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Jüdische Rundschau · 1911-03-24 · Heft 12 (24.3.1911) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 134. I U E D 1 S C H E R UNDSCHAU No. 12. ligiöse Gefährlichkeit des Zionismus in ihrer ganzen Größe endlich klargcstellt zu haben. Daß auch ein Atheist Zionist sein könne, sollte uns ein liberaler am wenigsten vorrechnen können. Wenn Orthodoxe einen sol* dien Vorwurf gegen uns erhebest, so werden wir ihnen antworten, daß wir so wenig wie eine andere poliitsche Partei Oesinnungsriecherei treiben können und jeden aufnelimcn müssen, der sich Jude nennt und nicht offenbar anti* jüdisch handelt. F.inc religiöse Partei sind wir nicht, und auch keine antireligiöse. Hin liberaler Rabbiner aber hätte die Atheistensuche etwas näher bei sich beginnen sollen. Es verlohnt sich in der Tat fast nicht, diesen ganzen Vorstoß des Herrn Dr. Goldmanu ernst zu nehmen. Mit allen den vielen anderen Vorwürfen des ״Liberalismus“ gegen uns ist cs bislang nichts gewesen. Und was hat man uns nicht alles vorgeworfen! Mangelnden Patriotismus — fehlendes Staatsbürgerbewußtsein — ja, bis z.ur Absprechung der bürgerlichen F.hrenrechte hat man sich bekanntlich verstiegen. Alles hat nichts genützt. Unsere Kolonisation gedeiht, unsere Bewegung geht vorwärts. Trotz alledem! Jetzt endlich hat der L i b c r a 1 i s m u s — risum teneatis, amici! — der «ins Zionisten stets die Bundesgenossen der O r t h o d o - x i e nennt und im Kampf gegen uns steht, weil wir für die Erhaltung der hebräischen Gebets- Sprache und gegen die assimilationswütige Christianisierung des jüdischen Gottesdienstes immer die besten Streiter gewesen sind, eine neue Waffe gegen uns entdeckt — der Liberalismus scheut nicht die Lächerlichkeit, aus seinem wahrhaftig dürftigen religiösen Arsenal solche stumpfen Pfeile gegen uns auszuschicken. Der jüdische Liberalismus als Hüter der jüdischen Religion gegen die bösen Zionisten — ist’s nicht zum Lachen! Wir begrüßen diesen neusten Angriff mit unverhohlener Freude. Wie armselig muß es um die Kampfmittel unserer ״liberalen“ Gegner bestellt sein, wenn sie zu solchem ungeschickten Angriff ihre Zuflucht nehmen! Seid frohen Mutes, Freunde — und freut Huch «auf den nächsten liberalen Trick! ״Wen Gott verderben will .“ Armer Liberalismus! ן 1:111 feUer disziplinier((: Zionist sollte seine l: 11 r e darein setzen, noch vorm Alitauf des ersten Quartals 1911 seiner Verpflichtung gegen unseren Organ 1• satioiiBtonds nncIiziiKonimen. ln den Orts• gruppen und Vereinen beschleunige man tunlichst die Einziehung dieser not wendigen Steuer! יי־ Gut Purim! Aus der satirischen jüdischen Revue, die die Berliner zionistischen Vereine auf ihrer Purmtcicr zur Aufführung brachten, geben wir im folgenden eine Probe. Das erste Bild zeigte das Vorzimmer eines Sitzungssaales, in dem die Herren B o m b a s t c u s. Putte rer. Scribifax, Frau Pb rasa und Moncta das Jubiläum der 25. Rettung des Judentums begehen. Nur einer ist der Zutritt verwehrt: dem Judentum selber (״Sulamlt"). das draußen in der Garderobe Weihen mwft. Hier WitU cs den PuWikus. der ebenfalls nicht hinein dar(. Um zu sehen, ob cs noch jüdisches Leben gibt, ziehen die beiden in dei Welt umher und geraten in das Getriebe der jüdischen Wahlschlucht, deren Betrieb nach der Revue z.u urteilen. Schiller in Wallcnstcins Lager schon vorgeahnt haben muß. Wir bringen *aus diesem Bilde ein Lied und einen Teil der Wald und brauchen, damit der Leser den Sinn dunkler Andeutungen versteht, nur an die letzte Rcnriisentantcnsitz.ung und au das von Autoritäten auf dem Gebiete indischen Wissens wie Ludwig Fulda und Otto Brahin Unterzeichnete Flugblatt der liberalen Wohtvcrelnigung z.u erinnern. Aus Wahlensteins Lager Stimmen im Volk: Hcilla, da kommt der Kapuziner! Wachtmeister: Sic predigen? Ich