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Jüdische Rundschau · 1911-04-28 · Heft 16-17 (28.4.1911) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 16-17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 184 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 16/17 leidet, haben wir uns an eine Reihe hervorragender Persönlichkeiten gewandt, mit der Bitte, ihre An* sichten ׳über diese Frage zu äußern, •** 1. Herr Professor von L. bemerkte zu unserem Korrespondenten: Der Schnupfen sei zweifellos eine Krankheit. Derselbe sei fast in allqp Ländern, bald mehr, bald weniger verbreitet. Bereits die alten Assyrer hätten den Schnupfen gekannt. Wir wüßten das zwar nicht genau. Es läge aber einstweilen kein Orund vor, das Gegenteil zu vermuten. 2. Der Chefarzt des X*Krankenhauscs, Herr Ochcimrat bemerkte: Es sei zweckmäßig, den Schnupfen zu verhüten, bevor er da sei. Finde er sich jedoch trotzdem ein, so müsse man ihn unbedingt bekämpfen. 3. Der Vertreter des Chefs der Oesundheits• polizei erklärte unserem Berichterstatter auf dessen Befragen: Es läge für die Polizei zur Zeit kein Orund vor, wegen des derzeit grassierenden Schnupjcns bestimmte Maßregeln zu treffen. Sollte sich nachträglich ein derartiger Grund noch einstellen, so werde man nicht versäumen, geeignet erscheinende Schritte — aber auch nur solche — zu tun, wogegen ,man dies nicht tun werde, falls nach wie vor kein Orund vorltigc." So etwa sind die Enqueten, die das ״Berliner Tageblatt" fast allwöchentlich seinen Lesern auf• wartet. Wobei man für Schnupfen ein andermal Erdbeben, Hosenrock, Rebläuse, Margarinevergiftungen, gefährliches Alter, Influenzacpidcmicn oder Bühnen• Unfälle wählt. Wenn auf diese Weise die ״natn• haften Persönlichkeiten" gezwungen werden, ad maiorcin gloriam des Hauses Mosse ein paar lächcr• lieh banale Worte von sich zu geben, so muß man dem Tageblatt doch zugute halten, daß cs diese Banalitäten wenigstens nur von Leuten herauszieht, die das betreffende Gebiet kennen. Der Redaktion der ״Mitteilungen" muß selbst dieser mildernde Umstand versagt werden. Die Auswahl ihrer ״Mitarbeiter" ist — mit geringen Ausnahmen — ge• radezu unglaublich. Oanz abgesehen von den Renegaten, sind cs fast alles Leute, die uns über jüdische Dinge nichts, aber auch gar nichts zu sagen haben. Noch unglaublicher ist freilich, daß die Redaktion den Mut besessen hat, dieses tolle Sammelsurium von cingcgangcncn Antworten einfach abzudrucken und in einer Naivität, die so ungeheuerlich ist, daß man ihren Inhabern eine gewisse Oröße nicht ab• sprechen kann, als ein ״wertvolles Zeitdokument" zu bezeichnen. Ein Z c i t d o k u m c n t ist cs frei* lieh, wenn auch in etwas anderem Sinne, als sich die Herausgeber gedacht haben. Man fühlt sich an die trübsten Tage der ״Abwehr" erinnert, in denen die Leser der jüdischen Wochenblätter kein höheres Ideal kannten, als ein christliches Outachten, daß cs auch anständige Juden gebe, schwarz auf weiß vor sich zu sehen und beglückt bei sich in der Tasche zu tragen, um cs ihren jüdischen und nichtjüdischen Bekannten freudestrahlend zu präsentieren. — Ist denn all das Sehnen und Ringen des Jungjudentums, das doch lehrte, die jüdischen Dinge auch noch von anderen Gesichtspunkten aus zu betrachten, an diesen hier spurlos vorübergegangen? Mit welchen Hoffnungen Ist die jüdische Jugendbundbewegung begrüß worden, und nun ist diese ״Qedenknummer" das Resultat. . . , Man möchte wirklich fast den Mut