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Jüdische Rundschau · 1911-02-24 · Heft 8 (24.2.1911) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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t V 3 ״#־ ״ UIK. ('.18מ♦ Seite 90. IUEDISCHE RUNDSCHAU No. 8. zur Kenntnis zu bringen. Die Sache sei Heine koitfcssioiiellc. Wir wahren die Interessen von Juden mul Nichtjuden und können nichts dafür, daß infolge der historischen Entwicklung der Prozentsatz der jüdischen Schenker ein größerer. als der der Christ• liehen ist. . . ״ *, Präsident des Polenklubs Pr. L a z a r s k 1 filtrierte sein Befremden darüber, daß eine so «rolle Abordnung in Wien erschienen sei. wodurch die falsche Anschauumt erweckt werden könnte, als ob man in Galizien nicht zu seinem Rechte kommen könnte und hiezu Massen nach Wien dirigieren mlilite. Es handelt sieh um eine Lundesauge'.cgcuheii. die im Lande selbst ausgetragen werden sollte. Br müsse der Anschauung ciilgegeiitretcn, als ob die Juden in Oalizicn schlechter behandelt würden als die übrige Bevölkerung. Hs geeite nicht nur den Juden, sondern allen anderen Bevölkerungsschichteil schlecht. Das Hlcnd wird vermehrt durch die stete Zuwanderung russischer Juden. Der Polcnklub wolle trachten, alles, was sich tun läßt, zur Linde rum: des ihm vor• getragenen Notstandes zu tun. Nun ereignete sich eine dramatische Szene. Viele der Dcnutationsmilglicdcr. Männer und Frauen, fielen Lazarski und den übrigen noini* sehen Abgeordneten zu Füllen, umklammerten deren Bünde, külltcn sic und jammerten laut unter Tränen, sich ihrer doch annchmcn zu wollen. Die Abgeord* neten hatten vollauf zu tun, um die verzweifeltet. Leute einigem!,tllcn zu bet eiligen. Die zionistischen Abgeordneten haben an den König nach Budapest folgende . Biildlguiigsdepcsclie abgesendet: , , ״Kiiic vieltausendköpfige Deputation jüdischer brotlos gewordener Schenker Galiziens und der Bu* kowina huldigt ihrem erhabenen Monarchen als Dort der Gerechtigkeit. Weisheit und Güte und versichert ihre unwandelbare Treue und stete Anhänglichkeit an die erhabene Person Kw. Majestät und das aller• höchste Herrscherhaus.” Die Abgeordneten Stund und Mahler bc• gaben sich darauf mit fünf galizlsclicn Schenkern nach Budapest, wo sic dem Ministerpräsidenten Preiiicrrn v. Bienerth ihre Bitte um Schaffung von Ucbcrgangsbcstlnmiungcn vortrugen. Filr die Beurteilung der Resultate, welche die Massenabordnung ln Wien erzielt hat, sind drei Mo• mente maßgebend: die kiihle, reservierte Haltung des Handels in inisters. der seinen Aerger über den Masscnat1f7.UK der Juden kaum verbergen konnte; die Antwort des neuen Obmannes des Polenklubs, Dr. Lazarski, welcher erklärte, in Galizien gebe cs keine konfessionellen Unterschiede; und die freund• lieh liebenswürdige Aufnahme, die die Deputation bei dem Chef der kaiserlichen Kabinc'tskanzlci Baron Schießl!and, der ihr zusagte, der Kaiser werde Ihnen seinen Schutz nngedeihen lassen. Die Situation wie sie jetzt besteht, Iäüt sich also dahin zusammen• fassen: Die Krone nimmt etwa 50 000 Menschen gegen ein zu hartes Gesetz unter ihren Schutz. In der Acra der fortschreitenden Demokratisierung unseres Staat• liehen Lebens taucht also plötzlich die mittelalterliche Institution der Schutzjuden auf! Die Stimmung unter den Schünkern war denn auch erbittert und fast vorzweifelt. Sie waren mir mit Mühe zu bewegen, von ihrem Vorhaben abzustclicn, in corpore nach Buda• pest zum Kaiser zu fahren. In geradezu Icidcnscliaft• lieh erregten Worten wandten sich die Redner der Schünkcr in den am Nachmittag des 14. Februar vernnstaltctcn Versammlungen