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Jüdische Rundschau · 1911-04-28 · Heft 16-17 (28.4.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 16-17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16/17 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 183 die unserer Idee ablehnend gegenüber standen, in überaus heftiger Weise angegriffen, ja sogar verleiinidct hiitlcn, diese Darstellung beruht von Anfang his /n Ende auf Voraussetzungen, die mit den gcschiebt lieh und dokumentarisch feststehenden Eriignissen nicht in Einklang zu bringen sind. |1״ Juli I9 ’8 fand die Unnväl/mig in der Türkei statt, und es dauerte bis zum Sommer 1900, bevor eine regelmäßige zionistische Propaganda in einigen türkischen Zeitungen einsetzte. Bevor aber dies der fall war, empfingen Sie, meine Herren, die nach Europa entsandte Delegation der türkischen Kammerdeputierten in Ihren Pariser Bureaus, und hei dieser Oeh ,!enheit war es, dall Ihr Präsident, I lerr Nareisse Leven, eine Ansprache hielt, worin er den Zionisnius als den türkischen Interessen zuwider!,׳mfeud her* ichuelc und einen scharfen Gegensatz zwischen ihm und der Alliance konstruierte mul licrvorliob, Ls v;!r 1dies der erste öffentliche Angriff, und Sie werden, meine Herren, nicht bestreiten, dall er von llim n ausging. ,'ie stellen ferner in Ihrem Schreiben fest, dafi kein-• Organisation in der Türkei, keine Zeitung, kein Srluulstcllcr von Ihnen jemals eine Parole oder irgend eine Subvention erhalten hätte. Auch diese Pestslei• hing findet in den Tatsachen keinen Anhaltspunkt. Pciiii im Sommer 1900, während ich seihst in Konst.iniinopcl war, ist Ihrem Konst,•intinoplcr Vertrauensmann, Herrn Fernande/, ein Communique über den Empfang der türkischen Delegation und über die Ansprache Ihres Präsidenten zur Weitervcrbrcitung übermittelt worden, das dieser durch Herrn Heuveniste, dem Direktor der Alliance-Schule in Kon* staiitnmpel-Oalata, an eine grolle Reihe von Zeitungen mit der Bitte um Aufnahme verschickt hat. Ihre Feststellung, daß keine Zeitung von Ihnen jemals eine Parole erhalten hätte, entbehrt, wie mir scheint, auch im Uchte folgender Tatsache der Berechtigung. Vor wenigen Monaten hat Ihr Vize- Präsident, Herr Salonton Rcinacli, eilten Brief an Herrn David Frcsco, dem Herausgeber des in Konstantinopel erscheinenden Blattes ״Fl Tiempo“, ein Blatt, das ich nach den Enthüllungen der letzten Monate wohl nicht näher zu charakterisieren brauche, gerichtet. Dieser Brief lautete: ״Ich habe öfters die Gelegenheit gehabt, über den Zionismus zu sprechen mit eminenten Vertreten! der jungen Türkei, Freunde .. wie sie es f.1 alle sind - der Alliance Israelilc Universelle. Ich hegte die Befürchtung, daß diese zu gleicher Zeit reaktionäre und wahnwitzige Bewegung, welche in einem Laude, wie die heutige Türkei, nicht mir mit lovnlcn Gefühlen, sondern auch mit dem gesunden Menschenverstände unvereinbar ist, ernst nehmen würden. Ich habe immer mit einer wahren Erleichterung fcststellen können, daß die Herren, die sich hei mir erkundigten, sich keinen Illusionen über die Wichtigkeit und die wirkliche Kraft des Zionismus hingnben. Ich sehe in! Zionisinus zwei Elemente: Einerseits ein zweifellos ' sehr sympathisches: Das Elend der unterdrückten Israeliten in Rußland und Rumänien, die sich vor einer Wirklichkeit, die sie zerschmettert, in das Gebiet der Träume flüchten: das andere Element, in meinen Augen sehr wenig respektabel, ist der Ehrgeiz, der Rcklamedurst gewisser Agitatoren. In den Ländern, wo die Juden verfolgt werden, kann der Zionismus ein vertröstendes Hirngespinst sein; in der Türkei ist er nur eine Dummheit.