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Jüdische Rundschau · 1911-02-24 · Heft 8 (24.2.1911) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 91. No. 8. \ Wahlpropaganda In Rumänien I Prunk reich Aus Bukarest wird uns geschrieben: Hie Parteien in Rumänien rüsten sich mit (ieberh.tiiem liifer für die Ende dieses Monais beginnenden Pailamcntswalilcn, und insbesondere ist es die Re• giermig, die die größten Anstrengungen macht, um sich gegenüber den beiden kartellierten Oppositionspariccn der Übcrulen und der konservativen Demokrateu den Wahlsieg zu siclicrn. Die WahlpropaRanda nimmt hierbei Formen an, wie man sie in Rumlinien Ins jet/.t noch nicht Rckannt hat. So wurde von den Arci!teil der heute herrschenden konservativen Partei i״ den Vorstudien von Bukarest cm Wandkalender verteilt, der das Abscheulichste darstcllt, was blut* riiuMiRC Phantasie auszttdenken vermochte, um die Instinkte der Massen rcrcii die politischen Gegner aui/.urcizcn. Der Kalender trÜRt eine Illustration, die nach der Art der Bilder, wie sic seinerzeit aus Anlaß (lec Prozesses von Tilla-Eßlür verbreitet wurden, das Märchen vom Rilualmordc veranschaulicht. Auf dem Bilde sieht man auf einem Tische ausRcstrcckt die (icst.ilt eines nackten JunRcn Weibes, die Romania darstellend, der von den RUualmördcrn Blut al>Re• zapft wird. Der Chef der liberalen Partei, Joan Bra- (1,11111, als Judenweib gekleidet, bringt eine Schüssel zum Auffangen des Blutes, und der freikonservativ• demokratische Politiker Paul Brataschanu, Rlcichfalls als altes Judenweib darRestcllt, füiiRt das aus dem II.ilse der abgcschlachtctcn Romania fließende Blut m einer anderen Schüssel auf. Als Schlächter ist der Chef der konservativ-demokratischen Partei Take Jimcscu in der Qcstalt eines Rabbiners darRestcllt, das Messer, mit dem er den rituellen Mord bcRcht, halt er zwischen den Zähnen, eine seiner Hände liest dem Opfer auf dem Kopfe, die andere auf dem Riickcn. Neben ihm steht ein Jude, der Qroßpüchter Moki Pisclicr, der voller Preude den Mord betrachtet. Pie Hände der Romania werden vom ehemaliRen Justizministcr Baderan, dem intimsten politischen Preunde Take Joncscus, und ihre Pillic von einem anderen konservativ-demokratischen Politiker fcstge׳ halten. Neben Badaran sieht man den alten Demokraten und Volkstribuncn Flcva als alten Juden, und im HinterRrunde liest ein Jude, der die Züge eines bekannten Zcilungshcrausgebers trägt, das demokra• tische Blatt ״Adeverul". Dieses Bild trägt als Rah■ men die Clestalt Take Joncscus als Beelzebub, der einer dreiköpfigen Schlange, den Brüdern Bratianu, die Band reicht. Und über dem Bilde ist folgende Inschrift zu lesen: ״Von Juda Ischarioth, Botschaft. Es hat sich in dieser Zeit ereignet, daß Beelzebub die Hand der ungläubigen und verlockenden Schlange gereicht hat (Anspielung auf das Wahlkartell zwischen Take Joncscu und Bratianu. Anm, d. Kor■ resp.), um mit ihrer ganzen Schar das Lamm Qottes zu opfern, sowie cs geschrieben steht im lalmudischcn ״Adevcrul"; und der Obcrpricstcr Take Joncscu, der Vollbringer des Willens Mokis, freut sich in Gemein• schaft mit Joan Bratianu des dem Allerhöchsten zum Trotze vergossenen Blutes." Dieses schändliche Pamphlet wird überall in den Vorstädten verteilt und ist in allen Kneipen aufgehängt. Es läßt sich mit Sicherheit voraussetzen, daß