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Jüdische Rundschau · 1911-03-17 · Heft 11 (17.3.1911) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 11 (17.3.1911)
Date
1911-03-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. n. IUEDISCHE RUNDSCHAU Seile 127. flus Grossmütterchens Tagen Von Wilhelm Bc r k e 1 ha nun er.!Schluß). Nur zu bald zeigte sicli der Einfluß der neuen Uleeu auch im jüdischen Familienleben. ״Ein' feste und Waffen" war cs jaiir* begannen seine Grundpfeiler ״Unvermerkt dringen in die Eainilicnsittcn fremde, nicht- Noch eine Generation, und mutet wie ein hingst ver- U) J INH 1 Ihn«, ein' gute Wehr Immlerlelang, und nun bedrohlich zu wanken. 111 wüchsigen jüdischen jüdische Elemente ein. da alte jüdische Sitte kl.mgeitcs Märchen an." Wollen wir nicht vergessen, daß der Emanzip,monsnnsi11rm nur die oberen Zehntausend berührt und ins Wanken gebracht hat; tief unten im Volke biatctc sieh zu jener Zeit einerseits der Cliassidisums aus, andererseits fanden grollen Anklang die ..Asketen", die Prediger der Wohltätigkeit und Reue (UVb Israel Salanter u. a.), für die Grollmultcr Wengeroff ein schönes Wort prägt: ״Es waren kleine Leute, aber grolle MenschenI" Uns interessieren aber vorläufig jene, die Oberen. Und da kam nun ״die dritte Generation, die wuler Gott noch Teufel fürchtete". Das waren Kinder jener Eltern, die selbst noch in Jüdisehkcit aingewaehscn sind, die aber ihre Kinder in Jüdischheu weder erziehen konnten noch wollten. ״Sic winden Atheisten" - - meint Paulinc Wengeroff mit tiefem Kummer einer entrüsteten Grollmutter. Atheisten — auch im nationalen Sinne, wenn dieser •Ausdruck gestaltet ist. Denn sic hatten weder jiidisehe Anregungen, noch jüdische Empfindungen auf emeu harten Lebensweg mitbekommen. Und so gab man auf der ganzen Linie das Alte rücksichtslos auf. ״Der Zeitgeist siegte." Wenn wir zu diesem Umstande noch zwei andere hiu/.iitügcn, 11. z. die Russifizlcrung der Juden durch die Regierung in den 00er Jahren und' ״die finstere, I.;׳l1e. stiiriivisclic Pcrodc der 80er und 90er Jahre, so halmi wir vor uns das fertige, klare Resultat. Es lieiih Taufe. Ich will mich darüber nicht näher verbreiten — mau möge Paulinc Wcngcroffs Memoiren lesen, mit Liehe lesen. Da wird man unter anderem fühlen und verstehen lernen, was es heilit, wenn das Herz einer jüdischen Mutter, die im tiefsten Innern ihrer Seele glaubend ist, verblutet — direkt verblutet . . . Die Geschichte der jüdischen Prau in Rullland im 19. Jahrhundert, wenn sie in wahrhaft religiöser Atmosphäre aufgewachsen ist, stellt eine grolle Leidenskette dar. (Nur die höheren Stände sind liier gemeint!) Der Mann versinkt tagtäglich tiefer im Europäisiernngsrausch, die Frau — bleiln Jüdin. Daraus entstehen tausend Kämpfe, in denen ״die Schwächeren blutenden Herzens" nachgeben müssen: die Kinder fallen dem Vater anheim . . . Diese Leidensgeschichte der jüdischen Frau, in der sie in der schönsten Aureole der Anhänglichkeit an Volk und Glauben untergeben muH, erzählt uns Grollmultcr Wengeroff mit epischer Wucht und tiefster Innigkeit. Denn sic machte sie selbst durch, ohne daß ihr das Aeußcrstc, das Schrecklichste erspart geblieben wäre. — Aus Liebe zum Manne und zur Familie hatte sie allmählich, nicht ohne schwere innere Kämpfe und