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Jüdische Rundschau · 1911-03-10 · Heft 10 (10.3.1911) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 10 (10.3.1911)
Date
1911-03-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 10. 1 :lü.EtPJSCHE RUNDSCHAU Seite 115. ftus Grossmütterchens lagen Von Wilhelm Berk cllta mm er. (Fortsetzung.) Tr... tlcs Oheim. , . . Sie glaubten in ihrer 11. Uiiil Martpm Pusa den Zauberstab des großen Uelwiniiiisscs fuhrt. . . . Unter dem Talmud• i11״.m:1׳n lag also Schiller oder eine russische Oramm,n,״. dann kam allmählich Schiller a 11 i den Talmud ,,ml endlich ging es in die weile. Iremdc Well ohne Talmud und o 11 n e Tefilin. . . . Nicht uninteressuui sind di: Mitteilungen über de! u!'׳,len deutschen Dichter im kleinen indischen (tln.11׳.'.In die erdrückende, 11 n > > י ן י f c Atmosphäre i'lictlo drang wie ein 1*1 olilmK'h.mcIi Schillers 1’1‘Csh״ und die Juden bewunderten all die Pracht und j Schönheit, die vor ihnen so 0! d/licli .inilauclile. Bei den luden spielte Schiller eine wichtige Rolle, so* wohl m ihrem!'.eben, wie in ihrer Literatur. . . . St lulle» lern len die Münner auswendig, gleich uns;.■1 :e 1 Miidchvn. Und bald gehurte die Kenntnis der Sciitlleischcn Werke mit zum Studicuprogrnmni eines j.iluldekii luden : er lernte den Talmud und Schiller mul /war den letzteren in der gleichen Methode wie 1 ki 1 Talmud. I's wurde jeder wichtige Satz einzeln diucligeuomiiiu) und laut über ihn nacligedacltt; Fraven und uti׳gli<׳bc AnUvmten folgten einander, es •. urde diskutiert, solange Iris m.ut die befriedigende l.iMing fand und den angeblich tiefen Sinn, der hinter den Worten stecken sollte. . . . Die Ursache dieser Popularität ist im Wesen der Sehillcrsclici! '.,uesie zu suchen, in ihrem intcllcktttcllen Charakter in dem Purst, dem Pathos, in seinem Idealismus, der alles Geschehene unter dem Oesiclttswinkel des Silt•!1! heu betrachtet." Wir sprachen aber von den Tüttmcrtt. Denen ging cs. wie cs allen Träumern zu gelten pflegt: sie verloren alles und gewannen nichts. Was hoaltcn sie nämlich? Wir lassen am besten Großmutter Wcngcroff zu Worte kommen: .Und *־ v ar damals der Jude schon in seinem Jünglings• .!Iler in geistiger Hinsicht ein ganzer, wenn auch ein- Mutiger Mensch. Mit Leib und Seele hing er art seiner Traultion und seiner Religion, die Ihr Ilm die Moral, dis Ethik - die ganze Well in sich schlossen. vcinc Bibel bot ihm hinrciclicmJcs Wissen in der Weltgeschichte bis zum grauen Altertum hinauf und bis zu der christlichen Aera herunter : seine Pro• pheten adelten seinen Geist, ergötzten seine Seele, verheilen ihr Schwung, erfüllten sie mit Begeisterung, und der Stolz des Kindes und so auch des jüdischen Liftnes, das Sclbstbewnlltsein, ialltc schon in seiner lugend Wurzel. ... Die Ethik der jüdischen Weisen, ihre kernige und zugleich erhabene Lcbensanscliati• ■' machten den damalige» Juden frühzeitig zum Henker und Pilosoplien, der auch die Schönheit in seiner Religion fand. Das jüdische Volk lebte damals wie auf einer Insel, fern von der übrigen Welt, aber nicht wild, wie die htsul iuer. Ls war hier auf der Insel glücklich, wo cs für sielt allein die Welt des Geistigen besah: seinen Glauben. seine Tradition, die ihm allen Oenttli im zeitlichen Lehen gewährte. Und die Hoffnung auf ein kilnfiiges Leben lieli ihn die Leiden