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Jüdische Rundschau · 1911-03-24 · Heft 12 (24.3.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 12. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 135. Stellung der verschiedenen Parteien zum Amiseiuitis• 111 חs erbracht. Und da die Möglichkeit nicht zu leugneu isU daß das Bild in der Hitze des Wahlkampfes \erwischt wird, so soll es auch hier noch einmal fest•!:•‘halten werden. י Es muß fcstgcstcllt werden, daß die National• liberalen, die erst kürzlich bei der Raabscheu Rede >!.,11 Miiitiiretat eine ganz schöne Portion Entrüstung aufgebraucht haben, diesem Kandidaten Ihre Stimme naben, obwohl gewiß gewichtige allgcmeinpolitisclie l:.1 wiigungen dagegen sprachen. Man darf demnach aii-ichmen, daß die Bedenken, die man auf national• liberaler Seite insbesondere gegen einen Antisemiten strengster Observanz geltend machen kann, sehr liicht wiegen und — sicii's merken. Mau muß das 11! wenig durchdenken um die Aussichten der ״libcraten Morgenröte", von der in jüdischen Kreisen so• viel erhofft wird, richtig cinzuschützen. Also: Die N.iiimniHibcraien, die in unbewachten Momenten sicli gi will noch manchmal gerne der preußischen Ver- |;1'St!ngskümpfc erinnern, geben ihre Stimme einmutig einem Parteimann, dessen erster Programm- Punkt lautet: ״Vcrfassungsbrtich" einem Manne, der lu'imiht ist, neben anderen schönen Lehren den (il.ml'cit an den jüdischen Rituaimord zu verbreiten, das ist keine Kleinigkeit. In der Wertung solcher Hinge ist cs gleichgültig ob es sich dabei um eine Haupt- oder Stichwahl handelt. Das sind die Na• nat.oitallibcralcn. Die Freisinnigen, die bei den Wahle» 1907 den Antisemiten so mannhaft Stichwalil-Hilfe leisteten, hatten diesmal offizielt far den Sozialdemokraten entschieden. So wirksam, wie die antisemitische Parole der Nationallibcraieu war diese Entscheidung dann aber nicht. Da die SUmmenzahl des Sozialdemokraten zwisehen der Hauptwahl und der Stichwahl nur um 3646 gestiegen ist, so ist die Rechnung ziemlich klar. Von den 5500 fortschrittlichen Volkspartcilcrn haben 3016 die ansgcgcbcnc Parole befolgt, und die übrigen sind entweder zu Hause geblieben oder haben den anti• MiuiiisJien Kandidaten unterstützt. Die deutschen .luden haben numnehr 40 Jahre um die Gunst des politischen Liberalismus gedient und diese Stellung hat ihnen zahlreiche Feinde ge• schaffen. Vielleicht gibt die letzte Nachwahl manchem den Aula!'״ seine Stellung noch kurz vor den allgcmeinen;.hielt zu revidieren. - Die ״Nationulzcitung", der bei dem libcral-antijcmOischcm Erfolge nicht recht wohl zu sein scheint, macht den Freisinnigen, die sich in dieser Sache zu Richtern nufwerfen, eine nette Ocgcnrcclinung auf: ״Int Wahlkreis Flensburg, den damals ein langjähriges und woltl das am weitestens links stellende Mitglied der nationallibcraieu Abgeordneten- Fraktion vertrat, umwarb der Freisinn 1907 die Wald• »!;inner des Bundes der Landwirte und der Antiscmiten. Diese ergriffen eine so schöne Gelegenheit, den ״entschiedenen" Liberalismus zu kompromittirren natürlich mit Vergnügen und Italien dem Frei• sinn zum Siege. Der ehrliche l.inkslibcrale aber blieb iui der Strecke. Oder, kommen wir zu den Antisctu ten: Wer hat detut 1907 in Weimar dem jetzigen antiseinitisclien Vertreter zuttt Siege gegen die Soznklcmokratic vcrholfctt? Bei der Hauptwahl gab es H 400 Sozialdemokraten, 9000 Antisemiten und /2!k1 Liberal-Freisinnige. In der Stichwahl siegte der ׳ י׳!(Kennt mit 16800 gegen 11900 Stimmen. Und Kapuziner: <) Wähler, nach solcher Pfeife tanzt man. Wacht 11t cister: l׳;׳s ist ein Galiziancr. Von Witkowsky ein Landsmann. Kapuziner: II r seid für den Fortschritt? Wie mit den Worten ihr spielt. kmm denn vorwärts der gelten, der stets seitwärts schielt?; l^tm also tut ihr und keine Devise ׳ Eabl du. die anders lautet als diese: W ie machen wir’s, daß alles frisclt und neu ז U״d m» beschaffen, daß cs gefällt dem Goi? t Um diesen ״Fortschritt״ zu bekämpfen ' Und diese Assimilation zu dämpfen. . ׳,a hab euch lange gepredigt, mich ittüd Ich I ••’cid deutsch in deutschen Dingen, in jüdischen 1 jüdisch." U'tch wio übersetzet ihr dies auf berlinisch? ״I'tt jüdischen seid deutsch, in deutschem byzantinisch." Wachtmeister: 1;breit hie, unser Judentum können Sie schimpfen, Unser deutsch-nationales Qefühl aber nicht verun- gtimpfen. ist ne Gemeinheit. Macht ihm den Qaraus. '׳®fit ihn einfach zur Tür hinaus. (Der Kapuziner wird entfernt,) ׳° .