Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 147. No. 13. JÜDISCHE RUNDSCHAU Per Beschluß aber, den auf Ihren Antrag die Aerztekammer gefaßt hat, scheint mir nicht ganz ausreichend zu sein. Sollen alle Fälle der Praxis in! Oesetz berücksichtigt werden, so müßte wohl noch ein Zusatz gemacht werden, daß nämlich auch solche Anstalten, in denen infolge starker konfessioneller Oegeiisüt/c fremdrassige Aerzte als permanent irri* ticreude Reize auf Kranke wirken würden, im Verzciclmis als solche kenntlich zu machen sind. Sayn b. Koblenz, im Januar 1011. l)r. med. Joseph Julius Fraget Assistenzarzt. Frühlingsgewilter Von Dr. Jeremias, Posen. Mehr als einer wird verwundert den Kopf ge* schüttelt haben, als er int Leitartikel der letzten ״Indischen Rundschau" eine ebenso höfliche wie ent• scliiedene AbschiHtclung des Herrn Dr. Joseph und, damit nicht genug, im offiziellen Teil des Blattes noch ein Communiciuö des Centraiconiitös in der gleichen!Ni׳:he las. Tunt de bruit für den faden Eierkuchen des Herrn Br. fioldmann! Lohnt es sich, im Ernst auf das Oe• schrciltstl eines Rabbiners einzugeheii, der aus Mangel an Beschäftigung für das Judentum sich ammt geschäftig gegen das Judentum betätigt; ciiks Rabbiners, der in der ,Liberalen Monatsschrift" ihm» urteilslosen Publikum die Mär erzählt, es gehe kein einziges F e s t w 0 n rein nationale m (ieprüge, and int gleichen Moment dem nicht minder gedankenlosen Leserkreis des Hamburger Muaitcurs verkündet, Kur im sei das einzige Fest von rein nationaler Prä g 11 n g; eines Rabbiners, der die ollen Kamellen von dem Mangel staatsiiulimischen Talentes bei den Juden auskramt, m vii.em Augenblick, da der Verein zur Abwehr des Antisemitismus vor Christ mul Jud das Gegenteil demonstriertf Soll mau einen Mann ernst nehmen, der sich nicht scheut, die statistische Farce eines Vergleiches zwischen dem Mitgliederbestand der liberalen und der zionistischen Vereinigung durchzu• liiliren? Merkt man denn nicht, daß nicht von tmgeiähr in allen liberalen Organen gleichzeitig der Kampf gegen den Zionismus van vorn anfängt — weil man nämlich des trocknen Tones religiöser Dis* l.iusioiien, wie der feierlichen Klänge glauhcns• seligeu Phruscngcklingels gleicherweise überdrüssig ist in einem Kreise, der zu (J5׳T von religiösem Henken und Fühlen nichts hält und nichts zu hören wünscht oder sich tötlich dabei langweilt. Da Ist dann die fröhliche antizionistischc Hatz mit ebenso geläufigen, wie nichtssagenden Schlagwortcn der bc• qiicnistc Ausweg aus dem Sehmus der Rcligions• fabrikanten! Aber schade, daß man ihnen den Zeit• Punkt, wo ihnen auch davor mich wird, durch ernsthafte Replik und Dnpiik künstlich hinausschiebt. Darum habe ich es auch lebhaft bedauert, daß ela Mann von so tiefem Denken und Empfinden wie Dr. Joseph mit jenem Ideen• und empfindungsarmen Völkchen sich so lange licruinschliigt, statt sich zu sagen: Lasset die Toten ihre Toten begrabenI Aber deshalb von ״rabbin isolier Pilpulistik" und von . rabulistischeu Theologen" zu sprechen und überhaupt einen Joseph im gleichen Atem nüt einem Goldmann zu nennen —, das geht doch nicht an. Noch weniger scheint cs mir, ln der Sache selbst, gerechtfertigt zu sein, von ״logischen Perversitäten" zu sprechen und dem Problem vom christlichen Juden jeden ״realen Untergrund" abzusprcehcn. ,,liier war alles schon einmal da ־• schon alles dagcwesen — und fleicig Talmud lesen, junger AelierS" Hatten wir sic nicht 1111 grauen jüdischen