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Jüdische Rundschau · 1911-03-24 · Heft 12 (24.3.1911) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 12. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seile 137. müssen, das unsere Heimat sein soll, unü wo wir nidit nur auf Grund der Duldung leben dürfen. DieiciiiKCi■ Juden, die in England, Frankreich oder I)cutseltland ein glückliches und freies Dasein führen, haben keine Veranlassung, eine n\!uc Heimat zu suchenJ — sic, die sielt jeder Achtung erfreuen und die in vielen Füllen cinflulirciclic Bürger zivilisierter 1.ander sind, wird auch nicht der enthusiastischste N.ttionaljudc zur Auswanderung nach Palästina oder Argentinien veranlassen wollen. Wo alter finden die vertriebenen Juden Ost-Europas ein Land und eine lli'mtnt? Die nationale Idee Ist ebenso dienlich und notwendig für den Erfolg künftiger Kolonien in Argentimen, als sic cs für die in Syrien ist. Sie ist viel zu alt und viel zu sehr ein Teil des jüdischen Charakters, als daß cs mrtglich sein sollte, sie zu /ir.störcn, selbst wenn ihre Zerstörung nicht — wie w ie glauben gezeigt zu haben — gleichzeitig die Zer- Störung der jüdischen Religion wäre. Unsere Führer sollten alles, was in ihrer Macht steht, tun, um diese nationale Idee zu |)flcgcn und sie in praktischer, rationeller und vor allen Dingen natürlicher Rieht!mg zu entwickeln: — das Bestreben, sic zu er- >tvkcn, hiclic das Unmögliche versuchen und wird m nichts anderem enden können, ais gerade in dem Unglück, welches man zu vermeiden bestrebt ist. Ihn wilder Strom von undisziplinierten Zehntausenden würde die Folge sein; sic würden von Fanatikern nach einem Lande geführt werden, welches wohl fällig wäre, eine allmähliche Einwanderung ausgcw;Hüter und wohlorganisicrtcr Kolonisten aufzunehmen wo aber Tausende von irrcgcfübrlcn Ent- Imsiasten, um die sich die Führer im Westen nicht kümmern würden, elend zu eirunde gehen oder von der Wohltätigkeit leben müßten und dadurch allen Juden in allen Ländern den außerordentlichsten Srli.ulcn zufügen würden. Elim Henry d'Avigdor, der Antor dieses Aufsatzes iihcr die Entwicklung der nationalen Ideu unter den Juden, ist zu Anfang des Jahres 1805 im Alter von etwa iunfzig Jahren infolge eines Jagdtmiallcs gesturben. Der Aufsatz war von ihm im Herbst 1891 vcrialt worden und erschien damals in der Fcstbci-!.!ge des ״Jewish Chroniele" zu dessen SOjuhrigem Jubiläum. Er war der Sohn des Grafen Salomon Ilcmy d’Avigdor; sein Geburtsland war Südfrankreich. Mit 17 Jahren kam er nach London, wo er siel» der Ingenieur-Laufbahn widmete, brachte dann vicio Jahre auf Reisen zu und trat später auch schriftstellerisch hervor, besonders in Sport-Zeit- Schriften. Seine Tätigkeit auf dem Gebiete der jüdi• sehen Kolonisation begann im Jahre 1890. kurz, nachdem der Londoner literarisch-gesellige Verein ״Kai'intah” in die ״Chovevi Zion Society"!ungestaltet worden war. Elim d’Avigdor, Colonel Goldsmid und das Parlamentsmitglied Sir Samuel Montagu standen bald an der Spitze der kräftig entsetzenden Chovevi Zion-Bewegung, die bald allein in England 27 Einzclvcrcinc zählte und schon im Jahre 189-t in Paris eine Konferenz von Delegierten der verschiedenen europäischen und amerikanischen Landesverbände abhielt. Das Ziel dieser Konferenz war schon;utsgesprochcncrmaßcn eine Hilfsaktion großen Stiles unsere Akademiker gewiß ehrenvoll. Es wäre ein ל!itckchen — vielleicht nicht ganz schmerzloser Emanzipation. Wie cs die kostspielige Aufmachung des Büch-!