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Jüdische Rundschau · 1911-03-31 · Heft 13 (31.3.1911) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 13 (31.3.1911)
Date
1911-03-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 150. Palästlnabcstrcbmigcn der Juden als Voraussetzung notwendig war. Diese Voraussetzung blieb bi\itt die neueste Zeit bestehen. Aber sic inulltc sich in das Gegenteil ver- Andern, uni neuerdings Antrieb politischer Palästinabestrebungen werden zu können. Die Ausschaltung aus dem Bereich wirtschaftlicher und politischer Spannungen sollte ja nicht den Erfolg, sondern nur die Möglichkeit politischer Palästinabcstrcbungcn zu Beginn der Neuzeit erklären. Der Erfolg fehlte ja auch vollständig, und wenn wir auch nicht so weit gehen können, zu sagen, daß das eine das andere erklärt, •־ die Bestrebungen sind Ja nicht Uber die ersten Anfänge hinausgckoimncn, — so können wir cs anderseits fiir die Neuzeit als gewiß bezeichnen, daß ohne das Erwachen des vordem Orients, ohne die lünsehaltung Palästinas in die wirtschaftlichen und politischen Spannungen, welche das ganze l.ändcrgcbict frilhlingsstark durchzittcrn und durch Palästina herüber und hinüber geben, die Voraus- Setzungen für die wirtschaftliche und allgemeinkulturelle Entwicklung des Landes nicht gegeben wären, welche ihrerseits die Voraussetzungen eines mit dem wirtschaftlichen verwurzelten völkischpolitischen Aufstiegs des Landes und seines Volkes sind. (Schluß folgt.) I: AUS ALLCR W6LT ־? Deutschland Die Aerztekammersitzung der Provinz Hessen- Nassau hatte sich unlängst ähnlich wie die Kammern zahlreicher anderer Provinzen mit dem durch die Brltzer Krankciihausaiüire provozierten Beschluß der Acrztckamincr Brandenburg-Berlin zu belassen: Die Ärztekammer richtet an den Ärztekammernusschuß folgendes Ursachen: .,Der Arztekammerausschuß bittet den Herrn Reichskanzler, amtlich zu publizieren, daß es tinstatthaft ist, das Ersuchen eines Mcdizinalpraktiknnten um Beschäftigung in einer Krankenanstatt aus konfessionellen Gründen uhziilclmeti." Den Anlaß zu dem Antrag der Berliner Ärztekammer bot folgender Vorgang: Ein jüdischer Mcdi/.inalpraktikant hatte sich an das Kreiskrankenhaus Britz mit der Bitte gewandt, dort als Praktikant angenommen zu werden. Er bckam darauf von dem dirigierenden Arzt jenes Krankenhauses folgendes Schreiben: ,.Ich vermisse in Ihrem Lebenslauf die Angäbe der Konfession. Da die z. Zt. hier beschäftigteil Ärzte den dringenden Wunsch haben, nicht mit iüdlschcn Kollegen zusammen im Casino zu verkehren, würde ich in dem balle, daß Sic Israelit sind, zu meinem Bedauern nicht in der Luge sein, Ihre Bewerbung um die Praktikaiitenstelle zu berücksichtigen, im anderen bulle bitte ich mir den Zeitpunkt, an dem Sic cinzutrctcn gedenken, mögliehst bald anzugeben." Außer dem vorstehenden Antrag hatte die Berlinische Ärztekammer auch bei dem preußischen Kultusminister den Antrag gestellt, daß dem Kreiskrankenhaus in Britz während der jetzigen Leitung das Recht aberkannt wird, Mcdizinal-Praktikautcn anzunehmen. Diesem Anträge wurde, wie die Zeitungen bcrichteten, zwar nicht nachgegeben, ״weil der in der Eingäbe erwähnte Vorgang außerhalb der Erwägungen und Gesichtpunkte liege, die für die Ermächtigung des Krankenhauses zur Beschäftigung von Praktikanten und lolgcwcisc auch für deren