Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 98. die Winde so zärtlich killlte, wie ich cs von ihrem Sohne gesehen hatte — und wenn ich ihr auch von jeder merkwürdigen Stelle Bilderkarten sandte, für die sic beim Kommen gerührt dankte, und wenn auch unsere Familien viel mit ihr lebten, was konnten wir Fremden ihr geben —? ' Wie wenig war das und wie demütig dankte sic. Sic konnte nur mit Worten danken, aber, manches dieser Worte wiegt schwer und verdient weitergegeben zu werden. Denn beim Anschauen dieser gebrochenen Fraucngcstal», die wir alle stolz aufrecht und dem Auge angenehm gekannt hatten, stand von selbst die Frage auf: ״Ist cs recht, sich zum Schaden׳ der Familie einer großen Allgemeinheit zu opfern?" Die Mutter Theodor Hcrzls darüber besteht kein Zweifel — beantwortete diese Frage mit einem kurzen, scharfen ״Nein". ihr Sohn hatte sich dem Judentum ergeben, sie verfolgte seine Tätigkeit mit sorgendem Stolze, sic genoli mit ihm auf einem Zionistclikougrcsse die Freuden des gefeierten Volksfiihrcrs — aber sie sah mit banger Ahnung die Falten, die sich in seine Stirne gruben, sic horchte besorgt dem unruhigen Pochen seines ungestümen Herzens, das an der Judenkrankheit siech wurde und sic bat oft und dringend, daß er, ihr Kind, ihr Einziges, sich der Allgcmeinheit ein wenig entziehe und mehr der eigenen Familie lebe. Jede Reise — und Herzl war viel unterwegs — für den Zionismus galt ihr als Unrecht an der Familie, an der Mutter, und kein Erfoig bei Staatsmännern oder Herrschern — und deren gab es genug — seinen ihr eine ausreichende Entschädigung für die entgangeneu Zärtlichkeiten. Aber so sehr dieser Sohn seine Mutter liebte, sic hatte keinen Einlluli auf sein Wollen, wo es das jüdische Volk betraf, wie denn niemand ihn beirren konnte. Es war ein eisernes Müssen in diesem sonst weichherzigen Manne, ihn jagte ein fast triebhaftes Wollen׳ — vorwärts — abwärts — dem Grabe zu. Aber keine Glorie, keine Volkstrauer, kein noch so treues Gedenken der Freunde und der Massen, konnten die Mutter darüber tröste», daß der Solm frühzeitig ins Grab gesunken war. Wenn wir dann Reisen unternahmen, sagte sic still verwundert: ״Sie fahren von Ihrer Familie weg?" Und ein bitteres Lächeln umgab stets ihren schmerzliaft verzogenem Mund. Kam man zurück, dann fragte sie wie zufällig: ״Nun, hat sich Ihre Familie gefreut?" Und dann konnte cs geschehen, dal! sie, die karg war in Zärtlichkeiten, wie die meisten Mensehen, die von ihrer Umgebung verwöhnt werden, streichelnd die Hand nahm und bat: ״Nicht wahr, jetzt bleiben Sic lange hier." Nein, sic sah cs nicht gerne, daß man sich der Allgemeinheit widmete und glaubte stets, unsere Familien schützen zu müssen. Wenn gar Zwietracht erstand, wie sie in allen politischen Parteien zu Hause ist, bei den Juden doppelt giftig, weil sic mit innerer Respektlosigkeit gegen die Volksgenossen gepaart ist,.dann sagte sic mit leiser Ironie: ״Und deshalb hat mein Sohn sterben müssen?** Nein, diese Mutter hat bei allem Verständnisse für die Grüße Ihres Sohnes, bei aller Hoffnung, daß sein Werk sich erfüllen möge, nie aufgehört, darüber _.