׳.ins vorlangt, ist das ganze auf eine breitere Basis?!•stellt worden. Die Ausreden, die früher der Ein- Ehrung des jüdischen Vcreinslicdcrbuchs in jüdische Vereine bisweilen cntgcgcngchnltcn wurden, sind damit hinfällig geworden und der buclthändlcrische Ei folg sollte bei der heutigen Ausbreitung der iüdisehen Jugendbewegung gesichert sein. Mancher, der das ״Liederbuch Jung Juda" von fni'icr her liebt, wird sich ein Exemplar der alten Ablage zu pietätvollem Qedenken an die Zeit, da wir noch mehr unter uns waren, in seine Bibliothek stellen. Aber er wird sich freuen, wenn das Liederbuch auch in neuem Gewände den Weg zu recht vie* len Herzen findet und dort fortwirkend jene Begeiste* fung weckt, aus der allein es geschaffen werden konnte. fa. Zur Kenntnis des Orients Die ״Nene Freie Presse" (Wien) schreibt am 5• März 1911 über das *Levante-Handbuch“.*) *) Eine Übersicht der wirtschaftlichen Verhältnissc der europäischen und asiatischen Türkei, der christlichen Balkanstaatcn, Ägyptens und Tripolitaniens, Hcrausgcgcbcn von Davis Trictsch. ״Qca'- Vertag, Berlin 1910.- Preis geb. 5 Mk., brosch. 4 Mk. in Palästina für die bedrängten osteuropäischen Juden. Elim d'Avigdor erklärte damals in Paris: ..teil wünsche, daß meine Glaubensgenossen in der einstigen Heimat Israels sich niederinssen, wo ein Bruder neben dem andern arbeilcn könnte, wo de r Sabbat ein Sabbut aller, utui der Vcrsölmungstag im ganzen Lande gleich bcachtet wäre" Das Programm der Chovevi Zion legte er damals In den Worten nieder: ״Wir liahcn gar nicht die Absicht, die Juden aller Weltteile in- Palästina anzuslcdcln, uns haudelt cs sieb hauptsächlich darum, den Opfern der Verfolgung eine sichere Zufluchtsstätte zu verschaffen. Wir sind begeistert für die Kolonisation Palästinas, aber diese Begeisterung geht gepaart mit Umsicht unü Maß.“ Wenige Monate nach dieser Pariser Konferenz starb d'Avigdor. Niemand kann sagen, welche Entwickelung, die Dinge genommen hätten, wenn dieser glänzende Vertreter einer praktischen Palüstina-Politik am Leben geblieben wäre. D. T. AUS ALLCR W6LT ״ Deutschland Aus den zahllosen Zeitungsnotizen, die uns im Laufe einer jeden Woche die antisemitischen Ncigütigen unserer Mitbürger vermitteln, können wir nur von Zeit zu Zeit unseren Lesern eine kleine Probe vor(üi1rcn, da wir den zur Verfügung stehenden Raum meist für wichtigere Dinge benötigen. Dann alter bemühen wir uns mit den verschiedenen politisehen Parteien recht paritätisch zu verfahren. Von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken wird uns da das Material geboten. Diesmal finden wir in dem Zcntrumsblatt ,Die Freie Stimme" In Rudolfzell die folgende Notiz: ״Zurzeit gehen die ..Bauernfreunde" mit der roten Krawatte zum Fischfang auch auf das flache Land um die Bauern zu ködern. Mit frommen Augenaufsciilag predigen diese Wölfe in Schafskleidern von ihrer ..Liebe" zum Bauernstand, dem sic Wermutstropfen in den Lcidcnskelch gießen, auf daß ״Elend und Not allmählich