־ draußen liegt er In der Qossb, ich aber gebe eine Annonce zu Mosse: Herr Schack aus dem alten Freisinnssitze Eisenach? Anno 1907: 7900 Sozialdemokraten, 7000 Schack- Leute, 6000 Liberale, darunter nach den früheren Wahlziffern mindestens 50 Prozent freisinnige Stirnttten. Stichwahl: Schack 9800, der Sozialdemokrat 9500. Der Antisemit war also mit freisinniger Hille — wenn auch teilweise durch das Mittel der Stbti* meiicutlialtüpg *־־ gewählt worden." Was nicht hindert, daß Nationallibcraie und Freisinnige bei der nächsten Beratung des MilltUrctats im Reichstage wiederum einig sind In der Mißbilligung der Zurücksetzung jüdischer Offiziersuspiranten. Aus der Duma Gegen die russischen Juden wird zur Zeit ein neuer Schlag vorbereitet. Wenn sie die Entlass u!1 g S 101 y p i n s nicht schwer, treffen kann, weil cs unter dem Regiment der cchtrussischcn Leute, deren Ehrenmitglied der Zar ist, ganz gleich ist, wie der Ministerpräsident heißt, so scheint cs immer mehr — was viel schlimmer isl! —• daß ihnen von dem Schcliipnriumcni, das sielt ״Gossudarstwennaja Duma" (Rcicltsdumu) nennt und ״Gossudarnala Duma" (Zarenduma) genannt wird, neue Gefahr e 11 (statt Erlösung) drohen. Ein Telegramm meldet: Petersburg, 20. März. Die Landesvertcidigungskonimissi'on der Reichsdutttu hat eine Resolution angenommen, in wcl■ eher sic aus der Erwägung heraus, daß die Juden nni das Heer zersetzend wirken, die Juden als ein für das Heer schädliches Element bezeichnet und den Wunsch ausspricht, daß ein Gesetzentwarf cingebracht werde, der die Frage der Wehrpflicht der Juden regelt (!) Die Annahme eines solchen Gesetzes würde na- Oirlich die völlige Entrechtung der Juden bedeuten. Wenn auch das nicht direkt zu fürchten ist, so zeigt es doch deutlich, wohin die Reise geht. Die D u m a k 0 m ttt i s s t o n, die sich mit dem Gesetzentwurf wegen Einführung der Sclhstvcrwnl• initg in RussUch-Polcn befallt, hat bereits ihren dar■ auf bezüglichen Bericht fcrtiggestollt. Betreffs der im Gesetzentwurf vorgesehenen Beschränkungen für die Juden heißt cs in diesem Bericht: ״Nach dem Städtegesetz vom Jahre 1892 können die Juden Mitglieder der Stadtduma nur in jetten Gouvernements sein, iu denen sie das Wahlrecht hüben, ־•• und auch dort nicht durch Wahl, sondern durch administrative Er• itennung. D11 nun Polen zu den Gebieten zählt, in denen die Juden das dauernde Aufentlmltsrccht haben, so liegt kein Grund vor, sie hier von den städtische•;! Sclbstvcrwaltungskörpcrsehaftcn' auszuschließen oder ihre Rechte mehr ciuzuschrUtiken als im Ansiedluugsrayon. Dagegen wurde die Gewalt• ruitg des unbeschränkten Wahlrechts an die Juden für die Semstwos in Polen einer teilweisen Losung der allgemeinen Jtidcitfragc in Rußland glcichkommen, was aber vorderhand und im Vorbeigehen nicht geschehen kann, Die Kommission schlägt dcshulb vor, die luden bis zu fünfzehn Prozent zu den S ctu s t w0 w n hle n in Polen zttzu lassen. ״Angesichts der wiederholten Störungen seitens junger national-jüdischer Elemente sehen wir uns genötigt, zu erklären, daß nur liberaio Gemeinde- Wähler Zutritt haben. Ausrufer: Auf zur Wahl. Hier das Wahllokal. Zcttclträgcr: Hier liberal! Ein anderer: liier der Zcntralf Ein dritter: Hört nicht drauf, ncinl Hier ist der jüdische Wahlvcrcinf Zirkus d-ircktor: (Am Zelt.) Wie sich die ganze Szene belebt. Der Dritte: Meine Herrn, haben Sic schon geklebt? Ein Wühler: Wolln Sie mir bitte nen Stimmzettel geben? Der Dritte: Geben Sie her, icli werd ihn’ eine kleben. (Der Wähler wird von drei Zetttdvcrtcilcrn zerrissen, hierauf wählt er.) Der üb. Zcttclvcrtellcr (singt): Bios wählt keine Liste, Bios wählt keine Liste, Mit dem Zionistenführer Klee, Der 3. Zcttclvcrtellcr: Wähle, wie du. wenn du stirbt, wünschen wirst geklebt zu haben. Die Kommission stimmt ferner der Bestimmung