Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1:י r ««rrürffgrjRn» gfaMW ־'M.! Seite 174 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 15 vereine, der von erfahrenen Politikern vorausgcschcu werde» konnte und vorausgeselicn worden wäre.׳‘ s: AUS ALLSR W€LT ״ DeufsdtFnnd ן in niilialttschcii Landtag hat man sich dieser Tage über das Berliner Tageblatt unterhaUen. Anlaß da/.u gab der Umstand, da» der Abgeordnete C 011 n sich erlaubte, für die von der Regierung an• gekündigte Wahlrcchtsvorlnge einzutrctcii. Tertium comparationis: Judentum. Rufer im Streit: der kon• servative Abgeordnete v. Trotha, dem mangels ״richtiggehender“ Antisemiten & la Raab, Brulm und Schack im anlinllischen Landtag die Rolle zufiel, die man sonst gerne den Mittclstiindicrn überläßt. Er behauptete, namentlich das ״Berliner Tageblatt“ b e kämpfe das Christentum, es seien bei fast jedem Bankerott, Schwindel und Mädchenhandel Juden beteiligt. Die fortschrittlichen Abgeordneten A r t 1 ׳ und Dr. Cohn, und für die nationallibcralc Partei die Abgeordneten Pfarrer B a u in c c k e r und Dr. Lconhardt wiesen diese Angriffe nachdrücklich zurück. Abgeordneter Dr. Cohn erklärte, daß die deutschen Juden Deutsche mit allen Rechten und Pflichten seien und bleiben wollten, daß cs Uebeltätcr unter Juden und Christen gebe, wobei der landesvcrrätcrischen Junker von ‘1806 und der Vor• fahren der heutigen Junker, soweit sie Wegelagerer und Buschklepper gewesen, nicht zu vergessen sei. l)r. Cohn betonte besonders, daß die deutschen Juden und ihre Organisationen als solche Einfluß auf das ״Berliner Tageblatt“ nicht hätten (Für das posi* * live Judentum können wir das bestätigen. D. Red.) und daß die Redakteure desselben ihre Artikel als Staatsbürger selbst vertreten. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß das ״B. T.“ nun einmal als das repräsentative ״Judcnblatt“ gilt, und daß die Stellung der deutschen Juden in Ihrem Vaterlandc durch seine oftmals recht geschmacklose Polemik aufs schwerste geschädigt wird. Einen vornehmen Bundesgenossen hat sich Oeheimrat Geiger in seinem Kampf gegen den Zionismus gewählt. In seinem Organ lesen wir die folgende niedliche Notiz: ״Es ist im allgemeinen nicht unsere Art, uns mit jeder Anrempelung der Juden durch antisemitische Blätter zu beschäftigen. Darum sei nur kurz auf eine Rede lungewiesen, die der Abgeordnete Raab in einer Versammlung der deutsch* sozialen Partei am 31. März hielt, in der er mit Triumphgeschrci auf die judengegnerische Bewegung hinwies und nach dem Bericht der ״Staatsbürger Zeitung“ sagte: ״Die Zionisten bilden eine Art Bundesgenossen unserer Bestrebungen. Die Antisemiten sind gern bereit, der Auswanderung der Juden nach einem besonderen Staat Vorschub zu leisten.“ — Hätte Herr Raab nicht mit weit besserem Rechte sagen dürfen: ״Herr Geheimrat Geiger bildet den zuverlässigsten Bundesgenossen unserer Bcstre• hungen. Die Antisemiten sind gerne bereit, die staats• bürgerliche Zuverlässigkeit der Zionisten anzuzweifeln und hielten cs gleich ihm für eine ganz, konsequente Handlung der deutschen Regierung, wenn sie zu• nächst einmal diesem Teile der Juden die staats• bürgerlichen Rechte aberkennen würde.