verschwinden" und die glückliche Zeit des . Himmels auf Erden" komme. Reißen wir den Heuchlern die Maske herunterI Wie schauen sic dann drein? Der Jude Karl Marx war der Stifter der Sozialdemokratie, der Jude Ferdinand Lassaltc ihr erster Prediger und Prophet, der Jude. Paul Singer, der im Nebenamt auch Millionär war, ihr Vorstand, die Juden und Rechtsanwälte Dr. Frank, Stadthagen, Dr, llerzfeld, Hanse und sämtliehe Juden des Reichstags gehören der Sozialdemokratie an. Schon diese Tatsachen müssen die Bauern stutzig machen und recht eigentümlich berühren. . Auf welche Stupidität ihres Leserkreises diese liebe Gesellschaft nebenbei rechnet, geht am besten aus dem Umstande hervor, daß noch vor wenig Jahren eben dieselben Wähler für die Sozialdemo• kratic kommandiert wurden. Als ob seitdem erst all die genannten Führer vom Christentum zum Juden* tum übergetreten wären. Solche Heuchelei ist einfach ekelhaft! in zweiter Auflage ist nun dieses Handbuch erschienen, das bald ledern u n c n t bc h r lic h •sein wird, der dem nahen Orient praktisches oder theorctischcs Interesse entgegenbringt. Die Fülle des liier vereinigten Materials, das sonst auch nur in seinen Bruchstücken dem Einzelnen schwer genug zugänglich ist, muß erstaunlich genannt werden. Und dabei versteht cs der Autor vortrefflich, das Ganze nicht zu trockenen Ziffer nkolonncn einschrumpfen zu lassen, sondern cs lebendig zu erhalten und — immer auf statistischer Basis und auf Tatsachen fußend ־־ Beleuchtungen aktueller und politischer Fragen, Ausblicke in die Zukunft usw. einzufühien. So, wenn er in knappem Nebeneinander zeigt, daß der Ücsamthandcl Bulgariens im Jahre des Regierungsantrittes des Königs Ferdinand Hl Millionen Francs betrug und sich in zwanzig Jahren auf 2A2 Millionen erhoben hat. Oder wenn er den Aufschwung in der wirtschaftlichen Entwicklung Ägyptens seit 1888 bis 1907 In einer fortlaufenden Tabelle schildert: Export 21W% Millionen Mark, Import 157!4 Millionen Mark im ersten Jahre und Im letzten der Statistik ein Export von 640 Millionen Mark, ein Import von 518 Millionen Mark. 18$8 waren fünf neue Gesellschaften entstanden, 1906/07 108. Solche Anguben sagen so viel wie lange Abhandlungcn, nur sind sic exakter. In einem anderen Abschnitte, den der Autor ,Amerikanische Entwick¬ Marokko Man berichtet der ,.N. I. K.“ aus Jerusalem: Die hiesige Zeitung .,llaebcrutli" veröffentlicht einen Bricl aus Od sc 11 da in Marokko, in dem von grausamen ,fudcnmct/elelen in der nahen Stadt Debdo berichtet wird. In dieser Stadt wohnen 300 Jüdische Familien, die bisher in ihrer ״Meliali" (Judenviertel) ziemlich unbehelligt lebten. Vor kurzem brach nun eine Fehde zwischen den mohammedanischen Bewohtiern des Städtchens aus, und die beiden streitenden Parteien wühlten das Judcnviertel zum Schauplatz ihrer Kämpfe. Später überfielen beide Parteien die Häuser der Juden, raubten und plünderten alles, was ihnen unter die Hände kam, und richteten unter der jüdischen Bevölkerung ein entsetzliches Blutbad an. in den Straßen lagen zahlreiche jüdische Leichen umher. Kleine Kinder, die von ihren Eltern tagelang verborgen gehalten worden waren, ohne daß ihnen ein Schluck Wasser hätte gereicht werden können, kamen vor Durst u m. Einer Gruppe