Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 146. JUEDISCHE RUNDSCHAU ־ No. 13. Gründen primitivster Selbstachtung ablchncn müssen, uns von einem Renegaten politisch vertreten zu lassen. Hin Gesichtspunkt kommt aber -־ besonders für alle liberalen Wühler — bei einer solchen Kan• diilntur eines Getauften in Betracht, der zu häufig übersehen wird. Der Liberalismus ist heute, und wohl auch für lungere Zeit, in Preußen-Deutschland Oppositionspartei, und selbst wenn er wieder einmal einer Mchrhcitsgruppicrung im Parlament angeboren sollte, würde er erst recht mannhaft und mit aller Energie um seine politische Gleichberechtigung mit der heute hcrrschendv’ii Richtung zu kämpfen haben. Das setzt eiserne Charaktere, ja zähe K a m p f n a t u r e n voraus. W a s bürgt uns für solchen festen Charakter bei einem Manne, der nicht einmal dem herrschenden antisemitischen Winde zu widerstehen vermochte, sondern sich ilun beugte? Wir fragen alle — auch die Christ• liehen —- liberalen Wühler, wie sie in die aufrechte liberale Gesinnung jemandes Vertrauen setzen können, der seine eigene Gemeinschaft zu der er durch Geburt und Tradition gehörte, in so schwerer Zeit feige im Stich lieh! Selbst wer noch so fest von den Hcilswuhrhcitcn der christlichen Kirche durch• drangen ist, wird heute — wenn er als Jude ge• boren und ein aufrechter Mann ist! — das Judentum nicht verlassen dürfen, eben weil cs In einem schweren Kampf um seine Gleichberechtigung stellt. Das gilt für alle ehrlichen Liberalen, Christen und Juden. Wir Juden erwarten ja aber von einem liberalen Abgeordneten nicht nur, dali er allgemein seine Pflicht als Liberaler erfülle — das sollte scibstverstündlich sein! — sondern noch auücrdcm, daß er gelegentlich auch für die volle Durchführung der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden arbeite und kümpfc. Wie aber sollen wir das von einem getauften Juden erwarten können? Wird man ihm nicht ins Gesicht lachen, wenn cs ihm beikonnnen wollte, für das gleiche Recht der Juden cinzutrctcn, der Juden, von denen er davongelaufen ist ins andere Lager, um für sich zu erhaschen, was seinen Stammes• genossen versagt wird? Und müßte cs uns nicht schamrot machen, einen Renegaten für unsere Rechte cintrctcn zu sehen? Und Ist er selbst nicht die beste Widerlegung aller Forderungen, die er hinsichtlich unserer Rechte etwa nufstcllcn möchte? Man muH und wird ilun antworten: er habe ja die Unmöglichkeit der jüdischen Gleichberechtigung am besten cingcsehcn und die Konsequenz daraus ge• zogen, was wolle er also noch! Nein — zu solchem Komödicsplcl sollen wir Juden uns zu gut sein! Wenn wir liberal sind, wollen svjז cs ehrlich sein und einen Mann wühlen — wie cs sich bei jeder politischen Wahl von selber vorstehen sollte — der auf Grund seiner Per• sönlichkclt das Vertrauen in seine aufrechte Mannhaftigkeit verdient. Dieses Vertrauen aber kann ein Renegat mm und nimmermehr von uns verlangen. Das müssen alle objektiv Denkender, Christen und Juden, cinscln-it, daß cs sich hier um keinerlei religiöse Präge vielmehr um eine solche der persönliehen Wertschätzung und Achtung und des Vor* ... ..... ..—..." "■ II ..■■■. י.. Der Künstler und der Zionismus Elu Abcitdgcsprüch. 