NVicdcrentzicluing maßgebend sind." Aber in demselben Bescheid spricht der Oberpräsident aus, daö die Begründung der betreffenden An- Weisung allerdings zur Beanstandung Anlaß biete, zumal aus dem amtlichen Verzeichnis der zur Annähme von Praktikanten ermächtigten Krankenanstallen nicht hervorgehe, daß das Kreiskrankenhaus in Britz rein konfessionellen Charakter habe. Referent für diesen Punkt der Tagesordnung war Herr Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Tuczek. Wir geben seine Ausführungen wieder und verweisen dabei auf den ״Offenen Brief" des Herrn Dr. Joseph Julius Prager, den wir an anderer Stelle dieser Nummer veröffentlichen: M. H.! In der Mißbilligung des Vorgehens seitens des Direktors des Britzer Krankenhauses werden wir wohl alle mit der Kammer Brandenburg—Berlin übercinstimmcn. Der Referent desselben weist mit vollem Recht darauf hin, daß hier von einer öffentlichen Krankenanstalt, die sich auf Grund des § 2 der Prüfungs- Ordnung betreffs Zulassung von Praktikanten dem _I U EPISCHE RUNDSCHAU_ Staat zur Verfügung gestellt habe, ein ablehnender Bescheid aus Gründen erteilt wurde, die außer-!alb der im Gesetz vorgesehenen Aus- 1! 11 ה in c I) e s t i m m 1111 g e n liegen. Eine Zurück- Weisung aus konfessionellen Gründen könnte in der Tat bei der beschränkten Zahl der zur Annahme von Mcdizinalpraktikantcn berechtigten Stellen dazu fuhren einem Teil der Kandidaten die Erlangung der Approbation unmöglich zu machen. Wir werden also wold grundsätzlich den Antrag der Brandenburg- Berliner Ärztekammer uns aneignen. Nun ist aber schon hei der Beratung in dieser Kammer selbst darauf hinge* lesen worden, daß cs woiii berechtigt wäre, gegenüber den konfessionellen Anstalten eine Einschränkung zu machen. Dem wurde wider- Sprüchen. Wenn ein Krankenhaus sich' meldet, so fuhrle der Antragsteller Munter aus, und dem Reichskatizlcr resn. dem Kultusministerium zur Verfügung stellt, hat es entweder vor vornherein derartige Be- Schränkungen anzugehen - und dann wäre cs vielleicht erst gar nicht aiifgcnommcn svorden — oder cs darf solche Gründe zur Ablehnung nicht geltend machen. Der Referent über die gleiche Angelegenheit ln der sächsischen Ärztekammer weist erneut ־•• und meines Erachtens mit Recht darauf hin, daß man rein konfessionellen Krankenhäusern das Reellt einer Ablehnung von nicht Ihrer Konfession allgehörigen Ärzten /.iigcMcIicn müsse, schon aus dem Grunde, weil ויי ihren Griiudungslstatiitcn derartige Bestimimmgeii enthalten sein können. Aber solche Krauianhäuser müßten verpflichtet werden, diese Ihre Grundsätze hekaimtziigcbcn. Ob solche Krankenhäuser alsdann in der I.istc der zur Annahme von Praktikanten berechtigten Aufnahme linden, würde die Zentralbehörde zu entscheiden haben. Ich möchte Ihnen empfehlen den uns vorliegenden Antrag mH folgendem von der aeccpticrten Fassung der Süchsiselten Ärztekammer etwas abweichenden Zusatz an- /imchmcn: ״Sollte dies rein konfessionellen Krankenhäusern ausnahmsweise erlaubt werden, so Ist dies in dem amtlichen Verzeichnis der zur Annahme von Praktikanten ermächtigten Krankenanstalten ausdrücklich bekannt zu geben." Unser Antrag au den Ärztekammer-Ausschuß würde demnach lauten: ,Der ÄizteUainnicr-Ausselmß möge den Herrn Reichskanzler bitten, amtlich zu publizieren, daß es unstatthaft ist, das Ersuchen eines Mcdizinalpraktikanten