Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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־״ ׳>{ <־ '׳\<' ,יv :*4 ■ r I I I I I I I I I I I I L Abonnements «ul die wöchentlich am |׳rc|-• WB er«chelncndo ״JUdlicho Rundschau' kernen bol der Uxpedltlon und bei *lun Poil- »miern vlericlläliilleli ],25 M.. außerhalb Deutschland* und Ocsierrcleh-UnBarn» 2,— m.i Itlr Mllslledcr lüdlsclier Ver- «׳»« Im Sammclbcxuit durch den Verein I.— M. V«r<(K JUillich* RumSichau C. 0. tn, b. t|. hcscbSlutiunden: 10—12 und 4-7 Uhr, *uBer ׳ W1״| m;^Snחודוbcrul^ mrd Sonntag, ח U O n חך־•/ ך ־׳. \־״r\n r \; /!! '! v \ \ \ i Mi ■ mm V»r^_« J\.Jü Ljlj r־ a 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 U Anzeigen kosten lUr die filiilsrespaluno I *11117 ׳ c II e oder deren Raum 25 I*(.: Slcllcn-Anitcbotc und üesuchc sowie Vcrelnsmit* tcilungcn u. ״Kleine Anzeigen nur 15 PI. :1 :: 1» יי יי Manuskripte werden. wenn Porto bclllegi. stets ruriick• gesandt. — RcdaktlonsscbluB Mittwoch vormittags. Redaktion Jüdische Rundschau ilcrlln.Charlnllcnhurg. nielhircustr. 49. Tel. Ch. 9S8I. Sprechstunden Dienstag und Donnerstag 5-6 nachmittags. AILILG GzTA GOü ]G רוו-יזקסחןחחחןזיף cJc; LjLJU O Ou ״Li Nummer 13 Berlin, den 31. Mürz 1911 — 31. fidar 5671 EGOTJLDK! XVI. Jahrgang Ausweis Scltckul: Königsberg 6 M., Wronkc 35 M. Cötlini i M. I .iiiulcsbctlräfse: Wronkc 35 M״ Cötlicn 72 M.. Her!320 «־ M. Orgniilsalloiislomls: K»n Roscnthal, Berlin. 5M., O.tl» 1 Straus. München. 25 M.. Adolf Pasmmiticr, iiciüa. 5 M.. Joseph Kaminski, Berlin, 5 M.. Wronkc 31.P7 M., Stettin 2,15 M. (Spezifik, sielte ״Verschied. Spenden"), Dr. ricymann (Spezif. s. ״Verschiedene Sner.den") 60 M., Notar Schacluel, Berlin, l(>7,05 M. (SouJerbeitrag), Eingang der Woche vom 24.-29, März 1911: Schekel 05 M. Lnndesbeltrüge: 427 M. Organisulltjiisimuls: 300.27 M. Gusaniteliigang bis zum 29. März 1911: Schekel 1074 M. Luudcsbcltrüge: 1995,50 M. Orgnnisatlonsfoiids: (1399,59 M. Adresse liir Geldsendungen: Zionistische» Zciilrallntrcait: CharloUcnhtirg 2, Illcitrcusir. 49, Postscheckkonto WVH. — Bank• Koni«: A. 11. Hcytminn & Co., Berlin NW., Unter den Linden 59, Liberalismus oder Schutzjudenangst? Von geschützter jüdischer Seite wird uns aus Stettin geschrieben: In der letzten Nummer der ,,Jüdischen Rundschau" wird aitläniich des antisemtischen Verhaltens du Nationallihcralcn und einiger tausend sogenanntcr fortschrittlicher Wühler bei der Stielt wähl in Gießen wieder einmal darauf hingewesen, dail cs an der Zeit ist, unsere Stellung zu den ״liberalen‘’ politischen Parteien einer ernsten Nachprüfung zu unterziehen. Das Sündenregister auch der Port• schrittlcr ist wirkliclt groli genug, um endlich jene bedingungslose Gefolgschaft aufzugeben, die wir Juden seit Mitte des vorigen Jahrhunderts dem Libc* ralismus bewahrt haben. Leider — das muß zu un• scrcr Beschämung gesagt werden — ist für abseh• bare Zeit weng Aussicht vorhanden, daß hierin eine Wendung zum besseren cintrctcn, daß die Juden sich auf die Wahrung ihrer