Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1911)
- Date
- 1911-04-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite ]58 JUEDISCHE RUNDSCHAU schwere und bittere Arbeit. Sie fängt an und schreibt: 1911. 191t. Das Leben der Juden war in mehreren Ländern der Welt unerträglich geworden. Die krank• halte Phantasie ihrer Verfolger erfand täglich neue Qualen. Autodafes gab es nicht mehr; man quält״• die Juden in Europa mit raffinierteren Methoden, die würdiger waren der Zivilisation dieser.Zeit. Aber in dem Lande, in dem sic am zahlreichsten waren, in Rußland, batte der Fanatismus des Volkes und die Niedertracht der reaktionären Regierung ihre Lage derart gestaltet, daß sie sich in nichts unterschied von der in den finstersten Tagen des Mittelalters. Beständig lebten sie in der Furcht vor Metzeleien, weinten Immer an den stets frischen (iriibern der früheren Pogromopfer. Sie waren ruiniert durch den geschäftlichen Boykott und durch die Beschrünkungs• maßregeln der Regierung, So waren die russischen Juden in großen Mengen nach ändern Ländern ge• flohen, suchten ein menschlicheres, gerechteres und barmherzigeres Vaterland. Ein Teil von ihnen wollte seinen Weg nach der Türkei lenken, wohin sie die dankbare Erinnerung an die Gastfreundschaft zog, die dieser Staat einst ihren Voreltern gewährt hatte, und die Jahrhunderte alle Liebe zu der Provinz des großen Reiches, die nie aufhörte, der jüdischen Seele «las heilige Land zu sein. Dort hofften sie, eine Zufluchtsstätte zu finden, wo sie sich erholen konnten von moralischen und physischen Leiden, im Schutze der ottoinanischcn Fahne, die ungefähr um dieselbe Zeit in einem heldenmütigen Kampfe all ihren Kindern die Freiheit errungen hatte. Und von diesen Unglück• liehen ewigen Wanderern fühlte jeder nicht allein seine persönlichen Leiden, nein, auch das große nationale Leiden des ganzen jüdischen Volkes erlebte er mit. Sie sahen den jüdischen Geist schwächer und dürftiger werden. Sie sahen die Seele des jüdischen Volkes sich erniedrigen, das starke jüdische Genie verblassen und erlöschen. Sic dachten an die alte jüdische Erzählung, daß nicht das Volk allein im Galuth sei, sondern auch ״die Herrlichkeit Gottes ist im Exil“. Schcchinah bagaiuth. Und das war augenscheinlich ihre Gottheit; nicht jener große Gott, der Himmel und Erde erfüllt; diese Gottheit war die jüdische Volksseele, die Volksseele, die einzige Kraft, die ein Volk zum lebenden Wese macht. Zum starken, schönen Organismus, der einer unendlichen Entwicklung fähig ist, der große geistige Kultur* werke schaffen kann, herrliche Schöpfungen in Kunst und Wissenschaft, große Gedanken und Gefühle, die zum Ausdrucke des nationalen Genies werden, die allein einem Volke die Existenzberechtigung gehen. (Sie haben in ihrer Seele die Volksseele erzittern gefühlt. Sie haben den feierlichen Ruf der Schcchinah gehört, die sie lehrte, daß es ihre erste Pflicht sei, sich zu widmen dem großen und erhabenen Werke der nationalen Wiederbelebung. Die ihnen predigte, daß die nationale Wiedergeburt nicht geschehe durch die Schaffung eines Staates, eines Heeres und einer Flotte, sondern durch die Erweckung der nationalen Sprache, Wissenschaft und Literatur. Ein Volk des Morgenlandes, das sich nach dem Abcndlande verirrt hat, fühlten sic ein schmerzliches Heimweh, und ihre Blicke richteten sich nach einem Lande des Orients, nach der verjüngten und neu belebten Türkei. Sie sprachen zu ihren jüdischen Brüdern in diesem Lande des Orients, die das Glück gehabt hatten, dort Jahrhunderte lang in Ruhe und Frieden zu leben. Sie sagten zu ihnen: ״Wir wollen unter euch leben, geachtet wie ihr, geehrt wie ihr: nützlich dem Vater• latide, Wie ihr es seid. Als Dank für die Gastfremidschaft, die man uns erweist, werden wir unsere starken Arme gehen, tiur.er kräftiges Blut, unsere ungebrochene Energie, unsere Herzen voll Dank und Opfermut mul die Segnungen eines großen Ideals.