Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 9. JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 103. 1 Aus Grossmütterchens Tagen Von Wilhelm ß c r k c I It a m in c r. Zieht nun hinaus, ihr Blätter, in die Welt! Aus Liebe seid ihr geworden, die Liebe hat euch behütet in meinen Wan• derjahren. Bringt nun auch die Liebe /um alten Volkstum meinen jungen Brüdern und Schwester!“ Eriiiiiert ihr euch aus der Qcsclnchtc eurer Kindheit an mlirchensliiic Dämmerstunden, wo Grollmiittercheu erzählte? Das war aber so: Meine Grolhnuttcr (sic ruht in Gan-Edcn!) sali auf ihrem Bett, hielt die zarten, alten Hände auf dein Scholl zusanunengefaltct und schaute mit liebevollem Blick in meine Augen, in denen eine stumme Bitte Uiieliutc. Grollmilucrchen wollte, worum ich bat. . . I).1 stieg ein schattenhafter Hauch durch ihre Züge, va nickte leise lächelnd und in ihr altes, durchfurchtvs Gesicht grub sielt ein Ausdruck, ein Ton, eine Geste. die ich nicht zu schildern vermag. Ls lag darin ein tiefes Gliickscligkcitsgcfiihl ob dem Reichiimi an so vielen Erlebnissen, ein unbewulltcr Stolz, der da sprach: schau, was ich nicht sali, was ich nicht horte ... - und darüber ein dunkler Schatten gebreitet ein stiller Schmerz, dall all dies verging «leie 11 wie ein Traum der Nacht, ein Schatten des Wanderers. . . . (־irnllimittcr liebte zu erzählen. Einst, da lebte sic ein volles, buntes Leben einer Mutier, Hausfrau, Ratgeberin, Mildtätcrin, da stand sie in innigem Kontakt mit der Wirklichkeit, die ihr tarusend Ein driieue darbot und sic mit tausend Dingen beschenkte, die den Kelch ihres Lehens mit Glück und Wermut schäumend überfüllte. Und nun war sic von der Welt losgcrissen, an dieses letzte Lager gebannt. Vom leben hheben nur Erinnerungen zurück, alte Geschichten. . . , Nur diese knüpften Grofbnilttcrchen au die Außenwelt, an all das Leben, das draußen vorbeiiiiusehtc und an die paar Alterchen die tief geblickt, auf einem Stock oder altmodischen Schirm gestützt, manchmal zu uns ״hcrschnutcn." ... Für Grolhnuttcr heißt erzählen dasselbe, was für uns — leben. Indem sic erzählt, lebt Großmutter auf, lebt schlechterdings. Groilmüttcrchcn liebt cs also, Geschichten zu erzählen. Und ich hörte ihnen zu mit Eifer und Liebe. Grotlmiitterchen lebte lang und wußte so manches vom Leben, von den Menschen und von all den Dingen. die in der Welt einem passieren. . . . Draußen begann cs aber zu dämmern . . . Das Zimmer tauchte langsam in einem zaubcrstillcn Dunkel unter. . . Durch das Schlüsselloch schlich sich der Abend herein und kroch wie ein Dieb vorsichtig auf die Diele . . . Großmülterchcn erzählte ich horchte mit offenem Mund — und die Dämmerung hüllte mich, Qroßniüttcrchcn und alles im Zim- 111er in einen lieblich weichen Schleier von dunkler Seide . . . Großinüttcrchcns Worte klangen dann wie Märchen, verhallten in der Dämmerung, wie pltantastischc Zaubcrgcschichtcn, die Kindermädchen einschlafenden Kindern erzählen, — — — und waren doch nichts, als Wahrheit — Großmütterchens sterbendc Wahrheit. .... Solch eine Stimmung durchtränkt Paulinc Wengerofis Memoiren.‘) Zwei schlichte, schlicht gcschricbene Bände, die in unserer modernen Literatur vercittzclt dustchcn. Eine über aclitig Jahre alte Frau findet nach einem reichen, von Glück und Kummer bunt durchwehten Leben in Rußland, in einer Epoche der schmcrzcnsicichsten Erschütterungen im Judentum, nach dem Verlust aller, die ihrem immer noch warm pochenden Herzen nohcgestandCn — einen ruhigen Winkel bei ihrer Schwester in Heidelberg und versüßt sich einen •einsamen Lebensabend mit Aufzeichnungen ihrer bcxvegten Erlebnisse. Die Geschichte Großmutter Wengcroffs Ist nicht außergewöhnlich. Großmutter Wcngcroff durchlebte, im großen und ganzen, das Schicksal hunderttausend jüdischer Frauen in Rußland, denen es vergönnt war, «inen Zeitraum von beinahe drei Generationen mitzulcbcn. Interessant Ist daher nicht die Geschichte der Großmutter Wenge roft, sondern lediglich die Geschichte der Großmutter. Richtig lautet der Titel: Memorieren einer Qroßinuttcr. Der