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Jüdische Rundschau · 1911-03-31 · Heft 13 (31.3.1911) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 13 (31.3.1911)
Date
1911-03-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 13. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite HO. Die allfjemeingcsehiehtliehen Grundlagen der Palüslinübeslrebungen lin 16. Jahrhundert und In der neuesten Zell Von Dr. E. T ä u b I c r, Berlin.*) IHc ideelle Verbindung mit dem heiligen Lande ist im Verlaufe der jüdischen Geschichte niemals untoibrochcn worden. Sic gehörte nicht nur der Erimicriing an, sondern lebte immer als schöpferische Kraft in der Gegenwart, die sie mit der Zukunft ver- 1»ic Massenempfindungen des Volkes strebten ohne Ausnahme dieser einen Empfindung zu. Sic vcit'.imlcn sich mit ihr, ordneten sich ihr unter; mehr als das: in ihren stärksten Regungen setzten sie sich in sic um und kamen immer wieder als Heimweh zun! Ausdruck. Nicht nur die Empfindungen, die von vornherein dem Qedanken an das Oanzc galten. Auch die individuellsten Regungen, die Teilnahme des einen am Leid des andern, die durch Kasteiung und Üimdciibckcnntnis aufs stärkste verinnerlichte Empfinduiig der Einheit zwischen Mensch und Gott, sciiv. mgen sich über sich selbst hinaus und suchen in dem Gedanken der veslorcnen Heimat die übergcmdueic beherrschende Empfindung, in der sie sich autlusen. Deshalb ist sic geschichtlich nicht an bestimmte Aeui.erungsformcn gebunden, sondern sucht, indivi1lm.ll und als Ausdruck der Massenpsyche, das gesuimc Empfindungslebcn zu durchdringen und das einzelne Empfindungsmotiv mit ihrem liühcrn Recht zu überwinden. Erscheint diese Empfindung also als allgegcnwärtig und aller Ausdrucksformen fähig, so gliedern sich die Formen. in welchen sic sich den Hoden der Wirklichkeit wiederzuschaffen suchen, im grollen hetrachtet, in einzelne Haupttypen. Jehuda Halcvy, Nachinanides und Hunderte in allen Jahrhunderten werden von einer religiös-nationalen Sehnsucht, die weder politische noch ökonomische Hedingungen und Ziele kennt, zu dem heiligen Hoden gezogen. Das ist die allgemeinste und individuellste Form. Es ist das Korrelat dieser selbstherrlichen Ungebundenheit eines urpersuiillchcn Bedürfnisses, dall es sich, in dem Satze, es sei eine religiöse Pflicht, in Palästina zu wolmcn (Nachinanides), dogmatisch versteift. Mil dieser Ausdrucksform ist die von der Sehnsucht nach dem vorübergehenden Anblick der heiligen Stätten geschaffene nahe verwandt. Wesensgleicher sind ihr aber die periodisch aufflackcrndcn, ebenso intensiv wie kurzlebig wirkenden Massenbewegungen, welche der Wunderglaube auslöst, in einer Horm, die das Erbteil hcllcnosemitlschcr Apokalypse Ist. Die mcssianischc Vorstellung rückt in eine rationell greifbare Nähe. Zahl und Zeichen künden sic an; eins von beiden oder beide zusammen. Man berechnet das Jahr des Heils; in Saloniki, in Venedig, in Aegypten blitzt die Hotschaft auf, und Hunderte setzen sich in Deutschland, in Spanien in Bewegung. Und je größer die Not ist, um so gewisser gilt sie als Zeichen des nahenden Heils. Man achtete auch auf die Zeichen der Zeit und lernte von ihnen. Aus den Erschütterungen, in denen de Omajadmihcrrschaft zusammenbrach, erwuchs A'.m-lsas Versuch, einen bewaffneten Vorstoß nach Palästina zu wagen. Auch David Alroys Messiasträum war wohl mehr das phantastische Kind der Wirklichkeit als der Schemen gelehrter Mystik. Und beide Erreger wirkten zusammen, als die Hieberglut des Wunderglaubens in den Scharen Timur-Ienks die Söhne Qogs und Magogs, die