um Beschäftigung in einem Krnnkcnhausc aus konfessionellen Gründen abz.iilclmcii. Sollte dies rein konfessionellen Krankenhäusern ausnahmsweise erlauht werden, so ist dies in dem amtlichen Verzclchnissc der zur Annahme von Praktikanten ermächtigteil Krankenanstalten ausdrücklich bekanntzugeben." Nachdem hierauf der Vorsitzende die Verband• lungcii. die über diesen Gegenstand In der Schleswigholsteinischen Kammer gepflogen wurden und zu einer Ablehnung des Berliner Antrags geführt haben, vorgetragen, fügt der Berichterstatter hinzu: Die abweichende Auffassung der Schlcswig-Holsteinische Kammer vermag ich mir nicht nnzueignen. Die Medizinalkpraktikantcn sind durch Gesetz gehalten, an einer der dazu ermächtigten Krankenanstalten Anstellung zu finden, um die Approbation zu erlangen. Sic befinden sich also in einer Zwangsläge uii Gegensatz zu ärztlichen Bewerbern um Assistcntcnstellen. Der Antrag Tuczek wird hierauf einstimmig angenommen. ״Eine Roscggersammlung in Kleinerem Massslab" Aus Berlin wird der ,.N. J. K." geschrieben: Der ״Bund der Deutschen Nordmähreus" 11» 01• mutz, eine waschecht antisemitische Organisation, überschwemmt die ״rcichsdcutschcn Volksgenossen", darunter zahlreiche Juden mit Aufrufen zur Zeichnung von Anteilscheinen für einen ״Örundkaiiffoiids", der dazu dienen soll, Omncl und Boden in den deutschtschcclescueu Grenzgebieten für deutsche Volksgenossen anzukaufen. Zu diesem Zwecke gibt der Bund zweitausend Anteilscheine* zu 100 Kronen heraus und fordert zur Stiftung von Anteil׳!! auf. ״Eine Roscggcrsummlunp m kleiner»;״ V.aßstab" nennt er den neuen Fo’Us. Nun hat bekanntlich die Roscggcr.sammlung des judcnfeindlichmi Deutschen Schuivorcins infolge der Warnungen der jüdischen Presse glücklicherweise keine Gegenliebe bei den reichen Juden gefunden, obwohl die alldeutschen Herren, die keinen Juden leiden mögen, doch sein Geld gern nehmen, cs an Liebesmüh in dieser Riehtung wahrlich nicht hatten fehlen lassen. Der MIßerfolg der Baustein-Sammlung scheint jedoch die wackcrn deutschen Antisemiten Oesterreichs nicht abgcsclircckt zu haben, und so versenden sic denn wieder einmal an die mit den österreichischen Ver- No. 13. Iiältiüsscn nicht vertrauten deutschen Juden tausende von Bettelbriefen, in denen zu Zeichnungen für ihre# Grundkauffomls nulgcfordcrt wird. Demgegenüber ist es!*llicht der selbstbewußten jüdischen Presse, das jüdische Publikum aufzuklären und vor diesen neuen Lockrufen entschieden zu warnen. Die meisten Untcizeichneten des vom ״Emling 1910" datierten Aulrufs sind bekannte antisemitische Agitatoren. |)je ganze Tätigkeit des Bundes der Deutschen Nordmährens bewegt sich in .־i'itiscnntischcr Richtung, und der Jude, der diese Organisation unterstützt, fordert mit seinem Gcldc judenfeindliche Bestrebungen Oesterteich Bekanntlich haben bei der letzten Volkszählung zahlreiche Juden in Galizien Jüdisch als Umgangs, nprachc angegeben, weshalb viele von ihnen mit Strafen bis 10׳ Kronen belegt worden sind. Die Mitglicilcr des ״Jüdischen Klubs" im Reiehsrat bciniilicn sieh nun darum, daß diese Bestrafungen aufgehoben werden. Auf Antrag* unseres Gesinnungsgenossen Adolf Stand hat die Lcuibcrgcr Stadtvcrordnctciiver- Sammlung beschlossen, die Strafgelder nicht tm/.u- /!eilen. Diese Angelegenheit ist aueli in der Pariamcntskonuiiission bei der Etatberatung