Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 170 JUEDISCHE RUM DSC HAU Nr. 15 gehen mußten, die wir scheinbar ohnmächtig dem drohenden Verhängnis gegenüberstande», an jeder Rettung verzweifelnd ־• bis auf einmal der letzte Hoffnungsstrahl blitzartig unsere Seelen durch• zuckte und in ihnen das heilige Feuer der liegeiste• rung jäh entfachte . . . Wir Jddcn, zu welchen rechnen wir? Zu denen, die da zum Leben bestimmt sind, oder zum Tode, zu denen, welchen eine heitere Zukunft in lockendsten Farben lächelt, oder zu denen, deren Geschichte beendet ist, die abgeschlossen haben mit dem Leben und nun mühsam am Krückslahe dem Grabe entgegen wanken? Sind wir des Fallen* wert, oder können *wir wieder zu einem Herrenvolke werden. Das kraft seiner sittlichen Stärke, seines Seelenadels, seiner Leistungen und Errungen• schäften sich die Existenzberechtigung erkämpft? ׳•-־- Das sind Fragen, die sich uns am Passahfestc, dem Tage unserer Befreiung aus politischer und seelischer Gefangenschaft aufdrängen und an deren Heantwortung wir furchtlos und streng kritisch, unverblendet und das Auge ungetrübt vom Schimmer chauvi• nistischcr Eitelkeit und Befangenheit gehen müs.wii. - - Ein großer Teil unseres Volkes hat erkannt, daii die Lage des Judentums im Exil auf die Dauer völlig unhaltbar ist, daß sein gänzlicher Niedergang nur noch eine *Frage der Zeit ist. Hand in Hand mit der Abnahme der ethischen und idealen Kräfte im Judentum geht die furchtbare soziale und politische Notlage des größten Teiles seiner Kinder. — Das Grundübet, die Zerstreuung, die politische und geistige Knechtschaft, der damit verbundene Zwang zur Mimikry, die Notwendigkeit, seinen eigensten Gedanken, seinen! seelischen Erleben und Empfinden oft zuwidcrbandcln zu müssen, ist längst erkannt, aber was wird zur Abhilfe getan? — Der Ertrinkende greift mechanisch nach einem Strohhalm, der dem Hungertode Geweihte verschmäht nicht übles Gewürm und nagt sogar Steine verzweiflungsvoll an, wenn der Hunger in seinen Eingeweide» wühlt, und das jüdische Volk, das klar und deutlich seinen Unter• gang vor Augen sicht, cs greift nicht mit einem Auf• schrei von erlösendem Jubel nach der rettenden Hand, die ihm winkt — nein, cs scheint an ein Fatum zu glauben, legt resigniert die Hände 111 den Schoß und überläßt cs einer verschwindenden Mi• Moritat, unter Aufbietung aller Kräfte, unter wählt• sinnigen, zu Boden drückenden Anstrengungen an einer Rettungsaktion zu arbeiten, die eine Sisvphusarbeit bleiben muß, solange nicht alle sich an ihr beteiligen! Ist dieser Zustand eines Volkes, das auf Existenzberechtigung vollen Anspruch erhebt, windig? Zeigt es damit nicht eher, daß es nicht verdient zu leben, wenn es nicht jederzeit gewillt ist, die höchsten Opfer zu bringen, sobald es die heiligsten Güter gilt? ״Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!" Jede Ge- Iteration von neuem muß sich wieder die Lebens• bcrechtigung erkämpfen, darf nicht träge auf den Großtaten der Väter ausruhen und sich nicht damit begnügen, deren Verdienste pietätvoll zu würdigen. Das Leben sebreitet über den hinweg, der sich schon zum Ausruhen iiicderstrcckt, ehe er noch irgend ein Werk begonnen hat, und nur der stets Kampfbereite und Gewappnete ist imstande, seinen Platz gegen die Nacbstürmendcn zu verteidigen. Juden! Die Lage ist bitterernst, so ernst, wie nie in Eurer Geschichte - - ein Palästina gibt es nur, cs streckt die Hände nach Euch aus und will Euch, seine fernen Kinder an sein Herz ziehen, Peßach-Pilger Die Fcstzeit naht heran. Ein