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Jüdische Rundschau · 1911-04-12 · Heft 15 (12.4.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 15 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I i I I I_ י r־*'. n r")/ר/ ח . ח ל־״ %״ } \ ן . נ נ l J L.׳ V 3 ü U V״J ^w*n •«»— _I r'n^ Berlin, den 12. April 1911 — 14. Nissan 5671 XVI. Jahrgang Ausweis Schekel: Breslau 151) Mk., Magdeburg I Mk., Zwickau 3 Mk. Landesbeiträge 1 Lübeck 105 Mk., Breslau 200 Mark, Zwickau 3 Mk. Organlsalionsfoml»! W. Samson, Berlin, 5 Mk., M. R u I s c h i I (1, Magdeburg! 5 Mk., Kauf• mann, Alf a. Mosel, 2 Mk., H. D. Brasch, Berlin, 2 Mk., I)r. Siegfried Moses, Berlin (V. J. St.) 5 Mk., I. Kate. v } ׳ Eingang der Woche vom 7. April bis 10. April 1011: Schekel 154 Mk., Landesheitragc 308 Mk., Or• ganisatioiisfonds 19 Mk. Gesamteingang bis *um 10. Anril 1911: Schekel 1217 Mk., Landesbeiträge 2303,50 Mk., Organisations• fonds 0514,59 Mk. Adresse für Geldsendungen: Zionistisches Zcntralburcau, Charlotten bürg 2, Bleibtreu• Straße 49. Postscheckkonto 8091, Bankkontos A. H. Heymann & Co., Berlin NW., Unter den Linden 59. Judenpässe Nichts ilokiimenliert die antisemitische Rieh* hing der deutschen Reichsregierung so deutlich, als ihr Verhalten in der Paß frage gegenüber Rußland, das bekanntlich noch immer eigenmächtig die gleichberechtigten Bürger anderer Länder differentiell behandelt, ohne daß die deutsche Regierung auch nur den Versuch machte, sich das zu verbitten. Hundertmal wurde diese Frage von allen möglichen Korporationen, Abgeordneten usw. schon behandelt — die Re* gierung zuckt kühl die Achseln und tut - nichts. Begründung: sie könne sich in die innere Gesetzgebung Rußlands nicht cinmengen. Die Heuchelei einer solchen Argumentation liegt zu klar auf der Hand, als daß sie besonders erwiesen werden müßte. Denn ganz offensicht• lieh handelt es sich hei der verschiedenartigen Behandlung der Pässe deutscher Reiclisangehöriger durch die in Deutschland amtieren• den russischen Konsuln im Wesen nicht um eine Frage russischen Rechts, sondern um eine solche des deutschen Prestiges. Aber wie gern wird das nicht preisgegeben, wenn den Schallen die Juden zu tragen haben! In der Reichstagssitzung vom 31. März kam der volkspartcilichc Abgeordnete K ä m p f wieder einmal auf diese Frage zu sprechen. Er zeigte sich übrigens nicht besonders gut informiert, wenn er darüber klagte, daß die deutschen Behörden den russischen Acmtcrn Auskunft über die Konfession der Reisenden geben. O nein — das tun sic nicht. In Preußen wird bekanntlich schon seit Jahrzehnten die Religion nicht mehr in den Reisepassen vermerkt — neuerdings überhaupt in keinem deutschen Bundesstaate mehr. Aber die russische Regierung hat ein weit einfacheres Mittel gefunden, als es die Auskunftcinhohmg bei den deutschen Behörden wäre. Ihre Kon־ suln sind angewiesen, keinen Paß zu visieren, dessen Inhaber nicht einen Taufschein vorzulegcn vermag. Und die deutschen Behörden kennen und billigen dieses Verfahren so sehr, daß sic bei der Erteilung von Reisepässen, die für Rußland ausgestellt werden, dem Paßinhaber eine gedruckte Anweisung mit den russischen Paßbestimmungen (A. für Reisende christlicher Konfession, B. für Reisende jüdischer Religion) aushändigen. Das ist, solange diese Bestim* mungen von Deutschland stillschweigend