eigenen Würde besinnen und sch die ihnen gebührende Stellung im politischen Lehen erkämpfen werden. Die.Führer der Liberalen halten die unbedingte Gefolgschaft der Juden für eine so selbstverständliche1 Sache, daß sin es für überflüssig anschctv, irgend welche Rück• sichten zu nehmen, und wir müssen bekennen, daß der Mangel an Selbstachtung, der bei einem Teile unserer Stammesgenossen so betrübend licrvortritt, diese Nichtachtung zu rechtfertigen scheint. Ein klassisches Beispiel hierfür bietet zur Zeit die Rc ich s ta gsk a 11 did a t u r in Stettin. Hier hat der Vorstand des zu einem Drittel aus Juden he 1.;eilenden Wahlvcrcins der fortschrittlichen Volkspait.i als Kandidaten den Justizrat Lipp* m•nnn, einen getauften Juden, vor«esd\L\gcn. Aus der Versammlung heraus wurde von jüdischer Seite dagegen protestiert. Das erregte das Miß* fallen der Herren ״Liberalen“. Ma erwiderte, daß man den Juden keine? Extrawurst braten werde., Wenn die Juden so gegen einen getauften Juden vor- Hingen, so dürften sie sielt nicht wundern, wenn das nächste Mal ein Antisemit gewühlt würde. Der Vorsitzende, Herr Bracscl, sprach seine Verwunderung über den jüdischen Widerstand aus. Ob Herr Lippmann getauft sei oder nie 111, Jude bleibe er ja doch. Und ein Jude, Kommerziell• rat Manassc, der inoffizclle Führer der hiesigen Fortschrittlcr, erklärte es für einen Akt der Intoleranz, wenn Juden sich gegen die Wahl eines getauften Juden wehren. Herr Manassc hat freilich innerhalb seiner Familie die Toleranz so weit getrieben, daß ihm das Untcrsclieidungsvcmtögcn zwischen wahrer Toleranz und ödem Indilferentisrnus abhanden gekommen sein mag. Um übrigens dem Gefasel von Toleranz und Inlolcranz ein für allemal die Spitze abzubrechen, ״Der Zloiilsiiiut ei streit für uns!tldlsclic Volk die ] Sctia'fuiiB einer üllenillclweehiiich gcsicheitei, llclmsuttc in l'iilitsilna.“ litroltr R(0«r*n»״.. ßos öoa IhEsqU Liberalismus oder Scliuizludcuaiigst? — Offener Brief an Herrn Geh. Med. Ritt Pro!. Dr. Tuczek In Marburg. Von Dr. Julius Joseph Prager. — FriihliiigsgewlUer.' Von Dr. Jeremias- Posen. — Bericht über den II. Delcglertentag des Verblindes der jüdischen .lugendvereine In Deutsch• l:md uni 10. Mürz 1911 In Hannover. — Die all• gcmchigcschiclitllchcu Grundlagen der Palästina• bcstrebuugen Im 16. Jahrhundert und 111 der neuesten Zeit. Von Dr. Eugen Tü übles׳. — Aus silier Weit, — Ans den Gemeinden. — Ver• clusrtimlscliau. müssen wir hier zunächst einmal feststcllcn, daß die Frage der Wahl eines getauften Juden durchaus nicht vom Standpunkte der religiösen Toleranz oder liitolcraiiz und überhaupt von keinem rcli• g löse n Gesichtspunkte aus zu betrachten ist. — Wir haben bei politischen Waiden noch niemals nach der religiösen Steilung des Kandidaten gefragt und stimmen gegebenen Falles ebensowohl für einen positiven Protestanten oder K a 111 01 i k c n, als für einen Freidenker. Der Uehertritt vom Judentum zur herrschenden Kirche hat denn auch in den allermeisten ('allen mit der religiösen