erfrischender Frühlingswind zieht durch die Berge Judäas. Die Wein• rebe beginnt zu knospen. Die Dattelpalme setzt ihre jungen Blätter an. Auf. einem der Berge steht ein Trupp Menschen. Männer, Frauen, Greise und Kinder. Sic sind zur Reise gerüstet. Voran schreitet ein alter Levite Psalmen singend. Der Trupp schreitet ins Tal hinab. Wohin geht der Weg? Nach Jeru• salcm, um daselbst das Pcßachfcst zu leiern. Vor den Toren der Hauptstadt treffen die Fußwamlerer mit vielen anderen Pilgern zusammen. Jubelnd ziehen sie alle in die festlich geschmückte Stadt ein, wo *ic von Priestern, Leviten und dem Volke her/lieh empfangen werden. Der Tempelplatz ist von dichten Menschcnmassen belagert. Das Opferlamm wird durch Pricstcrltand zubcrcitet und abends im Kreise der Familie verzehrt. So ungefähr sab das Bild aus, als unsere Fußwanderer vor Jahrtausenden zum Pcßachfcstc ins Heimatland zogen. Seit dieser Zeit hat sich vieles geändert. Die Wallfahrt zum Feste hat aufgehürt. Der Jude pilgert nicht mehr. Die Sorglosigkeit, die den Landmann beim Erwachen des Sommers erfüll», ist aus der Milte des jüdischen Volkes geschwunden. Der Jude sitzt in großen und kleinen Warenhäusern eingeengt, umgeben von Waren verscbicdcncr Art. Und wenn das Pcßachfcst den H. Nissan abends hcraufzicht, so entschließt er sich *ehr schwer, den Laden zu schließen in der Befurch• tung, den einen oder den anderen Kunden zu ver• damit Ihr dort genesen solit 1 — Ein Palästina gibt cs nur - - geht auch das verloren, durch Euren Wankelmut, Euren Mangel an Opferwilligkeit und Seelenstärke — - - dann habt Ihr den Beweis eklatant geliefert, daß Ihr wert seid untcrzugeticn! — — — Noch ist es Zeit, Pcßach naht, Freiheit?;;türme brausen durch die Natur und die Herzen der Menschen; laßt auch in Eure Herzen den mächtigen Weckruf unseres Festes dringen, durclitränkt Eure Seelen mit Freihcitsgeist, öffnet Euer Hirn und Herz dem großen Gedanken der Wiedergeburt Eures Volkes auf eigener Scholle! — Zeiget, daß Ihr nicht nur den Vätern Pietät zu bewahren wißt, sondern daß Ihr auch ihre Opferwilligkeit mul Begeisterung erreichen wollt, ruft Euch ins Gedächtnis die unbedingte Not- Wendigkeit des Gelingens unserer letzten großen Rettungsaktion, zeigt, daß Ihr Herrenmenschen sein wollt, die wert sind zu leben und die Zeiten zu überdauern! Daß uns wiederum erscheine וגץ חרותנו d i c Z c i t unserer Befreiung! Hans Goslar. Zur Stellung des Rabbiners Von Arthur Birain. Der Streit um die Stellung der Rabbiner im Gesetzentwurf betreffend die Verfassung der jüdischen Religionsgemeinschaft in Preußen, wie er von der dazu eingesetzten Kommission dem 0. deutscli-israc• litischen Gcmeimletag vorgclegt wurde, ist in ein neues Stadium cingctrctcn. Wenn cs sich am An• fange des Kampfes um Vetorecht und lebenslangliebe Anstellung bandelte, haben die temperament* vollen, durch kraftvolle Gesinnung in gleicher Weise wie durch klare Darstellung ausgezeichneten Aus• fiilirimgeii des Dortmunder Rabbiners Dr. Jakob*) die Frage auf ein prinzipielleres Gebiet gestellt und verlangen, ebenso wie sie den Widerspruch von seiten der Vater des Entwurfes, der Vertreter der einseitigen Gcmcimtcautunoimv in den Ausführungen des Herrn Justizrat Dr. Mako wer hervorgerufen haben (Allgemeine Zeitung des Judentums: lülü Nr. (!) von unserer Seite noch einmal Stellungnahme. Herr Dr. Jakob hat seinen Angriff hauptsächlich gegen die SSf 7צ und '28 des Gesetzentwurfes gerichtet, die tlas Bestimmungsrecht in Fragen des Kultus und Ritus der Gemeindevertretung überlassen, wobei jedem von