“ Die Insel-Ausgabe von Heines Werken. Den höchsten Begriff vom Lyriker, so bekennt Nietzsche im ״Eccc Homo“, habe ihm Heinrich Heine gegeben. Umsonst habe er in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich süßen und leiden• schaftlichcn Musik gesucht. ״Er besaß jene göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommene nicht zu denken vermag, — ich schätze den Wert von Menschen, von Rassen darnach ab, wie notwendig sic den Gott nicht abgetrennt vom Satyr zu verstehen wissen.“ — Es ist gut, sich an ein solches Bekenntnis zu Heines Kunst in einer.Zeit zu erinnern, wo sich viele, wie Walzcl in seiner tiefgehenden Einleitung zur vor• liegenden Insel-Ausgabe ausführt, vom Dichter des ״Buches der Lieder“ hinwegzuenlwickcln scheinen, ln Wahrheit ist aber Heine, wie Walzcl glänzend nachweist, vielmehr der echte Typus eines modernen Menschen und Künstlers: sein Ich hat, um nur einiges zu erwähnen, die starke seelische Beweglichkeit des Impressionisten; er ist Rclativist im Sinne jüngster Wcltanschauungsformcn. So begrüßen wir das Fort• schreiten dieses billigen und schönen Heine des Insel-Verlages, und insbesondere rühmen wir die Arbeit O. Walzeis und J. Frankels, die in diesem Bande Heines Hauptwerk, das ״Buch der Lieder“, vorlegen. Früher erschienen von dieser zehnbändigen Ausgabe die Bände 7 und 0; die weiteren werden schnell folgen. ־T Russland In K i e w fand vor einiger Zeit eine mißsrordeiit• lieh stark besuchte Versammlung jüdischer Vegetarier statt, in welcher ein Referent über die Notwendig• keit der Herausgabe eines jüdischen Blattes für Vegetarismus hielt. Nach einer langen und In vielen Punkten interessanten Diskussion wurde lebhaft heschlossen, schon in nächster Zeit mit der 1 leraus• gäbe eines Blattes in jüdischer Sprache zu beginnen. Das Blatt, das den Titel ״Der vegetarische 0 c d a n k e" führen wird, wird auch die Verein!• gung aller vegetarisch lebenden Juden propagieren. Jüdische Vegetarier vereinigt Huch! Der Ruf ist gewiß zeitgemäß. Ist doeli der jüdische Vegetansmus liäufig von ganz besonderer Art. Für ihn sind die Vorbedingungen gegeben, wenn ein gebildeter, aufgeklärter Jude über die rituellen Speisegesetze ״hinaiisgewachscn“ ist und treifeue Speisen noch nicht recht vertragen kann. Also nach einem Scherz• wort Sehemarjahn Lewins gewissermaßen eine ins gastrische übertragene jüdische Reform. recht gegen «. . - ~ , ״״.. -..־— ״- hängig gemacht, weil diese angeblich nicht ihr Hand werk üben, auf Grund dessen sic iiier das Wohnrecht genießen, sondern sich mit Handel beschäftigen. Es f'Jnf/land Ciiief Rabbi von England Dr. Adler in London wurde jüngst die 11011c Auszeichnung zuteil, zu einer Hofiafel geladen zu werden. Da jedocli die Einladung für Freitag abend lautete, hat der Großrabbiner um Entschuldigung, daß er wegen des Sabbaths der Einladung nicht Folge leisten könne. Die englischen Blätter erinnern hierbei daran, daß der verstorbene König Eduard stets darauf bedacht gewesen sei, bei solchen Einladungen die religiösen Gefühle der Geladcneii nicht zu verletzen, Seit den Vorfällen iin Londoner Vororte iloundditcli ist die Judenfrage noch nicht von der Tages• ordmmg der Londoner öffentlichen Meinung ge• wichen. Nun hat sic auch in den Londoner Ge meinderat, der sich bisher von der Diskussion fern* gehalten hat, Eingang gefunden. Den Anlaß hierzu gab folgender Vorfall: Vor einigen Wochen erschien in der konservativen Tageszeitung ״Standard“, dem Organ der hohen Aristokratie, eine Artikelserie gegen die Juden im allgemeinen und gegen die Gliettojudcn im besonderen. In einem dieser Artikel beschuldigte das Blatt die