Ueberzeugung des Convertiten gar nichts, aber auch rein gar nichts zu schaffen. In fast allen Fallen handelt cs sieh dabei um rein weltliche Molive, um ein bloßes Handelsgcscbüft, um einen öden Gesmmmgsschachcr. Man will sich diejenigen Vorteile sozialer oder materieller Natur verschaffen, die dem Jaden unter den obwaltenden Verhältnissen versagt sind, diejenigen Hindernisse beseitigen, die. der . Karriere“ infolge der Zugehörigkeit zum Judentum entgegenstehen. Solche Gesinnungslosigkeit macht sich ja nuch auf politischem Gebiete immer inohr breit und dio deutsche Sprache hat dafür den wenig schmciclicihaften, aber dafür um so bezeichnenderen Ausdruck ״Strebertum" geprägt. Daß man dem politischen Renegaten weder mit besonderer liooliaclitung bcgegnet, noch ihm großes Vertrauen entgegenbringt, wird schwerlich Jemand bestreiten wollen, Dem jübischer, Convertiten tritt man dementsprechend nicht bloß in jüdischen, sondern auch in aufrichtig Christliehen Kreisen geradezu mit unvcrholcnem Mißtrauen und einem recht geringen Grad von Achtung gegenüber! Msm befürchtet eben mit Recht, dal) die grolle geistige Wandlungsfähigkeit, die zu einem soldien Ucbcririttc nun einmal unbedingt erforderlich ist, sich gelegentlich auch auf anderem Gebiete unliebsaut bemerkbar machen könnte. Dazu kommt noch, daß die jüdische Gemeinschaft in schwerem, ihr aufgedrungenen Kampfe um die ihr vorcntlialtcnen Rechte ringt, und man schätzt im allgemeinen denjenigen nicht besonders hoch, der in solchem Kampfe die Seinen verläßt, •um seine eigene Person in Sicherheit zu bringen. Wenn aucli nach Sir John Falstaff die Vorsicht der Tapferkeit besserer Teil ist. so kann" doch dieser umfangreiche Nichtgentloman nicht gut als vorbildlich angesehen werden. Wenn also, wie gesagt, zumeist der Uebertritt vom Judentum zum Christentum auf wenig lautere Motive zurückzuführen Ist, so mag cs ja auch Fülle geben, wo derartige Beweggründe nicht mitgesprochcn haben. Bei Herrn Justizrat Lippmann z. B. haben selbstverständlich . praktische Erwägungen“ gar keinen Einfluß auf seinen Uebertritt gehabt, der sicher aus rein Idealen Motiven erfolgt ist — daran wird niemand zweifeln dürfen. Daran haben sicher auch die Herren Justizrat Ehrenwerth und Dr. Samuel nicht gezweifelt. . Denn diese beiden Herren haben cs filr ihre unabweisbare Pflicht gehalten, gegen die ״An• maßung“ der jüdischen Wähler, die imbegreifiiehcrweise durch einen getauften Juden nicht vertreten sein wollen, einen geharnischten Protest loszulassen. Sic bemerken mit Entsetzen, daß der Widerspruch und seine Begründung unter unseren christlichen Mitbürgern ,.peinliches Aufsehen“ und ״arge Ver- Stimmung" hervorgerufen haben. ״Um sieb gegen den Vorwurf der Intoleranz und des Fanatismus zu schützen“, haben sie .,eine Gegenkundgebung für nötig“ gehalten. Sie fordern daher die jüdische» Wälder auf, zu erklären, ״daß sie den Widerspruch (gegen die Kandidatur Lippmann) und seine Begründüng auf das schärfste mißbilligen" und für diese Kandidatur ״mit Entschiedenheit