“ Und alle, die aufrecht, edel uiui tapfer waren, alle, die in der türkischen Judenheit, die sieh den Schatz iles jüdischen Gefühls bewahrt hatten, «)der deren Seele empfänglich war für die Schönheit und die Größe dieses Ideals, öffneten ihre Arme den verjagten, obdaclvlosen Brüdern. Aber (die Hand der Göttin zitiert, als sie das schreibt) es gibt auch andere, die die Stimme des (iewissens betäuben und mir den Ratschlägen ihres Egoismus lauschen. Ihre Herzen waren im Glücke hart geworden. Ihr Geist war irregeleitet von ver* kchrtem Ehrgeiz. Sie seihst wollten nicht die Herr• sehenden sein, aber sic wollten sich mit den Herr• sehenden gulstclicn (Renan). Der göttliche Hauch der Seele ihres Volkes hatte sie schon lange verlassen, und alle, die sie an ihre Pflichten gegen ihre verfolgten Briider und gegen ihr Volk erinnerten, waren ihnen verhaßt geworden wie etwas, wovor inan sich fürchten muß. Eine plötzliche Furcht hatte sie erfaßt vor der Aussicht auf die neue Einwanderung, Furcht vor der Konkurrenz, die sieh daraus ergehen konnte. Und sie verkündeten, daß unter solchen Umständen ״die Magenfrage" den Ausschlag geben sollte. Aber diese Furcht war noch gering im Vergleiche zu der, die ihnen ein altes Vorurteil einflößte, ein lieberblcibsel aus den Tagen des ״Alten Regime", in denen man den Juden zutrautc, den tollen und absurden Plan zu haben, das Königreich Israel wieder auf/u• richten. Das, fürchteten sic, würde ihre persönliche Ruhe gefährden. Und die Egoisten, die so dachten, hatten den Beifall einiger europäischer Juden gefunden, die einerseits eine der größten und vornehmsten Geseilschafteil leiteten, die das Gefühl der jüdischen Solidarität hervorgebracht hat, und andererseits sich ins Zeug legten für die Zerstreuung des jüdischen Volkes. Und alle diese begrüßten mit Freude und unterstützten mit allen Mitteln den gehässigen Feld• zug, der in dieser Zeit gegen die nationale Bewegung unternommen wurde von einem .... Menschen. (Lange soll die Göttin gezögert haben, ehe sie hier das Wort ״Mensch" niederschricb.) Von einem niedrig stehenden Geschöpf, das finstern, rachsüchtigen und selbstischen Trieben gehorchte. Der hatte die größten und mächtigsten Juden seiner Zeit in Schrecken ver* setzt; er wurde zu ihrem intimsten Ratgeber; er schrieb ihnen seine Befehle vor. Die Notabein und die Greise, die das Volk leiten sollten, hatten sich mit ruhigem Gewissen für dieses Spiel benutzen lassen, für diesen Verrat an ihren Brüdern; kein Skrupel hielt ihn auf, kein Gefühl der Würde ließ sie vor ihrem verbrecherischen Tun zurückschrcckcn. Die unausbleiblichen Folgen der Intrigen jener Schän• der des eigenen Volkes zeigten sich bald: Der Geist der Regierenden war aufgestachelt; man wurde argwülmisch und schmiedete Anklagen gegen die Juden. Da griffen die Leiter, die Führer der türkischen Judenheit die Anklagen auf. Anstatt zu protestieren gegen die falschen Beschuldigungen, riefen sie den maßgebenden Personen zu; ״Wir sind keine Genossen jener Juden; verwechselt uns um des Himmels willen nicht mit ihnen.