Ostler wird in dem Buche nicht viel neues finden, der Westler wird vielleicht manches erfahren - für beide ist cs aber ein sehr teueres und sehr liebes Geschenk. Lassen wir beiseite den literarischen Wert, vergessen wir an den oft mangelhaften Aufbau und dergleichen ■־ liier haben wir mit einem Buche zu tun, das aus lauter Liebe geschaffen ist und Liebe hcrvorguellcn läßt aus jeder Zeile. Asch und die anderen schildern das jüdische Leben auch mit Liebe — sic stehen jedoch über diesem Leben, sic haben cs von sich abgcschüttclt und nun weinen sic Ihm eine melancholische Träne nach und setzen ihm ein von Romantik triefendes Epitaph — sic lieben cs, wie eben Enkel ein Großmülterchcn lieben . . . Großmutter Wcngcroff liebt cs aber echt, primitiv, unverfälscht. Sic hängt an ihm mit jeder Faser ihrer frommen, strenggläubigen Seele, sic siebt in ihm eine hehre Form sozialen und religiösen Denkens und Fliliicns. Sic beTichclt nichts und bespöttelt desto weniger - sic nimmt alles ernst, ebenso wie cs ihre ehrwürdigen Fitem genommen und all die, die mit dem echt patriachalischen Hause in irgend einem Zu׳ sannnenhang gestanden. Das patriarchalisch jüdische Haus! . . . Wir greifet! cs geradezu mit Händen in Großmutter Wengcroffs Memoiren, All’ die Feiertage, Halb׳ felcrtagc, Fasttage, Bräuche, Gewohnheiten - knüpfen sich in einen duftenden Kranz von abwechselnden Stimmungen, von Schmerz und Freude, Erinnerung und Hoffnung. Frömmigkeit webt darüber die reinsten Fäden der Ruhe und inneren Zufriedenheit und verleiht dem täglichen Leben eine tiefe Weilte und anmutigen Glanz. Wir, die von heute, schauen auf das jüdische Haus, obwohl cs ja noc 11 bestellt, wie auf ein ver• wunschcncs Schloß zurück, von dem uns einst gesungen wurde. Wie gut• war cs darin, wie schön und still, wie glücklich wuren seine Bcwohncrl . . . Da sitzt Chninkc, die Njanjt, schaukelt die Wiege, strickt einen dunkclgraucn groben Wollstrumpf und singt vor sielt hin. Großmutter Wcngcroff denkt noch Melodie und Worte. littauschcn Juda! einfach Was? Chedarim will man in Schrecken reformieren? . versetzten. . . Mclumrussisch sprechen Pesics Vater nach Minister für Volks- L i I i c n 111 a I aus ״Schlaf mein Kind In Ruh, Mach deine koschere Äugclach zu. Unter dem Kinds Wiegele Steht a weiße Zicgelc, Die Zicgelc is gefahren handeln, Rosinkes mit Mandeln. Dus is die beste S’choirc (Ware), Bcrcle wird lernen Toirc, Toirc, Toirc im Kcpelc, Kasche (Brei), Kasche Im Tcpclc, Broit mit Butter schmieren, Der Tate mit der Marne Bcrcle zu der Chupe führen.״ dim werden müssen künftighin können? . . . Eines Tages kam Hause und brachte die Botschaft: bildung, Uwaroff, beauftrage Dr. Riga, Rußland zu bereisen, genaue Informationen über das Bildungsniveau der Juden und über jüdisches Schulwesen cinzuzichcn, damit auf Grund des gesammelten Materials ans Reformwerk licrangcgangcn werden könnte. Da wird Grolhiiüttcrchen Wengcroffs Buch zu einem Dokument. Wohlverstanden, zu keiner Geschichtsquellc, sondern zu einem historischen Doku• ment. Daten und Tatsachen werden wir wohl woanders aufsuchen, hier spiegelt sich uns der Zeitgeist wieder, die Stimmung im ״Gässl", das beklommene Klopfen jüdischer Herzen, die sehnsuchtsvollen Schwingungen der jüdischen Seele von anno dazumal. Keine wcltcrsehiittcrndcn Begebenheiten werden uns erzählt. Nicht auf Kampfcsfcldcrn und nicht in ge• setzgebciulen Körpern offenbart sicli aber der Geist der Zeit. Paulinc Wcngcroff sagt irgendwo anläßlich einer Anekdote: ״Das ist sicher kein welthistorisches Ereignis. Und doch spiegelt sich ein gut Stück Kulturgeschichte der Juden darin." Wir möchten sagen:.Und eben deshalb spiegelt sich ein Stück Kulturgeschichte darinnen." Denn aus solchen, und nur aus solchen, Steinen, wie wir einen in d esem Buche haben, können wir Kulturgeschichte aufhauen, verstorbene Zeiten beleben, treibende Kräfte von gestern rekonstruieren, mit einem Worte, die ganze nackte Vergangenheit vor unser Auge heraufbeschwören. Um wie viel mehr ist uns Pauline Wengcroffs Buch wert, wo wir mit einer