Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1911)
- Date
- 1911-04-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 160 JUEDI SCHE RUNDSCHAU Nr.!4 der nianuskriptraubcndeii Verwandten lange Zeit noch, nachdem alles, was wirklich an Memoiren existierte, bereits gedruckt war. Die wenige Wahrheit, die den Legenden zugrunde lag, wurde durch die Wucht des phantastischen Beiwerks *erdrückt und erst heute scheinen die Möglichkeiten geboten, sie Iterauszu• schälen Heine starb 1856. Im Laufe der darauffolgenden Jahre erwarb der Verlag Campe sämtliche Nachlaß• papicre. So auch durch die Vermittlung des Literar- Historikers Eduard Engel (1881) jenes fragineuthafte Memoirenwerk, das Heines Witwe Mathilde bei Lebzeiten aus Furcht vor Heines darin recht unglimpflich behandelten Verwandten nicht /u veröffentlichen wagte. Engel, dem die Herausgabe dieses Werkes übertragen wurde, trat auf Grund des ihm vor• liegenden Materials den Nachweis an, daß außer den durch ihn edierten keinerlei ״Memoiren“ mehr existieren könnten und daß die Legende von dem irgendwo verborgen gehaltenen Manuskript nicht mehr als eben nur eine Legende wäre. Zweimal hatte I leine begonnen, seine Erinnerungen nicder/tischreibcu. Meide Niederschriften aber wurden durch ilm seihst größtenteils wieder vernichtet. Insbesondere hatte der müde Dichter kur/, vor seinem Tode, als er das Medürfnis empfand, mit dem alten Herrgott Frieden zu machen und sei cs auch auf Grund einer ehren• vollen Kapitulation, vieles entfernt, was der schnüffeln• den schwarzen Armee seines großen Gegners Stoff zu neuem Kampfe bieten konnte. Auch vernichtete er, in diesem!,unkte durch Drohungen der Hamburger Verwandtschaft eingcschiiehtert, mit Rücksicht auf die ihn überlebende Mathilde, eine ganze Reihe Stellen, die das unfaire und oft rücksichtslose Verhalten dieser Verwandtschaft allzu offen und allzu vernichtend geißelten. So blichen nur Fragmente übrig, U7 Folio• bliittcr, von denen überdies die Blätter 7—31 durch Heines Bruder Maximilian entwendet und ver• brannl wurden. Maximilian war russischer Staatsrat. Leibarzt des Zaren, und nannte sich Freiherr von Heine-Geldern. Längst getauft, waren ihm die in den verbrannten Blättern behandelten Verwandtschafts• hezichungen zu den Hamburger und Düsseldorfer Kriimcrjudcn peinlich und um seine Herkunft aus dem Ghetto dem Publikum nicht allzu deutlich ins Cie• dächtnis zurückzurufen, ließ er sich zu einer Tat hinreißen, durch die er selbst seinen Bruder Gustav in den Schatten stellte. Der Rest des Manuskriptes wurde 1881 durch Engel der Mitwelt unterbreitet. Ein Punkt indessen mußte Engel an der Richtig• keit seiner Beweisführung stutzig machen. Der bereits erwähnte dritte Bruder, G u s t a v , Offizier in k. k. österreichischen Diensten, ebenfalls längst getauft und unter dein Namen Gustav Freiherr von I leiiie-GoliIerii als Begründer und Herausgeber des ״Wiener Fremden• Wattes“ bekannt, behauptete des öfteren mündlich, später auch in seinem Blatte, daß sich in seinem Besitz drei!unterlassene Bände ״Memoiren“ seines Bruders befänden. Ohne sich hierüber, insbesondere über die Beschaffenheit dieser Memoiren auszulassen, vertröstete er die Neugierigen auf spätere Zeiten und verbarg diese Papiere der (!)Öffentlichkeit, ״aus Rücksicht auf Ucberlcbeiulo“. Engel, dessen gegenteilige, wissenschaftlich und objektiv erworbene Ucbcrzaigung unerschütterlich war, sah sich fast wider Willen genötigt, Person, Glaubhaftigkeit und literarisches Gewissen des frei• herrlichen Bruders über Gebühr einer etwas ein• gellenderen Untersuchung zu unterziehen. Gustav hat Natur gab Schönheit dir, Du gibst dir Männerernst. Doch wenn du diesen hier Manchmal von dir entfernst: So glänzet jene mehr Und du bist reizender. Ferner ״auf das Bildnis einer Schwätzerin“ ״Dein Bildnis Laura sagt mail sei getroffen, Warum? Es hält wie du den Mund stets offen.