“ Von der Hauptstadt gingen Berichte aus, die die Provin/gemeimlcn in Angst versetzen sollten. Das Nr.!4 Judentum wurde als gefährlich hingestellt, man ver• langte von den Juden in der Provinz, daß sie Er• klarungcii ihrer Treue ahgäben, die wahrhaftig ״|)l;r, flüssig waren, da ja niemand sie verlangte. ||)r<. Mißbilligung sollten sie aussprechen über die jüdisch• nationale Bewegung, die doch zum Heile von lausen• den von geknechteten, obdach• und heimatlosen menschlichen Wesen arbeitete. In jener Zeit saß auf der Stelle, die einst besetzt war von dein ehr* würdigen Großrabbiner Mose Capsali, ein Groß, rahhincr, der allen wohlgefiel wegen seines ewigen sanften Lächelns. Aber er rührte nicht den Finger, um das schändliche Werk jüdischer Judenfeinde zuhalten, die Zwietracht säten und durch ihre giftigen r Verleumdungen Israel den Fluch des Antisciiiitistiius zuzogeii, der bis dahin in diesem Laude unbekannt war. Und das Buch der jüdischen Geschichte, dessen Blätter herrlich geschmückt sind durch Märtyrer*• tränen und große Heldentaten, ist damals beschmutzt worden durch ein Blatt der Schande, das einzige wirk• lieh schmachvolle Blatt, über das die Nachkommen derer, die es verschuldet haben, die ihre Pflichten als Juden und Bürger ihres Landes verraten haben, ewig erröten werden.“ Die große Göttin, die unsterbliche Klio, die Muse der Geschichte, die sonst so kalt und gleichmütig, ist jetzt blaß; sie erbebt; sie verschleiert ihr Antlitz und weint bitterlich. Der jüdische Klub im österreichischen Reichsrat Vom Reichsratsabg. Adolf Stand. Vier Jahre jüdischer Klub. Im Frühjahr 1907 erging der Ruf an die jüdischen Massen Galiziens, sich in den Dienst der nationalen jüdischen Politik zu stellen. Es ist eine ungesunde, unberechtigte Strömung, schrien die einen, es ist verfrüht, behaupteten die andern. Es war längst an der Zeit, so urteilten diejenigen, die da sahen, daß in den vierzig Jahren österreichischer Verfassung alle Nationen ihr Recht ans Lehen reklamierten, mit Ausnahme — der ältesten, der jüdischen. Die anderen Nationen haben sich im öffentlichen Leben betätigt und politisch geschult. — Und die J1|den? Sie waren die stumpfe Masse, über die jeder Bürgermeister wie über eine Sache verfügen, W• jeder Streber als seinen ewigen Besitzstand hetrachten konnte. Der sogenannte jüdische Abge• ordnete kümmerte sich nicht um die Wähler, die Wähler nicht um den Abgeordneten. Sie ignorierten sich gegenseitig. Einen Tag vor der Wahl erschien der Kandidat mit seinem Sekretär. Der Kandidat hatte zu sprechen, der Sekretär zu handeln. Hie Wähler übten häufig Milde. Sie erließen dem Kandidaten die Rede. Sic verhandelten dafür um so eifriger mit seinem Adjutanten, bis die Taxe für die Stimme festgesetzt war. Und es war Ruhe für sechs Jahre. Aus dieser Friedhofsruhe erwachten die Massen, all sic zum ersten Male zur Urne gerufen wurden. Es erwachte in Galizien der polnische Arbeiter und der ruthcuische Bauer. Und auch der Jude erwachte. Auch er wollte sein ihm von der Ver• fassung gewährleistetes Recht ausüben. Wie wurde ihm das erschwert! Alle Kräfte des Landes ver• einigten sich, um ihm dieses Recht zu rauben. E* gelang nicht. Freundinnen zählte sie 11. a. Dorothea Veith und Henriette Herz, mit der zusammen sie sich bei der unter ihren Freundinnen ihr am nächsten stehenden Frau von Geniis in der Kenntnis des französischen Stiles vervollkommcnte; in ihren ״Erinnerungen“ (heratisgegeben .von J. Fürst, Berlin IS5Ü) erzählt Henriette Fier/ in den Ab• schnitten über Frau von Geniis und über Jean Paul davon. 