Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 16-17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 182 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr.!6/17 > Zionismus und A. I. U. Drei Briefe 1. Köln, den *1. Februar 1011. An das Präsidium der Alliance Isradlitc Universelle, Paris. Sehr geehrte Herren, indem ich mich auf die Unterredung, die mein Kollege im Präsidium der Zionistischen Organisation, Herr J. H. Kann, im Laufe der letzten Tage mit Ihrem Vizepräsidenten, Herrn Salomon Reinacli, hatte, beziehe, halte ich cs für geboten, Ihnen nutiuichr auch schriftlich den Standpunkt unseres Präsidiums zu dem im Gespräche zwischen den Herren Reinacli und Kann berührten Thema darzulcgen. Wir bedauern auflcrordentlich, daß die Meinungs• kämpfe unter den otlomanischen Juden bezüglich der großen allgemein-jüdischen Tagesfragen in den letzten Monaten in einer Form geführt werden, die dem gesamten Judentum schaden, die aber in erster Reihe für die ottoinanischc Judenheit gefährlich werden könnte. Es muß doch jedem Einsichtigen klar sein, daß, wenn eine starke Bewegung unter den otto• manischen Juden als eine stnatsgefährliche hinge* stellt wird, und wenn es in erster Reihe Juden sind, die diese Gefahr betonen, das Odium der Un* Zuverlässigkeit und der Staatsgefährlichkeit auf das ganze ottomanischc Judentum zurückfallen muß. Das allgemein-jüdische Interesse erfordert deshalb dringend, daß der jetzt in der Türkei, namentlich von einer kleinen Gruppe von Publizisten befolgten Kampfcsincthode ein Ende bereitet wird. Mit großer Genugtuung habe ich aus den Mitteilungen des Herrn Kann entnommen, daß Herr Salomon Rcinach den oben dargelegten Standpunkt würdigt und in Erwägung gezogen hat, im Sinne der hervorgehobenen Schlußfolgerung zu wirken. Da die Kreise, die in der bczeichneten Weise gegen den Zionismus Stellung nehmen, Ratschlägen und Belehrungcn seitens der Alliance zweifellos in hohem Maße zugänglich sind, würde ein solches Einwirken gewiß den erwünschten Erfolg haben. Meinerseits habe ich den Freunden unserer Sache in der Türkei die Weisung gegeben, daß jede Aeullerung und Aktion, die geeignet wäre, den leider bestehenden Konflikt zu verschärfen oder der Polemik, sofern dieselbe den allgemein-jüdischen Interessen schädlich sein kann, neue Nahrung zuzuführen, mügliehst unterbleiben soll. Nur wo, wie dies seitens eines Konstantinoplcr Publizisten geschah, der Zionismus in allzu krasser und das jüdische Gemeinwohl gefährdender Weise angegriffen wurde, habe ich die notwendigsten Abwehrmaßnuhmeu billigen müssen. Ich gestatte mir nun, die Hoffnung auszudiücken, daß Sie, im Sinne der zwischen Herren Reinacli und Kann geführten Unterredung, Ihre Vertrauensmänncr in der Türkei dahin instruieren werden, daß dieselben die otlomanischen Juden, die auf Ihre Meinung großes Gewicht legen, darüber aufklären, daß die bisher befolgte Taktik von Ihnen nicht gebilligt wird, und daß Sie vielmehr darin eine Gefahr für das jüdische Gemeinwohl erblicken. Genehmigen Sie, sehr geehrte Herren, die Ver- Sicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. Für das Präsidium der Zionistischen Organisation gez. I). Wolffsohn. II. (Uebersetzui'.g aus dem Französischen.) Paris, den 3. März 1911. Herrn I). Wolffsohn, Präsident des Zionistischen Aktionskomitees, Köln. Sehr geehrter Herr Präsident! Wir haben mit größter Aufmerksamkeit Ihren Brief vom 21. Februar durchgelcsen und ihn gleichzeitig zur Begutachtung den auswärtigen Mitgliedern des Zentralkomitees übermittelt. Was die in der Türkei durch den Zionismus hervorgerui'cne Polemik betrifft, so weisen Sie der Alliance eine Rolle und einen Einfluß zu, welche durch die Tatsachen nicht gerechtfertigt werden. Wir ,arbeiten in der Türkei schon seit fast 50 lahren. Das Programm, welches wir in diesem Lande, sowie in allen Ländern, auf die sich unsere Tätigkeit erstreckt, uns zu verwirklichen bemühen, ist immer strikt das folgende gewesen: Zu arbeiten an dem materiellen, intelluktuellen und moralischen Aufschwung der jüdischen Bevölkerung, und der Jugend mit der Kenntnis und der Liebe zum Judentum die Freude an der Regenerationsarhcit und die treueste Ergebenheit zu ihrem Vaterland(! elnztiflößen. Wir verfolgen unsere Bemühungen In diesem Cieiste in der