, wollen die ״jüdisch Liberalen" bei den Waiden zu den Kultusverwaltungen von der ״ausglcichendcn Gerechtigkeit", mit der sic ja sonst so gerne prunken, nichts wissen. Nicht als ob die Herren für ihre Majorität fürchten (diese wird ihnen ״vorerst" wohl noch bleiben), auch nicht aus Angst vor den ״Orthodoxen" in der Verwaltung (diese lassen sie ja ohnedies auf dem Kompromißwege ab und zu gerne hcreinkammen) sind sie dagegen — einzig und allein damit ja keine Zionisten ihre ״staatsverräterischen" Anschauungen in diesem Kreis ver* treten können. Den besten Beweis hierfür bietet München, wo im Jahre 1008 die Liberalen den Ortho* doxen im Kompromißwege statt 1 dercjni 2 bewilligten, nur um den Zionisten auszuschalten. Es soll heute auf diesen unerquicklichen Vorgang nicht zurückgekommen werden, er sei nur deshalb erwähnt, um zu zeigen, daß nur die Zionisten furcht die ״liberalen Atannesscclen" schreckt. Wir sind über* zeugt, dal) die liberalen Häuptlinge in den Gemeinde• stuhen Berlin und «München recht ungern orthodoxe Kollegen im Verwaltungskürpcr sehen, allein eine Furcht haben sic vor ihnen nicht, da sic ja, wie schon erwähnt, doch im Wege des Kompromisses ihnen gerne die ihrer Stärke entsprechenden Sitze jeweils gewähren. Dagegen ist für die Herren liberalen Führer der Zionist das denkbar gefährlichste Geschöpf zwischen Himmel und Erde. Man sollte es nicht für möglich halten, daß die im Verhältnis zu den Liberaten ja geringere Zahl von Zionisten solche Furcht zu erzielen vermag. Ganz besonders in den Münchener, und Berliner ״liberalen Zirkeln" soll diese ja epidemisch sein, da mau in den nicht zu oft statt• findenden liberalen Versammlungen in der Weise h la Don Quichotte immer wieder rhetorisch den Zionismus zu bekämpfen sucht. Woher dieser fanatische Haß? Nur aus dem einzigen Qrunde, weil man fühlt, daß die einzige Bewegung, welche der liberalen Herrschaft mit der Zeit, gefährlich werden kann, der Zionismus ist. «Man Schreckt sich wold etwas vor, den glaubcnscifrigcn Juden, aber man weiß, daß die Orthodoxie allein so rasch nicht Boden in den breiten Massen in größerem Maße gewinnen kann; der Zionismus allein, das fühlt man, Glückes fehlte, holte er sich von dort. Als er zurückgekehrt, arbeitete er doppelt eifrig. — Sein Leben war so schön, wie er es nie erwartet. Bis ins Frühjahr war ihm Arbeit gesichert. — Wir aber staunten über die urwüchsige, unverwässerte Kraft dieses Menschen. Welche Aufnahmsfähig■ keit besaß dieser Geist, wie ein Kind gierig nach neuen Begriffen. Erst später verriet er uns, er sei Bclfcr in Galizien gewesen. Ein Lehrer nur ־durch Vernunft, durch Angeborenes, nicht durch Bildung, durch Anerzogcncs. Denn er selbst konnte weder schreiben noch lesen; nun lernte ers spielend. Solche riesenhafte Geisteskraft, der sich wie mildernd Spürsinn und Schlau• heit beischmicgt, müßte Großes leisten, wenn ins Richtige geleitet. Jammervoll schade, daß so viele wie er sich auf der Landstraße des Lebens verlaufen, bis sie entkräftet in den Graben stürzen. Mitten rein spielte ein Idyll. Wie ein Lächeln, das freundlichst anhebt, im Ironischen endigt. Hauste der russische Jude bei einer älteren Frau. Die sorgte für ihn in aufopfernder Pflege. Liebte den männlich schönen Juden. Er aber liebte auch sie — wenn sie kochte. Lobte gar sehr die trefflich würzigen Speisen, die ihm aufs trefflichste behagten. Also waren zwischen dem Mann und dem Weibe fest genug die Fäden ge-