ן U EP ISCHE RÜNpSCij AU___ zu trauern, daß gerade er ein Opfer der von ihm selbst angefachten Bewegung geworden war. Nichts konnte sic darüber trösten, nicht unsere Erzählungen über den Eindruck, den er bei den Großen dieser Well hintcrlasscn hatte, nicht Trauer- und Erinnerungsfeiern; nicht einmal unsere Berichte von seinem gesegneten Andenken im Lande unserer Väter in Palästina, das wir an Ort und Stelle bcobachtet hatten, vermochten sie von der bereits stereotyp gewordenen Antwort abzuhalten: ״Das alles gibt mir mein Kind nicht zurück." Versuchte man aber, Ihr damit beizukommen, daß andere Mütter noch mehr Leid erfahren haben, denn, so unglaublich cs klingen mag, es finden sich noch schärfere Formen des Kummers, dann bat sic: ״Erzählen Sie mir nichts Unangenehmes." Denn diese Frau war stets so voll Heiterkeit gewesen und ihr ganzes Empfinden so sehr in Wohlbehagen und Schönheit gehüllt, daß sic von den Härten des Schicksales ungerne hörte und von Krankheit oder Tod nichts wissen wollte. Da liefen ihr denn die beiden bösen Genossen nach, klopften sic auf die Schulter, bis sic ihnen gegenüberstand, Angesicht zu Angesicht - Krankheit und Tod. Tod — Krankheit — — Krankheit — Tod, sic hatten ihr schönheitsbedürftiges Leben verunstaltet und fast alle abberufen, die ihrem Herzen nahe waren. Und als die Opfer im Qrabc lagen, da traten ihr die zwei dunklen Wandcrgcsclicn in den Weg, nahmen sic in ihre Mitte und betteten sic neben den Mann und den Solm. Dort ruhen sie nun wieder vereint, die sich im Leben so unendlich geliebt haben. Was immer dieser Sohn im Leben gewesen ist — in meinen Augen war er viel und meinem Herzen war er noch mehr — und wie immer die Legende diesen Grabhügel verklären mag, ich weiß! ihm keine bedeutendere Gedenkschrift als diese: ״Hier ruht ein wahrhaft jüdischer Sohn vereint mit Vater mul Mutter." Die Bclsclzunp Wien, 22. Februar. Von dem 'rrauerhau.se in der llainzigcr Straße, von wo aus Im Juli 10114 Theodor llerzl seinen letzten Weg antrat, ist heute vormittag seine Mutter Jeanette Herzl zum Döblinger Friedhof geleitet worden. Die Wiener Zionisten halte» sielt vollzählig eingestellt. Hinter den Enkelkmdern der Verewigten, Hans und Trude Herzl, die dem Leichenwagen folgten, schritten Herr Johann Kremenctzky, den Präsident Wolffsolm mit seiner Vertretung betraut hatte, da ihn sein Gesundlieitszustand an der Reise nac.lt Wien erhindert hatte, und die in Wien anwesenden Mitglieder des Aktionskomitees, die Herren Adolf Böhm, Abg, Dr, Malt- 1er, Dr. .1. Schallt und Abg. Adolf S t a tt d. Ihnen schloß sich, geführt von dem Obmann des innerösterreichischen D. K., Herrn Dr. Körner, der Zug unserer Wiener Gesinnungsgenossen und der Depu* tationen auswärtiger Zionisten an. Das Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland war durch Herrn Dr. Walther Friede man 11 vertreten. In dem Tratiergcfolge befanden sich auch zahlreiche Schriftsteller und Journalisten. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer imposant e 11 T r a 11 c r k u » d g c b u n g. No. 9. Die Verblichene hatte letztwillig verfügt, daß keine Trauerreden gehalten werden sollten. Auf dein Friedhof sprach infolgedessen bloß Rabbiner Dr. Feuchtwang. Er führte ״. a. aus: ״Im Judentum sagt matt zum Ruhme großer Männer: heil der Frau die ihn geboren! Diesen Spruch könne man auch auf die hoch sinnige Mutter des großen Herzl anwenden." 