Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 171 alltu viele. Es genügt allein üar.1ut hitizuweke״ welch geringer Achtung sich in den Kreisen der anderen Akademiker der Rabbmcrsland erfreut. Mat es sich doch ja auch erst Jn den allerletzten Jahren geändert daß auch nur die Söhne von Rabbinern den Beruf ihrer Väter ergreifen. % Wen trifft an der niedrigen Stellung der Rabbiner die Schuld? Her treffliche Führer der Breslauer (iciminde, der wirklich ein Führer seiner Ocmeiiidc ist, hat bei der Beratung des Gesetzentwurfs auf dem Gemeindetag mit Recht gesagt: ״Sie müssen nicht verlangen, daß die Rabbiner lauter Heroen seien, die Frau und Kinder dein Hunger und Verderben preisgeben, um ihre Ueber/eugung nicht zu verleugnen.‘' Wahrlich, nicht an den Rabbinern liegt die Schuld mul es sind nicht immer die gröbsten materiellen Inüiesscn, um derentwillen, ich will nicht sagen da< Verleugnen der eigenen Ucberzeugung - das sind doch nur die ganz krassen Fälle -, dies entscldiche Sichnnpassen, Sichanlehnen an die lierrsehende Ueber/eugung slattfindct. Es ist die ganze Atmosphäre, die ganze Stellung, die der Rabbiner hei uns cinnimmt. Diese muß geändert werden, sollen wir die Rabbiner bekommen, die wir brauchen, die Führer ihrer Gemeinden, die ihren Weg gehen, unbeim von rechts und links, beschränkt allein durch die Grenzen, die persönlicher Takt und die Rück• sichlnahme auf eingewurzelte Verhältnisse stellen. Ein solcher Rabbiner wird auch das Vertrauen bei seiner Gemeinde finden, daß sie ihm nachzugeben vermag, auch wo sie nicht in ganzem Umfange seinen Standpunkt teilt. Hat der Rabbiner die Stellung, wie wir sie uns denken, so kann es gar nicht zu Hilfercii/cn kommen. Kommt es aber zu Konflikten, so ist kein Zweifel, wie entschieden werden muß. Auch hier ist das Beste schon gesagt. Von dem seligen M. A. Klausner ist damals auf dem Gemcindetag ausgesprochen worden, daß der Vertrag zwischen Rabbiner und Gemeinde auf der Grundlage der bislierigen Bekanntschaft der religiösen Stellung der Parteien geschlossen wird. Es darf nicht der einen Partei gestaltet sein, von dieser Grundlage eigenmächtig abzugehen und dem anderen Teile aufzuerlegen, daß er ihr folge. Wir kennen Beispiele aus unserer persönlichen Erfahrung, daß alte Rabbiner nicht einmal durch die Stimmung der Gemeinde, sondern einfach durch die Willkür des Gemeinde- Vorstandes gezwungen worden sind, im Alter, wo sic eine neue Stellung nicht mehr finden konnten. Gemeiiidercformcn mitzumachcn, denen ihr ganzes inneres Denken und Fühlen widersprach. Ein würdiges Orciscnaltcr und die makellose Ehre eines ganzen Lebens sind durch brutale Willkür mit dem Makel der Gesinnungslosigkeit befleckt worden. Und allgemein bekannt ist das Beispiel des gelehrten, vielleicht gelehrtesten Rabbiners Deutschlands, der mit Weib und Kind in die Ungewißheit, ja fast Mittellosigkeit getrieben worden ist, weil er die Charakterfestigkeit hatte, seine religiöse Ucberzeugung durch die Einfiihrung von Reformen nicht preiszugeben. Solche Beispiele allein müssen genügen, um die völlige Unmöglichkeit des Gesetzentwurfs in seiner heutigen Gestalt klarzulegen, um alle Kräfte mobil zu machen, daß er in dieser Gestalt auch nicht einmal der Staatsregierung vorgclegt werde. Wie konnte cs überhaupt zu solch einem Versuch gesetzlicher Regelung kommen, was konnte im innersten Grunde die Führer unserer Gemeinden dazu veranlassen, den Rabbinern eine Stellung zu bcstreiten, die — das kann einfach keinem Zweifel unterliegen — der gesamten Vergangenheit unserer Gemeinschaft entspricht? I lerr Rechtsanwalt