Altertum, in biblischer Zeit die 'Juden ohne jüdische Religion? Außer den Lundcingcscsscncn, die nach Stamm und Olanbcnsübung Israeliten waren, kennt die Bibel die echten Prosclyten (Oer jedek), die sich in Israel anslcdelten und auch alle Gesetzespflichten förmlich auf sich nahmen, und ferner die Beisassen (Toschab oder Ger Toschab), die olmo religiöse Pilichtcniibcrnnhmc alle Rechte der natloualen Gemeinschaft teilten. Überdies erklärt der Talmud auch den extremen Glaubcnstcugncr (Koplicr bei'iiuar) als Juden ausdrücklich In jeglicher I3edcutung des Wortes, auch nach der Richtung natürlich, daß er zur Gesetzesübung prinzipiell verpflichtet bleibe. Uuod erat demonstrandum; Bibel und Talmud kennen den ungläubigen Juden, ohne viel Geschrei davon zu machen. Und wir heute? Hängen nur die Bartels uiul Genossen uns Heinrich Heine an die Rockschülle? Nennen wir selbst nicht, bald mit Stolz, bald mit Bedauern ihn den unseren, fühlen wir nicht, ob mit, ob wider Willen, immer wieder, daß er trotz des Abfalls Jude geblieben, hat er selbst cs nicht, süß und Bitter, sehnend und fluchend, bis au sein Lebensende so empfunden? Wird nicht in jedem Jahrgang jlldischer Zeitungen Heine zehnmal so oft genannt als z. B. Geiger? Konnte nicht in allem Ernst aus unserer Mitte das Beweisthema erhoben werden: Heine — ein Na lionul jude? Und Lord Bcaconsfield? Der feurigste, stolzeste Nationaljude seiner Zeit, wäre er der aktivste und erfolgreichste unserer Zeit gewesen! Aber wie soll man das definieren, in eine Formel bringen? Gar nicht! Solche Geister einen die unlösbar scheinenden Widersprüche und cs wird gewiß immer eine Seltenheit bleiben, daß ein fürmlieh Ausgetretener dennoch in seinem Fühlen Jude bleibt. Immerhin habe ich auch in dem Kreise der Lebenden, den ich selbst übersehe, etliche Beispiele von Leuten, die als Kinder getauft oder als gednnkenlose. unverantwortliche Jünglinge iibergetreten sind, das heute bedauern und innerlich ganz mit uns fühlen, halfen und streben. ״Der Aclier nio gelebt? Aeosta, Ihr lebt dochl Warum soll denn Ben Almla nur Mythe sein?" Man mag so zwicspältige Erscheinungen peinlich empfinden, wie alles, was jeder Rubrizierung spottet, man soll ihnen mit der kühlsten Reserve gcgcnübcrstchcn, aber sic existieren jedenfalls, die Rundschau wird sic nicht als theoretisches Hirngespinnst abtun können und Herr Dr. Goldmann wird sic als bereits existent, nicht von Joseph erfunden, anerkennen müssen — aber gewiß wieder wcgdisputicren. Nim endlich einst? Wenn wir uns ein jüdisches Gemeinwesen mit voller Autonomie, kurz ein Juden land denken, so wird bei aller Voraussetzung innig stcr Durchwirkung von nationalem und religiösem Leben doch auch die Möglichkeit geboten sein müssen. Nichtjuden am bürgerlichen Leben teil nehmen zu lassen, und die Bürger dieses Landes Fr überlegt, wie das Talent sich unter anderen Entv icklungsbedingungen hätte bilden können." Der Professor: ״Jetzt verstehen wir uns. Will ja der Zionismus und die gesamte nationaljüdische Bewegung auf künstlerischem Gebiete nichts anderes, als die Umbildung oder andere Heranbildung des jüdischen Talents. Wir Nationalökonomen erkannten, daß das jüdische Talent sich im Golus scheinbar zu achtbarer Höhe entwickelt, daß cs aber!acht zu der Höhe und Kraft gelangt, zu der cs kommen könnte. Wir haben die Hemmungen der kiiiiMlcrischen Produktion erkannt. Andererseits sehen wir das jüdische Volk im üoius uinhciirrcn, auf fremden Märkten Erlösung suchend, aber »ncrlüst bleiben, weil die Kunst, die cs erlösen könnte, nicht lebt. Der jüdische Künstler hat die Fühlung mit seinem Volk, und das Volk daher die Fühlung mit ihm verloren; oder man kann cs auch umkehren. Da wir Nationalökonomen den Verkehr des Künstlers mit seinem Volke aber zu regeln haben, mußten wir nach einer Befreiung aus der heutigen Lage ausschcn und fanden sic im Zionismus." Der Journalist: Ich stehe auf einem grundsützlich anderen Standpunkt als Sie, meine Herren. (Der Maler lächelte ironisch, der Nationalökonom trommelte ärgerlich auf den Tisch.) Jawohl, auf einem prinzipiell anderen Standpunkt. Ich erkenne die Gebundenheit der künstlerischen Person an die Abstammung nicht an. Malerei und Musik beweisen am deutlichsten dlo Interaatlonalltät der Kunst. Unu diese meine Erkenntnis wird1 durch die Praxis be* wiesen. Ihre Bilder sind nicht jüdisch, sind eben mir Ausdruck Ihrer höchst eigenen Person. Und Sic. Herr Professor, lassen Sie sich sagen, daß der stets!inerlöst von künstlerischen Werken scheiden wird, der seinen Geist in die engen Fesseln der Nationalität oder irgend einer anderen Idee schlägt. Der Maler: Herr Professor, bitte ruhigl Ich kann darauf besser erwidern als Sic. In der Tat, wer weiß cs besser, mein! Herr Journalist, ob ich und mein Schaffen jüdisch sind: Sie oder ich? Ich weiß nicht nur um das Judentum In meinen Werken, ich kenne auch die Hemmungen meines Schaffens durch mein Judentum, Die Misere des heutigen jiidisehen Kunstschaffens existiert in der Form, wie sic der Herr Professor uns zeigte. Ich weiß, er hat Recht. Ich als Künstler bin an diese Misere gebunden und kann nicht heraus. Wenn Sie, der Sie heraus können, nicht heraus wollen, so werden Sic und Ihr Geschlecht stets uncriöst bleiben." Der Professor: ״Da kann ich mich ja auf den Nachweis einiger logischer Fehler beschränken. So lange cs Persönlichkeiten in der Kunst gibt, gibt cs, Herr Dr., doch logischer Weise auch Nationalitäten in der Kunst. Wenn sich Individuen zu einet Familie Zusammenschlüßen, hört das Individuum noch nicht auf, zu existieren; beim Zusammenschluß der Pamitien zum Volk, nicht die Familie, und beim Zusammenschluß der Völker zu einheitlichem Handeln, nicht das Volk. Man erfindet Internationale Verkchrssprachen, Esperanto zum Beispiel Dadurch werden die Völker, wenn sie auch diese Sprache werden Juden heißen, mit oder ohne jüdische Religion. Uber dieses Thema hat vor Jahren Max Nordau in einer Polemik mit Acliad haam über ״Altnculand ein kräftig Wörtlcin gesagt, an das hier nur erinnert sei. Und ich muß es deshalb als Geschmack- und nicht als Prinzipsnehe anschen, ob man Schekel nur von ״Angehörigen jüdischen Glaubens" nehmen will und soll. Unsere Orgynisationsstatiiten sehen hierüber nichts vor und es diliftc unserem Centralcomitü schwer (allen, das Glaiibensmimimim oder Unglaubensinaximimi für die Schckelbercclitiguiig zu limitieren. Lassen wir uns doch nicht beirrenI Der Zionisums ist die Lösung der äußeren politischen und sozialen, der iiimieren inorajischen und kulturellen Judcnnötc. .Die innerste religiöse Krise ist eine Sache für s i c 11, liegt auf einem ganz anderen Felde, kann und muß aus taktischen und praktischen Gründen gesondert behandelt werden. Aber auch ihre Lösung wird um Ende sich mit der des Gcsamtprohlcms ungemein vereinfachen. Bleiben wir ruhig dabei, dafc wir (ür die Mitarbeit an der äußeren und inneren Volksbefreiung lediglich das Bekenntnis zu unserem Programm