Gewissensbisse, nachgegeben — so ist die koschere Küche auf den Boden gewandert, so sind die fremden Haare den Weg alles Vorgangliehen gegangen — nun kam aber das, woran die bloße Erinnerung das Herz Stillstehen macht. ״Im jüdischen Leben ging alles durcheinander, cs herrschte ein wahres Tohuwabohu, Aber der Geist Gottes schwebte nicht über der Oberfläche." - Zu dieser Zeit nahmen Pauline Wcngcroffs beide Söhne die Taufe an- ״Die Taufe meiner Kinder war der schwerste Schlag, den ich in meinem Leben erlitten habe. Aber das liebende Herz einer Mutter kann so viel ertragen — — ich verzieh ihnen und schob die Schuld auf uns Eltern." Die einstige Pesic, die ja ihr ganzes Leben lang Pesic geblieben ist, verzeiht ihren Kindern, die sich taufen — wohlverstanden, taufen lassen. 0, du jüdische Mutter, du reizendste Blüte unseres Volkslebens, du wunderbare Perle heroischsten Opfermutes, du heiliges, unergründliches Mystcrium der Liebe! .... Einmal erscheint uns Pauline Wcngcroffs Mann wirklich groß. Das ist der Moment, wo er seinem älteren Sohne, Simon, nach der Taufe nur folgende Worte schreibt: ״Es ist nicht schön, das Lager des Besiegten zu verlassen." — Für Großmutter Wengeroff war, abgesehen vom Tode des Mannes, dies das letzte große Ereignis ihres Lebens. ,Allmählich verlor dieses Leid für mich die Bedeutung eines persönlichen Erlebnisses, immer mehr wurde cs zu einem Nutionnlunglßck. Ich betrauerte nicht nur als Mutter, sondern auch als Jüdin das ganze jüdische Volk, das so viele edle Kräfte verlor." '' Wir sind bereits auf den Höhepunkt angclangt: der Zersetzungsprozeß drohte mit* vollständigem Untergang. Das Judentum stand am Rand des Abgrundes. ״Aber es haben sich in jener f i n - stcrcn Periode nicht alle aufgcklärten Juden zu den Fremden verirrt— Aus den finsteren Wolken bricht siegreich der erste Sonnenstrahl hervor, — die erste Frühlingsschwalbe — Dr. Pinskcr . . . Und dann Lilicnblum — und dann die vielen, vielen anderen ... Gcbcncdcit seid ihr alle, im Namen des LebensI t Großmutter sitzt am Kamine und wundert sich... Was? wie? . . . Sie will nicht glauben ... — ja, ja, auf die alten Tage sicht man eben schlecht, denkt sic und reibt sich das Traumgesicht aus den Augen... Und schaut wieder ... Da beginnt ihr Herz höher zu schlagen und die alten Hände zittern . . . 0״ Wunder des Blutes 1 Die Kinder, deren Eltern sich vom Judentum abgewendet, kehren zu ihm zurück. Sic seltnen sich nach ihm und nach der alten großen jüdischen Melodie, die sic nie gehört . . ." Und Großmütterchen erhebt sich um Kamine, eine Flamme in den Augen, ein Zittern im ganzen Körper — ״teil danke Gott, daß cs ihm gefiel, mich bis zu diesem Tage zu erhalten, und daß cs mir vergönnt war, die Stunde schlagen zu hören, die so große Wandlungen im jüdischen Leben brachte, das Wiedererwachen der Zionslicbc, das Ringen um die volks■ verwaiste Jugend. Gleich an dem ersten Klang er■ kannte das alte Herz die große jüdische Melodie, die so lange geschwiegen und einst so tief und so weit ertönte . . .