30 Jahre Jischuw Wir hatten bereits Gelegenheit. Über die Wandlang der Stimmungen in der palästinischen Arbeiterschuft zu berichten, die insbesondere auf der letzt •! allgemeinen Versammlung der Organisation des ,Hapacl Hazair" zum Ausdruck kam. Sehr beachtenswert ist in dieser Hinsicht eine• Abliandlung des Lehrers Witkin, eines der geistigen Führer dieser Organisation, im gleichnamigen Blatte (No. 7 und 8), deren Gedankengang wir nachfolgend kurz skizzieren. Zunächst gibt Witkin ohne weiteres zu, daß der neue Jischuw tatsächlich eine schwere Zeit durchmacht. Nach außetihin begegnet er einer Verstandni'losigkcit der Regierung und ruchlosen Vcrlcumdungen niclitjüdischer und jüdischer Feinde. Nach innen betrachtet, stellt er kein festes, organisiertes Gefüge dar. Es fehlt im Lunde an weitausschaucnden Führern, an großen Kapitalien und an einer brcitschichtigen Volksmussc, aus der das sich nur allmählich verwirklichende Rcgcncrationswcrk Kraft schöpfen konnte. All diese Umstände zusammen bilden die Wurzel des .lc-11sch (der Resignationsstiiuimmg in unseren Kreisen). Indessen findet Witkin, daß cs objektiv genommen, mehr als gewagt erscheint, auf diese Angcnblickscrschcinbngcn hin in der historischen Entwicklung eines Volkes ein Urteil fiir alle Zeiten fällen zu wollen. Eine historische objektive Beleuchtung der Grundlagen des zionistischen Werkes zeigt klar und deutlich, daß alle für die pessimistisehe Auffassung ins Treffen geführten Beliauplangen nicht stichhaltig sind. Daß die Liebe des jüdischen Volkes zu Palästina nicht etwas Neues, Erkünsteltes ist, sondern vielmehr so alt ist, wie das jüdische Volk selbst, davon zeugt unwiderleglich jedes Blatt unserer Geschichte. Sehon der Umstand, daß das jüdische Volk noch vor 25 Jahrhunderten kraft dieser Liebe bewußt sein Zentrum von der Diaspora nach Palästina verlegen konnte, ist ein beredtes Zeugnis für die lange Dauer dieser Elementargewalt. Freilich paßte sic sich stets den gegebenen Bedingungen an. In ruhigen Zeitläuftcn latent und schlummernd, flammte sic in den römischen Freiheitskriegen zu einem hellen Feuer auf. Dann begann der Golutli und da sie infolge des furchtbaren Druckes aus der realen Weit verwiesen wurde, suchte sic ihre Zuflucht in das Gemüt und in die religiösen Vorstellungen der Nation. Die Liebe zu Zion vertiefte sich so immer mehr und mehr in die Seele des Volkes, sie wurde daselbst mit d 11־ schönsten und erhabensten, mit den nhantusievollsten Träumen einer messianisclicn Zeit auf das innigste verwoben und bildete dergestalt einen ewigen Junghrtmncn fiir die geistigen und sittlichen Kräfte des Volkes. Ehrgeiz erfüllt und hatten als Wirklichkcitsnicnschcn und aus einem aristokratischen Instinkt heraus zunächst das Bestreben, die Herrschenden für ihre Ideen zu gewinnen. Erst nachdem Lassallc ihre Sprödigkeit erkannt hatte, eignete er sielt als Devise den Vergilschcn Vers an: Flcctcrc si nequeo superos Achcronta movebo. In beiden Männern lebte neben dem politischen Talent das dichterische, aber dieses wurde von jenem