Makower beantwortet die Frage mit vollständiger Offenheit und Klarheit, und es tritt die Psyche unserer Gemeindegewaltigcn einmal 1111 vcrhiillt ans Licht. ״Geistige Führer der deutschen Juden," so fragt er, ״wo waren sie unter den deutschen Rabbinern der letzten Jahrzehnte?" Auch hierauf hat Jakob die Antwort schon gegeben. Und doch hat sein Gegner nicht Unrecht, liier liegt in der Tat die tragische Schuld des Rnbbincrslamles, die sich schwer an ihm rächt, Es ist leider eine Tatsache, daß die Rabbiner jahrzehntelang allzusehr gewöhnt waren, immer nach dem zu sehen, was die einfluß• reichen Leute ihrer Gemeinde sagten, daß sic Geführte, nicht Führer waren. Sie haben sich, was Ja menschlich ganz begreiflich ist, immer mehr an die Besitzenden gehalten, der Volksrabbiner, der im Volke 11ml mit dem Volke lebt, fehlt uns. In der christlichen Gemeinschaft ist der auch dort jahrzehntelang herrsehenden Verbindung der Kirche gerade mit den Besitzenden eine Reihe begeisterter Männer mit vollster Schärfe entgegengetreton. Sie suchen den Anschluß an das einfache Volk, Ihre Kirchen sollen Volkskirehen sein, Ihre Tätigkeit soll Arbeit am Volke sein. Bei uns ist von solchem Streben nur wenig zu spüren. Die Traubs und Naumanns fehlen uns. Seelsorge, die Versorgung bedürftiger Gemeiudemitglieder, verhält sich dazu so wie Wohltätigkeit zu hrüderlichem Eintreten für einander, wie liberale Anerkenmmg der Menschenrechte zum Gleichheitsgefühl des So/inlismus. Die Rabbiner sind, bei aller Fürsorge für die Armen, die Rabbiner der Reichen, die Rabbiner der Einflußreichen, der durch Vermögen und Stellung Herrschenden gewesen. Sic waren cs allzu lange, als daß man ihnen jetzt die Führung gutmütig jibcrlasscn wollte. Allzu' lauge haben sic Richtung genommen nach ihrem Ocmcindcvorstande, haben dort gesellschaftliche und persönliche Anlehnung gesucht. Nun, da sie Führer des Volkes werden wollen, versagt man ihnen das Recht auf diese Führung. Wir selbst haben unter der Stellungnahme der Rabbiner allzuoft leiden müssen. Hat doch ein auch von mir sonst hochverehrter Rabbiner ausgesprochen, daß mau gegen den Zionismus Stellung nehmen muß, weil sonst die Leute, die vom Judentum schon abseits stehen, den Zusammenhang ganz, lösen. Und erst In einer der letzten Nummern der grünen Zeitung, aus• gerechnet der grünen Zeitung, hat Herrn Justizrat Makower, ausgerechnet diesem gegenüber, einer der Verteidiger der Rabbincrstellung unter den Großtaten der deutschen Rabbiner die Stellungnahme gegen — den Zionismus aufgczählt. Aber jetzt soll alles Trennende vergessen werden, die Entscheidung ist zu wichtig. Dabei will ich auch nicht verschweigen, daß mich auch in der Auffassung dieses Gesetzes manches von den Rabbinern trennt. So würde ich mich z. B. gegen Jacobs Forderung, daß über dem Gemeinde-, rabbiner der Land* * und Provlnzlalrnbbincr stehe, mit aller Entschiedenheit wenden und mir die Bcrcchtigtmg der natürlich auch mit Rabbinern besetzten Synode als Aufsichtsinstanz gelten lassen. Ich bin auch mit Makower einverstanden, daß unsere Oemcindcvcrwaltimg, neben ihren religiösen Aufgaben sehr wohl politisch-repräsentative habe, und ich will, daß die Laien nicht bloß zur Verwaltung materieller Güter und zur juristischen Regelung herangezogen werden; ich knüpfe auch darin an die Vergangenheit an, daß unsere Gemeinden ganz aus dem Volke hervorwachsen sollen. Aber das sind schließlich nur einzelne Punkte, die wesentlichste Frage ist heute die um die Stellung des Rabbiners im allgemeinen. Soll er der Funktionär, der Beamte, der Angestellte der Gemeinde