“ werkelt der taubstumme Bettelimisikant. Er dreht in einem fort. Sein Arm ermüdet, doch er dreht weiter. Er selbst ist stumpf und teilnalims’os. Weiß nicht, wie er spielt, weiß nicht was er spielt. — Nur das Geld im abgegriffenen verwitterten Hute schaut er — dann dreht er fort. —•! Singend zogen sie vorüber, der Lärm nahm aä. Gedämpft klang er, verglomm leise, verhauchte. Dem Dorfe, aus dem ich gekommen, wallfahrfen sie zu. Ich aber zog ins mährische Stäillchen. Fernab winkte der Meilenstein. Er schien so weit und ich war so müde. Ich glaubte, ihn nicht mehr zu erreichen. — Und dann — war ich dort. Gleich darauf dehnte sich die Straße wieder U|9 ein Stück. — O dieses langweilige, Oedc der Landstraße. das uns so wehmütig traurig stimmt, uns hcrabdruckt, daß wir den Glauben an uns selbst verlieren. Wir bohren uns ein in den Ge* jnnken, es sei zu Ende. - Dann unversehens fällt der Blick ins warme, atmende Leben. ־־ Lodernd schäumt’s in uns empor. Leben, leben, schreit es verlangend. — So was Eigenes ist ־lcs beim Menschen: Diese Kraft in der Schwäche. — Der Tod ist schon ganz nah. Der 5!erbende sieht seinen leichten Hauch. Da bäumt Ich glaube, daß die Parole, die Ihr Herr Vize- Präsident mit diesem Briefe nusgegeben hat, an Deutlichkeil nichts zu wünschen übrig läßt, Die Motive, die Ihren Herrn Vizepräsidenten zu einem solchen Schreiben haben veranlassen können, sind mir um so unerklärlicher, als, wie Sie mir gegenüber seihst mit Nachdruck hervorheben, nach Ihrer Meinung, die ottomanisclien Juden vollkommen imstande sind, selbst z.u beurteilen, was ihre Pflicht ist und was ihre wahren Interessen sind als Juden und als ottomaniselier Bürger. Sie teilen mir mit — und ich hatte es ja nicht anders erwartet ״*־, daß alle diejenigen, die befugt sind, im Namen der Alliance zu sprechen, den Auftrag haben, allen religiösen und politischen Kämpfen fern zu bleiben. Leider stehen aller z.u dieser Er- Klärung die Tatsachen in einem bedauerlichen Gegensalze, daß in der ganzen Türkei Ihre Schulen die Zentren des uns feindlichen mul aktiv bekämpfenden Geistes sind; daß ihre Konstanlinopelcr Sehuibeliörden einen hartnäckigen Kampf gegen den des Zio* nismus verdächtigen Turnverein Mnccahi führen; daß einer Ihrer Schullehrer in Saloniki ein Jlnuptleiler der dortigen nntizionistisehen Bewegung Ist. Es kann Ihnen, meine Herren, nicht unbekannt sein, daß in der Türkei kein Jude daran zweifelt, daß die Alliance gegen den Zionismus ist und ihn bekämpft. Sic können sich wohl .mich kaum darüber wundern, daß Ihre z.mu Frieden und zur Neutralität malmenden Vorschriften nicht die gewünschte Beachtung finden, wenn die Mitglieder Ihrer obersten Verwaltung mit einem solchen Beispiele vornugehen. Glauben Sie mir, meine Herren, daß eine Polemik mit Ihnen mir ebenso peinlich ist, wie sic Ihnen nur erscheinen kann. Ich beschränke mich deshalb auch auf die in obigen Ausführungen enthaltenen Widerlegungen, die mir unumgänglich notwendig erschienen, und