vorausverkündeten tci.iiischcn Vorboten des Heils, sah. Ich erwähne diese Erscheinungen nur obenhin, uni mit ihnen den Aufstieg zu den um die Wende der Neuzeit beginnenden Bestrebungen zu kennzeichnen. Vier Jahrhunderte erwecken nun vier grolle Hewigmgcn, welche in sich alles zusammenfassen, was die Phantasie und der Wirklichkeitssinn, die religiöse Innigkeit und die berechnende Weltklughcit, die Ehrlieh!.eit und der Schwindel aus sich herauszustoßen vermögen. Neben dem mcssinnischen Überschwang des Mar,innen Salonton Molclto, welcher das Bewußtsein seiner Erwähitheit langsam in sich zur Reife bring( und im Heuertode glaubensstark das Zeichen des Heils sicht, steht der düstere, rätselhafte Schatten David Reubenis, der dunkclhäutigc verschlossene Zwerg, der mit den Mächten der Welt wie ein Akrobat mit sinnverwirrenden Olaskugcln spielt, Papst und König zu Hilfe ruft für einen Zug, den er an der Spitze von 300 000 Kriegern des Stammes Reuben aus der Mitte Arabiens heraus gegen Araber und Türken *) Wir entnehmen diese tiefgründigen Bctrachlangen unseres geschützten Freundes der Palästina- Nummer der Welt, deren Anschaffung wir unseren Ifsern nur Immer wieder empfehlen können. zur Befreiung des heiligen Landes und zur Rückfübrnng des Volkes unternehmen will. Dasselbe Jahrhundert sali noch die im Motiv, im Ziel mul im Mittel gleich klaren, auf meßbare Müglichkeiten und starkes Wollen gestellten Bestrebungen Joseph Nassis, des Fürsten von Naxos. Er suchte nicht das Heil, das auf rosiger Wolke zur Erde niedersteigt, sondern entwickelte mit der rechnenden Phantasie des Kaufmanns ein kolouiulpolitisches Programm, m't dem Endzweck, Palästina wieder zu dem nationalen Kristallisationspunkt zu machen. Der Staatsgedankc und die Absicht, Ihn kaufmännisch durchzusetzen• waren ihm das Primäre. Schon als flüchtiger Muranne hatte er eine Insel aus vcnczlanischein Besitz zu diesem Zweck zu kaufen gesucht. Sein Aufstieg in türkischen Diensten gab die äußern Bedingungen, den iiationalpolitischcn Plan wieder aufzimcluucn und ihn auch territorial in den Fluß der Kräfte zu stellen, welche die alte nationale Sehnsucht tragen. Nationalpolitischc Ziele und koloniulpolilischc Mittel, durch diese Verbindung ist die Eigenart seiner Bestrebungen gekennzeichnet. Es dauerte 100 Jahre, bis die in den Massen lebenden Spannungen sich wieder in einer; großen Bewegung entluden. Sabhathal' Zwi stand in ihrem Mittelpunkt. Das Wunderbare schlug wieder in heller Flamme aus der Sehnsucht des Volkes hervor und umspielte den blutleeren Träumer eine Zcitlang mit ihrem heroischen Schein. Und das Bedürfnis nach dun Wunderbaren war so stark, so sehr hatte sieh die leidenschaftliche Sehnsucht der llcimatsuchcr In seinem Glanze gefangen, daß cs seinen gaukelnden Träger überwand und sich In die Klclumlinzc des Alltags umprägte (Jonathan Eibenscliütz). Das Ideal war licrunicrgcarbcitct. Die Phantasie, die stärkste Trägerin nationaler l.cldcuscbuft, butte den Formsinn verloren, und obwohl 100 Jahre später das Bubenstück des Jakob Frank, dus sich zu Sabhathais Zauberkünsten wie das Plagiat zum Original verhält, die nationale Leidenschaft nicht mehr zu entzünden vermochte, muß es uns dennoch, wenn auch in verzerrter Vergrößerung, als geschichtlicher Ausdruck ihrer Degeneration gelten. Von diesem Tiefstand aus mußte sieh die neue Entwicklung hiiinnfarbcltcu . Die großen Bewegungen traten nicht sprungweise hervor. Wir können an der jüngsten Bewegung die Entwicklung verfolgen, wie zwei Mcnsclicmiltcr hindurch die Wässerchen ihren Weg suchten, ineinanderflössen