'Aus dem lauten Treiben der Gesellschaft hatten sic sich auf die Gartcntcrrassc gerettet: ein paar Jüdische Künstler, Gelehrte und Journalisten. Eine wohltuende Kühle wehte von den Baumen des Stadt• Parkes zu Ihnen herüber und nahm die drückende Schwüle von Ihren Stirnen. Die Einen stiegen die breite Steintreppe zum Garten hinunter, die anderen saßen oder standen auf der Terrasse, zündeten sielt eine Zigarre an oder tranken aus wohlgcformlcn Gläsern dunklen Wein. Eine nachdenkliche Stimmung legte sich wohltuend über alle, so daß tnan nichts, als das leise Plätschern des Springbrunnens und das müde Rauschen der Bäume vernahm. Jetzt wurde die Stille durch ein leises Gespräch unterbrochen. Einer der Qelchrten, ein Professor der National• Ökonomie, hatto sich zu dem Maler gesetzt und mit ־ ihm ein Ocsprüch über die letzte jüdische Kunstaus- Stellung angefangen. Der Nnüonalökonom war ein bekannter Zionist, und der Maler griff die Gelegen• heit gern auf, sich mit ihm über die Stellung des Jüdischen Künstlers zum Zionismus zu unterhalten. Der Maler: ״Gewiß werden Sic nicht mit allem einverstanden sein, Herr Professor, was ich Ihnen sage. Aber weil Ich weiß, daß Sic und icii von verschiedenen Höhen aus die Dinge der Welt erschauen, well ich den Abgrund sehe, der uns beide trauens handelt. Wir Juden können einen Protestanlen, einen Katholiken einen Gottesleugner, können, je nach unseren Anschauungen, Angehörige der verscliicdcnsten Parteien, soweit sic nicht unsere Feinde sind, wühlen — aber kein sclbstbc* w uß t c r Jude kann einen Renegaten wühlen! Denn niemand schlügt sich selber ins Gesicht. Offener Brief an Herrn Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Tuczek, Direktor der Laiuleshuilanstalt und psychiatrischen Klinik zu Marburg. Hochgeehrter Herr Geheimrat! Mit lebhafter Freude habe ich den Bericht über die Cassclcr ' Aerztekamniersitzung der Provinz Hessen-Nassau vom 7. 11. 1910״) gelesen, und ich gestatte mir, Ihnen iiir Ihr energisches Auftreten gegen die in nssistcnzürztlichcn Kreisen jüdischen Kollegen gegenüber sich breitmachende antisemitisehe Ausscliließungstenclcnz meinen herzlichsten Dank aiiszusprcchcu. Nicht jeder von uns jüdischen Akademikem ״־ obwohl uns allen ja vom ersten Tage unserer ״schönen Studentenzeit0 *das Ausgeschlossen• sein zur Selbstverständlichkeit wird •— hat Gelegenheit mit solcher .Deutlichkeit wie unsere Kollegen in Britz und in Lübeck, seine Salonunfähigkcit attestiert zu bekommen. Man pflegt sonst gerne solch bittere Pillen durch einige Verbindlichkeiten zu Überzuckern. Da ich seihst aber den tratirigcnVorzug habe, sic gleichfalls imverzuckert erhalten zu haben, und ich aus dem Sitzungsberichte der Aerztekammer Ihr reges Interesse für derartige Dinge entnehme, darf ich mir wohl erlauben, Ihnen meine Geschichte zu erzählen. Es sind jetzt gut zwei Jahre her, da begab ich mich, kurz vor meinem Staatsexamen, zu meinem Lehrer der Psychiatrie, um mich mit ihm wegen einer Doktorarbeit zu besprechen. Der Herr Profcssor war sehr liebenswürdig zu mir und versprach mir jegliche Förderung. Ich sprach dann den Wunsch aus, nach dem Examen einen Teil meines praktischen Jahres an der .von ihm geleiteten Anstalt zu verbringen und während dieser Zeit die Arbeit fertigzustellen. Da wurde das Gesicht des Herrn Professor aber sehr ernst und er sagte: ״ Ja,' Ja da kommen wir nun auf eine ganz andere Frage, und cs Ist Ihnen wohl recht, wenn ich da ganz offen mit Ihnen rede.