der Gemeinde angesteilten Rabbiner Gelegenheit zur sehriftliehen und, auf dem von ihm in Einzel• fällen gestellten Antrag, auch zur mümllicheii Actiße• rmig gegenüber dem Vorstände zu geben ist. ״Die gesamten gesetzmäßigen Befugnisse des Rabbiners," fuhrt hierzu Jakob aus, ״bestehen in dem ״Recht sieh äußern" zu dürfen. Eine entscheidende Stimme hat er nie, auch auf dein ihm vertraute״ Gebiete des Kultus, Ritus und Religions- Unterrichts nicht, er gehört weder dem Vorstände noch der Gemeindevertretung an und ist auch sorglich von der Provinz und Landesgemeinde femgehaiten. Er ist nichts anderes als ein Funktionär, oder wie ’) ״Die Stellung des Rabbiners", Referat, gehalten mit der Rheinischen Rabbinerkonferenz. Laut Beschluß der Konferenz dem Druck übergeben. Zuerst im Ham• burger Israel. Fainiliciiblatt Pi 10, Nr. •Ib —13, dann gesunder! als Broschüre erschienen. lieren. Setzt er sich dann zum Sedcr, so erzählt er wehmütig von vergangenen Zeilen, ״bis man sehebeiss hainikdusclt lioilikaiom. . . ." da geschahen noch Wunder! Heute aber geschehen keine Wunder mehr! Trifft dieses zu? Nicht ganz. Auch heute treten Erscheinungen zutage, die ans Wunderbare grenzen. Das nehme ich so recht auf meiner diesmaligen Reise nach Palästina wahr. Oder ist das kein Wunder, wenn sich die jüdische Pilgerfahrt nach /weitauseiuljährigem Stillstand aufs neue regt. Man besteige nur die ״Habshwg" von Triest, um cs mit eigenen Angen zu sehen. Da sitzt ein junges Ehepaar, das am Montag, den 2. April, seinen Ehebimd schloß und seine Hochzeitsreise nach Jerusalem m.״ein. Dort ein Student, hier eine Dame. In den unteren Räumen des Schiffes Männer, Frauen aus besseren und geringeren Ständen. Alle fahren sie nach Jerusalem, um das Pcßachfcst zu feiern. Be• steigt mau das Schiff mit etwas gedrücktem Ocfühl, die Fahrzeit vielleicht ohne Gesellschaft verbringen zu müssen, so schwindet bald dieses Gefüllt. Man erkennt sich bald gegenseitig. ״Wohin fahren Sic?" ״Nach Jerusalem." ״Zu welchem Zwecke?" ״Um das Pcßachfcst dort zu feiern." So tönt cs allseitig auf der Habsburg. Man drückt sich freudig die Hände, man Ist sich nicht mehr fremd. Ein Qefühl der Zusammengehörigkeit durchströmt die Gemüter. Ja, die Pilgerfahrt des jüdischen Volkes hat aufs neue begonnen, sie ist wieder In Fluß gekommen. Kantor Blitz. der charakteristische Ausdruck lautet, ein ״Beamter" der Gemeinde 11111I als solcher Untergebener des sou• veräneu Vorstandes, resp. der ״Gemeindevertretung'׳, von denen er seine Anweisungen empfängt. Er steht also in dieser Hinsicht auf einer Stufe mit dem Synu. gogendieuer." Demgegenüber hat Dr. Jakob in tapferer Weise Forderungen aufgcstellt, die über das ganze klein• liebe Gefecht von ehedem hiuwcgfuhren und deren cnlscheidcnste die ist, daß der Rabbimr Mitglied des Vorstandes sein und allen Sitzungen der Gemeindevertretung mit beratender und In■• schließender Stimme teilneltmeu soll. Und er hat verlangt, daß diese Teilnahme nicht nur in den Fällen, wo Frage» des Kultus und Ritus zu ver• handeln sind, sondern generell dureligefülirt werde. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß damit die Stellung des Rabbiners grundlegend eine andere wird. Schon jetzt gibt cs eine Anzahl Rabbiner, die die eigentlichen Leiter ihrer Gemeinde sind und die Beschlüsse sowohl der Vorstände, als auch der Repräsentanz inspirieren und sehr oft auch persön• lieh durchfuhren. Aber das sind im wesentlichen doch Ein/elpersönlichkeitcn. Im großen und ganzen macht Aich vor allem in den großen und seihst schon in initiieren Gemeinden eine Gemcimleaulo• kratie gellend, die den Rabbiner immer mehr zum (,ieineindebeamten hcrunlcrdrückl, ihn in den besten Fällen als Sachverständigen ״hört", ilun jeden spon• tauen und persönlichen Eingriff in die Entwicklung seiner Gemeinde unmöglich macht. Jakob bat dein• gegenüber mit vollem Rechte darauf hingewi.