Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651711-2651721--07600-2664778- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 100. UEDISCHE RUNDSCHAU No. 9. Wiedergabe der statistischen Daten Dr. Paul Nathans nachgcwiescn haben, tischte die gleichen Lügen mit weiteren Schimpfreden verbrämt wiederum aut und erhielt dafür am»Tage darauf von den Vertretern verschiedener Parteien seine Abfuhr. Damit füllt für dies Mal der Vorhang und wir kehren in die deutsche antisemitische Wirklichkeit zurück. Die ״Freizügigkeit“ der russischen Juden Alles, was libeial ist, glaubt wieder mal (!rund zu Jubelltymncn zu haben. Die russische K’eiclisduma hat den von etwa 120 Abgeordneten Unterzeichneten Antrag der jüdischen Dumadenuticrtcn Nisse 10■ wit.se 11 und Friedmann auf Aufhebung des Ansicdlungsrayons nicht — wie viele fürchteten ■־• glatt abgclehnt, sondern ihn einer K <> 111 m i s s i o n tiberwiesen. Noch dazu einer, wie man sagt, liberaler gesinnten, von der der l'.mwurf nach Monatsfrist wieder an das Plenum zurückgelangen soll. Wer mit den gegenwärtigen Zuständen in Rullfand auch nur einigermaßen vertraut ist. wird der 1 weiteren Entwicklung der Sache trotzdem mit allergrößter Skepsis cntgcgcnschen. I)am selbst wenn der Entwurf in der Duma eine Mehrheit finden sollte, und selbst wenn er auch im Reichsrate durchgehen sollte — was schon einem Wunder nahe käme! — dann wird ihn die Regierung bestimmt nicht ratifizieren. Oder wenn sie ihn sogar (iesetz werden ließe, wird sie Mittel und Wege finden, ihn praktisch bedeutungslos zu machen. Selbst die in diesem Falle ziemlich optimistische ״Russ. Korr." schreibt: Ungünstig Ist der Umstand, daß die Deratung über diesen Gegenstand in eine Zeit leidenschaftlichcr Kümpfe um die Univcrsitütsfragc füllt. So gering auch der Prozentsatz der jüdischen Studenten und so minimal schon deswegen ihr Hinfluß auf die Hochschulkrisis ist, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß die jetzige haßerfüllte Atmosphäre für eine humane Lösung der J u d e n f r a g c nicht die geeigneten Voraussetzungen bietet. Die Juden sind in Rußland in erregten Zeiten immer der Sümlcnbock, und so bestellt die Gefahr, daß solche Stimmungen sich auch jenen unter den Konservativen mjttcilcn, die erklärt haben, für eine teilweise Erweiterung der Judenrechte stimmen zu wollen. Die fortschrittlichen Elemente in der Kommission werden daher trachten müssen, so schließt die Korrespondenz, die Partei- Icidcnschaftcn aus der Diskuticrung der Frage, von der das Wohl und Welte von Millionen abhängt, mögliehst auszusehaltcn. Wie die Regierung selbst einer E r w c i t e r u n g der Rechte der Juden gegcnüberstclit, geht ja am besten aus den nicht abhrechendcn Nachrichten über j nun c r neue Ausweisung n hervor. So herichtet das B. T. unter dem \. März wieder: Die Ausweisung der jüdischen Bevölkerung aus dem Gouschäften (es gibt kaum dumme Juden, und selbst die mittelmäßig begabten unter ihnen bilden die kleinere Klasse) ist vielleicht nicht zum mindesten gerade ihrer Abschlioßung zu verdanken. Wenn sie aus ihrer Sonderstellung, die jeden einzelnen bis zu einem gewissen Grad üngewölmlich macht, herausgetreten sind, dann werden sie vielleicht ebenso trivial, wie die Durchschnittsmenschen Ihrer