“ — ״Ich bitte sehr darum." ״Ja sehen Sic, hier in unserer Gegend mit dm starken konfessionellen Oegensützen, würde ein fretndrassiger Arzt bei den Kranken als ein permanent Irritierender Reiz wirken, und Sic würden soviel durch die. Invektivcn der Kranken auszuhaltcn haben, daß ich im beiderseitigen Interesse Ihnen nur dringend abraten kann, hier als Arzt zu arbeiten. Wir haben auf diesem Gebiet bereits unangenehme Erfahrungen gemacht: vor ca. 20 Jahren war hier ein jüdischer Vo• lontiirarzt tätig, der nach kurzer Zeit tief verbittert wieder forlglng, so daß ich mir damals vornahm• ד Wir verweisen nuf den Bericht weiter unten in der Spalte ״Aus aller Welt" unter ״Deutschland". trennt, deswegen glaube ich huch die Brücke schlagen zu können, die von Ihrer Höhe über den Abgrund zu meiner Höhe führt. Kurz: Sie sind National- Ökonom und ich bin Künstler. Wir müssen verschieden sehen, aber da wir cs erkennen, können wir einig werden." Der Journalist, der bisher in einiger Entfernung dem Gcspräcli gelauscht hatte und dem dieser ״unmoderne" Zionismus nur ein leises, Ironisches Lächeln abnöiigtc, griff jetzt in die Unterhaltung oin. Der Journalist: ״Aber, bitte, sagen Sic es doch einmal klipp und klar dem Herrn Professor, daß Sic nicht Zionist sind und nicht sein können, daß ein Künstler einer solch unmodernen Bewegung nicht angchürcn kann, weil sein tiefer Ocist sich dagegen welirt, in die engen Fesseln einer Nationalität geschlagen zu werden." Der Maler: ״Ich glaube, Sie haben mich nicht recht verstanden. Ich wollte nur sagen, wie ich mich selbst als Künstler zum Zionismus stellen muß. Ich wollte damit keineswegs etwas gegen den Zionismus an sich sagen, ihn, wie Sic es tun, etwa unmodern schelten. Ich wollte auch nicht die Tiefe meines Geistes vorschützen. Allerdings: ich bin nicht Zionist, Ich bin es nicht, weil ich als Künstler mich nur als Persönlichkeit betrachten kann und mein ganzes Streben nach Ausbau dieser meiner Persönlichkcit gehen muß, die ich durch Einzwüngen in ein Programm schädigen würde. Außerhalb meiner Person aber erkenne ich den Zionismus als bcrechtigt, mehr als das, als gewaltig und schön an. Für die Nlchtkünsticr, auch für Sie, mein Herr Journalist, keine jüdischen Kollegen mehr zu beschäftigen." Kr. staunt und ergriffen von der wohlwollenden Fürsorge die der mir persönlich doch fernstehende Lehrer an' meiner Gemütsruhe nahm, vermochte ich nichts zu erwidern, ‘ sondern fragte nur etwas schüchtern: ״Also dann hielten Sic es wohl für das Beste, wenn ich meine Absicht, mich der Psychiatric zu widmen ganz aufgäbc?" — ״Ach das will ich gerade nicht sagen, vielleicht in anderen Gegenden, wo die kon• fessioncllcn Gegensätze minder stark sind, mag es ja eher möglich sein, aber liier." Etwa ein Jahr nach dieser Unterhaltung tr.1t ich meine Stelle an der Hamburger Irrenanstalt an, und als ich vom Oberarzt zum erstenmal auf die Station geführt wurde, sprang mir ein Idioten-Mädclici! ent• gegen und ,begrüßte mich mit den Worten: ״Isi Uas nicht der Jude Itzig?" Da fiel mir gleich der ..per. manciit irritierende Reiz" wieder ein. obgleich Ham. bürg doch wohl zu den Gegenden mit ״minder star• ken konfessionellen Gegensätzen" zu rechnen ist. Aber leider wars nicht der ״fretndrassige Arzt", der ihn nusübte, da das Mädchen Levy hieß und sicher glcichrasslg war, denn sic stammte aus dem Bereich des alten Hamburger (ilietto, und ״Jude Itzig" war ihr wahrscheinlich das gcläutigstc Schimpfwort. Wie oft mochte sic cs wohl, als sic noch als Kind auf der Straße gespielt hatte, zu hören bekommen haben! Noch zweimal bin Ich seitdem von Geisteskranken mit ״rassigci:" Schimpfworten traktiert worden, aber auch diese beiden waren nicht fremdrassig, sondern bcidcsmnl gleichfalls Juden, denen ja von Jugend auf derartige Kosenamen leider nur zu vertraut gemacht werden. Von christlichen Kranken habe ich unter ähnlichen ״Invektivcn" bisher noch niemals zu leiden gehabt. Aber das alles ist ja nebensächlich. Daß ich die Geschichte erzähle, geschieht ja nur, um fcstzu• steilen, das mich in diesem Falle aus Gründen, die ״außerhalb der im Gesetz vorgesehenen Ausnahme• bestimimmgen liegen" die Zurückweisung eines Me• dizinalpraktikantcn erfolgt ist, und zwar von dem Direktor einer zur Annahme nicht nur berechtigten, sondern als gleichzeitiges Umvcrsitütsinstitut sogar verpflichteten Anstalt, Denn ebenso wie die Ruck• sicht auf die antisemitische Gesinnung geistesge• Minder Assistenzärzte, liegt doch wohl auch jene auf geisteskranke verhetzte Bauern außerhalb der im Oe• setz vorgesehenen Ablclimingsgrinule. Herr Gehcimratl Sic sagten in der Aerztekam• mersitzung: ״in der Mißbilligung des Vorgehens sei• tens des Direktors des Blitzer Krankenhauses werden wir wohl alle iibercitistimnien." Sie mögen selbst entscheiden, ob die Mißbilligung auch auf diesen Di• rcktor auszudelmen ist. Die von mir eingangs wieder• gegebene Unterredung spielte sich nämlich im Ok• tober 1908 im Direktorialzinnner der Marburger Lau• dcshcilanstalt ab, die zugleich das psychiatriscli-Mbii• sehe Institut der Universität ist. und Sic. Herr G c 11 c i m rat waren cs, der jene wohlwollenden Worte an mich richtete. Ich weiß nicht, ob Sic sich der kurzen Unterhaltung noch erinnern, m i r aber, als ich an jenem schönen Herbsttage den Kapnclcr Berg hinunter ging, das alte Schloß des großmütigen Philipp vor Augen, das von Freiheit und Toleranz er• zählt, prägten sic sich tief ins Gedächtnis. Zuin Ueberfluß habe ich sic mir auch noch atifnoticrt. muß er, wenn nicht logische oder psychische Felder vorlicgcn, die Lösung bedeuten." Der Professor: ״Sic wollen aber doch «rieht behaupten, daß Sie nicht Jude sind, daß Ihre Werk« in keinem Zusammenhang mit Ihrem Jm'< ntuiu stehen? Auch Sic müssen doch sehen, wie eia jmli• scher Künstler dem anderen über alle dazwidien• liegenden Berge, die hindern wollen, die Hand!eicht und dali sicli so ein Kreis jüdischer Künstler schließt• ln dem kein Fremder ist." Der Maler: Ja, ich empfinde mich als Juden und weiß um den Zusammenhang meines Werkes mit meinem Judentum. Aber mein Künstlertum ist, wie jedes echte Künstlertum, egoistisch und einseitig: sonst wäre cs nicht so groll. Wir Künstler können und dürfen nicht anders, als unsere einmal erkannte Persönlichkeit für das Wichtigste halten. Wir treiben ׳nicht Ockonomic oder Hygiene unseres Talents• Es ist da und ist gut so. Und wenn nur Opiumgenuß In uns Kunstwerke reifen läßt, gut: dann nehmen wir Opium. Anders der Nationatökonom. Er betrachtet den Künstler und! darf ihn mir als Glied einer Gemcinschaft, eines Volkes betrachten. Er hat die Aul• gäbe, den Verkehr des Künstlers mit dem Volke zu regeln. Er sucht das Künstlertum für das Volk ״atz־ bar und׳ umgekehrt das Volk für das Künstlertum' empfänglich zu machen. Der Nationalökonom muß Ockonomic und Hygiene des künstlerischen Talents treiben. Er nimmt die Individualität nicht als das unbedingt Gegebene, sondern er sucht ihre Bildung und Entstehung zu erkennen. Er vergleicht und wägt künstlerische Individualitäten gegeneinander ab. 1 1׳ ' t* 1 ן * i