übergelte Vieles. Mit tiefem Bedauern habe ich aus Ihrem Briefe entnehmen müssen, dall Sic die Notwendigkeit eines Eingreifens nicht anerkennen, wodurch dem Bruderkampf, der zum Schaden des jüdischen Gemeinwohles unter der ottomanisclien Judenhcit weiterwütet, ein Ende bereitet werden könnte. Nach wie vor werde ich die hohen Ziele, denen die Alliance sich widmet, die großzügige Arbeit, die sie auf manchen Gebieten geleistet hat, aufrichtig schätzen und verehren. Nach w׳ie vor werde ich ihre phiinntropisehen mul sozialen Bemühungen von Herzen unterstützen und jede Bekämpfung derselben, soviel in meiner Macht stellt, verurteilen und verhindern. Deshalb hoffe ich noch immer, daß ihre Verwaltung sich auf den Geist zurückbcsinnen wird, der die großen Stifter der Alliance beseelte, den Geist, der seinen Ausdruck in ihrer weitherzigen Devise fand. Da das Organ Ihrer holländischen Abteilung die bisher zwischen uns gewechselten Briefe publiziert hat, halte ich mich, um einer ungerechten Beurteilung unserer Bewegung vorztibeugen, nunmehr für verpflichtet, meinerseits unsere vollständige Korrcspenden/. der Ocffcntlichkcit zu übergeben. Sie werden uns im übrigen stets zum Frieden geneigt finden. Mit vorzüglicher Hochachtung F ii r das Präsidium der Zionistischen Organisation gez. David W o I f f s o h n. er sich auf, herrscht wie ein Gebieter nach Leben, selbst entfacht er das Glimmen, daß cs nochmals hochzüngelt. Täuscht sich selbst, die Anderen, dall sie wähnen, einen Lebenden zu besitzen. — Sie mcrkcn’s erst, bis die Flamme vom letzten Windstoß erloschen. — Dort vor mir ging langsam ein Mann; die Lust überkam mich, ihn cinzuholcn, mit ihm zu sprechen. Ich fing an, zu laufen und staunte dann selbst darüber. Endlich habe ich ihn erreicht. .Lachend will ich ausrufen: Aus Staub bist du geworden, zu Staub sollst du werden! Da diirchzuckt’s mich stechend. Qcmcinspöttische Laune des Schicksals! — Eine elend herabgekommene Gestalt. Ich grüße ihn. Er wünscht mir, ״an guten Tag“ und die Worte kommen kaum über die trockenen, aufgesprungenen Lippen. Wie ein Scinvcrkrankcr schien er, der wochenlang im Spital gelegen und entlassen worden, die er gesundet. Die Schuhe zerrissen, die Kleider zerfetzt, alles vernachlässigt. — Wir gingen zusammen; doch er antwortete nur langsam, ängstliche Scheu hielt ihn zurück. — ״Woher kommt Ihr?“, und ich sehe ihn an. Ein leidendes Zucken zittert über sein Antlitz. ״Wohin geht Ihr?“ Er nennt mir das Stadt* eben, dem ich zustrebc. ״Was macht Ihr dort?“ Wie wir soeben erfahren, beschloß die Deutsche Confcrcnz-Gemcinschaft der Alliance Israelitc Universeile in energischer Weise in Paris darauf zu dringen, daß bei den bevorstehenden Wahlen die Nominierung des Herrn Rcinach unterbleibt. Es geschall!lies einstimmig mit der Begründung, daß Herr Rcinach durch sein wiederholtes unjiidischcs Verhalten es der Conferenz-Gemeinschaft unmöglich gemacht habe, ihn kandidieren zu lassen. Bereits in nächster Zeit werden vermutlich weitere Veröffentlichungen der Alliance erfolgen. Wir können den Beschluß der Confcrcnz-Ocmcin• scliaft nur billigen, hat sich doch Herr Rcinach als einer der bekanntesten Gegner des Judentums erwiesen. Wir erinnern nur an seine Veröffentlichungen im ״Frankfurter Familieiiblatt“, in denen er vom ״drcistdimimeii Ritualismus der Juden‘' sprach, den Snhhat als eine Lächerlichkeit hinstellle und das historische Judentum mit dein Salze Voltairc’s hedachte: ״Ecrasons!'infame!