Wirts- Völker. Sicht man von den aus Deutschland ausgc* wunderten Juden, die noch Beziehungen mit der Heimat unterhalten, ab, dann kann man nicht sagen, daß englische oder amerikanische Juden über dem Durchschnitt ihrer Umgebung stellen. Die Scphardischcn, d. h. über Nordalrika und Spanien gewanderten Juden, welche an der Blüte und dem Niedergang ihrer Wirtsvölker unbehelligt tcilgcnoiumcn haben, scheinen geistig ebenso erschöpft zu sein, wie die Westeuropäer. Vielmehr dürfte die Kraft der Rasse heute vorwiegend in jenen Askcnasim liegen, die, über Rußland und Polen gewandert sind, bis zu Anfang dieses Jahrhunderts ins Ghetto gcsperrt waren, sich dann plötzlich regen durften und innerhalb 100 Jahren jene Fülle bedeutender jüdischer Männer mit deutsch klingenden Namen über die ganze Welt gesandt haben. Wenn wir ihnen gleiches Recht geben, so werden sic wohl unter uns manche sonderbare Eigenschaft bewahren, aber sich schließlieh doch dem mitteleuropäischen Bcwcgmigsrvthmus assimilieren. So durchaus unähnlich sind sic uns gar nicht, die wir infolge längerer Fesselung, als letztes europäisches Volk, auch heute erst die volle Befreiung unserer Energien erleben. An dem Ruhm, verneinen( Tschcrnlgow nimmt Immer größeren Umfang an. Bisher wurden von dort etwa gegen zweitausend Juden vertrieben, und weitere Ausweisungen steilen unmittelbar bevor. Aus Tscheljabinsk wurden 51 Jmlciifumilicn uusgcwicscu, weil sic angeblich kein Wohnrecht besitzen. Die Ausgewiesenen r'r.J \umeist Gctrcidcltäudier, die plötzlich einer in langjähriger Tätigkeit begründeten Existenz beraubt weiden. Und über die Stimmung der russischen Edelcn gaben ja die Verhandlungen des russische 11 A d c I sk oit g r c s s e s, über den die Blätter berichteten, ein geradezu drastisches Bild.• Nur mit knapper Majorität wurde der Antrag, die Juden als Ausländer anzuselicn, abgclehnt. Sonst aber will man die Juden, auch die getauften, absolut aller Rechte berauben, so daß eigentlich die Ablelimmg des genannten nur aus mangelnder Kon- .scMtienz zu verstehen ist. Wer unter solchen Umständen von dem Gesetzculwurf, über den die Duma in einigen Wochen zu beraten haben wird, etwas erwarten kann, dem wollen wir seine Hoffnungen nicht rauben. W i r erwarten nichts — und cs gibt russische Juden in nicht geringer Zahl, die noch Schlimmeres erwarten. Rußland ist eben ein ganz eigenartiges Land . . . r-AUS ALLCR W6LT צ Deutschland Gcfülschtc Berichte 'Aus der B u d g c t k 0 m m i s s i 0 n wird dem ״Vorwärts" geschrieben: Gefälschte Berichte über die Verhandlungen, betreffend die Auslieferung des Tcmpelhofer Feldes an die hinter Tempelitof stellenden Grundstücksspckulantei! versendet das offiziöse W 01 ff sehe Bureau, die von einer Reihe Blätter (in Berlin z. B. vom ״Lok a 1• An zc i g c r" und dem ״Bcr- 1 i n c r T a g e b 1 a 11" in gleichem Wortlaut) gcbracht werden. Darin werden unsere Redner zu einer Art Antisemiten gestempelt. Aus der Donnerstagssiizuug weiß cs z. B. aus einer Rede Lcdebotirs von einer ״rein talmudistisclieu" Auslegung (durch Anführungszeichen auch vom ״Tageblatt" hervorgehoben) zu berichten und in der Freitagsitzung läßt cs Fischer sagen: ״Es wäre auch für das Zentrum Gelegenheit gegeben, dum spekulierenden wuclicrlschlsclien Berliner