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Jüdische Rundschau · 1911-03-03 · Heft 9 (3.3.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 9 (3.3.1911)
Date
1911-03-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 9. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 99. % Mit dein .Jiindringc״ der Assimilaiioiisidccii• bc- Kimit ein Kamp{ um Zion in der Seele des Volkes. Hier Assimilation und radikale Rcforuibcwcgung, da Kalischer, Hell und die praktischen Versuche der Kolonisation. Da diese Kolonisation aus seelischein Drangen »icrvorjcelit und fast jeder Erfahrung, jedes Planes und aller Mitte bar ist, so steht sic bcivits in den ersten Jahren vor einer drohenden׳ Krisis Ha erscheint Benjamin Hdtnund Rots elvi Id', ein l-in/iKcr, auf dem Platz und schützt den neuen Versuch mit einem wahren QoldrcKcn. Es erübrigt sich über das überragende, historische Verdienst dieses grollen Juden, dieses Nadiw hajadua, viele Worte zu veiliercn. Leider aber war er nicht glücklich in der Wahl seiner Helfer. Andererseits blendete das Gold für Jahre hinaus die Augen der Chowewe Zion. Da sie das Wirken des Linen bestaunten, so legten sie Hiiillig die Hände in den Schoß und vernachlässigten d.e Erziehung des Volkes für seine grolle Aufgabe. Die Holge war, daß Hcrzl. der Elemcntaraktivc, mir über wenige gleich aktive Mitarbeiter verfügte. Die große Masse der Zionsfreunde begnügte sich von neuem mit der Bewunderung des Wirkens eines Einzelnen, ohne selbst viel mitzuarbeiten. Als daher Hcrzl so früh seine tapfere Seele ausliauchtc, frohiocMen die Hüsmeinenden: Hirosolium dclcta cst. Tatsächlich zeigten die ersten Jahre nacli dem Heimgang des Führers ein unerfreuliches Bild. Das ist inzwischen anders geworden: siche die rege Arbeit iur die hcbriiischc Kultur, das Erstarken des Jüdisehen Nationalismus, das dauernde Steigen des Jüdisehen Nationalfonds usw. ״Unsere Ucbcrsielit über die 30 Jahre der natlonalcn Arbeit zeigte uns also, daß die gegenwärtige l.age nicht einen absoluten Mangel an erlösenden Kräften zuzuschrciben ist, sondern einerseits der unumgänglichen Langsamkeit, die die Umbildung alter Vorstellungen in der Volksseele erfordert und andererseits den zufälligen Bedingungen, die die natürliche Entwicklung jener Kräfte gehemmt haben. Wenn wir ferner bedenken, daß aller Anfang vielen Heillern und Störungen ausgesetzt ist und daß 30 Jahre überhaupt nur ein kleiner Zeitraum in der Geschichte eines alten Volkes ausmachen, so müssen wir zu der Ueberzeugung gelangen, daß die Ansnriichc, die unsere Pessimisten an das Volk und den Jischuw stellen, übertrieben sind. Am Ende ist doch in den 30 Jahren sowohl materiell wie auch geistig manches geleistet worden: in diesen 30 Jahren ist mdit bloß das Fundament für den agriknltiirellcn und komn:er/ eilen Jischuw, sondern auch für die jüdische Erziehung und für die Belebung der hebräischen Sprache gelegt worden. Die beiden letzteren Elemente, eine normale jüdische Erziehung und die kulturelle Wiedergeburt, bilden erstklassige Erlösungsfaktoren, die noch Wunder schaffen werden. Denn von nun an wird der Jude nicht bloß aus Pogromfurclit oder aus abstrakter Verneinung des Golutli nach Palästina kommen, sondern aus Angst vor einem geistigen Untergang und weil er seine Nachkommen dem Volkstum wird retten wollen. Je stärker dem Volke der Wille zur jüdischen Kultur und zur jüdischen Zukunft wird, desto eher wird man sich überzeugen, daß diese Kultur nicht auf fremdem Boden unter feindlichen Strömungen von einer schwachen, bedrängten Minorität verteidigt werden kann. Dann aber wird der Selbsterlialtungstricl), dem die Nation in tausenden Jahren so hartnäckig treu geblieben ist, unzweifelhaft den Weg nach Ercz