verlieren, wenn man sicht, wie noch jetzt — zehn Jahre nach dem vermeintlichen Anbruch der jüdischen Renaissance ~ selbst bei Menschen, die in ihrer Weise das Judentum lieben und die im sonstigen Leben sicherlich gebildete und geschmackvolle Menschen sind, Sinn und Haltung und jedes Maß verloren geht, sobald sic jüdische Angelegenheiten in die Hand bekommen! Ich darf nun leider dem Leser der Rundschau die Einzelheiten nicht ganz ersparen, will's aber kurz machen. Eine eigentliche ״Inhaltsangabe" wäre auch ein einigermaßen problematisches Unterfangen, mehr noch als bei ״Moritz, und Kina". An der Spitze stehen die in der Voranzeige besonders stolz hervorgehobenen, in vollem Texte ahgcdrucktcn Ministerantworten. Es wird alle, die sich mit der Judenfrage beschäftigen, lebhaft inter• cssicren, daß der Kriegsminister ״aus grundsätzlichen Bedenken", der Minister des Innern ״aus grijmlsätz• liehen Erwägungen", der Staatssekretär des Reichs• mariiienmtes ״aus prinzipiellen Gründen", der Land• wirtschaftsminister ״grundsätzlich" keinen Beitrag liefern wollten, wogegen dies der Staatssekretär des Kcichsjusti/amts ״im. Einklang mit dem von ihm in ähnlichen Fällen beobachteten Verfahren" nicht zu tun wünschte. — Dernburg besitzt das geschätzte Schreiben vom 3, Februar und wünscht den Zielen des Verbandes jeden Erfolg. — Ein halbes Dutzend freisinniger Abgeordneter teilen mit, daß die Toleranz edel wäre, wogegen man dies von der Unduldsamkeit nicht sagen könne. — Ebcnsoviclc lehnen cs ab, einen Beitrag zu liefern, ,da sie prinzipiell gegen kon• fessionelle Absonderung sind. — Auch Adele Schreiber möchte einem besonderen jüdischen Jugendverhande ״ebensosehr entgegentreten wie der gleichfalls irrigen Anschauung: Nur ein guter Christ kann ein guter Soldat sein!" — Ochcimrat Eulenburg bestätigt, daß es recht tüchtige jüdische Acrzlc gibt. — von Dry* galski empfindet für einzelne Juden Hochachtung und Freundschaft und begegnet anderen wie jedem anderen entsprechenden Menschen, Gelegentlich hat es ihn gewundert, wieso sich noch nie ein Jude zu einer deutschen Südpolar-Expcdition gemeldet hat, während jüdische Forschungsreiscndc in anderen Erdraumen hervorragendes geleistet haben. — Rosa Bertens ״erscheint als ein Verhängnis des luden• tums sein ewiger innerer Zwiespalt: Mit allen Kräften und mit jeder Art von Talent strebt der Jude vor• wärts und soll doch in der uralten Tradition seines Glaubens und seiner Gebräuche haften. Hier gähnt ein Abgrund, der überbrückt werden muß. Wer einen Baustein zu diesem Werke hinzuträgt, nützt nicht nur dem Judentum; er bringt auch der Menschheit Segen." Hübsch, aber leider (ein gewisser Gegen• satz zu der frühen Jubiläumsfeier!) etwas verspätet vorgebracht! So etwas hätte allenfalls gepaßt, wenn es zu Spinoza von seiner Tante gesagt worden wäre. Heule scheint cs mir nicht mehr ganz das wesentliebste Problem des jüdischen Lehens zu erschöpfen. — Ida Boy-Ed hätte mit Bismarck nichts dagegen, wenn ihre Söhne Jüdinnen heirateten. — Fritz Engel versichert mit Bezug auf den Stamm der Väter: ״Ihn verehren, ihn bejammern Lernte ich in Kindcrschuh'n, Und mit vorgeschritten Kräften Weiß ich and’rcs nicht zu tun." Es liegt für uns kein Orund vor, ihm das nicht zu glauben. - Dali Fritz Engel und seine Kollegen sonst aber, wenn sic gelegentlich mal nicht um das Judentum jammern, doch noch anderes zu tun wissen, darauf läßt die — inhaltlich leider nur zu Da schau ich mich um, bin wieder