sein, wie cs der Entwurf und seine Väter wollen, oder soll er als gleichberechtigtes Mitglied der Verwaltung der Gemeinde angeliören, wie es die Rabbiner wollen. Wir hoffen, l)r. Jakob und die Rheinländische Rabbinerkonfcrciiz werden nicht allein gelassen werden, die geschäftigen Vermittler werden keinen Triumph davontragen, die Rabbiner werden fest bleiben, denn sic führen diese Kämpfe nicht für sich persönlich — die so sprechen dürfen, sind ja unabhängig —־, sie führen diese Kämpfe für die Un- Abhängigkeit ihres Standes. Darum dürfen sic nicht zurückweichen. Zur Entscheidung steht die große Frage der Zukunft unserer Rabbiner. Vielleicht zum letzten Male dürfen sic eingreifen in die Neugestaltung der jüdischen Verhältnisse, wie sie der Uebcrgang aus dem Ghetto in die europäische Kulturgcmcinschalt verlangt. Da sie tapfere Führer gefunden haben, werden sie den Kampf zu Ende führen. Tagung der badischen Synode Die VI. badische Synode tagte vom 3. bis 5. April im Sitzungssaal der badischen Landstände in Karlsruhe. Interessant ist ihre Zusammensetzung. Von 22 weltlichen Abgeordneten gehören nur 6 der libc* ralen Partei an, die Konservativen haben 11, die Zionisten 4 Sitze. Ein Abgeordneter gehörte zu keiner Partei. Die geistlichen Abgeordneten halfen aber die liberale Partei verstärken; von vier Rabbinern sind drei liberal. In den Landgemeinden konnte überhaupt nur ein Liberaler sein Mandat behaupten. Für uns war der Wahlkampf in Heidelberg-Land bcmerkenswert. Dort kämpfte unser Gg. Dr. Pfälzer- Wcinheim gegen einen Liberalen, ln allen Wahlver- Sammlungen seines Kreises war der Zionismus fast ausschließlich Gegenstand der Debatten. Ein gegnerisches Flugblatt betonte, daß der Zionismus keinen Boden in diesen Gemeinden habe und daß deshalb ein Zionist nicht gewählt werden dürfe. Dr. Pfälzer antwortete mit einem stolzen Bckcnncrtum seines Zionismus, der ihn gerade befähige, jüdische Interessen zu vertreten. Die Wälder gaben Ihm fast dreimal soviel Stimmen als seinem Gegner. Die Verhandlungen der Synode waren nicht bcsonders bedeutsam. Auf Initiative Dr. Pfälzers wurden zur Entlastung der finanziell schwer bedrückten Landgemeinden diesmal 12 000 Mark mehr in das Budget eingestellt. Die Orthodoxen verlangten, daß der Oberrat dieeiligen Schüler vom obligatorischen Religionsunterricht )efreie, bei denen ein Gewissenszwang vorliege und ein gleichartiger Ersatz geschaffen werde. Der Oberrat lehnte dies ab. Gesetzlich ist der Dispens unzulässig; die Anerkennung des geforderten Prinzips müsse zum fakultativen Religionsunterricht führen. Die Mehrheit der Synode billigte diesen Standpunkt; die zionistischen Vertreter deshalb, weil zu besorgen ist, daß assimilatorische Kreise ihre Kinder des letzten strahlende Sonne leuchtet Zion am jüdischen Himmel. Man entdeckte neue Werte, man jubelte den jüdischen Künstlern zu, entzückte sich an den Schöpfungen der hebräischen und Jargondichtcr und stimmte selber die Harfen zu eigenem Sange. Wie ein Rausch war ps über die jungen Juden gekommen, und die Mer- »usgeber des ״Jüdischen Almanaclis" schöpften aus den! Vollen. Sie hätten eine Reibe weiterer Bände erscheinen lassen können, wenn das Werk sofort diejenige Verbreitung gefunden hätte, die es verdiente. Nur langsam aber vermochte der ״Jüdische Almanach" sich durchz.usctzcn, daher blich der erste JL'md zugleich der einzige des Werks. Als die Ultimi• und Drangperiode vorüber war, verstummten die Sänger. Der ״Jüdische Ahnanaeh" aber tut heute noch seine Schuldigkeit. Die in ihm aufgespeicherten Werte bergen einen Abglanz des romantischen