“ Ruhig formt sieh aus dem wenigen, was man bis jetzt von ihr weiß, das Charakterbild Esther Gads zu einer ernsten Persönlichkeit, de• ren Wesen man mit hohem Interesse kennen zu lernen versucht, auch wenn sie literarisch erst in letzter Linie gewertet zu werden braucht. Wie die meisten ihrer jüdischen Zeitgenossinnen, die die Berliner Salons zur Blütezeit der Roman• tik beherrschten, mußte auch sie ihrem Streben, in die unbekannte höhere Sphäre zu gelangen, in gewissem Sinne als Tribut ihre Weiblichkeit und ihr Judentum bezahlen. Gerade in diesem Punkte fehlt es an genauen Nachrichten und es läßt sich nicht einmal fesistelleu, ob sie noch vor ihrer zweiten Heirat zur herrschenden Kirche übergetreten ist. Allerdings dann wäre das Ana• logon fertig und vollständig und sie dürfte ruhig jenen merkwürdigen Jüdinnen jener Zeit angc* im Lehen des Dichters nie eine Rolle gespielt und nimmer wäre es wohl einem Heintfurscher eilige• fallen, sieh mit ihm zu befassen, wenn er nicht als geschickter Journalist das Interesse an seiner Person durch Verbreitung solcher und ähnlicher Memoiren* legenden künstlich in die Höhe zu schrauben ver• standen hätte. Gustav war derjenige von Heines Brüdern, dem der Dichter sein ganzes Lehen hin• durch am ablehnendsten gegeniiherstaiul. Die Brief• stellen, in denen Heine von ihm spricht, lassen auch daun im Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, wenn mau die Ueherlreihung des Neurasthenikers weit• gehcml berücksichtigt. ״Gustav war derjenige von des Dichters Geschwistern, mit welchem er am wenigsten Hcr/ensbczielmiigcn gehabt und über den er sich, trotz aller brüderlichen Liehe, am härtesten ausgesprochen. Gustav war der Störenfried der Familie, der alle Welt gegeneinander nufhetz.te, Intrigucn spann, sich• wichtig tat, wo er keine Vollmacht dazu hatte!und der seinem Bruder Heinrich stets am meisten Acrgcr von allen Geschwistern bereitete. Herr Gustav Heine hat zu der Ausgabe der Briefe seines Bruders nicht einen einzigen der zahlreichen an ihn gerichteten Briefe beigestcuert; es ist mit Sicher• heit .111 z u n e h m c n, daß der Inhalt dieses Teils von Heines Korrespondenz für den Empfänger wenig schmeichelhaft i s t.“ (Engel.) 1827 schreibt Heine an Merkel: ״Denk Dir, Gustav hat die Impertinenz, gehabt, Briefe, die ihm Campe für mich gegeben hat, zu erbrechen und mir den Inhalt ... zu schreiben. Ich berste vor Wut. Mein Bruder, dem ich nicht die Q c h e i m n i s s c meiner Katze, viel weniger die meiner Seele a 11 v e r t r a u e . . .״ Angeblich sollen die letzten Lebensjahre hierin eine Gesinmmgsäiulermig gezeitigt Italien. Dies zu beleuchten, wird weiter unten der Versuch gemacht werden. Hier sei die allerdings unleugbare Tatsache hcratisgcgriffcn, daß Heine Gustav in den fünfziger Jahren allerlei literarische Aufträge für Campe über• gab. Gustav führte diese indessen so unpolitisch und so sehr seinem früheren Charakter entsprechend aus, daß Heine sich gezwungen sah, an Campe den bc• kannten, später von bedeutenden Forschern (auch Kurpcies) vergeblich als ״Notlüge", erklärten Brief zu schreiben: ״Gustav ist hei aller brüderlichen Liebe seines krakeliligen Charakters wegen nicht die ge• eignete Person, der ich eine Einmischung In meine literarischen Angelegenheiten vertrauen dürfte.