bitte sehr, sich zu sputen, Gesinnungsgenossen! Nach langjährigen prinzipiellen Kämpfen hat sich innerhalb unserer Bewegung allmählich die Ueberzctigung chirehgerungen, daß die zionistischc Organisation als eines der wichtigsten Mittel zur Erreichung des Endzieles diejenigen Institutionen schaffen muß, welche nötig sind, um die praktische Kolonisation in Palä s t in a ins Werk zu setzen. Der Jüdische Nationalfonds, der dazu bestimmt ist, Boden in Palästina zu erwerben und ihn im dauernden Volkseigentum zu erhalten, ist eine dieser Insti• tutionen. Seine Popularität und damit seine Spendencitigängc sind seit der Verbreitung jener Erkenntnis gewaltig gestiegen, und es ist als sicher an/imclimen, daß diese Progression seilies Wachstums anhalten wird. Aber es genügt nicht, den Boden als Eigentum des jüdischen Volkes zu kaufen, denn kapitalkräftige jüdische Pächter gibt es nicht in Palästina. Der Boden muß bewirtschaftet werden, jüdische Arbeiter müssen auf den zu schaffenden Nationalfonds• gütem ausgebildet und durch Gewinnbcteiligung zu späterer Selbständigkeit befähigt werden. Ferner ist es nötig, für Juden, welche einiges Kapital besitzen und nach Palästina übcrsicdein wollen, wirtschaftsfühmc Parzellen zu schaffen. Zu diesem Zwecke wurde die Palestine Land Development Co. (P.L.D.C.) ins Leben gerufen, eine Aktiengesellschaft mit 50 000 Aktien zu ein Pfund. Die P.L.D.C. hat sofort nach ihrer Konstituierung den bis dahin nicht von Juden bewirtschafteten Nationalfondsgrund am Tiberiascc gepachtet, bepflanzt und eine Mustcrfarin mit jüdischen Arbeitern (Kincreth) darauf geschaffen, deren landwirtschaftliche Leistungen von den maßgebenden Fachleuten einstimmig anerkannt werden. Ferner hat sic schon nach Ablauf eines Jahres eine auf Körnerhau beruhende Genossenschaft von Arbeitern mit bestem Erfolge als Pächter in Kincreth selbständig machen können. In diesem Jahre hat die P.L.D.C. eine zweite auf Gemüsebau bastierende Arbeitergenossenschaft organisiert. Diescr Versuch bedeutet einen neuen aussichtsrcidien Weg zur Sclbständigmachung jüdischer Arbeiter in Palästina. Außerdem hat sic eine Baumschule für Pflanzmaterial angelegt, sowie für Rechnung privater Interessenten mehrere Grumlkäufe abgewickelt und ist gegenwärtig mit der Einrichtung privater Plantagen beschäftigt. Dieser kurze Ueberblick über ihre bishcrige Tätigkeit gibt ein klares Bild dessen, was die P.L.D.C. im Rahmen unserer Arbeit bedeutet: Sic ist jeae Institution, welche die praktische Kolonisationsarbeit für besitzende und besitzlose Schichten der Judcnheit durchführt. Angesichts der eminenten Wichtigkeit der P.L.D.C. für unsere Sache ist es betrübend zu Denn bei uns darf kein Prediger und kein Rabbiner Länger ,sprechen als zwanzig Minuten. Kapuziner: llcliin, juchhciu, didcldunidcK Das geht ja liocli her! F.i weih, ei weiht (Zu den Liberalen:) Ist das nicht wie eine Armee von Christen? (Bemerkt die Zionisten.) Oder sin’s Türken? — Wenn wir dies wüßten! Immer heftiger wütet der Krieg, Wem denn schließlich wird der Sieg? Sind docli eure Flugblätter geworden zu Plucliblüttcrn, )iure Versammlungen zu Thr-Vcrrammlnngon. Wir fragen bei all euren Agitatoren: Wo bleiben die Agi? Wir sehn nur die Toren! Und in euren Reden — ich hörte schon viele — Greift ihr stau zum Stile nur zu die Stühle. Ubi erit vicloriac s!