des Gesetzentwurfes zu. wonach Juden weder Stadtverordnetonvorsteher noch dere 11 Steilvertreter werden dürfen. Eine längere Debatte entspann sich in der Kontmisston über die Behandlung der getauften Juden, die im Regiermigsentwurf der jüdischen Kurie zugewiesen werden. Einige Mitglieder billigten diese Bestimmung, da die meisten Taufen nicht aus religiösen, sondern aus materiellen Gründen vollzogen würden und die getauften Juden Generationen hindurch echte Juden mit allen ihren Fehlern blieben. Die Kommissionsmehrheit schloß sieh jedoch diese! Ansicht nicht an. Erstens ließen sich Juden häufig aus religiösen Motiven taufen, und in zahlreichen Fällen seien sie ״wirklich gute Christen" geworden. Sodann könne man doch die Getauften nicht gänzlich entrechten: die Juden würden sic in ihre Kurie nicht aiifiiehmcn, und matt müsse sie daher der christlichen Kurie zuweisett. Die Kommission beschloß dement* sprechend, den betreffenden Paragraphen des Regienmgscntwurfcs dahin abzuäitdern, daß die getauften Juden nicht als Juden zu behandeln seien. ln der russischen Duma erzählte dieser Tago Graf Moarow, Baron Hirsch hätte an P o b e * dotiosu'w eine Million Francs für die rcchtgläubige Kirche überwiesen, in der Hoffnung, daß dies zur Abschaffung der jüdischen Wohnrechtsbeschränkttngen in Rußland beitragen wurde. Graf Uwarow fragte darum, zu weichen Zwecken diese Miliion benutzt würde und wieso man aus diesem von einem Juden stammenden Oelde Organe der schwärzeit Hundert, die Judenpogrome predigen, unterstütze. Der Berichterstatter für# den Synodeetat, Kowalewski, erwidere darauf, die 17 000 Rbl. jiihrilcli betragenden Zinsen jener Stiftung würden nur für Kircltcnschulen verwendet, nicht aber auch flir die von P u r isc 11 k e w i t sc h Iterausgcgcbcncn Zeitung ״Koiokol". — Die ganze Angelegenheit hat begreiflicherweise in Rußland Aufseiten erregt. Das Seltsamste dabei ist daß die Stiftung gerade an Pobedonszew, den faindischen Judenhasser, der an der Entrechtung der Juden die Hauptschuld trug, überwiesen wurde. Am 15. März fand die erste Kominissionsberalung über den Gesetzentwurf wegen Abschaffung der jüdischen Wolmrcchtsbeschrünkungen statt. Au der Sitzung beteiligten sich sämtliche Komniissionsmitglieder, sowie die beiden jüdischen Dumaabgeordneten Nissclowitsch und Friedinann. Der Vorsitzende, Duiitrjukow (Oktobrist), beantragte die Wahl einer Subkommission, welche die Frage eingehend studieren und die darauf bezüglichen Materialien zusammcnstcllen solle. Nissclowitsch sprach sich gegen diesen Vorschlag aus und erklärte sich bereit, die Materialien betreffend die rechtliche, ökonomische und praktische Seite der Fragt der Kommission zu unterbreiten. Er beantragte, vom Ministerium des Innern alle dort vorhandenen, die Judenfrage in Rußland betretenden Materialien abzudrucken und den Konuuissioiisinitglioilern zu überweisen. Statt einer Siibkonmtissioit müsse ein Referent gewählt C110 r der Schlepp e r (singen): Schlepper, kommt schnell in das Automobil, Schleppt alles ans Ziel, Aber bringt auch recht viel. Der 3. Zettel Verteiler (singt): Wähler, meine Liste, die ist ideal. Der 2. Zcttelverteilcr: Wühlt den Central. Der l. Zcttelverteilcr: Wählt liberal. Ein neues Vereinsliederbuch ״Habent sua fata libclli." — Als vor siebzehn Jahren — schon zwei Jahre nach Begründung des ersten nalionaljüdischcit Vereins in Berlin — Dr. Heinrich 1.0 ewe zum ersten Mal ein ״Liederbuch für jüdische Vereine“ hcrausgab. da enthielt der erste Teil des Büchleins etwa zwei Dutzend Lieder jiidi* * sehen Inhalts in deutscher Sprache. Dann folgte eine stattliche Anzahl von ״Gedichten zum Vorträgen" und den Beschluß bildeten einige wenige hebräische Li«• der. An der Spitze die ״Hathikwah". Damals war dies kleine Liederbuch eine ganz ntillcrordcniliclie Tat. War es doch der erste Beleg dafür, daß das gesellige Leben in jüdischen Kreisen begann über den engen Rahmen der Familie hinaus Wurzel zu fassen, daß cs bereits Vereine gab, ,die nicht so sehr jüdische Wissenschaft, wie Jüdisches Leben pflegen wollen". Wohl der dritte Teil des

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