Periode zu tun haben, ״mit einer viclbcwcgtcn, interessanten, merkwürdigen Periode, deren Geschichte — wie Karpeles im Oclcitwort bemerkt — noch nicht geschrieben ist, sondern erst dann geschrieben werden kann, wenn wir noch eine ganze Reihe solcher Memoiren besitzen werden." — Und also kam cs, wie es kommen mußte. Die Alten schrien und protestierten — in Minsk mußte Lilienthal auf einer öffentlichen Versammlung hei einem Sefer-Thora schwören, ״daß er den Juden Volkstum und Religion erhalten wolle und die Taufe verabscheue!' — die Jungen besuchten heimlich den ״fremden Doktor" und — bezogen Schjller. Das war der Anfang, alles andere ging schon leicht. Großmutter Wcngcroff, eine überzeugte Schwär- Hierin für die Aufklärung, zugleich aber konservativ im religiösen und volkstümlichen Sinne, gibt uns hier einen köstlichen Strauß von Anekdoten, die uns so* wohl den bitteren Kummer der Alten, als auch die enthusiastische Hoffnung der Jungen so rührend, und nahe vor Augen führen. (Fortsetzung folgt). *) Paulinc Wengcroff: ״Memoiren einer Großmutter", Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Rußlands im 19. Jahrhundert. Mit einem Geleitwort von Dr. Gustav Karpeles. Berlin. Band I, 1908, Band II 1910. Die Melodie verstummt — cs wird wieder so heimlich still — von der Küche kommt nur die Stimme der Mutter, die irgendwelche Befehle hcrausgibt vom Zimmer der eigentümliche Singsang des ״Lernens". Großmutter Wcngcroff erzählt von diesem Leben und Treiben. Sic schaut darauf nicht von ״heute" herab, sic schaut ganz einfach zurück und lebt noch einmal alles durch, indem sic sich in vergangene Tage mit Liebe und Hingebung herabsenkt. Das sind ja ihre Schätze, auclt die Schätze von heute. Kleine Schätze, winziges Glück . . . wird man vagen. Möglich, . . . wenn unsere Masse nur größere Schätze hätte und tieferes Glück bcsUßc. , . . Wie sagt doch der Dichter wehmutsvoll: ״Pliegt dir das Glück vorbei einmal, So faß cs am Zipfel. Auch rat1 ich dir, baue dein HUttchcn im Tai Und nicht auf dem Gipfel." — Jahre kamen und gingen. Frommer Schauer durchrieselte das junge Mädchen bei Koi-Nidre und helle Freude machte cs beim Seder erzittern. Von anderen Freuden und anderem Schauer wußte cs nicht. So wuchs ״Pcsle" heran und heiratete. — Im jüdischen Leben ln Rußland ging indessen etwas OroBes, Geheimnisvolles vor. Zu Jener Zeit, gegen Ende der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts begann man Im jüdischen QUflchen plötzlich verschiedenerlei Gerüchte zu verbreiten, allerlei Neuigkeiten zu munkeln — Dinge, die den streng kbnservativcn, von aller Welt abgeschiedenen Bücherbesprechungen Der Juden Anteil am Fortschritt der Kultur. Unter diesem Titel ist im Verlag des ״Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, Berlin W. 35, eine sehr lesenswerte Broschüre erschienen, die, wenn auch nicht erschöpfend, so doch eine recht belehrende Zusammenstellung vieler hervorragender Juden und Judcnstämmlingc auf allen Gebieten der Kultur In* übersichtlicher Form bietet. Der Inhalt gliedert sich in 2 Hauptgruppen: 1. Juden als Diplomuten, Minister und Politiker. 2. Die Juden in der Technik, der Kunst, der Wissenschaft und als Forscher, Entdecker und Erfinder. Jedem, auch dem mit den Dingen Vertrauten, wird in dieser Broschüre eine gute Waffe gegen antisemitische Hetzereien in die Hand gegeben. Unsere speziellen Gesinnungsgenossen aber werden sich freuen, manchem ihnen wohlvcrtrauten Namen zu begegnen, aber auch mancher wird ihnen fehlen. Hier wäre zu nennen bei Baukunst: Marmorek, Wien; bei Dichter und Schriftsteller: Israel Zangwill, Achad Haant, Math. Achcr u. a. Bei Nationalökonomie fehlt Dr. Franz Oppenheimer und bei Naturwissenschaften der berühmte Entdecker des Urweizens Agronom A. Aronsolm. L. A. Der zweite Band der ״Ethik des Judenturns" von Moritz Lazarus, herausgegeben von Prof. D. Dr. August Wünsche, unter Mitwlrkung von Rabbiner Dr. Winter, — vielmehr in diesem Frühiahr im Verlage von J. Kauffmann, Frankfurt a. M. in derselben vorzüglichen Ausstattung wie der erste Band.