aner• ״Der Zionismus erstrebt für da• jüdicdio Volle die Schaffung einer offcnt- Itch-rccMIkh gesicherten Heimstätte ln Palllsiluoa Baseler Programm, kaum werden, natürlich ein liebenswürdiges Entgegenkommen für den Reisenden. Aber - trotz, aller offiziösen Ausreden — es ist und bleibt ein politischer Skandal, daß die deutsche Regierung solche verschiedenartige Be• haudlung von Reichsangehörigen d u Id c t! Und nichts zeigt die absolute politische Ohnmacht der deutschen Juden deutlicher, als daß es ihnen bisher nicht einmal gelungen ist, die deutsche Regierung auch nur zu einem Protest gegen solche entwürdigende Differenzierung zu z w i 11 g e n. Kein anderer noch so kleiner Volksbestand• teil des Deutschen Reiches ließe sich eine solche Verletzung seiner allerersten Staatsbürgerrechte, Schutz gegenüber dem Ausland, so viele Jahrzehnte lang gefallen. Während der christliche Deutsche ohne weiteres das für Reisen nach Rußland erforder• liehe Visum des russischen Konsuls erhält, muß der Jude, der nach Rußland reisen will, eine b e s o 11 d c r e Erlaubnis beim r u s s i ־ sehen Ministerium dazu cinholcn, bevor ihm das Visum erteilt wird. Daß diese Erlaubnis — außer in besonderen Ausnahmcfällcii erteilt wird, ist nacli unserer Kenntnis der Dinge nahezu ausgeschlossen. Eine Erleichterung existiert nur für jüdische Kaufleute, die Inhaher gerichtlich eingetragener Firmen oder von solchen bevollmächtigt sind. Allen anderen Juden aber bleibt das heilige russische Reich für immer verschlossen. Vielleicht werden manche Leute geneigt sein, das für kein so großes Unglück zu halten. In• dessen gibt es gerade für die d c u t s c 11 e 11 Juden hei den zahlreichen nachbarlichen Beziehungen zu russischen Staatsangehörigen, mögen sie mm geseliiif(lieber, verwandtschaftlicher oder anderer Art sein, außerordentlich viele Fälle, in denen eine Reise nach Rußland notwendig oder wünsehens* wert erscheint. Da bleibt mm allen denen, die nicht darauf verzichten können, die Reise zu machten, nichts als eine Umgehung der Vor- Schriften übrig. Daher treffen wir denn in Ruß• land bisweilen den jüdischen Arzt aus Berlin, der ״im Aufträge der Schmierölfabrik Müller u. Co.“ Rußland besucht, oder den Königsberger Rechtsanwalt, der, weil er mm einmal rasch nach Rußland reisen mußte, in aller Eile die Vertretung einer oberschlesischen EiergroUhandlung übernommen hat. Daß alle diese Umwege Zeit- und Geldverluste bedeuten, ist ohne weiteres klar. Es geht aber aus allem auch hervor, daß die russischen Bestimmungen gegen die ausländisehen Juden nichts als eine kleinliche Schikane sind, die sich der ganzen russischen Judengesetzgebung würdig anreiht, und die wahrscheinlich nicht zu selten auch dem russischen Tschin zur Füllung seiner Taschen zu verhelfen berufen ist. Wenn die russische Regierung solche Bestimmungen gegenüber Montenegro oder Haiti durchsetzen wollte, so würden die eventuellen Juden dieser Großstaaten von vornherein damit rechnen müssen, daß ihr Widerstand nicht viel nützen wird. Wenn aber Deutschland, Frankreich, Italien, Oesterreich, England 5 tutti quanti — mit alleiniger Ausnahme der nordamerikanischen Union — gegenüber dieser Riissifi/iermig ihrer eigenen Rechtsverhältnisse nichts üurehzusetzen sermögen, so heißt das einfach, daß sie cs ernstlich überhaupt noch nicht gewollt