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Jüdische Rundschau · 1911-04-12 · Heft 15 (12.4.1911) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 15 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 172 JUEDJSCHE RUNDSCHAU Nr. 15 Restes jüdischer Erziehung berauben würden und leisten Endes die Organisation selbst gefährde! werde. l eider wurde eine Interpellation, warum in Mannheim und Karlsruhe der hebräische Unterricht nicht Bestandteil des Religionsunterrichts sei, wieder zurück• gezogen, und der Oberral nur gebeten, seinem Ein• Kuß in dieser Richtung Geltung zu verschaffen. Der Karlsruher Rabbiner, I)r. Ascltel, leistete sich in seiner Predigt beim Gottesdienst, der reget• mäßig der Eröffnung der Synoden vorangeht, einige anti/ionistische Ausf.ille, die für den (icscltmack dieses Herrn /etilen. Die meisten Synodalen wohl auch die Mitglieder des Oberrats ־ fanden dies.• Ausführungen /tnnindest recht deplaziert. Der übliche Antrag, die Predigt in Druck zu legen, unterblieb diesmal, als die Zionisten erklärten, daß sic in diesem EftHe öffentlich gegen diesen Antrag Stellung nehmen würden. Leider muß gesagt werden, daß manchem Synodalen noch die rechte politische Schulung fehlt. Ein Orthodoxer richtete sehr heftige Angriffe gegen «len Oberrat, die aber seine eigenen (ksinmmgsgenossen in der vorgetragenen sehroffen Bonn nicht gerecht• fertigt fanden. Wir haben den Eindruck gehabt, daß der Ober• rat besonders sein einflußreichstes Mitglied berechtigten Eordernngen, die zur Belohnung des *jüdischen Lebens führen könnten, nicht Verständnis• los gegeniibersteht, nur oft am Widerstand der ()roß• Städte scheitert und daß jetzt da die Reform• gebetbuchvorlage endgültig erledigt scheint - ge• radc für unsere Ereunde in späteren Synoden die Müg• lichkeit gegeben wäre, in friedvoller Arbeit Nützliebes zu leisten. U e n A m i. Ein Nachruf Am '20. März wurde auf dem Wihnersdorfer Oe• meindekirchhof der im 5h. Lebensjahre verstorbene Arzt Dr. Max Asch zur letzten Ruhe bestattet. Er war Dissident, im Judentum geboren, auf seinen in der Leichenhalle aufgebahrlen Sarg schaute das Kreuz herab. Der ihm aber die letzten Abschieds• worte nachrief war ein buddhistisch-theosophischer Oesinnungsgenosse des Verstorbenen. Und was soll der Nachruf für diesen Mann in der J ü d i s e h e 11 Rundschau? Nun, ich könnte mich auf einen äußerlichen Um• stand berufen. Dr. Asch war der Arzt, der in der letzten Lcheuswoche unseres llerzl au seinem Krankenlager geweilt hat. An ihr knüpften sich, als er von Hamburg nach Edlacli eilte, die letzten Hoff• nungen eines kleinen Kreises von Unterrichteten. Zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, emp• fingen wir in jenen unvergeßlichen Tagen seine Nach• richten, bis das Dazwischen'.retcn einer l.ungeuver• Stopfung durch Blutgerinnsel unsere neuen, eben sich zaghaft hervorwagenden I loffmmgsblüten vernichtete. Aber nicht solche, immerhin äußerliche Erinnerung rechtfertigt den Nachruf in diesen Blättern, sondern eine innere, uns selbst als Juden angehende Ursache gibt mir dazu die Berechtigung. Nicht aus Gründen der Nützlichkeit hat der Verstorbene der angestammten religiösen Gemeinschaft den Rücken gekehrt. Auch nicht in der ahnungs* * losen und selbstgefälligen Zufriedenheit und dem toten Sinn eines Hackel-orthodoxen Mediziners oder Journalisten. Die heutigen Jungen wiederum haben Verse von berückendem Wohlklang (Jung-Wieiicr Schule!) ge• sandt; auch diese Gedichte, des jüdischen Gehalts oft völlig bar, sind, von einigen Ausnahmen abge* sehen, nicht am Platz; au geeigneterer literarischer Stätte würde ich ihnen gerne begegnen. Ein Aetpii• valent für die lyrischen Frühlingsakkorde des alten Almanachs bildet die Lyrik des neuen Werkes nicht. Eine Menge kleinerer Beiträge finde( sich in beiden Sammelwerken; indes sind diese oft ohne innere Begründung nufgenonnncu worden und eilt* •hehren daher des typischen Charakters. Ueberflüssige Beiträge fanden sieh im alten Almanach zur Genüge (die zweite Auflage wies in dieser Hinsicht bedeutende Besserungen auf). Leider findet sich auch im ״Al• mänach Darkochha" so mancher literarisch nicht ein• wandfreie prosaische und poetische Erguß. Auf •zwei wertvolle Beiträge muß ich indes noch hinweisen; auf das in hellen Pastellfarben gehaltene Rcisebild ״Der Bosporus" von N. S o k 010 w , den wir von dieser Seite noch gar nicht kannten, und auf die schlichten, tiefwirkenden Worte, welche die Witwe Samuel Hirszcnbergs dem Gedächtnis ihrc^ Gatten gewidmet hat. Zur Zeit, da der erste Almanach erschien, war er einer der Hoffenden. . . Rasch ging sein Traum in Erfüllung; aber nur karg '*war'die Frist, die ihm im heiligen Lande zu leben und zu wirken bemessen war. . . . Nachbildungen von zweien seiner Werke enthält der ״Almanach Bar• kochba", das Bildnis eines Rabbi und ein Doppelbildnis, das den Maler und seine Gattin darstellt. Max Asch war während seines ganzen Lebens ein leidenschaftlicher Gottsucher. Vor 1 י'_• bis 2 Jahrzehnten gehörte er einem engeren Kreise hoehstrebeiuler kongenialer Männer an, wie (1. L. Schleich, G c r h. Ha 11 p t m a 1111, E m a n 11 c I I. a s k e r, August Strind borg u. a. Der Norweger M 11 nch hat von seinem interessanten und eindrucksvollen!Rassckopf eine in der Berliner Nationalgalerie befindliche Kupferätzung gemacht. Asch hat es nicht, wie jene, zu den wcitragcndcu Erfolgen im Lehen gebracht, die seinen großen Geistesgallen entsprochen hätten, weil es ilm stets trieb, den größten Teil seiner geistigen und seelischen Kräfte in der Beschäftigung mit jenen Problemen zu verbrauchen: ״Worüber schon manche I läupter gcgrübelt, Häupter in I lieroglypheiimiitzen, Häupter im Turban und schwarzen Barett, Perückenhäiipter und tausend andere Arme, schwitzende Meiischeiihäupter." Der naive Stolz auf die Fortschritte der Natur- Wissenschaften, der den Materialismus als Weltan• schaumig eine Zeitlang• allmächtig sein ließ, konnte diesen Manu, der in seiner Feiiersecle eine große Sehnsucht nach Gott mit einem scharfen* und klaren Verstände vereinte, keinen Augenblick befriedigen. Der Materialismus als Weltanschauung hat abgewirtschaftet. Durch unsere Zeit geht ein Zug rcligiöser Sehnsucht und religiösen Ncuerlchens. Aber wo linden wir vornehmlich die Spuren dieses Er- Icbcns? Bei denen um Friedrich Naumann, der das schöne Wort gefunden: ״Der Geist Gottes schwebt noch über den Wassern." Und im Judentum? Einmal war der Verstorbene, wie er mir selbst mitteilte, Italic daran, zu uns ztirückzukclircn. Das war damals, als er unter dem Eindruck der gewaitigeu Persönlichkeit Hcrzls stand. Aber was sollte ihn, auf den das Wort paßte, mit der Philosoph Prof. W i 11 d e I b a 11 d Spinoza gekennzeichnet hat: ״Er war ein gotUrimkcnor Mann," was sollte einen solchen Mann zu unserer heutigen ״Tnchlis• re 11g i o 11" ztirückziehen? Auch