Jlsrocl zeigen. Wir selbst werden gewiß die volle Entfaltung dieser Bewegung nicht mit eigenen Augen schauen. Aber wir brauchen bloß in die hebräischen Gymnasium zu gehen und mit den vielen Eltern, die von weither ihre Kinder nacli den nationalen Erzichungsanstalten gebracht haben, Rücksprache zu nehmen, um zu erkennen, welche Kraft für die Zukunlt in dieser Bewegung sich birgt. Auch unsere agrikulturellc Kolonisation wird fortgesetzt. Der Nationalfonds im Verein mit der Privatinitiative werden bald mehr leisten, als die Pariser Administration in ihren besten! Jahren wegen der bereits gemachten Erfahrungen, als auch wegen des Verhältnisses der VolksbcanUcn zur Volksarbcit: in dem Verhältnis, In dem viel Liebe, treue Pflichtcrfüllung und mitunter geradezu Aufopferung steckt. Der Jüdische Nationalfonds hat planmäßig seine A rbe!it aufi'cnoinnien und sein Quell wird nie versiegen. Er ist, wie ein aus dem Herzen• der Nation sich ergießender Strom. Schöpft mit aller Macht und die Strömung wird stets zunchmcn. Das Volk ist von der gcwaltigen Aufgabe seines Fonds tief durchdrungen und sobald es bekannt wird, daß der Volksschatz schon jetzt seine Aufgabe treulich erfüllt, so wird cs an Mitteln nicht mehr fehlen. Auch mißglückte Versuche werden den Glauben und Willen des Volkes nicht schwächen, wenn nur die Arbeit im Lunde nicht erlahmen wird, denn nur die Todcsstille des Nichtstuns ist unsere wahre Gefahr und die Nichtbenülzung der aufgehäuften׳ Volkskräftc und Mittel bilden den Würgengel für ebendiese Kräfte und filr die ganze Nation! Der Militär-Etat Im Reichstag Die Tonart der Judendebatte gelegentlich des Militärctats im Reichstag unterschied sich diesmal von ihren Vorgängern um einige Nuancen, sodaß cs sich auch für uns verlohnt, ihr einige Aufmerksamkeit zu schenken. Derselbe Reichstag, der bei seiner nur noch kurzen Lebensdauer ein unverhältnismäßig großes Arbeitsquantum zu bewältigen hat, sah sich veranlaßt, dieser kleinen Anstandspflicht diesmal fast zwei volle Sitzungstagc zu widmen. Das hat man allerdings der Schimpfrede des antisemitischen Abgeordneten Raab zu danken, deren rüder Ton Nationallibcraic und Zentrum vcranlaßten, am Abend des ersten Tages ihre Unterschriften unter einem bereits cingercichtcn Schlußantrag zurückzuzichcn. Im ganzen wird man nicht verkennen dürfen, dall die großen im November bevorstehenden Walilereignisse ihre Schatten auf die Debatten vorauswarfen. Die Freisinnigen halten eine recht zahme Resolution eingebracht gegen die konfessionellen Rücksichten, die in der Armee bei den Beförderungen Geltung haben. Vorsichtshalber wurde auch diese Entschließung, deren Annahme gewiß keine gnmdstiirzcnde Reform cingelcitct hätte, abgelehnt. Die einzelnen Redner traten mit dem entsprechenden Grad von Wärme, den ihnen ihre Parteiangehörigkeit vorschrieb, für oder gegen die Gleichberechtigung ein. Als erster der Vorsitzende des ״Vereins zur Abwehr des Antisemitismus", der fortschrittliche Abi. Gothein. Als ein sozialdemokratischer Abgeordneter an einer Kraftschwanken, fest stand nur, wie bei Disra< li, die Veraehtung der idealloscn Verödung der Mittelklassen, die keinen Hauch mehr von den Dichtern und Denkern des deutschen Volkes verspürten. Dennoch ist diese deutsche Mittelklasse geistiger, besser, schöner und mehr zum Idealismus disponiert, als die englische, während in England die Aristokratie an Weitblick und liberaler Menschlichkeit der unscrigcn überlegen ist. Darum war cs möglich, daß sic schließlich doch Dlsrai'li in ihre Reihen aufnaltm, während Lassallc der traurige Ruhm bleibt, Teile des deutschen Bürgertums (denn aus ihm, nicht aus dem Volke ist die Sozialdemokratie Iicrvorgcgangen) fiir seine Theorien gewonnen zu haben, an