>cs Si offenditur Deus. Was heißt denn des? Wer beten will -- fromm die Knicc beug er Und frag nicht nach Orgelspieler noch Geiger. Doch davon nichts weiter, denn dieser Mußjö — das ist schlimm! — Ist gar aus Buchau am Fedcrscc — bim, bim, biml Darum nur weiter Im Texte gleich: Ht all iltis — drum sage ich euch: Neminem concutiatis- Wachtmeister: Bitte nicht so viel hebräisch! Kapuziner: Daß ihr die Rabbiner mehr respektiert, Ncquc cahmmiam facialis: sehen, daß das Verständnis für die überragende Bedeutung dieser Institution noch wenig Verbreitet ist und die Werbearbeit für sie bisher nur an einzelnen Orten mit dem nötigen Eifer betriebin wurde. Allerdings ist im Jahre 1010 von allen Zionisten große Energie für die Bescliafftmg des (kuossensehaltslonds aufgebracht worden, und um den Sammlungen für diesen Fonds keine Konkurrenz z.u machen, hat die P.L.D.C während des vergangenen Jahres keine größere Propaganda entfaltet. Nachdem aber nun der Genossenschaftsfonds aufgebracht ist, gilt cs die frei gewordene Energie auf die P.L.D.C. zu Jenkcn. Fs handelt sieh bei dieser nicht um Spen. den, sondern tun Beteiligung an einem Erwerbs, unternehmen, dessen Kapital in wertvollem Boden und Pflanzungen investiert wird, und das aller Voraussicht nach eine gute Verzinsung abwerfen wird. Jede Aktie der P.L.D.C., die verkauft wird, bedeutet einen Schritt weiter in der tatsächlichen Besitznahme des Bodens in Palästina durch jüdische Arbeit. Gesinnungsgenossen! Das einzige tiagiähige Fundament für den Wiederaufbau eines normalen jüdischen Volkslebens bildet ein zahlreicher Stand jüdischer l.andbebauer in Paläs• tina. Die P.L.D.C. ist jene Institution, wdche dieses Fundament zu errichten imstande ist. Wenn jeder ideal gesinnte Jude einen kleinen Teil seiner Ersparnisse dieser wichtigsten Arbeit für die Zukunft des jüdischen Volkes widmet, wird die jüdische Kolonisation in Palästina in kurzer Zeit in ungeahnter Weise aufbliilieti. Mit Zionsgruß! Palüslina-Rcssort der zionistischen Organisation Prof. Dr. O. Warburg. Giessen-Nidda Fs Ist gewiß irreführend, den Antisemitismus in Deutschland mit dem Fähnlein von Mittclständlern zu Identifizieren, deren wirtschaftliches und intelicktuellcs Unvermögen sic zu einer Desperado-Politik verleitet, mtd sie alle Gesetze des Anstands mul der Sitte für nichts achten läßt. Und wenn cs wirklich gelingen sollte, bei den kommenden Reichstagswalden diese Leute dem Volkshause fernzuiiaitcn. so würde das eben bedeuten, dal» der Antisemitismus als solcher in Zukunft seltener kompromittiert werden und daß die jmlcnfcindlitlicn Reden den besser erzogenen Abgeordneten der anderen Parteien Zufällen würden. Nach dem Ergebnis der Nachwahl in dem hessischen Wahlkreis (iiclienürunbcrg-Nidda scheint cs damit jcdocli noch gute Weile zu haben. Hs handclt sieh hier tun eine Hochburg des Antisemitismus und der Umstand allein, daß sie auch der gegenwärtigen demokratischen Welle stamlgchnlten hat, wäre nicht allzu verwunderlich. Aber dier« Stichwahl hat doch recht interessante Aufschlüsse über die Und keine Flugblätter und Annoncen schmier:. Sonst kommen in Massen die Juden gelaufen, Tun Buße und lassen sich taufen Oder fragen: Quid faciamus nos? Wie machen wirs, daß wir kommen in Otto B.־.<'!ms Schoß? O Volk, nimm an von mir gute Lehren, Gehe in dich! Sprich, ich will mich bekehren Oschnnmu bogadim, wir haben gcircvclt. Doch jetzt sei die Sünde ausgcscliwefelt, Für die dir sonst Ra witsch gebührt oder Spau-iu, Drum wählt nur Lewinsky. Kirschstcirt und La,Bau. Wachtmeister: Fr spricht als Gegner? Das geht zu weit. Gleich schließe ich aus die Ocffcntliclikcit. K a p u z i n c r: Aber wie soll man die Wähler loben. Kommt doch das Aergernis von oben. Wie hier, ist der Repräsentant überhaupt. Weiß doch keiner, an wen der glaubt. Wachtmeister: Halt. Volle Redefreiheit, wie Sic wissen, Aber wer gegen uns spricht, wird rausgcschmisscn. Ritten Wink, schon erscheint der Büttel. K a p ü z i n e r: Warum kam ich wohl her im Kapuzinerkittei? Machte mir die Verkleidung zu Purim Spaß? Nein. Aber jene hören nur auf das, Was man predigt im christlichen Gewände. Wachtmeister (zum Nachbar): Meint er das ironisch? (laut): Das ist eine Schande. Kapuziner: i 5 ׳ 1 * I J I 1 I i I I z i ן 4 1! I 1 i I 1 ו

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