städtische Verwaltung, daß sic die billigen Wohnungen der städtischen Häuser nur an Juden vermiete, obgleich diese die Wohnungen nicht rein halten, und die christlichen Mieter aus• schließe, weil diese keine Bestechungen geben, wie es die Juden tun. Die Stadtverwaltung forderte die Zeitung auf, die Beschuldigungen zu beweisen oder sic zu berichtigen. Am 28. Februar erschien mich tatsächlich im ״Standard" eine Entschuldigung wegen des falschen Berichtes, und er bekannte reumütig, daß er die städtischen Beamten grundlos verdächtigt habe, in der letzten Sitzung des Gemcinderatcs wurde mm die Sache zur Sprache gebracht. Mr. Harris, Zeitschrift für Statistik der Juden. Das Märzlieft enthält interessante Artikel von Dr. Arthur Cohen, München, über Georg v. Mayr und die Statistik (zu seinem 70. Geburtstag), von Dr. Wassermann, München: Ist die Kriminalität Juden Rassenkrimiualitüt? Dr. Salomon M arg 0 1 Petersburg, schreibt über die neuesten Angaben Bevölkerungsbewegung in Rußland, und Dr. Löwe, Berlin, über die Juden Preußens ini Jahre 1817. Dann folgt ein reichhaltiges statistisches Archiv. R. der in, der H. Das Jubiläum Dr. Harkavys Am 30. März d. J. veranstaltete die Petersburger jüdische Gemeinde aus Anlaß des 50jährigen Schrift• stellerjubiläums des ausgezeichneten jüdischen Ge• lehrten Dr. A. Harkavy eine großangclegte Jnbilämnsfeier. Die Feier fand im großen Silzuugssaale der jüdischen Gemeinde statt mul nahm einen überaus erhebenden Verlauf, Ueber 31)0 Personen aus den vor• nelunsten Kreisen der Petersburger jüdischen Gesell• schaft hatten sicii ciiigefimden. Außerdem waren zahl• reiche Vertreter auswärtiger jüdischer Gemeinden und Organisationen erschienen. Im Namen der Peters• btirger Gemeinde begrüßten die Vorsteher M. A. W a r s c 11 a w s k y und Advokat B. S I i o s b c r g den Jubilar. Dr. J. L. K atzenel so 11 verlas im Namen der ״Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den russische» Juden" eine Glückwunscliadrcssc in liebräischcr Sprache, Auch der Verein ״Chowewe SephatH Eber“ ließ dein Jubilar eine hebräische Adresse überreichen, die von Herrn M a r k o n verlesen ein jüdisches Mitglied des Gcmcindcralcs, bemerkte in seiner Rede, daß die Beschuldigung des ,,$1,111• dard“ eine sehr ernste gewesen sei, die nur den Zweck hatte, den Rassenhaß in England wachztirufen. Er beantragte, dem ״Standard“ die Mißbillj. gimg aus/mlriicken. Rcwcreiul He ad kam (ein Christ) unterstiitzt den Antrag und spricht der Stadt• Verwaltung dafür, daß sie jüdische Mieter vorzieht, das Lol) aus. Die arme jüdische Bevölkerung sei rein• lichkeitslicbender als die christliche arme Bevölke* rung und auch nüchterner als diese. Kein Hausherr sehe gerne trunksüchtige Parteien in seinem Hause. Die besten und ruhigsten Bewohner des East-F.nd sind die Juden, Miß Adler, die Tochter des Chief Rabbi, die gleichfalls gewähltes Mitglied des Oe• ineimlerates ist, freut sieh, die Gelegenheit ergreifen zu können, gegen die Hetzartikei des ״Standard׳' öffentlich 1 *rötest erheben zu können. Aus den Vor• Icumdimgen gegen die Stadtverwaltung sei ersieht• lieh, welche» Glauben man den übrigen BeschuIdU gungeii, die sieh in den Artikeln gegen die Juden richteten, schenken dürfe. Es sprachen noch viele zu dieser Frage und alle Redner verurteilten einstimmig die antisemitischen Angriffe des ״Standard“. Schließlich wurde der Antrag Harris einstimmig an• genommen. Der