Hauches, der die jüdische Volksbewegung in den Prsten Jahren umwehte; und wenn es gilt, die zionistische Idee in neue Bezirke zu tragen, dann *i״d diese Werte Werbemittel, deren Wirkung selten versagt. . . Der ״Almanach Barkochba" wird seinem Vor- Ranger bei dem Kampfe um die Anerkennung des Zionismus wacker beisteben; verdrängen wird er ihn ״•eilt, weil seine Werte die des ״Jüdischen Alma* nachs“ wohl ergänzen, nicht aber ersetzen. Unsere schöpferischen Energien, die der Rausch der ersten Jahre verbraucht zu haben schien, sind wieder rege geworden. Da war cs an der Zeit, über die heutigen Sehnsüchte und Qcdankcn in einem greß angelegten Werke Rechenschaft abzulcgcn. Und wie gestaltete sich die Ernte? Lodernde Begeisterung wird man in dem neuen Almanach vergeblich suchen; das Buch atmet gcdämpfte Ruhe, gemäßigte Besonnenheit; keine vorwärtsstürmenden Feuergeister lassen sich blicken. Denen aber, die sich zum Worte mcldeten, ist das Rückgrat fester und stärker geworden, und alle geben Kunde von dem gewaltigen Ringen ln der Seele des modernen Juden. Der ״Jüdische Almanach" brachte eingangs einen Aufsatz Martin Bubers, in welchem die Beziehungen des Schaffenden zum Volk und zur Bewegung untersucht wurden. Der ״A 1 m a n a c h B a r k 0 c h b a" enthält eine Ansprache ״Der Jude mul sein Werk" desselben Verfassers. Damals kam er zu dem Schluß: die Annäherung des Volkes an den Schaffenden würde genügen, um dessen Kräfte frei zu machen. Heute dünkt ihm die Lösung des schöpferischen Problems von entfernteren Zielen abhängig zu sein. Das allgemeine jüdische Problem rollt Dr. A. C 0 r a I n i k auf, und Mathias A c h c r spricht über die ״Tragik des jüdischen Volkes". Aber auch für die richtige Beurteilung vergangener Epochen (״Die Judcnassimilation seit Mendelssohn" von Dr. D. Pasmanik und ״Abraham Geiger" von Dr. S. Bernfehl) hat man Sinn und Zeit, ohne indes aktuellen Themen den Raum vorzucnthalten: Maxim A n i 11 schrieb instruktiv über den ״Jüdischen Sozialismus und seine Strömungen", und zur ״Land- Arbeiterfrage in Palästina" nimmt S. Kaplansky ausführlich Stellung. Auch der alte Almanach enthielt eine Anzahl Essaycs, doch waren cs vorwiegend literarische Aufsätze (über ״Jargonlitcratur" über ״Ncuhebräischc Dichtung"), die das Interesse auf sich zogen. Die Belletristik selber, die letzten Endes dem ״Jüdischen Almanach" das Gepräge lieh, ist auch im ״Almanach üarkochba" nicht zu kurz gekommen. Unsere östlichen Literaten sind wenig, aber teilweise recht glücklich vertreten; zwei Meisterwerke beiinden sich in der Auslese: ״Des Bnßgcigcr’s Sclima Jisroel" von Pcrez, eine Novelle voll dunkler, rausclientler Musik, und C11. N. Bialiks gewaltiges, kraft-zittemdes Gedieht ״Die Toten der Wüste"; man spürt bei diesen Werken die Entwickelung ihrer Schöpfer, die beide auch im alten Almanach zu finden waren. Ich erwähne noch S. Schncürs ״Kirschen", weil dieses duftig-Uoldc Poem mit seiner zarten Erotik einen neuen Ton in die moderne jüdische Lyrik hincinbringt. Die Nachdichtungen der Pcrez’schcn Novelle (Siegfried Schmitz) wie der Gedichte Bialiks (Dr. Ernst Müller) und Schnci'rs (Hugo Zuckcrmann) sind fein empfunden und formschön. Einen breiten Raum beansprucht die Lyrik der jüdischen Poeten, die in deutscher Sprache dichten. Während aber im alten Almanach die jung-jüdischen Dichter helle Fanfaren schmetterten, werden In den! neuen Sammelwerke oft wehmütige resignierende Töne laut. Einige der damals Jungen (Grünau, Donath, Werner) haben die verstaubte Leier vom Kanapee hcruntcrgcholt, aber Ihre Töne klingen kühl, unecht.