“ Wir aber, die wir mitten im Kampfe dastchcn und mitstreiten, hören mit offenem Mund und Augen Orofimilllcrclicns Geschichten zu und denken im Stillen: Wie schnell wir doch leben! Da sind Be gcbnissc. die vor einer Mctischcngcncration lebendigste Wirklichkeit waren und nun muten sic uns wie nltvcrkhmgenc Märchen an. Noch lebt Großmütterchen, die sic von Angesicht zu Angesicht mitgcfüiiit und gelitten, und schon sind wir so weit, so weil von dannen . . . Wir leben eigentlich kein Gestern und kein Heute — wir leben den morgigen Tag. Was war, ist uns Geschichte, Großmütterchens Erzählung . . . Aber wir lieben Qroßinüttcrchcns Erzählung. Weil cs Großmütterchen ist, die uns erzählt, und weil cs unser Leben und Leiden erzählt, worin leise Musik der Zukunft ganz heimlich singt rauscht . . .*) eine und Procksch-Grcifswald gegebene Ucbersicht über den ״Schauplatz der Geschichte Davids" bringt uns den König als genialen Förderer und Mehrer des Reiches näher. Einen knappen aber sehr anschaulichen Bcrieht liefert Macalistcr über die Ausgrabungen zu Gczcr. Kleinere Beiträge behände!» die Lage von Gethsemane und einige Psalmstcllen ״in palästinischer Beleuchtung". Der inhaltrcichc Band schließt mit der Beschreibung eines Streifzuges durch das jüdäischc Land und die Philistcrcbcuc. Palästhiajahrbncii. VI. J a 11 r g a n g (1910). Das Jahrbuch wird cingclcitct durch einen Appell des Stiftungsvorstandes an die deutschen evangclischcn Kirchcnregicrungcn für die Ausstattung des Instituts mit einem eigenen Heime. Wir würden uns freuen, wenn dieser Appell Erfolg hätte, denn die Entwickluttg der Anstalt kann der Wissenschaft und dein Lande nur zum Vorteil gereichen. Aber mit gemischten Gefühlen lesen wir, wie unter den Gründen für die Sammlung eines Baufonds auch geltend gemacht wird, daß Jerusalem ״in neuester Zeit von einem Ring von Judcnkolonicn mit unbeschreiblichem Schmutz und tieftraurigen gesundheitlichen Verhältnissen eingcschlosseu wurde." Ich habe seinerzeit von dem ״unbeschreiblichen Schmutz" der neuen Judcnkolonicn nicht viel wahrgenommen und glaube, daß aus diesen Worten eine gewisse Verstimmung über die fortschreitende Judaisierung Jerusalems nicht undeutlich hcruusklingt. — Wenn dagegen im diesjährigen ״Reisebericht" gesagt wird, daß die große jüdische Kolonie Zainmarin (Sichron Jacob) in der sauberen Haltung der Häuser und Gärten sich mit den deutschen Kolonien Palästinas nicht messen kann, so hat das schon mehr Berechtigung und kann leider von den jüdischen Kolonien im allgemeinen gelten. Besonders wertvoll ist im Jahrbuch 1910 eine Abhandlung von Prof. Dalman über ״Einst und Jetzt in Palästina". Die irrige Meinung vieler Europäer, man könne in Palästina biblische Sitten überall um Wege auflescn, wird korrigiert und es wird dargetan, wie das Land sich nllmühlich in vielen Beziehungen verändert hat, hinsichtlich der Topographie, des Baumwuchscs (eine ganze Anzahl von Fruchtbäumen, auch die massenhaft vorkommende Kaktusfeige sind Einwanderer), der Architektur, Huuscinrichtung, Kleidüng usw. Mit vollem Merzen können wir den Schlußworten des Artikels zustimmen: ״Wer hier bloß germanisieren oder europäisieren wollte, würde nicht am Fortsciiritt. sondern am Niedergang des Landes arbeiten," und ״die wahren Freunde des Landes haben die Losung: Palästina nicht uns, aber der Kultur und den Palästinensern." ln weiteren wissenschaftlichen Beiträgen weist Dr. Grellmann auf die Bedeutung des ״Ecksteins" hin, während Alt-Greifswald das noch »»gelüste Problem der Lage von Mizpa in Benjamin behandelt. Ausführlieh bespricht P. Kahle ״Die moslemischen Heiligtiimer (Walis) in und bei Jerusalem", die zum Teil eine recht merkwürdige Entstehung aufweisen. Den Beschluß des Bandes bildet ein Artikel über ״Mos- Icmischc llochzcitsgcbrüuchc in Lifta hei Jerusalem" Bücherbesprechungen ans der Feder eines Einheimischen. E. Le. Palüstlnajahrbucli, des Deutschen evan gclischcn Instituts für Altertums Wissenschaft des heiligen Landes zu J c r u s u 1 c m. Fünfter Jahrgang (1909). Der Jude, in dessen Herzen die Paläsllnalicbc noch nicht erloschen ist, wird die textlich und photo׳ graphisch gleich trefflich misgcstattctcn Jahrbücher des Instituts mit Genuß lesen und mit Gewinn aus der Hand legen, und nur der eine Seufzer »tag seinem Herzen entsteigen, daß wir kein — ich will lieber sagen noch kein ähnliches Institut im heiligen Lande besitzen. — Der Jahresbericht für das Jahr 1909, der, wie stets, von dem bewährten Leiter des Instituts, Profcssor Dalman erstattet wird, gibt auch uns wertvolle Fingerzeige, wie sich der gebildete Reisende im Gegensatz zur touristischen Effekthascherei Palästina landschaftlich und historisch durch liebevolles Eindringen zu eigen machen kann. Die beste Illustration dieser Theorie ist die Schilderung der kleinen und großen Ausflüge, welche <lie Mitglieder des Instituts alljährlich zu unternehmen pflegen. Die Beschreibung dieser wissenschaftlichen Relsctourcn ist auch für den Leser fesselnd und belehrend. In seinen rein wissenschaftlichen Beiträgen enthält das Jahrbuch 1909 eine Schilderung des 2, Tcmpcls von Prof. Dalman, zu der auch die jüdischen Quellen ausgiebig herangezogen sind. Eine von Dr. *) An in. Das Werk Ist Int Verlage von M. Poppclaucr, Berlin, erschienen. Ilelitc-Rcllqiileii. Literarische Schätze in einer Fülle und von einer Wichtigkeit, wie sic nicht geahnt werden konnten, unterbreitet in einem umfangreichen Buche unter dem Titel ״Ucinc-Rcliquicn" der bckannte Verlag von Karl Curtius der ()Öffentlichkeit. Es sind das nebst zwei noch gänzlich unbekannten literarischen Arbeiten Heinrich Heines eine große Anzahl Briefe, die Heine an seinen Bruder Qustav, an seine Prau, an seine Mutter und an Pcrd. Friedland geschrieben hat. Ferner Briefe zahlreicher Freunde und Zeitgenossen, wie Satomon Heine, limncrmann, Gutzkow, Andersen, Mundt, Mendelssoltn, Hcrweglt, Meycrbecr, Carricrc, Fürstin Belgiojoso, die Mouche und noch zahlreicher anderer an Heinrich Heine. Eine längere Arbeit Gustav Heines über Heinrich ergänzt das Werk, dein überdies äußerst wertvolle Beilagen, 5 große Pacsimilcs und nicht weniger als 5 noclt unbekannte Porträts beigegeben sind, darunter ein in Farben ausgeführtes entzückendes Porträt Heines nach einem Miniaturbild aus dem Besitze des Neffen des Dichters Freiherrn Maximilian von Hcinc-Geldcrn in Wien. Diese Publikation, die in vieler Hinsicht ein ganz neues Licht auf Heines Leben wirft, wird eine förmliche Revolution hervorrufen und eine Umwertung in der Beurteilung Heinrich Heines bedingen. Das gesamte Material ist noch gänzlich unbekannt und wird in dem Buche zum ersten Mal veröffentlicht. In die Herausgabe dieses schriftlichen Nachlasses teilen sich der Neffe Heines, Baron Maximilian von Heine- Geldern, Wien und der verstorbene Heineforscher Dr. Gustav Karpclcs.

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