der Chef der Regierung und der konservativen Partei, Peter Carp, dessen politische und persönliche Anständigkeit über jeden Zweifel erhaben ist, diesen Treibereien gänzlich fern• stellt. Das aber ändert nichts an der Tatsache, daß die Partei, an deren Spitze er stellt, derartige Scliändliehkcitcn verbreiten läßt und Leidenschaften weckt, deren Ausbruch das ganze Land mit Schmach bedecken würde, In einer grollen Stadt wie Bukurcst gibt es Elemente genug, die jederzeit zu Aus• schrcitungcn und Gewalttätigkeiten bereit sind, und wenn man diese Elemente in der Welse ermutigt, wie cs heute geschieht, so können daraus die un■ hcilvollstcn Folgen erwachsen. Die ״Camelots du Roy", die von dem Krön- Prätendenten, dem Herzog von Orleans, jüngst so schroff desavouiert wurden, verlegen sich Jetzt auf die antisemitische Propaganda. In der letzten Zeit haben sic den Dramatiker Henry Bernstein zur Zielscheibe ihrer Angriffe gemacht. Bei der Generalprobe zu Bernsteins Stück ״Apr&s moi" verteilten sie, wie gemeldet, eine Broschüre, in der ein untimllitaristischcr Brief aus der Jugendzeit Henry Bernsteins veröffentlicht wurde. Dieser Versuch, die erste Vor- Stellung zu stören, war erfolglos. Diesmal gelang cs Ihnen jedoch, einen großen Skandal zu inszenieren. — Der erste Akt verlief ohne Zwischenfnll, Mitten int zweiten Akt, während einer Rede de» Hauptdarstellers Le Bargy, erhob sielt der ״Präsident" der studentischen Camelots du Roy, Maurice Pujo, von seinem Orclicstcrsitz und rief den Schauspielern zu: ״Pardon, meine Herren Kiinster!" Verblüfft hielten die Schauspieler itme. Pujo wandte sielt dann an das Publikum: , Meine Damen und Herren, das Stück, das vor Ihnen aufgefährt wird, hält einen Jüdji׳selten Deserteur־ zum Vc;- fasscr!" Während des dritten Aktes erreichte der Skandal seinen Höhepunkt. Die Camelots warfen unter Schimpfrufen Broschüren in den Saal, und schlichlich artete der Lärm in den oberen Rängen in ein Handgemenge aus. Auf den Camelot Rucllan, der heftige Schimpfwortc gegen Bernstein geschleudert hatte, trat dessen Bruder Robert Bernstein zu und versetzte ihm zwei schallende Ohrfeigen. Ein anderer Camelot, Martin, gab darauf Robert Bernstein einen Schlag ns Gesicht. Nach einer viertelstündigen Unterbrcchung konnte das Stück zu Ende gespielt werden. Die Polizei hat insgesamt 27 Individuen verhaftet, von denen 20 noch im Laufe der Nacht frcigelassen wurden. Henry Bernstein rechtfertigt in einem offenen Schreiben an den Matin seine 13 Jahre zurUckiicgcndc Dcscrtionsaffärc. Er gibt zu. sein Regiment vier Monate vor Ablauf seiner Dienstpflicht verlassen zu haben und versichert, daß dieser untiberlegte Jugendstreich Ihn noch bitter gcreue. Russland Der Gesetzentwurf wegen Aufhebung des 1*1*11sehen AnsledJungsrayons soll dieser Tage in der Duma zur Verhandlung gelangen, wobei Abg. Mak- 1 a k 0 w, einer der begabtesten Pührcr der Kadetten- Partei, als Hauptreferent die Vorlage begründen wird. Der Entwurf hat inzwischen weitere Unterschriften von Dumamitgiiedern erhalten und ist jetzt Im ganzen von ewa 180 Abgeordneten unterzeichnet. 