festen Ueberzeugung, daß wir den ottomanischcn Juden gegenüber unsere Pflicht erfüllen. Als das neue Regime in der Türkei ans Ruder gekommen und die Freiheit der Presse proklamiert war, machte der Zionismus von ihr Gebrauch, um dort sein Programm zu entwickeln und dort An-!länger zu werben. Das war selbstverständlich sein gutes Recht. Wir haben niemals daran gedacht, cs ihm zu bestreiten, und haben, wie auch immer unsere Stellungnahme in dieser Frage gewesen ist, nicht den geringsten Versuch gemacht, seine Tätigkeit zu durchkreuzen. Aber die Wortführer des Zionismus haben sich nicht darauf beschränkt, ihre Ideen zu verbreiten: bei ihrem Bemühen, sie in die Schichten eimlringeii zu lassen, die noch wenig den Wert des ״gedruckten Wortes“ zu wägen verstehen, griffen sie oft mit der bedauerlichsten Heftigkeit die an, welche ihre Ansicht nicht teilen, oder die in ihrer Propaganda die Möglichkeit einer Gefahr für das ottomanischc Judentum erblickten. Wir erwähnen nur beispielsweise die Verleumdungen, die von den zionisiischen Zeitungen, sogar der ״Welt“, gegen die Alli.-mcc, ihre Ziele, ihre Arbeitsweise und Ihre Einridiliingen verbreitet worden sind. Die Alliance hat trotzdem niemals eine Zeile veröffentlicht, um auf diese Beschuldigungen zu antworten. Die gemäßigten und vernünftigen Elemente unter der jüdischen Bevüikerting der Türkei, diejenigen, welche das größte moralische Ansehen genießen, mißbilligten die Propagauda des Zionismus in der Türkei. Nachdem die neue Regierung es sich als Richtlinie vorgezeichnet hatte, den Zusammenhang zwischen den verschiedenen ethischen Elementen der Bevölkerung zu stärken, konnten die Israeliten sich davon überzeugen, daß die Propagiertmg der zionistischen Ideen in den ottomanischcn Kreisen als Begünstigung der partikularistisclien Ideen interpretiert wurde, die geeignet seien, die nationale Einheit zu gefährden. I >ic zionistischen Organe haben mit der ״Kampfesweise“ den Anfang gemacht,’ deren bedauerliche Folgen Sie heute konstatieren. Es war natürlich, daß diejenigen unter den otto. manischen Juden, welche die zionistische Tatigl^:! mißbilligten, sich von jeder fk-111cinscha(t mit eint, Bewegung, die ihnen gefährlich schien, loszn«1״gw versuchten. Sie antworteten aut den Angriff; $it hatten sich zu verteidigen und sich in den Aiigtj! ihrer Mitbürger zu rechtfertigen: Der Angriff wlt heftig; die Verteidigung war cs auch, und das unvermeidlich ist Ueberlreibungen wurdet hier und dort begangen. Sic bitten uns heute, bei unseren Vertrauern, männern zu intervenieren, um sie zur Mäßigung!y ermahnen. Wir können mir wiederholen, w.!s Wjr : schon oben bemerkt haben: Die Alliance In* (g.״ Kampf weder provoziert noch gefördert. Nicnuh hat irgend eine Organisation in der Türkei, Irgend eine Zeitung, irgend ein Schriftsteller von uns irgend eine Parole oder eine Subvention erhalten. Wir | haben mit dieser Bewegung nichts zu tun; wir sind 11 nicht einmal aufgefordert worden, irgend einen fa!; z.ti geben. Die ottomanischcn Israeliten sind selbst; imstande zu beurteilen, auf welcher Seite ilire i'llich! ' liegt, wo ihre Interessen als Israeliten und als otto- ' manische Untertanen sich befinden. Dieienigen, welche bevollmächtigt sind, im Namen der Alliance zu sprechen, haben die Order, den religiösen und ׳ politischen Streitigkeiten fcrnziiblcibeu. Sic halten sich In den Schranken dieser Neutralität, und es in 1 unser Wunsch, daß sie in Zukunft ebenso auiierhaft aller Agitation bleiben, wie sic es in der Vergangen. ׳, lieit gewesen sind. Da der Kampf, von dem Sic » sprechen, nicht von 1ms gefördert worden ist, di M keiner unserer Vertrauensmänner dabei beteiligt ist, ' so wissen wir nicht, an wen wir uns mit unser!«; Rat zur Mäßigung wenden sollten.; Wir wünschen mit Ihnen, daß der Kampf, den Sie beklagen, aufhörc und sehnen so wie Sic von ' ganzem Herzen das Ende eines Streites herbei, der für das ottomanischc Judentum nur von Schaden ' sein kann. ■ Empfangen Sic, Herr Präsident, die Versichern«} unserer ausgezeichneten Hochachtung gez. Der Präsident N. Leven. Der Sekretär J. B i g a r t. 1Z III. Köln, den 9. April DU. An das Präsidium der Alliance Israelitc Universelle, Pari ׳-. Sehr geehrte Herren, ich hin im Besitze Ihres geehrten Schreibens vom 3. v. M. und bedaure außerordentlich, d.ill die Lage meiner Gesundheit, die mich gezwungen hat, auf einige Wochen nach dein Süden zu verreisen, mir erst heute gestattet, auf dasselbe ziirüek/ukommcn. ich bedaure diese Verzögerung um so mehr, ah ich es für nötig halle. Sie auf einige Stellen in Ihrem Schreiben aufmerksam zu machen, worin die Lage der Dinge in der Türkei in einer Weise dar:׳cstcll1 wird, die den tatsächlichen Verhältnissen nicht ge• recht wird. Die von Urnen gegebene Darstellung, daß :׳leid! nach der türkischen Revolution die zionistische Dfg!