schließlich besiegt. Ihr Formersiim verleitete beide in jungen Jahren zum Dandytum: Rasscncrmncrungc» und Romantik veranlaßten 01 laß* reisen. Sic suchten, ehe sic sieh ganz der Gestaltung der Wirklichkeit zuwaiidten, in der Philosophie den Schlüssel für das Verständnis der menschlichen Nüur, jenes Wissen, welches Macht ist. Beide verfochten die Autorität des Staates gegenüber dem biirgcr* liclicn Preiheitsbegriff der Mancltestersclmlc. Sie vergötterten den Genius und verachteten die öfient* liehe Meinung und die Zahl. Aber in l.assallcs Leben entstand ein Bruch. Die Enge der deutschen Verhallnissc machte aus ihm, der von Haus aus aristokratisch gesinnt und ein Verächter der Massen war, da er sieh zum antichambrierende» Lakaien zu gut befanJ. einen Revolutionär. Er ist das Vorbild geworden für jene unglücklichen deutschen Intellektuellen, die. weil ihnen die Wirkung von der Höhe versperrt ist. Demokraten werden und von einer auf allgemeines Stimmrecht gegründeten Masscnherrscltaft eine höhere Schätzung geistiger und persönlicher Werte erhoffen, als sie die Schiebt der jetzt in Deutschland Herrschenden gewährt. Auch Lassallc konnte zwischen den Oberen und Unteren eine ZcitUng Tempelweihe ln (iitrll'i V<]r|1«chlu11tf einer Klrclie. Di«• liiÜH'riui׳ liiüisctic SyniiKogc c.i. W.o «1111 l'lik'lu• nclisi Krollen l'.iiipomi Im ttillig /״ VcrouÜKi'il. I Hin (IriniüMiick licet direkt Im Zentrum der Sindוווי! .׳ Ol'crmarki. Die Klimm• sind 1t.n1/ betondvr* tvn *,nsMvMtmgvn wm SV •ו״ cm Kiiioe, Keilli.itnt, Aiiininobil-Uiirtiitc oder *um l’itlirlknlloiis- 11. Lutter• raunt ueelttiiet. Nult. 11. lies. A. Rlctiter, (lürllu, DerHuer- MroUe J-l. . ״Ikrliiier Tugeblatt." Vor v1:twu:1ccrung fast ich von dem Stuhle fall’; — In Berlin sind wir noch nicht so weit,!Feses ist ein intressanter ״Schulfall" Von dem Fortschritt unserer neuen Zelt, Wenn das Roschliaschanalifcst bevorstand, Haben svir's zwar alle schon erlebt, Daß zum Tempel der Berliner Vorstand Manches Bier- und Tanzlokal erhebt. Kinder, nehmt un Qörlitz ein Excmpcll — Don erstand ein neues Gotteshaus; Und man bietet letzt den alten Tempel Für die allcrschönstcn Zwecke aus. Lernt erst jetzt den wahren Wert erkennen, Achtet einen Tempel nicht gering! Denn er paßt für ein Sechstagerennen, Auch ah. Tattersall und Scaling-Rink. Irgend einer wird den Tempel pachten, Bringt als Eispalast ihn in die Höh’, Auch ein Kientopp ist nicht zu verachten, Oder nachts ein lust’gcs Cabaret. Und das Glück ist gar nicht auszudenken, — Platz genug ist ja im Ueberliuß Spielt dort erst vor ausverkauften Bänken Meister Reinhard seinen Oedipus. Bei dem reichen Wechsel des Programmes Bleibt natürlich leer kein einziger Stuhl, Und mit stillem Seufzer sagt ein Schammcs, Wür' nur halb so voll die neue Schul'. S. E. Ein Kapitel Judenpsychologie nennt Oscar A. 11. Schmitz die feinsinnigen Ausführungen, die er dieser Tage in der ״Natio- 11a lz ei tu n g" zur Judenfrage veröffentlicht: Während der englische Jude Benjamin DisrnMi, der Neuformer des englischen Torylums, Premierminister und Peer von England geworden ist, hat der deutsche Jude Ferdinand Lassallc •die Revolution organisiert. Beide Männer waren von ungeheurem