“ Er war empört darüber, daß Gustav die erste Gelegen• heit, sieb das literarische Vertrauen des hilflosen Bruders zu erwerben, ungenützt Vorbeigehen ließ und daß er, statt ihm in seiner Hilflosigkeit erfolgreichen Beistand zu leisten, um Haaresbreite einen endgültigen Konflikt zwischen dem Verleger und denr Dichter hcraufheschwor. Wenn er in dieser Empörung 80 weit ging, zu leugnen, daß er Oustav überhaupt einen Auftrag gegeben hätte, so mag dies ohne weiteres als ״Notlüge“ betrachtet werden. Für uns wesentlich ist jedoch an dem Briefe nur das fest• stehende Faktum der Unfähigkeit Gustavs, Aufträge seines Bruders zu dessen Zufriedenheit auszuführen und sicli sein Vertrauen zu erwerben. Und justament diesem Bruder sollte Heine die ״Geheimnisse seiner Seele“, drei Bände Memoiren,!unterlassen oder, wie die Legende behauptet, ver• pfändet haben? Unmöglich. Wenn Heine׳ überhaupt reiht werden, die alle ׳im Grunde, innerlich und äußerlich, ein und dasselbe Schicksal hatten. Zollsclians ״Rassenproblem“ Von Zollsclians Rnssenprobleni ist soeben die 2׳. Auflage erschienen (Braiinnuillcr, Wien und Lcip• zig Pllt). Wenn auch das Buch bereits bei seinem •Er• scheinen liier eine ausführliche Besprechung geliinden hat, so halten wir dennoch einen Hinweis auf die neue Auflage keineswegs für überflüssig. Wichtig erscheint uns zunächst die Ausführung, die der Ver• fasscr im Vorwort über seine Stellung zu den Re* patriierungsvcrsuclicn macht. Er verwahrt sich ent• schieden gegen die Annahme, daß er sic für an• organisch halte, erklärt vielmehr, daß er den Zionis• 1m!s für den einzigen und für einen durchaus gesunden Weg zur Regenerierung und Erhaltung der Rasse an• sehe. ״Und da ich den Zionismus — wenn eine gesunde Kritik das Unreife aus Htm entfernt hat — für durchaus möglich und nach allen materiellen und ideellen Gesichtspunktenfür chic Forderung des Ver• Standes halte, so ergibt sich daraus meine Stellung wohl von selbst.“ Diese Erklärungen sind um so interessanter, als viele Leser der I. Auflage zu ganz, anderen Schlüssen gelangt waren und annabmen, daß Zollschan den Zionismus ablehnc. Das Buch, so wie es beute vorlicgt, enthält zweifellos eine Wissenschaft• liehe Begründung der Notwendigkeit des .Zionismus, ’ wie sic •eindringlicher nicht gegebenwerden, k^nn? derartige Manuskripte zurückgelassen hatte, (11״!^ wären sic wold am allerwenigsten anvcrlraut W0fjs״> Es blieb also nur eine Möglichkeit: Gustav! a!|cn * Angriffen zum Trotz gleichmütig aufrecht ethalient Behauptung, er befände sich im Besitz der Memoiren mußte eine. Lüge sein. ' Aber ehe Engel sieh zu dieser Schlußfolgern^, entschloß (zu der ihm das eitle und pr.ihleriwhe Ocbahrcn des Freiherrn vielleicht einige nicht zu un1cr, schätzende Ursache geben konnte), untersuchte er, w״ eventuell Gustavs Behauptung an tatsächlichem Mitcrial zugrunde liegen könnte und suchte sich Klarhut über die Motive zu verschaffen, die Gustav #11 jener Behauptung veranlaßt haben mochten. Das Resultat war überraschend. Der Heine-Biograph Strodtnusn erzählt, daß nach des Dichters Tode der Riiier von Friedland (von I leine oft ״Calmmiius“ genannt), durch dessen unglückliche kaufmännische Ratschläge Heine s. Z. in Börsenspekulationen viel Geld verlor, sich von Mathilde einen Teil der Nachlaßpapiere aushämligvn ließ, um sic zu ihrem Ntit/en zu verwerten. Er bol sic der französischen Regierung zum Kauf an. ,,Unter den Bettelbriefen Deutscher au Napoleon III״ weicht aus den Papieren des kaiserlichen Kabinetts im f rüh• jalir IS72 veröffentlicht wurden (L'Alicmagnc aux Ttiilcries de 1850 — 1870) befindet sich die Notiz, .daß der Ritter von Friedland durch Vermittlung dt! französischen Gesandten