-sen, was in der christlichen Gemeinde, der kleinsten wie der größten, der Geistliche bedeutet, daß in seiner Hand die meist kompliziertere Verwaltung kleiner ebensogut wie größerer Gemeinden liegt, daß er der wahre Mittelpunkt seiner Gemeinde ist. mul er hat auch gezeigt, wie der Staaat in zwei konkreten Fällen der letzten Zeit, bei der Bildung des Schulvorstandes nach dem neuen Schuluntcrhaltimgsgcxctz, wie bei der Konstituierung des Herrenhauses nach der neuen Elsaß-Lothringischen Verfassung, den Rabbiner als Vertreter der jüdischen Gemeinschaft ansieht. Und wer in kleineren Städten gelebt hat, weiß ja, wie in christlichen Kreisen, im privaten Leben, wie im offiziellen Verkehr mit den Behörden durchaus diese Auffassung die herrschende ist. Und wie sieht es drinnen aus. Die Leitung der Gemeinde führen wesentlich die kapitalkräftigeren, sozial mul gesellschaftlich als ״obere Zehntausend" bczeichuetcn Kreise, die Jakob S, I trefflich eharak• lerisiert hat. Von diesen vielvcrinögemlen Herren geh» allzuoft eine nicht einmal immer durch die gesellschaftliche Norm gemilderte Autokratie aus, di׳: das persönliche Lehen der ihr unterstellten Be• amten so manchmal demütigt mul niederdruckt, die aus den aufrechten Männern, die ins Amt gehen, Leute macht, in der ständigen Notwendigkeit, mit ihren Geincimlegewaltigeii gute Beziehungen zu unterhalte״, Rückgrat und Persönlichkeit einhüßen. Es kommt nicht, besonders in den kleinen Gemeinden, gerade immer zu Gewalttätigkeiten, wie sie in Berlin das vertraute Brot der Rabbiner sind. Vor noch nicht allzulanger Zeit hat mir gegenüber ein Berliner Geistlicher auf seinen Beruf das Wort augewendet: meschubodiin Itojjinu lepharan beiuisrajim. Aber freie, scharf timrUscnc, frische Persönlichkeiten, wie sie die christliche Kirche bis in die kleinsten Dörfer hinein in Masse aufweist, findet man bei uns nicht Der alte und der neue Almanach Von Louis Lew in. Junge, bcgeistcrungsfrohc Kämpen waren cs, die im Jahre 1902 den ״Jüdische n A I m a n a c h" schufen; er bildete die erste Publikation des ״Jüdischen Verlags", der eine ,,Zentralstelle zur Förderung■ jüdischer Literatur, Kunst und Wissen* sehaft" werden sollte. Seine Leiter hießen: Martin Bubcr, ttcrthold Fciwcl und E. M. Lilien. Acht Jahre später sind cs wieder junge Streiter, die den deutsch• sprechenden Juden ein dem jüdischen Schaffen gc• widmetes Sammelwerk vorlcgc». Die ״Vereinigung jüdischer flochsehülcr aus Galizien, Barkocliba" in Wien zeichnet verantwortlich für die Herausgabe des neuen Alinanaehs. Es rein, beide Werke in Vergleich zu bringen, weil in ihnen die jeweilige Stimmung der Zeit, die sie entstehen ließ, deutlich zum Ausdruck kommt, atmosphärisch fühlbar ist. Acht Jahre, sollte man meinen, wären keine breite Spanne: Für den modernen Juden, besonders für den sensiblen, schöpferischen Juden waren cs Jahre wechselnder Gcfühlszuständc, unterschiedlichen Schaffens. Der ״Jüdische Almanach" ist erfüllt von knospen• dem, grünendem Frühlingsahnen. Die zionistische Bewegung war einige Jahre vorher neu erstanden, und wie eine Begleiterscheinung traten urplötzlich eine Menge schaffender junger Juden auf den Plan, die Brust geschwellt von Zukunftsträumen. Wie eine