des gegenwärtigen ertragen." Solchermaßen ausgerüstet zogen sie hinaus. ״Sic beluden sielt nicht mit allzu schwerem Gepäck: aber sie nahmen viel ehrliches Streben mit. einen leichten Kindcrsimt, starkes Selbstvertrauen, edle Vorsätze und einen tmerscliülterlicltcu Glauben an die Mensch• heil und an die Zukunft." Und was brachten sie nach Hause ־zurück? So• fern sie nicht Karriere machten, brachten sie eine bittere Lnttäusclnmg mit und eine innere Un/.ufric* denheit für den Rest des Lebens. Von ihrem älteren Schwager sagt Paulinc Wcngcroff: ״l!r hätte mit seinen tahnudischen Kenntnissen viel Höheres für sich und die Gcscllsclitft leisten können." Und das war keine Ausnahme, vielmehr die Regel. . . . Wo liegt aber der vcrltügnisvollc Moment der ganzen Aufklärungsperiode? Mit ihrem einfachen, gesunden Verstand trifft Grafhnuttcr Wcngcroff vor• zägiieh auf den Nagel: ״Während andere Völker und Nationen von den modernen und fremden Strömungen und Ideen nur aufnehmen, was ihrem Wesen entspricht und dabei Ihre Individualität und Ligcitart bewahren, lastet auf dem Jüdischen Volke der Fluch, daß es das Fremde und Neue sich fast nie anders aneignet, als indem es sich von! Alten, von seinem Kigenstcn und Heiligsten lossagt." Es kommt mir ein Relscn'schcs Ocdicht in den Sinn. ,Der junge Stern" heißt cs. Einem Jungen Stern wird es eines Tags zu lästig und langweilig, immer und ewig auf denselben Bahnen zu kreisen — er will ״neue Wege, neue Ziele" linden, käme er auch unterwegs ums Lehen — ct sagt den Alten ade — ihre Warnungen helfen nichts — der junge Stern reißt sielt los und fliegt hinaus ... er fliegt, fliegt — eine lange, lange Zeit — trifft aber unterwegs keine neuen Wege, keine netten Ziele — nicht einmal der Schatten des geträumten Ufers dämmert hervor der junge Stern wird . . . möchte zurück ... ins alte Häuschen, zum alten Glück.- hat alter den Weg verloren . . . unrettbar verloren. . . . Der junge Stern hat viele Namen. ... — Über dem Ghetto stand aber schon eine andere Wolke, Die russische Regierung. . . . Alexander dem i.'rsten folgte Nikolaus I. (1825) und nun wurde nicht mir ein llcrz im Ghetto vor Schmerz und Verzweiflung v .iloisinnig. Dieser Herrscher halte gegenüber den Juden zwei Ziele, die miteinander in direktem Wider• s,1! i'i.it staudeu: Taulc mul Assimilation cincrscit, Ausrottung andererseits. ״Aber die Folgen, die wirk• lieh emlraion und Bestand hatten schreibt Philipnsott in seiner ,Neuesten Gesell, des jüdischen Volkes" — waren das Llcnd, das sie (die Regierungsplänc) über Millionen brachten, deren wachsende Vcr• arntmig und der furchtbare, geistige Druck. . . ." Nikolaus wollte die Juden -- um mit Hemfeld zu sprechen (..Juden und Judentum im lö. .Iah• hundert") ״freisinnig", nicht alter frei machen: der Weg, den er dazu wählte, w׳ur der einzig richtige: ״polizeiliche Aufklärung." Gtoßmüttcrchen Wcngcroff weil! aus dieser Zeit vieles zu erzählen. Von dem 25jährigen Militärdienst, von der mit den hriiialstcn Mittel durchgeführteit ,.Veränderung der Tracht." von Verfolgung, Reprcssüiii, Tnni/.waug - eine Leidensgeschichte, wie wir sic nur kennen. In erster Keilte sind wir auch da unserer Grollmittler für die Volkslieder dankbar. In diesen Lic• der», an die sich die ,.wandermüde Greisin" noch jetzt nach so vielen Jahren erinnert, liegt die ganze ״Ncscltaiue" unseres