“ Er ist der Träger des unjüdischcn und des imnntionalen, ebenso wie des mircligiösen Elementes in der Leitung der Alliance, das tum hoffentlich mit ihm von der Bildllächc verschwinden wird. Mitteilungen des Verbandes der jüd. Jugend vereine Deutschlands Nr. 4 Gedcnknummcr zur Jnhrlutndcrifcicr der Emanzipation der Juden In Preußen Der Preis des zwanzig Seilen starken, nicht illustrierten Heftchens ist mit Rücksicht darauf, daß die ״Lustigen Blätter“ nur 25 Pf. kosten, mit 50 Pf. etwas zu hoch bemessen. Uchrigcns war er, wie ein Vergleich mit dein Märzheft ergibt, Ursprunglieh sogar auf 75 Pf. festgesetzt. Aber nachdem man sich blutenden Herzens entschlossen hatte, den mit freudigem Stolz, angekündigten Beitrag Maximilian Hnrdcns nicht ah/udrtickcn, mußte mau wohl etwas im Preise heruntergehen. Es hnmlett sich also um das hundertjährige Jubiläum der Judcucmauzipation in Preußen. Kleinliehe Geister könnten darauf hinweisen, daß die preußischen Juden eigentlich erst am 11. März 1912 soweit sein werden! Fürchtete die Redaktion vielleicht, daß bis dahin hei der Menge der Taufen, die jetzt allmonatlich im Geinciiideinoniteur zu lesen stehen, . . . .? Oder war es mir die Angst vor der Konkurrenz? - Nun, welches der Grund auch war, das Verfahren ist jedenfalls originell und emp* fiehlt sich — bei nicht zu schüchterner Ausdehnung des Zwischenraumes — wärmsteiis für Vereins* Stiftungsfeste, sieh'zigste Geburtstage 11. dgl. Die hieraus erzielte größere Abwechslung wird zweifellos einen Aufschwung des etwas im Verfall begriffenen jüdischen Familienlebens zur Folge haben. — Zeituiigsruiulfragen der heute üblichen Art sind schon an sieh Geschmackssache. Nicht ganz mit Unrecht wird der sogenannten ״Judcnprcsse“ von den Antisemiten vorgeworfen, daß sie durch derartige Scnsations- und Reklaineinälzchcn den Gc* schmnck des deutsch lesenden Publikums systematisch verderbe: ״Angesichts der Tatsache, daß gerade jetzt ein großer Teil der Bevölkerung Berlins an Schnupfen ״Ausruhen, Herr; ich bin krankmüdc.“ Schweigend schreiten wir dahin. Von den staubgrauen PHaumenbiiumen am Wege zielte ich einen Strohhalm herab. - ״Was macht ihr dann?“ Ein blasser Scltimmerflor huscht über sein Gesiebt; über diese grauen, eingefallenen Wangen, die sich im schwarzen Barte zu bergen suchen, aus denen so unheimlich scharf die Backenknochen springen. Ich sehe ihn an. Sehe die brennend gcröteten Lider. Das abgeklärte Leiden ergreift, mich; das ist mehr als körperlicher Schmerz, etwas, was die Seele faßt und sic blutig schneidet. — ״Nach Amerika gehe ich.“ Hell auflachen will ich. — Das Lachen erfriert schaudernd. ״Was wollt Ihr drüben?“ ״Arbeiten und Geld verdienen. — Aber es geht so langsam; schon vier Wochen bin ich fort. Ja wenn ich war׳, wie's Srmtmervögeln“ — lind er weist auf den dahinsclnvcbcndcn Falter ״ ך־ging’s schneller. — Aber jetzt muß ich erst ruhen; sonst kann ich nicht weiter. — Das tut weh, so lange zwischen Eis und Feuer. Die Nacht ist so kalt, der Tag so heiß. - Und dann, bin ich gegangen Herr und hab nichts gemacht] als Gehen. Jetzt bist du schon dort, sag ich mir.

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