entscheiden lassen! Diese Einheitsbewegung kümmere sich nicht um alle Unterschiede zwischen den diversen Judenllmierii mul kann auch ehrliche Mitwirkung von nichtjüdischer Seite vertragen. Doch halt! Fine Sorte chrisllicher Juden hätte ich fast vergessen. Der Geh. Justizrat Prof. Kollier hat bekanntlich entdeckt, daß ein großer Teil der aufgeklärten Juden innerlich bereits in christlichem Empfinden aufgegangen sei. Und Prof. Maybamn, der seine Pappenheimer ja kennt. wußte darauf nicht Besseres zu erwidern, als, daö sich Kollier nicht nach den luden von Berlin W. ein Urteil über die jüdische Geistesverfassung bilden solle, sondern nach den Jude״ der aufstrebenden Jugend, und Stacgeiiiaini glaubt — mit Recht, — daß Maybaum damit die Zionisten gemeint haben müsse. Jedenfalls gibt Maibaimi implizite jene Spezies christlicher Juden an Kollier preis. Aber vielleicht versucht der viclgescliäftigc Dr. Goldmami einmal sein Heil bei diesen ..christlichen luden":־ behaupten doch die Liberalen ohnehin prahlerisch, daß sie eben diese dem Judentum wiedergewinnen wollen - — — •— Lasset die Toten ihre Toten begraben! Wir haben um so lieber dem vorstehenden Artikel des geschätzten Verfassers Aufnahme gewährt, als er sieh im wesentlichen ganz mit unseren Anschauimgcn deckt. Wir haben auch durchaus nicht eine Absclmtteliing des Herrn Dr. Joseph, unseres ebenfalls sehr geschützten Mitarbeiters, sondern lediglich des Herrn Dr. Goldmann Im Leitartikel der vorigen Nummer im Sinne gehabt. Wenn das nicht deutlich genug gewesen ist, bedauern wir cs von ganzem Herz. י. Was Dr. :eremias von den ״christlichen Juden" sagt, scheint uns den Kern der Goldmannschcn Spintisiercrci nicht zu treffen, da cs ja nicht um die Indifferenten oder die üblichen Täuflinge, sondern um gut christlich gesonnene Juden geht. Bezüglich solcher haben wir unsere Meinung in der vorigen Nummer gesagt und bleiben dabei, ohne uns zu vermessen, den Schleier zukünftiger Jahrhunderte lüften zu können — das können offenbar nur Missionsbrauchen, nicht gleich gemacht. Die Verkehrssprache in der Malerei und in der Musik mag international sein (was sicher nicht ganz zutrifit). die Künstler selbst bleiben national und müssen es bleiben. Wenn Sic also dem Individuum seine Sonderrechte und Sonderpflichten zugcstclicn, warum dann nicht der Nation das Gleiche tun?" D c r J 0 u r n a I i s t: ״Nun. meine Herren, Ihnen mangeln nur die praktischen Beweise. Bis ich erst auf national-jüdischem Boden Kunstwerke von gleicher Bedeutung wie die Ihrer sogenannten Goluskünstlcr entstehen sehe, bis dahin werde ich Ihren Theorien keinen (.»buben schenken." Der Maler: ״Und uncriöst bleiben. Auch ich glaube, dal) die Welt durch einen neuen jüdischen Stil bereichert wäre, wie ja nichts Neues ärmer machen kann. Wir jubeln, wenn wir in irgend einem Winkel der Erde Spuren einer unbekannten Kunst entdecken und sollten die Bildung einer neuen jüdischen Kunst nicht wollen? Ich weiß nicht, ob noch die Möglichkeit einer derartigen Konzentration des jüdischen Talents vorhanden ist. Aber, wenn׳ cs die Juden wollen, wieso sollte cs unmöglich sein? Und wenn dereinst drunten in Palästina eine neue jüdische Kunst entstanden sein wird, dann wird sich alles, was an jüdischem Talent existiert, zu gemeinsanier Arbeit zusammenfinden. Dann wird kein jüdischer Künstler mehr wurzellos und vereinsamt sein, wie ich." Der Dichter war aus dem Garten gekommen und hatte der Unterhaltung schon längere Zelt gelauscht,