denen die Bitterkeit des Ausgestoßenen haftet. Die Verantwortung, welche die Herrschenden bei uns durch die Vcrsclmiühung solcher Helfer auf sich nehmen, ist ungeheuer. Es gibt Naturen, die, wenn sic nicht Erzengel sein können, Lucifcr werden. Nicht alle freilich, ja nur ein ganz geringer Bruchteil derer gehört dazu, die heute den Arm oder die Feder gegen die bestehende Gesellschaft richten. Seine un* ׳ geheure Zähigkeit erlaubte es Lassallc nicht, zu ruhen. Da er kein Herrscher werden konnte, wurde er ein Empörer. Audi bei ihm mischte sich mit der edelsten Form des Ehrgeizes die ])israelische Eitelkeit auf den äußern Erfolg, und das machte cs doppelt gefährlich, diesem Manne die Tür zu weisen. Die Ucbercinstimmung der beiden Charaktere ist so groß, daß man versucht sein könnte, in ihnen ein bcwußtes Beispiel der Vorsehung zu erblicken, als ob sie hätte zeigen wollen, was unter entgegengesetzten Bedingungen aus demselben Charakter wird. An der Schwelle beider Laufbahnen stellt ein günstiges Horoskop H. Heines, am Ende die Anerkennung eines Mannes, der schwer anerkannte, Bismarcks. Heine bewunderte DisraNis Jugendroman Contarini Fleming. In seinem Freunde Lassallc erblickte er die Hoffnung des jungen Deutschland. In demselben Jahre 1878, wo Bismarck der Persönlichkeit Lassalles im Reichstag öffentliche Anerkennung zollte, hat Lord lkaconsficld (B. DIsraMi) manchen Abend bei ihm allein in der Wßhchnstralk gesessen, nachdem die Reden des Berliner Kongresses verhallt waren. Will man aus diesen beiden Schicksalen für Deutschland eine Lehre ziehen, so wäre cs diese: Macht die Juden auf allen Gebieten gleichberechtigt, und in der nächsten Generation hat der Radikalismus keine Führer mehr. Die einzige Schwierigkeit bcdeutet die Armee, aber Maccabüer sind nicht allzu!läufig unter ihnen; sic dürften sich im allgemeinen damit begnügen, Reserveoffiziere zu werden, und die Berufe des Richters und Vcrwaltungsbcamtcn be- Vorzügen. Wer auch bei strengster Auslese dio Mügliclikcit hat, aktiv an den Staatsgcscliäftcn teilzunehmen, wird sich nicht unfruchtbarem Radikalismus ergeben. Ucbcriiaupt ist der deutsche Radikalismus nichts anderes als ein Konglomerat unzufriedener und noch mehr konfuser Existenzen, mit der einzigen Wirkung, daß aus den hohen Steilen ausgeschlossenen Ehrgeizigen eine Miliz zur Verfügung steht. Nehmt dieser Masse ihre paar begabten jüdischen Führer, ,und sic werden zu einem aussichtslosen Buschkrieg gezwungen. ״Die Juden", sagt Disraöli in dem stelle der Goihcinselien Ausführungen den Zwischenruf machte: ״Lehnen Sie doch mit uns den Etat ab!" da bewährte sielt der liberale ״einerseits, anderer- Seits-Standpunkt“ wieder einmal in seiner ganzen Glorie. ״Das wäre nur eine leere Demonstration", war die Antwort. Und dann ein kleiner Wechsel auf die nächste Legislaturperiode: ״Aber wenn wir im nächsten Reichstag die Mehrheit haben, können wir cs ja mal machen!" Uns will scheinen, dall ״leere Demonstrationen" oftmals schon recht wirksam gewesen sind, wenn sie zeigten, dal! wirklich ein unbeugsamer Wille dahinter stehe. Bei dieser Frei- Sinnsfraktion, die ihre Mandate großenteils antisemitischcr Wahlhilfe verdankt, würde sich eine derartige Ablehnung allerdings recht sonderbar ausnehmen. — Gleich nach Gothein kam der Kriegsminister zu Worte. Er scheint sicli von seinem unsachlichen Standpunkt des Vorjahres auf die prinzipielle Mißbilligung seines Vorgängers zurückgezogen zu haben. ״Hinsichtlich der Judenfrage", führte er aus, ״ist die Rechtslage außerordentlich klar. Eine Zurücksetzung des Glaubens wegen ist ungesetzlich." (Zuruf links: geschieht aber doch.) Einzelne Fälle, die zu untersuchen der Minister Gelegenheit genommen hat, erklärt er aul