Volkes verkörpert. Ls weint in ihnen der bitterste. kraftlose Schmerz und diamantene Tränet! leuchten aus ihnen hervor. Das crstebcsle sei hcratrgegriffen und hier wiederge• gelten. Ls bezieht sieh auf den eben erwähnten Militärdienst, zu welchem Zwecke indische Kinder, oft Knaben im zartesten Alter, aus dem Llternbausc gewaltsam wcggcschlcppt und unter fremde Leute, in entlegene Länder gebracht wurden. ״Wie ist cs bitter, Meine liebe Mittcr, :,: A Schiffcle auf '11 grünem Gros :,: Asoj is bitter, meine liebe Mittcr, M’ tut doch mir cltappcti. :,: Wie a Mas. :,: Nit wein i nit schrei, Meine liebe Mittcr, Nit ich bin dos allein. Ncinmt mir ut> von meinem Herzen, :,: Setz ich mir anieder und wein. Wie ist cs bitter, meine liebe Mittcr, :,: A Bäumclc ohn Ritter (Zweige). :,: Asoj is bitter, meine liebe Mittcr, M' lut doch mir machen Far a Moskowiter." Ls schien indessen, dall mit Alexander II. (IMS) auch für die Juden eine Morgenröte Itcrangebrochcn sei. Der liberal angehauchte Monarch hat tatsächlich unzählige Millionen von Bauern vom Frondienste hefreit und, obwohl die judcnfcindlicltcti Gcsctzcsbc- Schränkungen auch weiterhin zu Recht bestanden, auch vieles für die Knvanzipatlon der Juden getan. Sowoltl auf dem Gebiete des Handels und der In• duslric, als auch auf dem der Wissenschaft bekamen sic freien Lauf und konnten fast unbehindert ihre Fälligkeiten nach Belieben entfalten. Der Kaiser war ihnen gnädig und cs ereignete sich sogar das Unglaubliche: der russische Zur besuchte den Juden Antokolski in seiner Wcrkstüttc, und als er den gcwattigen ״Iwan Grosny" vor Augen bekam, drückte er dem Künstler die Hand .... Bald aber ״kamen andere• Zeilen — andere Lieder erklangen". Brann bemerkt ganz richtig in seiner ״Geschichte der Juden": ״Die für die russischen Juden seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts geltende Gesetzgebung bildete ein buntes Gemisch von Billig• keit und HUrtc, von Frelsinnigkclt und Engherzigkeit, von Aufmunterung und Absonderung, von Vertrauen und Vorsicht." — Nach dem gewaltsamen Tode Alexanders II. brachen die großen Unruhen aus, das Schreckenswort Pogrom tauchte zum ersten Male auf — und die alte Geschichte begann ihren neuen Lauf. Allerdings schrieb man damals schon 1881 nach Christo, ״aber zwischen Westeuropa und Rullland — meint Großmutter Wcngcroff mit feiner Ironie — besteht eine strenge Grenze, und der Fort* schritt schleicht sich in Rullland nur auf Schmugglerwegen ein." — In die Klän/cmlc Zeit Alcandcrs II. und in dio n.iciiiiilgende l'ogHiiiapuchc fällt mm ״die zweite Periode der Auikläiung". Die Gütung in den Reihen der Jungen entwickelte sich allmählich zu einer förmliche״ Revolution. ״Treifenc Buclmleclt" Luiden glänzenden Absatz und die Ideen des grollen ״Dcssaucrs" begeisterte Anbänger. Was man so in den dreißiger Jahren ״Apikojrcs" nannte, hieß jetzt gemeiniglich ״Berliner". ״Die Kenntnis der Werke fremder Nationen ließ die Jugend an der eigenen Religion rütteln und schütteln; und allmählich schwand aus dem jüdischen Lehen die Pietät für die althergebrachte Tradition, für die Gesetze und Bräuche". An Stelle Lilicnthals tritt zu dieser Zeit ״der erste jüdische Student in Rußland", L. Mandclstamm, der 1841־ nach dem Vorbilde Mendclsolms die Bibel ins Russische übersetzt (in Rußland seihst konnte sie erst 1869 erscheinen!) und