zur Sprache gekommen und cs wurde dort davon Mitteilung gemacht, daß cm großes Paket von Zühlformularcnaut Droliobycz. zufällig in die Hände des Abg. gelangt sind. Diese Formulare, in denen Jüdisch als Umgangsspraehe angegeben ist und deshalb von der Ilebürde für ungiltig erklärt wurden, sind sodann all Makulatur verkauft worden. Die Regierung wurde daraufhin aufgefordert, eine genaue Untersuchung hierüber einziileilen. Russland ln Bezug au( die in unserer vorwöchigen Nummer gebrachte Mitteilung des numunutgliedcs Graf Uwar o w wegen einer Milllonenspcndc des Baron Hirsch für kirchliche Zwecke in Rußland werden jetzt durch Professor I’.axt in Petersburg interessante Einzelbeiten bekannt, die zugleich einen beachtenswerten Beitrag zur Entstehungsgeschichte der JCA bilden. Danach war die Anregung zu jener Spende vom bckannten Millionär Samuel Polin ko w, einem Verwandten des Baron Hirsch, ausgegangen. Poliarow wies den Baron Hirsch auf die Wichtigkeit von iudi• sehen Handwcrksschulcn in Rußland hin. deren Zog• lingc nach Absolvierung dieser Anstalten das \Vnlm• rc.elit im ganzen Reich haben würden. Proie>sor Bast trat ebenfalls sehr warm für diesen Plan cm, und Baron Hirsch erklärte sieh bereit, bei der russisehen Regierung fünfzig Millionen Francs für den Untcrhalt solcher Schulen zu deponieren. Aus verneine• denen Gründen erwiesen sicli aber zu jener Zeit als unmöglich, spezielle jüdische Schulen in Rußland zu begründen. Würden aber in den Handwerks• schulen auch christliche Kinder Aufnahme linden, so könnten in denselben keine Juden als Lelircr 11111• gieren. Poliakow kam darauf zur Ansicht, daß es unmöglich sei. 50 Millionen Fr. für ausschließlich i!i• dische Bildungszwecke zu bestimmen und die Christ• liehe Bevölkerung dabei gänzlich zu übergehen. Er teilte deshalb im Namen des Baron Hirsch mit, d. ß er eine Million Fr. zur Ausbildung von christlichen Kin• dern stifte, und die Regierung überwies diesen Be• trag an den Syitod für die unter Aufsicht der Geist• lichkcit stehenden Schulen. Inzwischen verschied aber Poliakow plötzlich, und Baron Hirsch* bestimmte die 50 Millionen Fr. für die Kolonisierung von Juden in Argentinien. Amerika Während des 2. Stiftungsfestes des ״Dr׳-p$ic College" in Philadelphia teilte der Präsident Dr. Cv■ rus Adler mit, daß der bekannte hebräische Schriftsteller Achad Haam (II. Ginzberg) auf Ein• ladung der College im Herbst nächsten Jahres ־/Gm Verlosungen über jüdische Ethik und Kultur halten werde. Die Bekanntmachung rief im anwesende« Publikum große Bcgcistciung hervor. Das ״Dripsie College" ist eine jüdische Hochschule, die aus einer besonderen Stiftung von 2 Millionen Mark des ver• storbcucn Philantropcn Moses Dropsic unterhalten wird. — Die letzte Session des Kongresses wurde am •1. März, geschlossen. Die ״G 0 r d 0 n B i 11" wegen Einlührung eines ßildungscxnmcns für Immigranten, fand keine Annahme. Ebenso aber wurde auch der Vorschlag abgclehnt, den amerikanisch-russischen Handelsvertrag nicht zu erneuern, weil amerikanische Juden nicht nach Rußland fahren dürfen. Im neue» Kongreß haben bekanntlich die Demokraten die Oberhand. Ob diese aber bezüglich der letzten Frage sich zu einer entschiedeneren Stellungnahme gegen das Zarenreich aufschwingen werden — muß errt abgewartet werden.

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