1802 heiratete sie ein zwei• tes Mal; diesmal aber keinen Breslauer jüdischen Kaufmann, sondern den Leibarzt des Herzogs von Susscx, Domeicr. Sie begleitete ihn auf längere Reisen nach Portugal und Italien und nahm dann dauern• den Wohnsitz in London, wo sic noch mehrere Jahre ,im Verkehr mit den damaligen größten eng* lischcn Dichtern und Schriftstellern, wie Walter Scott und Lord Byron /!!brachte und starb dann, nachdem sie vorher noch auf einer größeren Reise Deutschland zum letzten Male gesehen hatte. Als den Brennpunkt ihres geistigen Lebens darf man wohl ihre Freundschaft mit Jean Paul nennen. Ihre Begeisterung für alles Literarische erstreckte sich naturgemäß auch auf die Literaten und es ist belustigend Henriette Herz da• von erzählen zu hören: ״Sophie (wie sic sich wohl neben Esther nennen mochte) war eine Esther Gad Eine jüdische Romantikerin Von Samuel J a n ko I o w i t z (Zürich). Unter den vielen jüdischen Frauen, die zu Ende des vorletzten und int Anfänge des vergangenen Jahrhunderts Im Leben ihrer großen Zeitgenossen eine Rolle spielten und keinen geringen Einfluß auf ihre Bestrebungen und Werke hatten, gehört Esther Gad zu denjenigen, von denen merkwürdigerweise nur ganz wenige Einzclhciten aus ihren» Leben bekannt sind, obwohl sich verschiedene Zeugnisse aus ihrem eigenen Wirken und aus ihrem Leben vorfinden. 1770 wurde sie in Breslau geboren und zwar als Kind einer vornehmen jüdischen Familie; ihr Großvater war der berühmte Jonathan Eibenschütz, Oberrabbiner von Hamburg. Als Kind zeigte sie nicht sonderliche Talente. Aber wie das wohl oft Vorkommen mag, erwachte in illr das Verlangen nach geistiger Nahrung, als sie die ersten Mädchenjahre hinter sich hatte. Sie verschlang gierig, was sie zu lesen bekommen konnte und hatte das Glück, ihren geistigen Entwicktungswcg von einem geliebten und verehrten Bruder überwacht zu sehen, der getreulich für ihren Unterricht und ihre Lektüre sorgte. Sie lernte wacker Französisch, Englisch und Italicnisch, war nicht unmusikalisch veranlagt und sehr belesen; alles Vorzüge, die heute ja wohl als nichts Besonderes mehr registriert werden, damals aber selten unter Mädchen und gar unter jüdischen anzutreffen waren. In der hcranwachsenden jungen Dante erwachte bald die Neigung zu schriftstellerischem Wirken, ihr erstes Gedicht zeugt von dem holten Interesse, mit dem die junge Esther Gad alle Vorgünge unter ihren Glaubensgenossen verfolgte und für die Begeisterung den der Gedanke an bürgerliche Gleichstellung in ihr wach'rief. Ihre ersten Verse (wenigstens die ersten veröffentlichten) wurden im ״Niedcrschlcsischcn Magazin" gedruckt; sie galten ihrer Freude ob der Eröffuiiiig einer geordneten jüdischen Schule in ihrer Vaterstadt Breslau, der sogenannten Wilhelmsschule, die ihre Gründling im Jahre 1791 den Bcmülumgcn des Staatsministers Graf Floyin verdankte. Ihre Ehe mit dem Kaufmann Bernhard, den sie im Jahre 1792 heiratete, war keine glückliehe und wurde dann auch bald geschieden. Sic lebte meist in Berlin, in dessen damals so einflußrcichcn jüdischen Salons sie bald einen ihr angenehmen Wirkungskreis fand. Zu ihren \ I