von 20 iüdisclicn Männern gelang cs, nach Odsehda, das unter französischem Schutz steht, zu entkommen. Hier Uberreichten sic den französischen Behörden eine Beschwcrdcschrift und wandten sich auch an die Aliiancc Israeli tc um Hilfe. Bisher ist nichts Näheres über den Erfolg dieser Bemühungen bekannt. Galizien Nachdem bereits in Krakau ein jüdisches Museum besteht, geht man auch ui Lemberg daran, eine ähnliche Anstalt zu errichten. Dieser Plan, der unlängst aufgeworfen wurde, hat in maßgebenden jüdisclicn Kreisen ernste Beachtung gefunden, um so mehr, als ein jüdisches Museum sieh gerade in Leinberg, das eine Menge eigenartiger und historisch denkwürdiger Wertgegenstände beherbergt, glänzend entwickeln könnte. PALAeSTINA-RUNDSCHAU Jerusalemer Chronik Das Frühjahr ist in Palästina die Jahreszeit der Touristen und Pilger. Leider lallt der Besuch des heiligen Landes durch jüdische Reisende trotz der in den letzten Jahren ab und zu vcranstaltoten Gesellschaftsreisen noch viel zu wünschen übrig und stellt hinter dem christlichen Touristen- und Pilgerverkehr weit zurück. Die Mehrzahl der europäischen Reisenden in Palästina besteht aus Russen und Engländern. Am 1. d. Mts. gelangte eine Gruppe von ca. 1000 Touristen, und einige Tage darauf eine noch zalilrciciicrc Gruppe von mehr als 2000 Personen, meist Engländern und Amerikanern, in Jerusalem an, nachdem bereits eine Woche vorher eine größere europäische Reisegesellschaft unscro Stadt besucht hatte. Infolge des regen Fremden- Verkehrs ist das kaufmännische Leben in Jerusalem wieder etwas lebhafter geworden, und auch die jüdisehen Handelsgeschäfte, Hotels usw. erzielen bcnächtliche Einnahmen, was die gegenwärtig hier herrschende finanzielle Krise einigermaßen mildert. Die durch Mißwirtschaft und unzweckmäßige Gcldgcbarung hervorgerufene Insolvenz zweier hie* siger jüdischer Wohlfahrtsinstitutc, des A11 e r s v e rsor g u n g sh e im s und der Je sc hi bah To * rath Cliahn. hat schwere wirtschaftliche Scltälungen im Orient" betitelt, beweist er durch das rapide Wachstum mehrerer Städte, daß der Orient aus seinem jahrhundertelangen Schlafe zu erwachen beginnt. Port-Said, vor fünfzig Jahren ein kleines Araberdorf, bat heute — dank dem Suczkanal — mehr als 50000 Einwohner. Beirut, vor hundert Jahren von 6000 Menschen bewohnt, beherbergt jetzt 150000, ist ein Hafen- und Handelsplatz von großer Bedeutung und wird eine riebtigej Toursitenstadt. Neben solchen statistischen Pikanterien findet man im Buche auch wichtiges Material, das manche Tages fragen aufklärt und auch für die Bedürfnissc des Kaufmannes zusummcngcstcllt ist. Eine Artikelserie über die bereits gebauten und die projektierten Eisenbahnen in der Türkei, ein Aufsatz über die daselbst bestehenden Landeigen• t um sv c r htt 11 ni s sc, der Wortlaut des österreichisch-türkischcn Entcntcprotokolls, die fremden, noch existierenden Postämter, die Zeitungen der Levanteiänder, eine Übersicht über ihre Maße, Mün* zeit und Gewichte, über ihre Nationalitäten, ein höchst ausführliches Kapitel über Kreta, eines über die Städte der Levanteiänder — so reichhaltig ist schon eine* flüchtige Auslese der Sujets, die im Handbuchc behandelt sind.

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