Judentum cntgcgcnzutrctcn." Das ״Bcrl. Tageblatt" hebt mit Rücksicht auf seine Leser diesen Satz durch Fettdruck Itervor: wir wollen aber doch konstatieren, daß cs sicli hier um eine direkte Fälschung handelt, denn Fischer hat, das Zentrum und die Konservativen ob iitrer Unter- Stützung des Herrn llabcrland und seine Hintermünncr verhöhnend, sieh direkt an das Zentrum und die Konservativen mit den Worten gewandt: ״liier wäre Gelegenheit gegeben gewesen, die wucherischen Bodenspekulanten zu treffen, die Sic (v״m Zentrum und den Konservativen!) sonst den deutsche Arbeit, geistige und materielle, heute in der Welt genießt, haben sic redlichen Anteil gcnominell. Warum ihnen nicht freiwillig auch den Anteil an der Regierung geben, ehe sic ihn sich auf dem Weg des Parlamentarismus erzwingen? Herzl’s Mutter .Sic war meine Mutter. Sie war für mich die Liebe und das Leiden. Die Liebe und das Leiden waren in ihr verkörpert, so daß mir die׳ Augen Ubergingen, wenn Ich sic nur sah .... Sic war eine feine Dulderin, das Leben beugte sic nicht, cs erhöhte sic . . . So läßt Herz! seinen David Litwak in ״Altnculand" sprechen nach dem Tode seiner Mutter. So würde Hcrzl, wenn er noch gelebt hätte, an der Bahre seiner Mutter geklagt haben, Als er diese Worte nicdcrschriob, hat er sicherlieh an seine eigene Mutter gedacht. An diese Worte mußte ich denken, als ich vor wenigen Wochen Hcrzls Mutter in Wien gesehen, zum letzten Male gesehen ltabc. Sic war in der letzten Zeit stark gealtert, ihre holte Gestalt war etwas gebeugt und sic sprach auch langsamer als sonst. Sic sprach, wie immer, von ihrem ״großen Sohn". Früher, als er noch lebte, hieß er nur ״der gute Solin" oder ״mein gutes Kind". Warn sic von ihm sprach, klang ihre Rede stolz. Aus jedem Worte war hcrauszultören: Ich bin die Mutter Theodor Hcrzls! Sic sprach von ihren drei Enkeln, von den immer als das bodenwuclicrischc Berliner ü tum zu neunen belieben." ’ "1 Diesen Angriff gegen den biatisch Warzen Block ■ macht das Wölfische Ihircau zu einem sozialdcnio. kratischen tliiicruf an das Zentrum, zu einem anti. semitischen Kampf gegen das Judentum! Das ist, wie gesagt, eine direkte Fälschung : Und sic gewinnt an Interesse durch den Umstand, M daß der Berichterstatter für das Wolffsche Bureau 1j der Zcntrumsabgeurdneic Sittart ist. L Das ist der Humor hei diesem Reinfall des ״her. 1 liner Tageblatts". vj Es erscheint uns um so mehr als eine Pflicht des i I Anstandes, den Vorfall auch an dieser Stelle iest/.u-!\ j nageln, als er sich einer ganzen Reihe ähnlicher!! Manöver anreiht, die man in früheren (“'allen vielleicht; als Versehen hinnclmicn konnte. Nunmehr wird man i 1 aber wohl nicht fehlgehen, wenn mau liier von emem 1 systematischen Vorgehen spricht.; I Oesterreich Die Antwort, weiche der Obmann des polenklubs, La zarski, der galizisehcn Schankerdeputation gab. liegt in zwei Fassungen vor. Die erste, von Ohrenzetigem stenographiert, lautet ganz anders als diejenige, welche von der ״(*otntschea Korrespondenz" vor die Ocffentiichkcit gebracht wurde. Der!,olcnkluh halte erkannt, daß sein Ob* manu zuviel aus der Schule geplaudert hat und rckti- (i/.ierte seine Ausführungen. Dieses Vorhaben ist aber vollkommen mißlungen. So heißt es im offiziellen Coiiiimmiiiue, daß