daneben für die Zwecke der Jcscliiwabadiiiriiii ein russisches Wörterbuch lieraiisgilü. — Von einer gew issen Beilen hing für die Atiiklui ungsbew cgmig der russischen luden war auch die I>ei11l״nic Reise Montuiorcs, I84ü: sowoltl der giollc Pliil.mtioi* selbst, ais auch sein Begleiter und Sekretär, Louis l.uewe. verfochten mit Liier die Aufklörtuigsidcctt. die ohnehin dem Siege nahe waren. Lag Liiliei - wie gesagt •״ Schüler unter dem Talmud, so galt jetzt das Bibellind Talmudstudiuin ״nur itocli als Zugabe zum neuen Piogramm". (Fortsetzung folgt). Bücherbesprechungen Scliaclinowitz: Mcrclalku. Roman aus dem gali* zisch-judischen Volksleben. (Verlag des Israelit.) Die künstlerische Widerspiegelung jüdischen Lebens und jüdischer Not muß uns das geben, was zu geben den trockenen Zahlen der Statistik versagt bleibt: Das lebendige Schauen, das innerliche Lr• klien. Und dieses innerliche Erichen Jüdischer Not. das erst schafft in 1ms das Mitleid. Wenn ielt zu Einem, der bislang nichts von der Jmlcnnot weiß, über sie sprechen wall, ilaioi u׳crtlc ich ihm nicht mit Zahlen kommen, sondern mit irgend einer Erzählung eines typischen Falles und zuletzt drücke ich ihm Morris Rosenfelds lihettnlicilcr in die Hand. Es ist uns üaltcr für die Art indischer Literatur, die sich die Schilderung italischen Elends zur Aufgabe macht, ein sicherer Wertmesser gegeben: unser Gefühl. Versteht der Dichter uns seine Gestalten und Gescheit• nissc so vor die Augen zu fuhren, als ob wir selbst sähen und erlebten, dann hat er seine Aufgabe gut gelöst. Nun könnte man meinen, ich redete damit der Tendenzdichtung das Wort: keineswegs, denn alles bewußt Tendenziöse, alles Zcitungsreportcr*. Statisiikeitklaubermäßige verhindert das lebendige Schauen und wirkt genau entgegengesetzt der erstrebten Ten- 1ic!;z: es zerstör! das Mitfültlcn. Der mir vorliegende Roman Merclaika von Sehaeltuowitz ist ein Schulbeispiel für das oben Gcsagte. In .liesein Roman redet ein Künstler, ein Politiker, ein Journalist. Deswegen kommen wir auch nicht zu einem ungestörten Mitfültlcn. Offen muß ich sagen, daß der Dichter mit seiner Erzählung von dem schönen luilcumädchcn, das ins Kloster gcschleppt, daun aber aus ihm befreit wird, all das, was ich Ähnliches in der Zeitung gelesen hatte, erst wirklich erfassen und tuUeticbcn ließ. Das ist Vcrdienst des Künstlers Schuchnowii/. Dann aber stört et oft mit Reflexionen, theoretischen Auseinander- Setzungen, leitarlikelartigcn Programmcntwickclungen, das ist Schuld des politisierenden Journalistin Schach• nowitz. Es sind aber wieder viele Stellen in dem Huch die von künstlerischer Gestaltungskraft zeugen, besonders die Kapitel, die die Reise zum Wunderrnbbi erzählen. Trotz der oben atdgcsproßcncn Bcdenken,* empfehle ich jedem die Lektüre dieses Buches dem cs versagt ist das vom Verfasser gcschilderte Milieu aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Er wird einen Gewinn davon haben. W. L, * Die Poalc-Zion in Jerusalem haben für die dor• ttgen persischen Juden Abendkurse eingerichtet, nn denen etwa 60 Personen tcilnchmcn. Die Publikationen des Verlages ״L'ant (Für das Volk) sind in kurzer Zeit in je 2000 Exemplaren abgesetzt worden In diesem Jahre will der Verlag eine Reihe von Broschüren über Palästina und die , Türkei herausgeben.

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