haben, was frei• lieh den Juden dieser Länder eine tiefe Beschimmlig bedeutet. Wenn ein deutscher Reichsangehöriger in einem siidamerikanischen Rauhstaat oder auch in der Türkei von einem Eingeborenen auf die Zehen getreten wird, so entsendet die deutsche Regierung Kriegsschiffe und rasselt mit dem Sabtil. Dieselbe Regierung aber duldet nicht nur, sondern billigt die geschilderte differentielle Behandlung angeblich gleichberechtigter Deutscher, gibt also die Interessen der gesamten deutschen Juden kaltlüchehul der russischen Willkür preis. Und hat noch die Stillt, einem Rcichstagsabgeordiieten die fade Ausrede ak Antwort zu geben, daß man sicli in die innerrussische Gesetzgebung nicht einmengen könne. Und die deutschen Juden werden im nachsten Reichstag wieder einen Liberalen bitten, über die —- — Niehtbefürderimg der Juden zu Reserveoffizieren zu reden. Ja, ja, Bescheidenheit ist eine Zier. Knecht• Seligkeit schon weniger, und der ״Liberalismus“ der deutschen Juden wirklich gar nicht! Peßachgedanken! Der Hauch des Frühling* wellt durch die Lande; das groOe Mysterium der alljährlichen Wiedergeburt der Natur gehl wieder seiner Erfüllung entgegen. In diese Zeit des Knuspern* und Gtuucns, der heiligen, woniicdirrch/ittcrtcii, geheimnisvollen Zeit des niaeht* vollen Werdens und Entstehens f.illl זג** חלמנו da« Fest unserer Befreiung, . . . Ein leises, jubelndes Klingen und Singen gehl durch die Luft mul s.mft rauschen seine Akkorde: ״Freiheit!“ An die Herzen der Menschen, •ויי seine feinste mul hellste Saite schlagt es, und in harmonischen Schwingungen tönt es zurück: ״Frei• heit!“. DratiQcu im Walde die mächtigen Baum• riesen; - in ihrem Innern gärt, brodelt und siedet es, die frischen Säfte steigen hinauf - höher und hoher. Die gewaltigen Aeste recken und strecken sich, rütteln sieh und schlagen gegen den nächst• stehenden Rivalen, der ihnen die Bewegungsfreiheit nimmt uml ihnen den Ausblick zum Licht, zur Sonne versperrt. ״Freiheit!“ tönt es auch hier im Krachen der morschen, fallenden Aeste, dem stolzen Knistern, mit dein der Sieger triumphierend die gewaltigen Arme gen Himmel reckt. ״Freiheit für den Starken, für den Lebensfähigen, für den, der mit eisernem Willen und kräftigen Gliedern sieh zum Lichte durch• kämpft!“ ״Freiheit", seelische und körperliche Frei• heil, ja, das ist der groOe Gedanke, der das Passah• fest beseelt, der es geboren hat. --- Freiheit, doch für wen? .... Die Erfahrungen, die der Mensch während der Jahrtausende seines Erdcnwamlcls ge• sammelt, die faßten die letzten Generationen zusanunen in Sätzen, die uns den wilden Daseinskämpf in seiner ganzen gewaltigen Tragik erkennen lassen. Es wurde das Wort geprägt: ״Was des Fallens wert ist, muß untergeben, nur der Starke, der zum großen Geborene, der Herrenmensch, er wird leben und alle anderen überdauern.“ Und wit; Juden, die wir jetzt in einer schweren Stunde an einem Wendepunkte in unserer Geschichte stehen, wir, die fragen, gleich wie am Jom Kippur: ״Werden wir eingezeichnet werden in das Buch des Lebens, oder schweben schon jetzt in dieser Stunde die Flügelschwingen Asraels, des Todeicngcts, über unserem Haupte?“ Wir Juden, die wir mit dumpfer Resignation die schrittweise, allmähliche Auflösung unseres Volkskörpers blutenden Herzens mit an•

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