natürliche Weise, ohne ein antisemitisclies Motiv erkennen zu können. Dennoch führte er im weiteren Verlauf seiner Rede aus: ״Nun wird behauptet, daß seit 1885 in Preußen kein Jude Offizier geworden ist. Der Grund hierfür entspringt ganz sicher a 111 i s c m i ti s c 11 e 11 Regungen. (Lebhaftes Hört! Hört! links.) Das gebe ich rückhaltlos zu. Aber ebenso möchte ich dick unterstreichen, dall ich das nicht billige. (Ilörtl Hörtl links.) Aber was soll in der Frage gesclichcn? Eine allgemeine Verfügung ist nicht nötig und sic würde auch keinen Erfolg haben. Es bleibt nichts übrig, als dall man in jedem speziellen Fall cingrcift. Das habe ich im Vorjahrc versprochen und das verspreche icli auch heute wieder. (Lebhaftes Hört! Hört! links.)" Es dürfte dies das erste Mal sein, daß ein prcullischer Kriegsminister von der Parlamcntstribünc aus zugibt, daß eine von ihm erlassene Verfügung keinen Erfolg verspricht. ״Und das nennt man die unbedingte Disziplin des preußischen Heeres!" schreibt dazu Oberst Güdke und erzählt die folgende Anekdote aus den Erfahrungen Goltz Paschas unter dem hamidischcn Regime: ״Er beschwerte sich bitter bei dem Kriegsminister darüber, daß eine dringend von ihm befürwortete Maßregel, deren Durchführung ihm versprochen war, gleichwohl immer noch auf sich warten ließ. ״Was willst du?" erwiderte mit sanftem Vorwmrf der Türke, ״ich habe an sie geschrieben — sie taten cs nicht; ich habe zum zweiten Male geschrieben — sic taten cs nicht. Icli habe auch zum dritten Male geschrieben, und sic taten cs nicht. — Wenn du willst, will ich ein viertes Mal schreiben!" Herr von Hecringen wird auch im Jahre!912 und 1913 den Antisemitismus innerhalb seines Ressorts mißbilligen, aber helfen wird das nichts. Dem ״Eingreifen in jedem speziellen Fall" dürfte man nacli den bisiierigcn Ergebnissen dieser Untersuchungen einigermallen mißtrauisch gcgenüberstelien. Die Gründe, ihr Vorgehen zu verteidigen, werden den Herren Vorgesetzten stets so billig wie Brombeeren sein. — Der Antisemit Raab, dem wir bereits vor Jahren die dreiste n F a I s c 1111 n g c n in der Roman ״Coningsby", ״sind ihrem Wesen nach Tories, und sie müssen mit jeder Generation mächtiger und gefährlicher werden für eine Gesellschaft, die ihnen feindlich ist.“ Was hat ihnen erlaubt, als einziges Volk der Antike Rom und das deutsch-römische Kaiserreich zu überleben und in dem neuen Reich wieder eine machtvolle Gruppe zu bilden? Zwei Prinzipien, die gewissermaßen die gescllscliaftserhaltenden Essenzen sind: Familie und Religion. Die jüdische Familie lullt auch in den armen Schichten y.usamuKU, etu religiöser Zug erfüllt den Juden auch noch da, wo er die Orthodoxie abgelegt hat״ Der Jude verliert auch, wenn sein Leben mit nichts als Gelderwerb ausgcfiillt ist, niemals ganz die Bc- Ziehung zu den geistigen Mächten und den Respekt vor ihnen. Die jüdische Frau findet sicli in West- und Mitteleuropa nur ausnahmsweise in den Reihen der Deklassierten. Ihre Zähigkeit, die sic die Armut ertragen und leicht zu Wohlstand kommen läßt, macht die Juden zu Herren der dritten der staatserhaltenden Mächte: des Besitzes. Es liegt auf der Hand, dall eine Rasse, die Familie, Religion und Hesitz hoch hält, nur fautc de micux revolutionär ist. in England, w0׳ die Juden gleichberechtigt sind, gehören sie vorwiegend der!!Monistischen Partei an; wo sie auch immer Minister wurden, haben sic, wie in Italien, sich immer mehr als verständnisvolle Erhalter, denn als verwirrte Visionäre oder feindselige Auflöser gezeigt. Mit der Judenbefreiung wUrdo übrigens Deutschland mehr gewinnen, als die Juden selbst. Der hohe Grad ihrer außergewöhnlichen intellektuellen Eigen-

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