Ahg, Lazarski sich darüber aulgc• i halten habe, daß aus einer wirtschaftlichen emo i politische Frage gemacht worden sei. Das hat aber Lazarski nicht gesagt. Er meinte vielmehr, es sei unangebracht, aus einer wirtschaftlichen eine konfcssionellc Frage zu machen. Als Abgeordneter Stand dazwischenrief, cs sei eine Frage der Menschlichkeit, entgegnete Lazarski wörtlich: ״Die Sprache der ן Tatsachen belehrt mich, daß cs eine konfessionelle ן Frage ist." Das klingt schon ganz anders, und wer : das Wort ״konfessionell* zu deuten versteht, weil!, daß damit eine׳ deutliche Anspielung auf die Macht j des Antisemitismus gemacht wurde. Weiter heißt es im offiziellen Commiumiuö, daß Lazarski sein Defremden darüber ausdrückte, warum man die judiselten Abgeordneten des Pölcnkiubs von der Aktion ausgeschlossen ltabc. Lazarski sagte aber wörtlich: ״Die polnischen Abgeordneten ihres Bekenntnisses. Kolischer, Löwcnstcin, Gail und besonders Gold, huhu lange gearbeitet und nichts erreicht, weil sielt nichts j erreichen ließ." Das lautet schon ganz anders! Das heißt, daß die polnischen Mitglieder des Pölcnkiubs! nicht gewillt sind, etwas zu tun. Daß sic hingegen viel tun können, beweist der Sehlußpassus der; Lazarskischcn Rede. Dieser lautete wörtlich: ״Ich liehe die Wahrheit und Aufrichtigkeit; darum sage ich Ihnen: Wenn Sic mit uns und dem Lande sein; werden, werden wir mit Euch sein." Eine solche Preisgabe der innersten Pläne mag den Herren im Poicnkliib nicht gepaßt haben! Das läßt sich .schon begreifen. Denn dieser Ausspruch bewies zweierlei: daß das ganze Geflunker von Reduktion der Scltänkcran/alil nicht ernst gemeint ist und daß die Polen die Verleihung von Schänkerkonzcssioncn als p״litisehes Erprcssungsmittel mißbrauchen. Der Schluß•! passtts läßt an brutaler Offenheit nichts zu wünschen < Kindern und iitrer Zukunft. Mehr aber noch sprach I sic von der Vergangenheit, von ihrem großen Leid. * Ihr Leid war unendlich groß. Sic hat ihren f Gatten, ihre einzige Tochter und ihren einzigen Sohn t durch den Tod crlorcn und stand einsam in der Welt. Aber sic klagte nicht, wie andere das sonst tun. Sic weinte nicht und jammerte nicht, denn ihr Wesen war vornehm. .; Nur einmal sah ich sic außer Fassung. Es war j( in dem Momente, als man ihn, ihren großen $0111»,!! Iiihaustrug; da brach sic zusammen .... Aber nur ן für einen Augenblick. Dann ergriff sic krau!liliaft J! meinen Arm, stützte sich und stand wieder aufrecht > da, wie eine Fürstin. I Sic war eine feine Dulderin. Das Leiden beugte sic nicht, cs erhöhte sic. So war Hcrzls Mutter, und vieles, was 'Gr an unserem Hcrzl bewunderten, waren angccrbtc Eigen* schäften seiner Mutter. . Heute wird sic in die Gruft gesenkt, in der Hcrzl und sein Vater ruhen. Diese Gruft auf dem Döblinger Friedhof in «»«״ trägt als Inschrift ein einziges Wort: Hcrzl. Dieser Hcrzl beschwor uns, gleich Joseph, in seinem letzten Willen: ״Sobald Gott Euch bedenken wird, so sollt Ihr meine und die Gcbciric meiner Eltern aus dieser Gruft mit hinaufbringen in das Land unserer Sehn• sucht und unserer Zukunft." Auf die Frage: ..Wie lange noch?" antwortete Hcrzl einmal: ״Sagt, mir, wie rasch Ihr geben wollt, und ich werde Euch׳ sage«, wann Ihr anfangt." (DIE WELT.) David Wolffsohn. » t J