in Wien, Herrn von Gram• mont, dem französischen Gouvernement verschiedene Papiere des verstorbenen Didi ers Heine angeboten habe. Der Gesandte schrieb hierüber an den Kaiser; ״Das Paket enthält ein Manuskript ״Napoleon Hl.1', das in einem schlechten Geist verfaßt zu sein scheint, ferner 67 Gedichte gegen den König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., und eine große Menge von Korrespondenzen zwischen Heine und den Herfen׳ Thiers, Guizot und Michclct. Wahrscheinlich ist dies alles mit feindseligen Gefühlen gegen das Gouvcrntment geschrieben. Man verlangt 30 000 Francs.“ — Das Angebot wurde abgelehnt, aber von den Papieren i s t s e i t d e m nichts mchrzu huren Mathilde hat sic nicht z.urückerhalten, denn unter dem Nachlaß, den sic 1860 an Campe verkaufte, befanden sie sich flicht. Und so stellte Engel fest, (auch Strodtmann äußerte bereits einen «linlicliai Verdacht), daß aller Voraussicht nach Gustav sic auf irgendeine Weise an sich gebracht hätte. ״I Im Gustav Heine besitzt höchstwahrscheinlich wertvolle Mw.:, skripte Heinrich Heines, darunter solche, welche wich• lige Aufschlüsse über Heines Leben enthalten, und diese Papiere betrachtet er als Memoiren. Zuvördcrit besitzt er sicher mehrere hundert Briefe Heines an ihn selbst. Ich schätze deren Zahl auf reichlich 200, darunter viele sehr ausführliche.“ Außerdem vermutlich ״noch die Brouillons zahlreicher Iran• zösisch geschriebener Briefe au französische Staatsmiinner und Schriftsteller, darunter Thiers, Guizot, Michclct. Ferner 67 Gedichte gegen den König von Prciißen Friedrich Wilhelm IV. und ein Napoleon• Manuskript.“ So blich der Stand der Dinge bis vor wenigen Wochen. Daß keine ״Menfoiren“ mehr existieren könnten, gestand 1888 auch der optimistische Heine• forscher Karpclcs ein, als er daran ging, aus den Werken und Briefen des Dichters das biographisch interessante chronologisch zu einem Memoirenwerk aneinander zu reihen. Ganz allmählich gewöhnte man sich an den Glauben, alles Wertvolle wäre bereits publiziert und die etwa Im Besitze Gustavs Befind- Ebenso wichtig und ernster Erwägung bcdüri.ig id freilich, was der Verfasser an Kritik der Bewegung vorbringt und an Zweifeln, ob cs dem Zio.iismu* gegeben sein werde, die gesteckten Ziele zu erreichen- Jedenfalls sollte jeder Zionist die liier vorgebrteilten Bedenken einer sorgfältigen Prüfung unterziehen. Sif kann für die geistige Fortbildung der Bewegung von großem Nutzen sein. 1111 übrigen hat sicli uns der Eindruck des Buchs beim Lesen der 2. Auflage noch verstärkt. Es id nicht allein die vernichtende Kritik an der Echte von der Ucberlegcnlicit der Arier über die Semite", was den grollen Wert dieses Buches bestimmt. nicht allein die neue Theorie von der Entstehung mul Z־״ gchörigkeit der jüdischen Rasse, nicht die geistvolle, wenn auch bestreitbare Benutzung der Vererbung*• lehre für die Zwecke der Erklärung bestimmter Rassen•' eigenschaften oder für die Erklärung des Genus- Et ist nicht allein endlich die warme Apologie des Jude־״ tunis, die ihm seinen Gehalt verleiht. Es ist vor allem der aus jeder Zeile dieses Buchs leuchtende Nachweis, daß die warme Liebe zum Volke, indem sie dem eigenen Stamme zu nützen sucht, die Wahr•• heit fördert und damit die allgemeine Kultur. D-ih jüdischer Nationalismus keine geistige Enge bedeutet, sondern daß im Gegenteil die Entwicklung jüdischer Eigenart befruchtend und anregend wirkt für die ganze Menschheit. Wenn dieses Buch die Beachtung findet, die cs verdient, wenn seine Lehren, Anrcgungen ■wi© Warnungen, die sich aus ihm ergeben, bc« werden, so kann •cs einen Markstein -bildart in*