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Jüdische Rundschau · 1911-03-24 · Heft 12 (24.3.1911) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 136. JOD ISCHI: RUNDSCHAU No. 12, 't werde», der »her die Präge eine» Bericht erstatte» soll. Von den folgenden Rednern sprachen sich die meisten für Nissclowitsch' Vorschlag aus. Der Nationalist Zitowitsch beantragt dagegen, von einer Suhkonnnission sowohl wie von einem Referenten, wie überhaupt von jeder MatcrialzusammcnstcHuiig abzuschcn, sondern gleich an die Behandlung der Präge selbst licranztrctcn, da jedes Komnii.ssiousuiit• glicd bereits eine bestimmte Ansicht hierüber he* sitze. Die Pommissionsmchrlicit schloll sich jedoch dieser Meinung nicht an und bcschloll, einen Referen• ten zu wühlen. Wegen der Materialien wurde kein bestimmter Bcschhifl gefallt. Zum Teferenten wurde der linke Oktohrist Andronow einstimmig gewühlt, der bisher zur Präge der Abschaffung des Ansied• hmgsrayons noch keine Stellung genommen hat. Die Kommission beschloß noch, der Duma mitzuteilcn, daß sie nicht in der Lage sei. in der festgesetzten Monatsfrist ihre Arbeiten zii Pude zu führen. Praktische Polilik 11. Der politische und praktische Aspekt der natio• nalcn Idee ist das Schreckgespenst, das einige un* scrcr besten und edelsten Philantropen und erstaun• lieh viele unserer Gcistcs-Aristokralcn und Piihrcr absehrcckt. Die allgemeine Ansicht scheint zu sein, daß mit der Pflege oder Billigung der nationalen Idee eine Ermuligung der utopischen und unausführbaren Pläne einer Wiederherstellung des Hauses Juda zur Herr* Kltafl in Zion verbunden sei und zweitens, daß die nationale Idee voller Gefahren jeder Art für die Ju• den von Osteuropa wäre und möglicherweise so• gar im Westen Gefahren und Schwierigkeiten her• vorrufen könne. Nun wird aber die Idee einer Auswanderung ca massc, die alle Juden nach dem heiligen Lande führen sollte mit der Absicht, dort ein jüdisches Königreich zu etablieren, kaum von einzelnen Fanatikern geteilt, sicherlich hat keine einzige Person unter den Pührem unserer verschiedenen nationalen Gesell• schäften mit solchen Phantastereien das geringste zu tun. Die nationale Idee involviert keinerlei so weit reichende Plünc, keinen allgemeinen Exodus, keine rosenfarbigen Träume einer Wiederherstellung des Tempels, keine Verwirklichung der mcssianischet» Prophezeiungen. Wir wollen versuchen, zu zeigen, daß sic unterstützt und zur Wirklichkeit werden kann ohne politische Gefahren, sondern im Gegenteil mit der Wahrscheinlichkeit großer, politischer Vor• teile. Diese Verwirklichung ist so wenig visionär und so logisch, wie der Oang der Vorsehung — oder der Natur — cs immer ist. In den letzten Wochen ist ein großer Plan veröifcntlicbt worden, wie viele Hunderte von jüdischen Pamilien aus Rußland überpflanzt werden könnten nach einem freien Lande jenseits des Atlantischen Ozeans. Kolonien sollten dort gegründet werden in der vorsichtigsten Weise und unter der geschicktesten Leitung. Es ist kein Geheimnis, daß die argentiuisehe Republik das in Aussicht genommene Land ist; und wenn reiche Ponds, fähige Leiter, eine vielfache gesamten Inhalts war vom Herausgeber selbst bcstritten worden und die übrigen Beitrüge konnten bei der spärlichen Produktion nicht allzu kritisch gesichtet werden. Aus dem ganzen aber sprach eine glühende Begeisterung für das jung erwachte zionisti• sehe Ideal, die den