0 Am 22. Februar wurde in Petersburg•׳ der 7. Adelskongroß eröffnet. Die Tagesordnung des Kongrosses enthält auch ein spezielles Referat über die .!udenfrngc. Nach den echt antisemitischen Resolutloncn des letzten Adclskongresscs kann man sich im voraus denken, welchen Charakter das angekün* digte Referat tragen wird. 0 In der letzten Sitzung der Budget-Kommission der Rcichsduma, die sieh mit dem Etat der Intendantur des Kricgsministcriums befaßte, hielt cs Gutschkow für nötig, eine echt antisemitische Rede gegen die jüdischen Lieferanten zu halten. Merkwürdigerweise wurde uuf diesen ׳ Angriff gegen die Juden im weiteren Verlauf der Verhandlungen von keiner Seite etwas erwidert, mit Erfolg bestrebt, die ״Judenfrage;׳ aus den Konfcrciizvcrlumdlungcn auszusehaltcn und so den Judenfeindlichen Bestrebungen gewisser Mitglieder vorzubeugen. Von großer Bedeutung für die Juden ist der auch vom Ministcrialvcrtrctcr befürwortete Konferenzbcschhtii, daß ein jeder Handwerker seinen religiösen und nationalen Ruhetag zu ic ic rn 11 a bc. findet auch in Dumakreisen ernste Oallxien Dieser Beschluß Beachtung. Am IS. d. M. ist in Brzczany der dortige Rabbiner Scbalom Mordcchai Schwadron im Alter von 77 Jahren verschieden. Rabbiner Schwadron galt in Galizien als die größte zeitgenössische Autorität auf talmudlschcm Gebiete. Während seiner 40jährigen rabbinischcn Amtstätigkeit ergingen an ihn zahllose halachischc Anfragen aus den verschiedensten Ländern, und seine Entscheidung wurde jn den verwinkeltsten Streitfragen der religiösen Praxis angerufen. Seine Kesponsen, die zum grollen Teile bcrcits veröffentlicht sind, füllen viele Bände und zählen zu den geschätztesten Sammlungen dieser Art. Bulgarien V* AUS ALL6R W€LT ״ England Die offene Gegnerschaft und feindselige Stirn* mung gegen die cingcwandcrtcn Juden, die sich in vielen Kreisen des englischen Volkes seit den jiingsten Vorgängen im Londoner Enst-End kundgaben, haben zur Orlindung einer Gesellschaft für die Ver• teidigung der ostjiidlschcn Bevölkerung im Insclrcich geführt. Die ersten Beratungen der neuen Vereinigung galten der Pestsetzung eines genauen Arbeitsplans, wobei in erster Reibe die Frage erörtert wurde, ob cs ratsam sch Protestkundgebungen gegen die Vericumdungcn der Ostjuden zu veranstalten, oder das Hauptgewicht auf eine aufklfircndc Tätigkeit mit Hilfe von literarischen und statistischen Publikationen zu legen. Definitive Beschlüsse wurden noch nicht gefaßt Zunächst sollen Vertreter der verschiedenen jüdischen Organisationen und Gemeinden in London zu gemeinsamen weiteren Beratungen herangezogen werden, / 1111 Relchsrat forderte Professor Kowalewski in einer eindrucksvollen Rede, hei der Einführung der Selbstverwaltung In den westlichen Gouvernements den Juden das gleiche aktive und passive Wahlrecht zu gewähren. Darauf erwiderte Pi ne ho, man könne die Judenfrage nicht ״im Vorbeigehen" lösen, und er sprach sich datier aus für die Beibehaltung der im Rcgicrungscntwurf enthaltenen Bestimmungen über die Beschränkung der jüdischen Rechte bei den Wahlen zu den Semstwokörperschaftcn. Die vor kurzem In Petersburg stattgehabte ailrussisclto Handwerkerkonforenz hat für die Juden ״über Erwarten gut" geendet. Die Regierung hat ihre ursprüngliche Absicht, eine Anzahl der zur Konferenz gekommenen jüdischen Handwerker aus Qrün* den des Aufcnthaltsrcchts auszuweisen, nicht verwirklicht. Auf der Konferenz selbst ist die Judenfrage im allgemeinen nur wenig berührt worden, abgesehen von der ״privaten Bitte" einiger Teilnehmer an den Handclsihlnister, eine ״Prozentnorm" für die jlldischdn Handwerker einzufilhrcn, Der Vorschlag scheint Jedoch keinen besonderen Anklang gefunden zu haben. Der Präsident der Konferenz zeigte sich Im Januar d. Js. haben hier im ganzen Lande die Jüdischen Gcmcliidcwalilcn stattgefuudcn. Es entspann sicli ein heftiger Wahlkampf zwischen den Zionisten und den Gegnern der zionistischen Bcwegung. Die Anhänger des Zionismus haben einen glänzenden Sieg errungen, ln P h i I i p p 0 p c 1, Rustschuk, Varna, Widdin Haskovo und Küstcndil wurden ausschließlich Zionisten in die Leitung der Gemeinde gewählt. Türkei Der Zwist zwischen dem Großrabblnat und der asclikcnaslschcn Gemeinde in Konstantlnopcl ist auf gütlichem Wege bcigclcgt worden. Der Vertreter der Aschkcnasicn erklärte, daß diese keinerlei Separationsbestrebungen hegten, sieb nicht von den Scpliardim absondern wollten und lediglich die Erfüllung ihrer vertragsmäßigen Rechte verlangten. Ein Teil dieser Forderungen, wie die Auszahlung eines gewissen Geldbetrages, wurden vom Großrabblnat bcrcits erfüllt, während einige andere Forderungen der Aschkcnasim von einer speziell zu diesem Zwecke eingesetzten Kommission noch näher geprüft werden sollen. — Die Wiederherstellung des Friedens zwischen den Aschkcnasini und den Sephardim in der türkischen Hauptstadt ist mit Preude zu begrüßen und wird hoffentlich als gutes Beispiel wirken für die Beilegung der Differenzen in den verschiedenen Teilen der ottomanischcn Judenheit. * Vor kurzem veranstaltete der hie3igc jüdischnationale Turnverein ״Makkahi" ein großes Pest, dessen Reinerträgnis dem nttomanfschcn Flotten• foruls gewidmet war. Den Vorsitz bei diesem Feste führte Staatsrat Rcschid Bey. Die angesehensten türkischen Gesellschaftskreise nahmen an der Veranstaltung teil und bewunderten die mcistcrhaften turnerischen Leistungen der verschiedenen Riegen. Patriotische türkische und jüdische Lieder wurden von den Turnerchören abwechselnd angcstimmt und erzielten eine hinreißende Wirkung. Stuatsrat Rcschid Bey hielt eine Ansprache an die Turner, in der er den außerordentlichen erzichcrlscltcn und patriotischen Wert ihrer Bestrebungen hervorhob, Es würde ein Ruhmesblatt des ״Makkabi" sein und bleiben, daß er die erste ottomanische Organisation war, die ein derartiges Pest zu rein patriotischen Zwecken veranstaltete. Auch der Präsident des großen türkischen Plottcnkomitccs, ein ehrwürdiger Greis, hielt eine Ansprache. Auch seine stärkste Pointe war, daß das Beispiel des ״-,Makkabi" Ruhm zu beanspruchen habe. Er könne nur jeder Gesellschaft, die Edles wirken wolle, anempfehlen, in allen und jedem den ״Makkabi" nachzuahmen. Amerika Int Oktober 1908 gründeten zahlreiche Zöglinge der in den Vereinigten Staaten bestehenden jüdischen Ackcrbauschulcn einen Verein unter dem Namen ״Ha-IkkarHazairbc-Amcrik a". Sein Zweck Ist, einen Stab gutgcschultcr jüdischer Ackerbauer für dio Niederlassung ln Palästina heranzubiiden. Die Mitglieder sollen sämtliche Zweige der Landwirtschaft in Amerika theoretisch und praktisch gründlieh erlernen und sich nach einer Reihe von Jahren ln Palästina ansiedein. Der Verein ist auch bemüht, für seine Bestrebungen In weiteren Kreisen der jüdlsehen Jugend Amerikas Propaganda zu machen, er hol Jedoch bisher das Hauptgewicht auf die Aus- 1

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