Chief Rabbi of England, Dr. Adler, wurde zum Vizepräsidenten des im Monate Juli d. J. in London slattfindcnden Rassenkongresses ausersehen. Dr. Adler hat in einer Zuschrift an die Kongreß• Icitnng die Ehrenslelle bereits angenommen. Der Londoner Korrespondent der Newyorker ״Wahrheit“ halte eine Unterredung mit dem Mitgliedc des englischen Unterhauses, Mr. Stuart Samuel, über die Frcmdcnhctzc in England. Stuart Samuel, ein Bruder des englische» Ministers für Post- und Tek'grnphemvesen, Sir Herbert Samuel, ist ein ein• flußreiches Milglied des englischen Parlaments. Desto sensationeller wirken seine Ausführungen über die walire Ursache <lcr jüngsten Fremdenlictze, die sich eigentlich gegen die Juden richtet. ״Gegen die ausgesprochene Absicht der Regie• rung“, sagte Mr. Samuel, ״u. a. durch eine Ocsct7.cs• noveile, die Einwanderung von Verbrechern zu bc• schränke», kan» kein vernünftiger Mensch Stellung nehmen. Aber cs bestellt die Befürchtung, daß das vom I iandclsministcr Churchill augekündigte Gesell weit über diese Beschränkungen hiuatisgclieu werde. In diesem Falle,“ sagte Mr. Samuel, ״werde ich die Regierungsvorschlägc aufs heftigste bekämpfen, da man nicht zugeben darf, daß Unschuldige für die Schuldigen büßen. Ich werde dann nacliweisen, daß die Konservativen gegen den Bezirk Stepney nicht deshalb so erbittert sind, weil er der Schauplatz des Kampfes mit den Anarchisten war, sonder» Ausschluß• lieh deshalb, weil dieser uralte Silz, der Konservativen bei den letzten Wahlen mit Hilfe der jüdischen Stimmen an die Liberalen ging. Das darf aller nicht zugegeben werden, daß eine liberale Regierung, die sich über die cingcwaiulerto Bevölkerung durchaus nicht zu beklagen bat, nun sielt den Konservativen als Werk• zeug hergehe, für das verloren gegangene Mandat in Stepney au den Juden Rache zu nehmen. Mr. Stuart Samuel, der den jüdischsten Wahlbezirk, Manchester, vertritt, gab auch der Meinung Ausdruck, daß die wurde. Ferner gelangten u, a. folgende Glückwunsch• ndressen zur Verlesung: von der Redaktion der russisch-jüdischen Enzyklopädie (Herr M. J. Sc lief• tcl), von der Petersburger jüdischen Akademie (he־ bräisch -- 'Herr Efron), von den jüdischen Mu• deuten der Petersburger Universität (hebräisch). fm Namen der jüdischen Gemeinde Moskau sprach Advokat W. A. Harkavy, im Namen der indischen Gemeinde Wilna Herr Schiski 11, im Namen der jtid. Gemeinde K o w n o Herr E r a m s 0 n, im Namen der jüd. Gemeinde Taganrog Herr AL B. Idefson, im Namen der jüdischen Gemeinde ßramson, im Namen der jüdischen Gcimüide L i d a Rabbiner R c i n e s jr. — Ferner waren u. a. Begrüßungsschreiben eingetroifen von den jüdischen Gemeinden in Warschau, B i a 1 y s 10 k, Kiew, Kischincw, Lodz, Minsk, Jckatcrinos* law, Mo hi lew, Heisingfors usw. Auch sämtliche jüdischen Zeitungen und Vcrlagsgcscllschäften Rußlands, zahlreiche Jcschiwoth und Rah• inner sowie die jüdische Gemeinde in Jaffa, das Lehrerseminar des Hilfsvereius in Jerusalem und eine Gruppe von 200 Rabbinern aus Jerusalem hatten Glückwunschtelegramme eingcsaiult, Begrüßungsansprachen hielten ferner der Peters• btirger Kronrabbiner Dr. M. A. Eisenstadt, Dr. Rappnnort aus Lemberg und Nahuni Sokolow (hebräisch), Tiefgeriihrt dankte Dr. Harkavy schließlich für die überwältigende Kundgebung der Verehrung und Liebe, die ihm seitens der hervorragendsten Vertreter der russischen judenbeit bereitet worden war. ץ , \