skcptiscli Prüfenden beschämen mußte. In dieser Gestalt hat das Liederbuch Jahre hindurch seine wertvollen Dienste verrichtet; und es sind gewiß nicht die schlechtesten unserer heutigen Gesinnungsgenossen, die sich bei den Klängen dieser jüdischen Prcihcitslicdcr zum ersten Mal ihr Ver• gangenheit und Zukunft ihres Volkes begeisterten. — Wenn vor kurzem wiederum ein jüdisches Vercin&licdcrhuch die Presse verlassen hat, so waren cs bereits viele Tausende Junger Juden, die in allen dcutschsprcclicndcn Ländern sein Erscheinen mit Un• geduld erwarteten, Vieles was In jenem ersten Liederbuch Aufnahme gefunden hat, hat die kritische Auslese der sieben Auflagen überdauert. Vier Auflagen erlebte das Locwcschc Liederbuch und das vorliegende zählt als dritte Auflage des erstmals vom Berliner Bar Kocltba hcrausgcgcbcncn Vereins• licderbucltos ״Jung Juda". Schon die erste von den Turnern besorgte Aus• gäbe konnte sich mit Recht als eine eigene Schöpfung ausgeben. Denn die Erfahrung hatte die Iler* ausgeber einen tüchtigen Schritt vorwärts gebracht. Ueber die Erwägungen, die ihn bei der Zusammen• Stellung der Lieder leiten mußten, berichtet Dr. Max Z i r k e r, der das Liederbuch als Herausgeber zcich• netet Erfahrung und edle Absichten den Erfolg erzwingen können, so wird dieses Unternehmen Ihn haben. So wollen wir denn einige wenige Jahre vorauscilen und annehmen, daß eine Anzahl jüdischer Kolonien errichtet worden sei, deren Mclirzalil sich bereits seihst erhält und daß Argentinien für die russischen Pliichtliiigc das verheißene Land geworden sei. Ist cs irgendwie wahrscheinlich oder auch mir möglich, daß diese Kolonien, wenn sie siark bevölkert und wohlhabend geworden sind, sich von einer spärlichen imü gemischten Bevölkerung regieren lassen werden, die sich zu ungefähr gleichen Teilen aus bigotten spanischen Katholiken, unwissenden italienischen Arbeitern und barbarischen elngcboicnen Indianern znsammensetzt? Es ist klar, daß wenn die Kolonien irgendwie erfolgreich sein, wenn sic eine jüdische Bf volkcrmig anzichen und sich erhalten sollen, daß sic dann vom allerersten Anfang schon eine gewisse Art von Autonomie haben müssen. Je nachdem sie wachsen und gedeihen, muß ihr Einfluß und ihr Seibsthestimimmgsrcclit wachsen, und sic werden uiiverincidliolierweise von Jahr zu Jahr einen größeren Anteil an der Verwaltung des Landes, bc* anspriichen dürfen. Schließlich würde in nicht zu langer Zeit ein starker Komplex einer jüdischen Bc• völkerung in der argentinischen Republik sieh heraus• bilden und das jüdische Votum würde zu einem politischen Paktor werden, mit dem gerechnet wer• den mußte.*) Man kann nüt vollständiger Sicherheit Voraussagen, daß, einen Erfolg der argentinischen Kolonisation vorausgesetzt, die jüdische nationale Idee sich wird entwickeln müssen, ebenso wie die jüdischen Gebräuche, jüdischer Ackerbau, jüdische Industrie und jüdischer Wohlstand. Es Ist Ule iiiivcriiictdllciio und logische Kouscnueiiz der kompakten Ansiedelung einer großen Anzahl von Juden In einem dünn bevölkerten Lande, dnß sie mich und nach Einfluß gewinnen!missen und schließlich die Verwaltung In ihre Hände nclimon, sei nun das Stück Land, das sie elimehmeii, der Bereich eines Dorfes oder einer großen Provinz. Diejenigen, dlo den Boden bearbeiten und he• sitzen, die In den Pnhrlkcu tätig sind, die den Handel In Händen halten, sind die natürlichen Herren des Landes. 