und wieder auselnamlerkamcii, Stillständen oder weitcrgingen, bis ein größerer Strom hervorbrach und sic in seine Fluten hinemriß. Es ist historisch und psychologisch gleich falsch, sich die Entwicklung so zu denken, daß die Wässerchen zuhäuf kamen und dadurch den Strom erzeugten. Wenn wir vom Bild zu den Tatsachen Übergehen, so sehen wir im 19. Jahrhundert die Bestrebungen Hirsch Zwi Kalischcrs und seines Kreises, •Hess', Montefiorcs, Rothschilds, der Alliance, des Frankfurter Kolonisntiousvcrcins. des Esra, der Cliowcwc-Zion, der Kulturzionisten: Vorgänger und Anreger, nicht Schöpfer, nicht einmal Mutterhoden des Zionismus. Gewiß Hießen diese Bewegungen nicht ln abgcstcckteil Beiten. Der geistige Kontakt und die Wirkung verbindet sie zu einer Einheit. Diese Einheit heißt aber noch nicht Zionismus. Nicht die Verbindung vorliandcner Strömungen machte den Zionismus; er fließt aus eigener Quelle, ihm fließen die in gleicher Richtung laufenden Wasser zu. Wir kommen damit unmittelbar an unsere Frage heran. Der Zionismus untcrsclicidet sich von den kleineren Palästinabestrebungen, die ihm vorausgehen oder ihn begleiten, durch das völkisch-politische Ziel. Zunächst nur quantitativ, nicht qualitativ. Denn mehr oder weniger bewußt wurden auch die kleinen Bewegungen von diesen Zielen erweckt und in ihrer Richtung bestimmt. Aber bei politischen und vöikisehen Bewegungen bestimmt das Quantum die Qualität, da cs sich bei ihnen um den Durchbruch von Machtfragen handelt, auch bei völkischen Bewegungen, insofern sic aus den politischen erst her- Vorgehen oder, um Bestand zu haben, sich ihnen einwurzeln müssen. Und dieses neue völkisch-politische Ziel erwuchs auch nicht auf dem Boden der alten Palüstinabcstrcbungön, wuchs nicht nur aus dem guten Herzen und der starken Sehnsucht heraus, sondern, wie bereits seine im Chowewe-Zionismus fortbcstehcnuc erste Atisdrucksform, aus der allerdings mehr empfundenen als erkannten Veränderung der allgcincin-gcschichtllclicn Bedingungen. Der Zionismus ist, allgemein-geschichtlich angcsehen, eine der vielen Bestrebungen, die sich in dem Ziele ziisammcnfindcn, dem vordem Orient seine weltgeschichtliche Stellung wicdcrzugcwinucn, oder, von iinscrm Zwcckgcdankcn ausgesprochen, der Zionismus stützt sein völkisch-politisches Programm auf das politische und wirtschaftliche Wiedererwachen des vordem Orients. Ich erörtere hier nicht ein Motiv, sondern eine Bedingung. Diese Bedingung Wurde in der Bespreclitmg zionistischer Fragen immer, wenn auch nicht oft genug, betont. Sic hat aber für die Ausicifuug der zionistischen Gedanken mul mehr noch für den Aufstieg der Bewegung viel größere Bedeutung, als anerkannt und bekannt ist. Der unter ihren Gesichts* winke! gestellte Blick führt über die Aullcrungsformcn der Bewegung über praktischen, politischen und kullurcllcn Zionismus hinaus und weitet sich für die Erkenntnis des weltgeschichtlichen Geschehens, weldies dieses zionistischen Geschehens, welches die zionistische Bewegung in ihren gewaltigen Auftrieb liincinrcilU und aufwärts trägt. Diese universale Bewegung |!;1t eine Epoche; die Durchstechung der Suezlamkngc bezeichnet sic. Suc/kaiial und Zionismus? Ach so, höre ich, natiirlieh; der Suczkaiial ist die erste der großen Verkehrsvcrbcsserimgen. durch Welche Verkehr und Siedlung, Wirtschaft und Kultur im vordem Orient die Grundlage einer neuen Entwicklung bekommen sollen. — Aber dieser Ausblick ist zu eng. Die weitgeschichtliche Wendung, welche die heutige Ent- Wicklung des vordem Orients bedeutet, läßt sich nur geschichtlich erfassen. Wir