gegen den Polcnklub, dessen Repräsentant auf ihre Bitten mit Heucheleien geantwortet hatte. Es sei das letzte Mal gewesen, daß eine jüdische Abordnung sich an den Polcnklub um Hilfe gewendet habe. Ein anderer Redner wies darauf hin, daß in der vergangenen Woche der Polenklub geschlossen (mit Ausnahme eines jüdischen Mitgliedes) für das ausgesprochen antisemitische Hausicrcrgcsctz gestimmt habe. Hs steht schon heute fest, daß die Haltung der Polen in den Hausierunc Schänkcrfragcn politische Folgen bei den kommenden ’ Wahlen haben wird. Das lassen auch schon die rtih• renden Ovationen erkennen, welche die nach Wien ־> gekommenen Schünkcr den drei iüdiscRnaitionalcri Abgeordneten Dr. S t r a u c 11 c r, Dr. Mahler und Stand bereitet haben. Es muß noch besonders bc• merkt werden, daß sich außer diesen genannten Par• lamentariern weder die jüdischen Mitglieder des Polen• klubs, noch der sozialdemokratischen Rciclisrats• fraktion, noch die übrigen jüdischen Abgeordneten um die SchUnker gekümmert haben. Den drei Mitglic• dem ries jüdischen Klubs leistete einzig der christliche Pole, Abg. Crncst Breiter, Beistand. Die Judenpolitik der verschlossenen Tür ln England Bald nach der Eröffnung des Parlaments durch König Georg V. beauftragte die kijnscrvatlyc Partei des Unterhauses ihr Mitglied C r 0 s t, den Minister des Innern, Mr. Churchill zu fragen, ״ob die Regierung in Anbetracht der letzten ve rb r ee 11 c r i sc 11 c 11 Anschläge In Ost• , o 11 d ס n gesetzgeberische M a II11 a 11111 c 11 7. u r V c r 11 i n d c r u n g der La n düng u n 1 cnt i 11c 11 c r Ausländer zu e 111 p (c 111e ״ gedenk c." Es war vorauszusehen, daß die liberale Regierung schon aus allgemeinen politlscliiaktisclicii Gründen die Frage verneinend beantworten werde, denn gerade jetzt hat sie in ihrem Arbeitsprogramm wichtigere Punkte dem Hause zu unterbreiten, und nichts wäre Ihr unangenehmer, als die Aufblirdiiiig einer neuen Arbeitslast. Mr. Churchill verneinte demgemäß die Frage, indem er ausdrücklich hervor• hob', daß die Regierung keinerlei derartige Mail• nahmen za empfehlen gedenke. Wer aller glaubt, daß die von den Konservativen aufgeworfene Frage mit der Antwort des Ministers״ erledigt sei, macht sich ein ganz falsches Bild von den englischen Konservativen . Was ihre Presse bis jetzt über die ״Frciiidcnfragc" in England vcrlaiitbart hat, liillt deutlich erkennen, daß sic aus ihr eine Haupt- und Staatsaktion zu machen gedenken. Bald nach dem lloundsditcher Mord brachte der wcllvcrbreitete ״Daily Telegraph" täglich Hctzartikel gegen die Fremden in London und insbesondere gegen die Bewohner Ost Londons, die er als ein großes Mordmul Verbrecher-Gesindel schilderte. Als der ,Daily Telegraph" mit seinen patriotischen Betrachtungen geschlossen hatte, ging die Hetze in der ״Evcnitig News" von neuem los. Jetzt ist der ״Standard" neben der ״Times" das angesehenste konservative Organ, an der Reihe. Seit etwa M Tagen bringt er tagtilglicli grausige Schilderungen aus dem Lehen der Bevölkerung in Ost-London und ruft das englische Volk auf, der Gefahr, die diese ,Fremden" für Kn«• fand bilden, frühzeitig cntgcgcnzutrctcn. In politischen und sozialen Körperschaften und Gesellschaften, in welchen die Konservativen in der Mehrheit sind, wird seit zwei Monaten ein Kreuzzeug gegen d׳c ge• fälirlichen ״Fremden und Anarchisten" (das ist der offizielle Ausdruck) gepredigt und tagtäglich veröffcntlicht die Tory-Presse Resolutionen, die in den verschiedenen Körperschaften gegen ״die Fremden und Anarchisten" gefaßt werden. Die Konservativen stehen also wieder als Vaterlandsrettcr da. Ihre