auf der Land- Straße im Staub und Herr, ich bin doch ge* wandert, und bin immer am selben Fleck." — Wir kommen ins Städtchen, ich führe ihn zum Rabbiner, der ihn warm und freundlich aufnimmt, damit er ihn pflege. Was sich ereignet, erzählt ich dem Vater. Der gab ihm Beschäftigung. — Gern unterbrach jener sein Wandern; hier konnte er arbeiten, Geld verdienen. So war UaU dies einstweilen sein Amerika. — Eines Tags — eine Stunde vor Mittag, ich lehnte gerade am Fenster und sah auf das sclünalc Qasserl, das von jungen Bäumen gesäumt, zwisehen den niedrigen, buntgestrichenen Häusern dahinlicf — da stand er vor mir. Und ein ganz Qesunder war er. Er begrüßte mich, das aus dem Herzen Kommende tat mir wohl. ״Heute ist Halbfeiertag, Herr, da kann ich hicht arbeiten. So bin ich zu Euch gekommen. — Gar nicht lang war heute die Landstraße." Nach dem Essen gehen wir spazieren. Er spricht vom Vater und was er sagt, ist rührend., ״Wißt Ihr, Herr, wenn er wegfährt" — denn der Vater fuhr morgens ins Städtchen und kehrte abends zu uns ins Dorf heim — ״da laufe ich auf die Landstraße, dort, ״wo man immer sehen kann" und schau dem Zug nach, bis er klein winzig ist und nur noch der Rauch zu sehen ist; dann ist mir so schwer, als ob mein guter Vater wegfahren möchte." — Wir gehen weiter, vorbei an dem Marterl, das ganz grün umsponnen ist, vorbei an der Bank unter der machtvoll schönen Linde. ״Ich bin so glücklich, mein Herr, daß ich Geld verdiene, damit ich meinem Weib etwas scUtekcu kann " ״Ihr seid verheiratet??" ״Ja und hab׳ drei schöne ״Licblingskindcr", ja Herr." Ich will Euch alles erzählen. — Ihr glaubt, ich sei aus Galizien, ich bin aus Rußland. Schlecht ist's mir dort gegangen, schwer schlecht. Dann war ich drei Jahre beim Militär. Ich hab’ ge• schossen, wie sonst niemand. Dann bin ich fortgclassen worden, wie ich gekommen. Drei ׳ Jahre war ich dort. Hab׳ nichts verdient. - Nirgends hab׳ ich Arbeit finden können. Der Hunger ist über mich gekommen, da hab׳ ich mir ״still inwendig" gesagt, die Straße führt zu anderen Städten, vielleicht ist dort besser. Damals, Herr, bin ich zum erstenmal auf der Landslraße gewesen. — Heut׳ kenn׳ ich sie schon ״ganz gut". Aber cs sind noch gute Menschen, und ich‘ werde jetzt nicht - mehr zu Gehen sehr berechtigte, wenn auch nicht die Emanzipations■ feier betreffende — Zuschrift des Zentrums,ahge. ordneten Liborius Gerstenberger schließen: ״Wenn die Ziele (des Jugendbundes) — da die Jugend doch die Zukunft ist — bewirken, daß auch die Tages- und Bilderhlätter, die teils von Juden selbst geleitet, teils beeinflußt sind, sieb streng enthalten von Verletzuug unserer Gefühle durch die Verhöhnung kirchlicher Personen und anderer Dinge, die uns!!eilig sind, dann wird das Endziel Ihrer Sehnsucht auch bei den Massen mehr Verständnis finden." Man denke nur au die widerliche Verhöhnung der Jesuiten durch den ״Ulk" und an die Aufregung des ״Brr• lincr Tageblatts" über die unterbliebene Romreise des Kaisers und den Motlernistencid, Dinge, unter denen doch diese Kreise unseres Wissens wenig zu leiden haben. Den Damen darf ich nicht vor• enthalten, daß dem jetzt so arg bedrängten Harry Waiden das jüdische Familienleben ״stets gefallen und imponiert hat". - Auch die Stammgäste des Metropottheaters kommen auf ihre Kosten: ״Ihrem außerordentlich humanitären Verein wünsche ich von ganzem Herzen die größten Erfolge, und wird wohl durch Ausbildung des Herzens und der Intelligenz im einzelnen