1 Und wenn ein ähnlicher Prozeß sich in Syrien abspiclen würde, so würden ähnliche Resultate ebenso unvermeidlich sein. Es ist wahr, die Verhältnisse sind einigermaßen andere, und d׳c Resultate, könnten sich um eine oder mehrere Generationen verzögern — aber was ist eine Generation in der Lebenszeit einer Nahen wie die unsere? Das türkische Reich ist viel älter und viel mächtiger, als die argentinischc Republik, und cs wird sehr viel schwerer sein, mit ihr zu unterhandeln. Aber auf der anderen Seite ist die spärliche Bevölkerung Syriens eine semitische. Wenn in Palästina eine Anzahl von jiidisdicn Kolonien errichtet werden könnte von einer Ge- Seilschaft, so mächtig wie die, welche sich jetzt mit der argentinischen Kolonisation befaßt, so würde das Resultat sein — wie ähnliche Fälle cs schon gezeigt haben — daß auch diese mit der Zeit tatsächlich *) Dies hat sich inzwischen längst und Im weitgellendsten Maße in den ״Vereinigten Staaten von Nordamerika" so herausgcbildct. ..Die einen wünschen die Aufnahme nur jüdischer Lieder in der Besorgnis, cs könne sonst das neu erwachende jüdische Nationalgciühl geschwächt werden; die andern möchten die allgcmeinen deutschen Gesänge, welche sic so gern und so oft gesungen, nicht missen. Der Herausgeber dieses Büchleins schließt sich den letzteren an. Denn er will, daß unser Liederbuch alle Töne, die in unscrcr Brust erklingen, wiedergeben, und dazu zählen doch auch die uns durch Text und Melodie, häufig durch beide vmvJcvbat ergreifenden deutschen Volkslieder,wenigstens soweit sie unserem jüdischen Empfinden, nicht widersprechen." Aus der Erfahrung zahlloser gut jüdischer Abende, froher Wanderfahrten und der Praxis des jüdischen Turnbetriebes heraus werden heute Hundertc dem Herausgeber Dank wissen, daß er sich der letzteren Ansicht angcsclüosscn hat. Denn nur so konnte das Liederbuch uns zu einem guten Preund und ständigen Begleiter ln allen frohen Stunden werden. Viele begeisterte und teilweise auch Ille* rarisclt bedeutsame Judcnllcdcr sind• im Laufe der Jahre geschaffen worden, für manche glaubte man auch, eine recht brauchbare Melodie gefunden zu haben, aber nur wenige haben sieh wirklich durchgesetzt. Manchmal ist cs wirklich schwer fcstzu• stellen, was dem einen häufig recht minderwertigen Liede zur Popularität verholten hat, während! andere vielleicht wertvolle Gesänge sich nicht clnbUrgcrn. Die gleiche Beobachtung läßt sich übrigens auch beim deutschen Liederschätze machen und der literarische X autonom würden. Unter der Oberherrschaft ,k. Sultans stehend, würden sie eine Provinz oder cm, Gruppe von Dörfern bilden, die der Pforte Steuer* zu bezahlen und Soldaten zu liefern hätte, aber 4° Recht besäße, ihre inneren Angclgcnhcitcn selbst ordnen. Die Kolonisation von Argentinien 04, Syrien durch Juden würde in der natürlichsten Weis« und ohne jedes wundervolle Eingreifen himmlisch״ Mächte oder derer, die auf Erden Vorsehung spkien wollten, unausweiclilich — wenn auch Voraussicht, lieh unter vielen Schwierigkeiten — das Umstehen homogener jüdischer Gemeinwesen >,״ Polgc haben. ' Von einer Emigration cn keine Rede, mm im massc ist bei üllcdcn! Unzweifelhaft würden die Kolonien, ob sic nun im Westen oder im Osten liegen,!n dem• selben Malte mehr und mehr unterdrückte Juden aus allen Weltteilen anzichen, als sie an Prosperität und Macht zunehmen wurden. Aber sicherlich k.mn ca solches Resultat nicht eine