cintrctcn werden." Daß der Einfluß der beiden Herren ausreiehen wird, um die jüdischen Wähler Stettins zu .solchem Akte der Selbsterniedrigung zu bringen, gestatten wir uns einstweilen zu bezweifeln. Im übrigen be• neiden wir die Herren nicht um ihr Schutzjudentum, dem cs vor allem darauf ankommt, nach außen hin nicht nnzustoßen. Aber w i r freie Juden müssen cs uns entschieden verbitten, daß sie sieh zu uuberufeilen Vertretern der jüdischen Wälder aufwerfen. Wir, das mögen die Herren sich doch merken, sind keine S c 11 u t z j u d c n . wir kämpfen als freie Männer, unbeeinflußt von Schutzjudenfurcht und Ghcttofurehl tun unser gutes Recht! Denn unser Recht und nicht eine mehr oder minder übelwollende Duldung ist cs, was wir beanspruchenI ,.Welcher Mann aber furchtsam mul verzagten Herzens ist, der muge gehen und nach seinem Hanse umkehren, daß er nicht das Herz seiner Brüder verzagt mache wie das seiuige." Dieses Bibclwort möchten wir denjenigen zur Beherzigung empfehlen, die doch alles andere eher sind, als Führer, mul besser getan hatten, weiter im Verborgenen zu bleiben. Als aufrechte Männer dürfen wir niemals durch unsere Abstimmung am Wahltage einem Manne unser Vertrauen erzeigen, der durch den Austritt aus unserer Gemcinscluu't, der er durch seine Geburt angehörtc, dargetan hat, daß er diese Gemeinschaft für inln* d c r w c r t i g erachtet — mögen seine Gründe sein, welche sie wollen. Wir dürfen das Vertrauen zu unseren Christ• liehen Mitbürgern haben, daß sic als freigesinnte Männer unser Verhalten zu verstehen und zu wtir* digen wissen. Wenn wir auf die Achtung u n - scrcr Mitbürger Anspruch erlichen, so dürfen wir vor allem unsere Selbstachtung, die Achtung vor unserer angestammten Gemeinschaft nicht außer Acht lassen! Herr Justizrat Ehrenwert ist Vorstandsmitglied der Synagogengcmeiiulc. Hie jüdischen Gemeinde- Wähler werden zu gegebener Zeit ernstiiaft zu erwägen haben, ob sie in der Gemeindevertretung noch ferner Männer am Platze finden, deren Anschauungen über jüdische Würde und Selbstachtung so eigenartige sind. Wir brauchen überall wahrltaft freisinnige Männer — die Zeit des Sch ein libcralismus ist vorüber. Aber auch der ״Zentralvcrcin deutscher Staatsbürger jüdischen Olaubens" wird nicht umhin können, liier klare Stcl- I u 11 g zu nehmen. Wir zweifeln nicht, daß er seinen ganzen Einfluß gegen die Kandidatur Lippmann in die Wagschale werfen wird. Soweit die Zuschrift, die uns aus Stettin zu- Ring. Was da in Stettin vorgeht, beansprucht eine prinzipielle Behandlung, über deren Art freilich in allen bewußt-jüdischen Kreisen eigentlich gar kein Zweifel möglich sein sollte, weshalb wir es auch fiir selbstverständlich halten, daß der Zentralvcrcin die Stettiner Kandidatur Lippmann ebenso wie jede andere antisemitische Kandidatur bekämpfen wird. ,Denn ein getaufter Jude muß uns, sowie er politische Aspirationen bekommt, fiir schlimmer als ein Anitscmlt gelten. Ganz abgesehen davon, daß wir cs, wie In der Zuschrift richtig hervorgehoben wird, aus