rege Agitation gegen die Frem• den mag teilweise ein taktischer Trick sein, um einerseits das Volk von den wirklich brennenden!,ragen der aktuellen englischen Politik abzuwenden und andererseits ihre eigene Niederlage!durch einen gewaltigen Lärm zu übcrschrcicn und so das Augenmerk des Volkes abznienken. im großen und ganzen aber ist diese Agitation mehr als ein pnrtcltnktischcs Manöver. Und wer die Geschichte dieser Partei kennt, wird ohne weiteres zugeben, daß sic nicht verdächtigt werden kann, einen großen Lärm um nichts zu machen. Wenn sic mit solchem Nachdruck die Agitation gegen die Fremden betreibt, so ist mit apodiktischer Sicherheit anzunchnjeu, daß die Konservativen, sobald sie zur Macht kommen, oder wenn die Iren von Asquith abfallcn und die Liberalen sich;׳ul die Konservativen stützen müssen, die jetzige Fremdenagitation zu einem Fremd engeg e s e t z z w e i t e r A u f I a g c verdichten werden. Hat schon das erste von U>05 das englische Asylrecht beträchtlich geschmälert, so ist cs sicher, daß ein zukünftiges das ganze englische Asylrecht illusorisch machen wird. Fordern doch schon heute die englischen Konservativen die Einführung des dcutsehen Anmcldiingszwangs mit obligatorischer LegU timatiou in England. Formell begründet die konscrvative Partei diese Forderung L mit dem Vorhandensein großer Anarcliistcngriippen in England. 2. mit der Überfiillung der Gefängnisse durch fremde Verbrcchcr und 3. mit dem rapiden Anwachsen der Frcuuteukolonic in Ost-London, die nach der Angabe der konservativen Presse schon heute eine halbe Million Seelen zählt. Was den ersten Grund betrliit, so ist folgendes zu sagen: ln Ost-London existieren drei kleine Anarcliistcngruppcn. die drei Wochenschriften in verseliicdonen Sprachen herausgehen. Die Gesamtzahl der Mitglieder aller drei Gruppen dürfte meinen persüdlichen genauen Nachforschungen zufolge, 500 kaum übersteigen. Diese ״organisierten" Anarchisten, die einen Reichsdeutschen namens Rocker zum Füll rer haben, sind meistens ״Theoretiker". In ihren Klubs werden fast allabendlich Vorlesungen über politische, historische und philosophische Fragen gehalten, ebenso finden dort kleine Tlieatcraufführungen statt. Die Mitglieder rekrutieren sich aus russischen, pol• hisclien, jüdischen und littischcn Arbeitern und Arbcitcrinnen. Wegen ihres ruhigen Verhaltens Ist ihnen vor 7.wcl Jahren von der Londoner Polizei bcwilligt worden, am 1. Mai im Hydepark ihre schwarze Fahne aufzichcn zu dürfen. Vor dem Houndltchc Mordanschlag waren sic unbehelligt geblieben und niemand nahm von Ihnen Notiz, Die Polizei Heß sie jedoch nie aus dem Auge und kannte jedes ״Mitglied". Zu der großen, meist jüdischen Bevölkerung im Ostend standen sie in gar keiner Beziehung. Diese Bevölkerung hat für sie nicht mehr übrig, als etwa für die in Withechapcl tätigen Missionare. Liner anderen Anarcliistcngruppc stein Fürst Krapotkin vor. Diese in Westend hausende Gruppe set/.t sich aus den alten russischen Flüchtlingen der achtziger Jahre, die zum größten Teil lioeliadeligen Familien entstammen, zusammen. Sie wird nicht einmal von der Polizei ״gewürdigt". Ihr .,politischer Klub" im ״Strand" unterscheidet sieh nicht viel v<m anderen englischen Klubs, nur daß man in ihm über Soziologie und Politik von einem gegebenen individualistischen Standpunkt diskutiert. Weder diese noch die Anarchisten im Ostend jagen den Konservativen einen Schrecken in den Leib, sondern nur eine Gruppe, die sich ״praktische Anarchisten" nennt und deren Mitglieder nichts an• dcrcs sind als eine Bande gemeiner Verbrecher, die in Rußland während der Revolution große ,Expro• priationen" misgcflihrt und viel zur Diskreditierung der Revolution beigetragen haben. Nun ist cs klar, daß mau diesen ..schweren Jungen" mit einer Ver- Schärfung des Ei1nvandcr1mgsgesctz.es nicht beikommen kann, denn solche Verbrecher werden schon Mittel und Wege finden, um sicli ins Land zu schieleben. Kein ernster Politiker wird wegen dieser Elemente ein ehrwürdiges und altes Tnstitut, wie es das englischen Asylreclit ist, abschaffen wollen, denn die Maßnahme wird den Unschuldigen und nicht den Schuldigen treffen. Nun behaupten die Konservativen weiter, daß die ,.Fremden" England und speziell London überfluten. Von einem Mitglied des Unterhauses befragt, wie stark die Einwanderung im letzten Jahre, gewesen sei, gab Mr. Churchill folgende statistische Mitteilung als Antwort; lm letzten Jahre wunderten in England 610 776 Personen ein und 597 506 aus.. Es blieben also im Lande nur 13 270 Personen. Daß England schon seit langem kein Einwanderungs-Zentrum mehr bildet, weiß jeder, der sich mit der Einwanderungsfrage bc• seiiiiftigt. Wie wollen also die Konservativen eine neue ״Frcmiicnbiir, die das Asylreclit illusbrrscli machen soll, begründen? Auf diese Frage gibt cs nur eine einzige zureichende Antwort: Sic treibt der Judenhaß. Schon die erste Prcmdcnbill war nur antisemitisch begründet. Die Konservativen sehen, daß die armen Juden in Whitechapel ihre Kinder vielfach akademi-'" sehen Berufen zuführen, für die bis jetzt in England wegen des sozialen Konservatismus, nur Reiche und Adlige in Betracht kamen. Nun erhebt sich eine Bcvolkcrnngsklassc, die erst vor kurzem ins Land gekommen und versucht cs, den ganzen bisherigen Zustand zu revolutionieren und ein ״intellektuelles Proletariat" 7.11 schaffen, das destruktive und revoiu• tionäre Kräfte in seinem Schoße bergen muß, weil cs in Armut aufgewachsen und mittellos ist. Die russischen Juden aber, deren Zahl sich in Ost-London auf ungefähr 150000. und im ganzen vereinigten Königreich eine viertel Million beläuft, haben Rußland verlassen, weil sie ilircn Kindern wegen der in Rußland herrschenden Jiideimorin (5—10 Prozent der gesamten Seliillcrzahl) überhaupt keine Erziehung angcdeilicn lassen konnten. Die Juden in Whitechapel arbeiten schwer und leben schlecht, um ihren Kindern ein Studium in Cantbridge und Oxford zu ermöglichen. Wegen ihrer Begabung und ilircs Fleißes, der ihnen bedeutende Scliuistipcndien eiiibringt, erregen sic mehr Neid und Furcht, als Bewunderung. Diese Ärzte, Anwälte, Ingenieure usw. werden sicherlich keine Fahnenträger des Konservatismus sein. . . . Die Konservativen können die Krzicliungsidcalc der in England ansässigen russischen Juden nicht mehr ändern und können keine Awsnahmgcsctzc für diese Juden die schon zum großen Teil englische Slaatsbilrgcr sind, schaffen, aber durch eine neue Fremdcnbill, die die Landung von russischen Juden in England unmöglich machen soll, wollen sie einem sozialen Prozeß ein Ende machen, der, wenn er sielt ungehindert weiter entwickelt, ihnen viel Abbruch tun. und vielleicht sogar auf das ganze System der englischen Bildung und mithin der Politik nicht ohne Einfluß bleiben kann. Daß dieser Grund der einzige ernste ist, der die Konservativen zu ihrer wilden Fremdenagitation ver• anlaßt, beweisen zur Ocnllgc die Artikel des ״Standard" und des ״Daily Telegraph", die eine« Stöcker zum Verfasser haben könnten. Im übrigen ist cs weniger gefährlich mit Juacn* haß als mit Deutschenhaß zu spielen und die konscrvativen Vatcrlandsrettcr müssen Immer einen Feint ln Bereitschaft haben. I

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