Menschen in Zukunft bald aller Rassenhaß aus der Welt geschafft werden," trägt Giampietro bei. (Dagegen hat man es leider versäumt, von der Direktion oder dem Publikum des benachbarten Pavillon Mascottcs jemanden zu befragen, obwohl gerade diesen Leuten eine ausgiebige Gelegenheit zu Gedanken über die Judenheit gegeben ist.) ־- Sommerstorff und Kraußneck sind in unserer Autographensammlung ebenfalls mit wert• vollen, anscheinend auf dem Postamt im Stehen ge• schriebencn Beiträgen zur Lösung der Judenfrngc vertreten. Recht anfechtbar ist der Grundgedanke in den Ausführungen Hermann Cohens. (Es tut mir weh, daß icl! seinen Namen überhaupt in diesem Zusammen• hange erwähnen muß.) ״Nicht allein der politischen Einsicht, noch auch nur der religiösen Toleranz des 18. Jahrhunderts haben wir unsere Emanzipation zu verdanken, sondern nicht minder auch der Anerkennung, welche die K u 11 u r k r a f t unserer Religion siel! a h g c z w 11 » g e n 11 a t." Diese These ist doch recht willkürlich auf• gestellt. Mag auch der schmcrzlicii-sclmsüchtige Wunsch eines Mannesherzens hier der Vater des ausgesprochenen Gedankens sein, er darf doch nicht den Tatsachen Gewalt antun. Wer die einschlägig« theologische und populäre Literatur auch mir ober• flächlich kennt, der weiß nur zu gut, daß die ״Anderen" jetzt wie früher mit verscI!windenden A11 s• nahmen wie unserer Rasse, so auch unserer Religion alles andere eher als Anerkennung ent• gegenbringen. Und mm sollen wir gar dieser An• erkenmmg die Emanzipation zu verdanken 11.11)1*11. Denn ״Moses Mendelssohn wurde als der deutsche Sokrates geehrt". - Es wäre nicht ohne Reiz, ein• mal näher zu untersuchen, wie Hermann Cohen von seinem Standpunkte aus notwendig zu diesem Oe• danken gedrängt worden ist. Hermann Cohen ist im übrigen einer der wenigen, die sich an das Thema — Emanzipation — gehalten haben. Unter diesen wäre noch Hermann Struck zu nennen, der einiges von dem, was vom zionistischen Standpunkte aus zu diesem Thema zu sagen ist, knapp und treffend darlegt. Ferner der Landhgs• abgeordnete Wolff, der eine kurze historische Studie brauchen. Ihr wißt nicht, was für ״SchindpHg" (las ist. Ich hin gewandert, Herr, von «,inc-r Stadt zur nächsten. Einmal hab' ich gegessen, zweimal nicht. Aber ich liab’s gern getragen, weil ich gewußt hab׳, in Galizien wird's dir besser gehen. Ich bin hingekommen, hab’ mein braves Weib dort geheiratet. Wir haben uns gern gehabt. Was nüt/t das? Ich hab’zu wenig verdient. ־ Zuerst war ich bei einem Sodawasser• fabnknntcn. Die Kinder waren da und zu wenig Geld. - Mit Pferden hab’ ich zu handeln he* gönnen und da ist’s ״a Bissel leichter" geworden. Wie ich mich noch gefreut habe, sind mir zwei Pferde zugrunde gegangen, ich auch. — Schwere Mchlsückc hab׳ ich dann getragen und schön vordient. Die Arbeit hat Kraft verlangt, ich hab' stark essen lind trinken müssen. Nichts ist übrig geblieben. Fradcl, hab׳ ich zu meinem Weil! ge* sagt, ich will anderswo sehen. Aber Herr, ich war nur einen Tag auf der Straßen, da ist ein ״groß Kranken" über mich ״gefallen". Es Int mich ״gehängt und heim geschleppt". Gesclmn* den hab׳ ich mich, ganz blutig geschunden. Aber cs hat nicht gehen wollen. Wie ich gesehen, daß der Hunger ineine Kinder, Herr, aufcssen will, hab׳ ich gewußt, was ich tun muß. Was ich noch gehabt hab׳, hab' ich genommen. Neue Kleider hab׳ ich ihnen gekauft und sie fein angezogen.

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