Oucllc künftiger Ge• fahren, sondern im Gegenteil nur eine größere Garantie künftiger Sicherheit werden. Man muß immer im Auge hclmlicn. daß der Hauptunterschied zwischen den modernen Judenverfolgungen und denen des Mittelalters der ist, daß wir jetzt unterdrückt und vertrieben werden als Landes- und Volkslrcinde, während man uns früher als Ungläubige gepeinigt und mißhandelt hat. Unsere Pcindc haben ihren Standpunkt verschoben. Vor 300 Jahren konnte die Taufe den Juden vollständig retten, heute gilt dies nur mit großen Einschränkungen. Man haßt ihn als einen Fremden und nicht als einen Leugner da christlichen Hcilslchrc. Wie u 11 b c d c u t c n d und schwach solche jüdische Dörfergruppcu oder sonstige Gemeinwesen im Anfang sein mögen, so müßten sic doch die Zukunft der Juden in anderen latndem im günstigen Sinne ändern. 0er Jude würde nicht länger ein Vagabund, ein heimat• loser Fremder sein. Wenn er als Bürger seines Ck• burtslaitdcs zurückgesetzt oder mißhandelt wurde, w hätte er doch einen Zufliiclitsort. ein sicheres As>l wo er unter Menschen seiner eignen Kasse un4 Religion in Frieden die Früchte seiner Arbeit gt- Hießen konnte. So wurde indirekt dit Existenz eines jüdischen Gemein• wesens die Verhältnisse und die Posi* tion der Juden in den Ländern, wo sx jetzt verfolgt werden, keinesfalls schädigen können, sondern viel wahr• schcinliclicr verbessern müssen, h der Existenz eines solchen Gemeinwesens allem hätten wir einige Garantie, daß unser Volk nicht immer und immer wieder von diesen furchtbar« Verfolgungen zu leiden hätte, denen die Forhchrisk der Zivilisation nichts von ihrer Grausamkeit £0 nominell haben. Wenn die nationale Idee nicht immer unter uns gelebt hätte, würden die Verfolgungen der Ict!• ten Jahre sic hcrvorgcbracht haben müssen. So hinge wir in vielen Lau lern als Fremde betrachtet werden, denen die Bim:crred1tJ verkürzt oder verweigert werden dürfen, s0 lange ist cs nur natürlich, daß wir ein eigenes L..1J such« Maßstah hat mit der Wertung dieses BuchUms nichts zu schaffen. Rythmus und ״Gesinnung" sin;'• die bei• den Faktoren, die diesen Liedern zu lebend;■׳.! Wirksamkeit im nationalen Handeln unserer jüdisch« Jugend verhelfen. Die neue Ausgabe*) weist gegen »ergehende eine Bereicherung um weit Hälfte der Lieder auf. Erfreulicherweise Handlichkeit des Büchleins dadurch nichts Die verschwenderische Anordnung in Vei teilen 5י' aufgegeben und leichteres Papier verue;1• ■׳ u®f' den. Audi sonst hat man die Erfahr» •.cu. ״'c in technischer Hinsicht auf diesem Gebiete genwe״ wurden, aufs beste verwertet. Ein nicht unbeträchtlicher Teil des ZawacW' Ist den hebräischen und Jtldischdcutschc» Lied«15 zugute gekommen. Auch der jüdische Teil m “cu' scher Sprache weist neue Dichtungen auf, von den« einige gewiß In späteren Auflagen wieder \vegblcibf werden, Die Studciitenhcdcr haben eine starke V£t' mehrung erfahren, die wir lieber den Turn* un Marschflcdcrn gewünscht hätten. Denn die Turn^ halten sich nun einmal an ihr Liederbuch, währen‘׳ cs fraglich ist, ob auch diese erweiterte Ausgabe י!״ überkommene Lahrcr Kommcrflbuch ganz wird v£' drängen können. Geschieht es doch, so ist das I» tuC ',Of* »her d|f hat d“ •.;;gebullt; *) Jüdisches Vcrcins-Licdcrbuc 3. crhobl. verbesserte Auflage (160 Seiten). »ז< Mk. 0,80 — I Kr. öst. W. Verlag der J Udi*che» Turnerschaft Berlin. ו¬ ו | A

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