müssen dazu lös auf die Zeit, welche den bis jetzt herrschenden Zustand geschaffen hat, zurüekgelicn, bis auf die Wende des 15. Jahrhunderts, genauer auf die vier Jahrzehnte, welche der von David Reuheni geschaffenen Bewegung (1425—1532) vorausgelien. Die Einwanderung von Juden nach Palästina, welche kaum je über größere Zciträumo ausgcsetzl hatte, nahm zu. Die Vertreibung der Juden aus Spanien erklärt dies nicht allein, da der stärkere Zuzug bereits vor ihr begonnen hatte. Die Erscheinung ist aber nicht so ungewöhnlich, daß sio nötigen wurde, zu ihrer Erklärung tiefer zu graben. Erst wenn man sie neben die großen Bewegungen des U». Jahrhunderts stellt, wenn man die Eigenart dieser Bewegung erkennt und sieht, daß die aufsteigende Einwanderung der vorhergehenden Jahrzehnte organisch zu ihnen gehört, gewinnt das Auge die Riehtung auf die allgemein-geschichtlichen Zusammcnliange, welche hier grundlegend und bcdingend gewirkt haben. Kurz gesagt; eine Bewegung zur Wiederweckung eines jüdischen Staats in Palästina war vor der Wende des 15, Jahrhunderts aus allgeiiiein-geseliiehtliehen Gründen nicht möglich. Auf die Verhältnisse Her römischen und byzantinischen Zeit und während der unbestrittenen arabischen Herrschaft gehe ich nicht zurück. Die Jahrhunderte der Kreuzzüge sahen den Kampf christlicher mul moslemischer Mächte, welcher die jüdische Konkurrenz um das heilige Fand von vornherein ausseliloO. Im 14. und 15. Jahrhundert stand Syrien nicht weniger im Interesse der großen vorderasiatischen Mächte. Die Türken drängteil vor, und die ägyptischen Mamelucken, die cs besaßen, hielten gute Wacht. Seitdem Konstantinopcl gefallen war (1453) mul das Zentrum der türkischen Macht sich nach Europa verschoben hatte, kam aber in die Verhältnisse der östlichen Mittclmeer- Staaten eine gewisse Beruhigung hinein. Die asiatischen Tendenzen der türkischen Politik liefen wesentlich nach Persien hin. Aber bald fegte ein kurzer Sturm über das Land, vernichtete die alten und schuf die bis in die neueste Zeit bestellenden Hcrrsehaftsvcrliältnisse. Per Sultan wurde Khalif und gewann Syrien, Palästina, Arabien iutd Ägypten (1510—1518). Hatten die friedlichen Beziehungen zwischen den Türken und den Mamelucken das heilige Land schon vorher für eine stärkere Zuwanderung wieder zugängilcli gemacht, so kam es jetzt ganz aus dem Bereiche der politischen Spannungen heraus, in welchen cs als ürenzland bisher gestanden hatte, und crölfnetc der Verwirklichung der jüdischen Hoffmingen ganz neue Möglichkeiten. Die politischen Wirkungen werden von den wirtschaftlicficn überragt, werden von diesen auch erst wesentlich erklärt. Erst diese führen an den Nerv der Dinge. Die Ausbreitung der türkischen Herrschaft im östlichen Mittclincerbccken hatte schon vor der Einbeziehung Syriens, Arabiens und Ägyptens zur Folge, daß der von den italienischen Staaten getrugene Verkehr mit der Levante unterbunden, die grfoßc Wclthandclsstraßc, auf welcher die unentbelirliclicn indischen Waren über Arabien und Syrien von jeher nach Europa kamen, gesperrt wurde. Qas Vordringen der Türken hatte seine notwendige Rück* Wirkung1 im Aufsuclicn des Seewegs nach Indien und In der Verschiebung der großen Handelszentren an die östküstc des atlantischen Ozeans. Der Nerv des bisher bestehenden Weltverkehrs war durch die Türken gelähmt, durch die neuen Wellhandclsstraßcn überholt. Palästina, das durch ihn Teilgebiet der großen Machtintcrcssen gewesen war, Ing im Winkel. Das Ist die Situation, welche lür die politischen

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