׳ nisation eine ausgedehnte Propaganda in der;,resse angefangen hätte, daß von Ihnen aus nichts, ili'olu! nichts geschehen wäre, um unsere Pläne zu durch• kreuzen, daß wir aber die Kreise und Personen, H Landstrasse (Voll aus dem Leben.) Von Eduard Kaufmann. Sehnsüchtig weit zog sieh die Landstraße ™ Alm Frühmorgen ging ich dahin. Vom Schiniedewcrk am Straßenrande klang’s stahlhart. — Zu beiden Seiten blühende Felder, nur der Hafer noch unreif grün. Von irgendwo auf den Wiesen stieg der saftige Duft des jtmggemühten Grases auf und man spürte darin das lebendig quellende Grün und das Süße des Klees. — Und alles badete still in den kühlen Fluten einer köstlich erquickenden Morgenfrisehc. Wir atmeten sie ein, diese markige Morgenkraft, still nufjauchzend, die etwas metallen Herbes hat. — Die Brust geschwellt, dünkten wir uns Helden des jungen Tag’s. . Ich schritt dahin; bald sann ich nach diesem, bald nach jenem. Bunt, leichtsinnig flatterten die Gedanken. Alles so leichtbcflrtgelt I Dann aber ward's sviirmer. Die eherne Stärke des Morgens spurlos verschwunden. Unruhevoll ward ich bewegt. Gereiztheit erfüllte mich. Nur lässig seitlichen die Gedanken. Alles so unangenehm lässig. — — — Heißer, immer heißer brannte die Sonne, daß sie sclmier/tc, verwundete. Auf der staubigen Landstraße zog ich weiter. Vom Himmel ergoß sich glühende Sonne. Der Staub saugte sie auf, gierig, daß er selig trunken ward davon. Bei jedem Schritt knirschte er, wirbelte leicht empor. Quälend drückte die Hitze. Wir lechzten nach Kühlung. Den metallenen Griff des Stockes preßten wir an die Wangen. Doch vergebens! Das Feuer glühte fort. Ermattet, schwer wie Blei waren die Füße, die Finger ungelenkig, wie geschwollen. Ein Unbehagen im ganzen Körper. Die Wangen wie zusnmmengesclmimpft, der Staub klebte lest au, ging ins Gesicht, klebrig, unausstehlich. Uebcrreizt waren die Sinne. Dann erschlaffte alles. Einsam ging ich dahin. Wenn hie und da ein Bauer ein Grüligott mir zusnndte vvnr’s mir, als ob ich schlaftrunken dahinwandle und ein Gutenachtgruß mich aufscheuche. ■ Au einer Straßeiibiegtmg stand ich stille. Weiter, bis in die weite Sehnsucht zog sich der trübe, graue Fluß und das ewige Grau tat dem Auge weil. Und ringsum, in aller Wcltcnweitc weiße, funkelnde Sonnenwogen. Allüberall schäumender Lehensrausch, Ich sali so weit. Bang, klagend weh war mir zumute. Ich weinte. Und weil der Schmerz die Träne nicht fand, zerriß es mich. In mir wühlte, würgte es, wollte mich ersticken. Sinnend schaut ich in die ternstcii Fernen, wo nur mehr bläulichviolette 'h׳nst* «nassen leise flirrend au'- mul :ibwallten. Wie S ’e'cnfriede kam’s über mich. Allmählich ׳ islcn sich die Gedanken, das leise Bedrückende, das sie ausüben, schwand. Alles erweiterte sich mir. Grenzenlos unendlich! Ich vergaß an mich einst Das sind jene wenigen großen Augenblicke, in denen gleichsam eine Auflösung mit unvorgeht, während wir noch leben, atmen. Zum äthcrglcichcn Stoffe werden wir, alle Welten er• füllend. Eins ist da der Mensch mit der Natur. Der sinnlich üppige l);1fi des toten (׳rase* qualmte auf. Ueber die staubige, graue I md• strafte ging ich weiter. Das Summen, wie von einer Mücke Dum ein Schwirren. Menschliche Stimmen werden hörbar. Au mir vorüber zieht eine Pro/csvon. Mit nackten Füßen waten sie durch den Siaub Die Stiefel haben sic tungehäiigl, sie zu schonen Voran die rote Fahne mit dem Heiligenbild und der vorgebildeten Spitze, die in der Sonne blitzt, daß es das Auge schmerzt. Sie ziehen vorüber; in müdem Leierton singen sie die heiligen Lieder; ich bleibe sieben. Sehe ׳n• Denke an nichts. Urplötzlich - ich weiß nicht, wie’s kam, durchzuckt mich ein Bild. Von unserem Fenster sehe ich in den Hof, drunten