hei 1ms gibt es religiöses Ncuerleben. Besser, als ich das vermöchte, hat das Emil C o 11 n im Märzheft der Preußischen Jahrbücher gezeigt, Aber die herrschenden Tachlismänner unserer pseudo• liberalen Taehlisrcligion sind gar schnell bei der Hand, um derartige, nach eigenen inneren Gesetzen wachsende wilde Schößlinge mit der Gärtnerschere zu entfernen. Hier liegt der wahre Grund, der mir das Recht gibt, an dieser Stelle jenes Toten zu ge• denken. Nostra culpa, nostra inaxima culpa! So lehrt 1ms der Lebensgaiig dieses Mannes. Die in zionistischen Schriften beliebte Wendung von dem dürren Herbstlaub, das der Frühlingssturin von den Bäumen weht, versagt angesichts solcher Verluste an geistigem und ethischem Kapital. Trost mul Hoffnung aber bietet uns das Wort Emil Colins: ״Jeder Spatenstich, den ein Jude in palästinensischer Erde tut, ist eine neue Lutherthese." Emil äiniouson. Zur DccjeEStan□ No. 16/17 der ״Jüdischen Rundschau4* erscheint wegen der Feiertage erst am 28. April als Doppelnummcr. Hirszcnbergs Bilder sind nicht die einzigen Rc- Produktionen, die dem ״Almanach Barkochba" beigegeben wurden. Freilich, die lastende Fülle von Bildern, die den alten Almanach fast unübersichtlich machte, vermißt man; aber selbst von den wenigen Reproduktionen (unter denen sieb einige hervorragende Blätter Hermann Strucks befinden), hätten noch mehrere fortfalleil können: Die Werke Max Liebermanns und A. Neumaims. Sie gehören ebenso• wenig wie die vorerwähnten Gedichte in ein jüdisches Sammelwerk. A. Coralnik kommt in seinem Aufsatz über ״Jüdische Probleme" auch auf das Thema ״Jüdische Kunst" zu sprechen. Er sagt da folgendes: . darum halte ich cs für ein völliges Mißverstehen der Kunst, wenn man zu den jüdischen Künstlern mit der Forderung kommt und ihnen sagt: Wählt jüdische Sujets! Darauf müßten jene zur Antwort gehen: Die Kunst ist ja aus Sujet überhaupt nicht gebunden." Das ist schon richtig. Aber seien wir doch froh, wenn jüdische Künstler die jüd i s c he Nuance in j ii 11 i s c h e Sujets lüuciuzubringen vermögen, und seien wir froh, wenn wir imstande sind, diese Nuance zu erkennen und wertzuhalten. Und daun: Der Almanach soll kein Bild dessen geben, was Künstler jüdischer Abstammung schaffen, son• der» ein Bild jüdischen Schaffens. Darin liegt ein Unterschied. Bleibt die Ausstattung. Stellte schon der alte Almanach der modernen Uuehkultur ein günstiges Zeugnis aus, so trifft dies in erhöhtem Maße bei dem ״Almanach Barkochba" zu. Papier, Typen so- Palästinaforscliung Von A d. F r. Was wir heute, nach Aufgabe der Gliarlcrpuhtik, in Palästina anstreben, ist etwa identisch mit dem, was die Franzosen mit dem Schlagwort der ״pün;. tratiou pacifiipie" bezeichnen: die friedliche Besicj. hmg eines menschenarmen Gebietes, seine Wirtschaft• liehe Entwicklung durch den Arbeitseifer und Handel«,, geist eines uralten und doch so lebenskräftigen Kulturvolkes, dem seine Begabung und Anpassung*, faliigkeit die Rolle eines «Mittlers zwischen Ost und West vorlierbcstimmt zu haben scheint. Wie seit Jahrhunderten Europa blühte, wo die Juden das Wirt, scliaftslcbcn nuregten mul beherrschten, wahrend geistiger und materieller Rückgang ihr Verschwinden begleitete, so scheinen sie mm berufen, dieselbe• Rolle in der Türkei zu übernehmen. Oft folgt die Wissenschaft dem sich entwickelnden Verkehr, sie bahnt ihm aber auch oft den Pfad. Die wechselseitige Förderung beider ist das beste Mittel zur schnellen Kultivierung der Wildnis. Wissen• scliafllichc Gesellschaften zur Erforschung fremder Gebiete dienen deshalb nicht etwa nur der 1 ichhaberei weltfremder Gelehrten, sie bringen nicht mit irgendeinen Schößling am grollen Baume der Wissen• seliafl zum Grünen, sondern sie sind verdienstvolle• Förderer sehr praktischer Dinge. Die Entdeckungen über Kulturpflanzen und Botlciibewässertmg bei den alten Aegyptern, Babyloniern, Assyriern gaben wert• volle Fingerzeige für neu zu schaffende Pflanzungen und Anlagen. Die Erforschung der geologischen Bodenverhältnisse, der chemischen Zusammensetzung der Gewässer und ihrer Gefalle, der Lcbcnsbedin• gungen von Nutzpflanzen, ist von höchstem kauf• mäunischci! Interesse, um! meist überhaupt die Vor• nusselzuug jeder größeren wirtschaftlichen Aktion, Hängt doch die «Möglichkeit zahlreicher Industrien von der Kenntnis der Dinge ah! Palästina ist ein Land ohne Kohlen und Eisen. Man hat deshalb zeitweise an umfangreichen in• diistrielleu «Möglichkeiten dort erhebliche Zweifel gc• hegt. I leute wissen wir von Salz• und Phosphatlagcrn, dem Vorkommen von Asphalt, Brom, Schwefel und vermuten das Vorhandensein von Petroleum; Eine gründliche und systematische Feststellung der Verhältnissc tut not. Wir schicken diese sehr nüchternen mul reellen Tatsachen voraus, um den Skeptikern, denen die Gesellschaft für Palästinaforsehimg auf ihrem noch kurzen Lehenspfade hin und wieder begegnet ist, zu zeigen, daß ein solches Unternehmen sehr schnell und sichtbar Nutzen schaffen kann. Aber naluräcli ist die Wissenschaft nicht nur dazu da, um das materielle Wohlergehen der Menschheit zu fördern. Sie verfolg! ihrem Wesen nach ideale Zwecke und dient der Erkenntnis um ihrer seihst willen. Wo aber findet sich wohl ein Land, das diesem Streben reichern Stoff bietet als der semitische Orient?! Aus seinem Boden sind in wenigen Jahren die ollen Künigsbiirgcii der Babylonier und Assyrier vor uns erstanden, am See von Urmia hat man das Archiv der licthitcrküiiigc entdeckt mul ihm die wichtigsten Kenntnisse über die politischen Verhältnisse’ des ftnlien Altertums entnommen, (ic/er und Jericho, Megiädo und Samaria, die Köuigssladt Allahs, feiern ihre Auf• ersteliung. Die Stele I lammiirabis, das Amraph« I der Bibel, zeigt uns die Zusammenhänge der Gesetz• wie das gesamte Satzbild sprechen für den gediegenen vornehmen Geschmack der Herausgeber; auch die Reproduktion der Kunstblätter ist von erlesener Gute. Ein Rahmen wurde geschaffen, würdig seines Inhalts. So liegt, Freunde, ein neuer Almanach vor Euch! Er birgt reiche Schätze in sieh. Nicht mir für die• jenigeu, die zu uns kommen wollen: Uns selber 11 ater s c 11 r viel u 11 d sehr B e d e 111 s a tu e s z.\v sagen. Gerade ein Sammelwerk nach der Art des ״Almanach Barkochba" ist dazu angetan, die zionistischen Gedankenkreise in uns zu vertiefen und stark werden zu lassen. Ich habe oben davon ge• sprachen, wie schwer es dem ersten Almanach ge• worden ist, sich bei breiteren Schichten unserer ju• dischcn Bevölkerung durclizusct/cn. Freunde, sorgt dafür, daß der ״Almanach Bar• k o c h b a" schneller als sein Vorgänger in Euren Fl n 11 s c r 11 H e i in n t s r c c h t c er• wirbt! Der Lohn wird Euer sein. Heitere Ecke Ein neuer Fluch Moritz und Rina sollst Du lesen und eine In• haltsangabe sollt Du davon machen müssen! . E. S.

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