Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1911)
- Date
- 1911-02-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Möglichkeit, das furchtbare Geschick zu mildem nicht unversucht zu lassen. Wir verweisen unsere Leser noch auf die Aus* fiifirtuiKCii unseres Gesinnungsgenossen Stand, die wir an anderer Stelle bringen und Kelten int folgenden einen kurzen Gericht über den Verlauf der denkwür* »li׳׳en Manifestation: Die Ankunft am Nordbalmltof, .Schon um• 10 Uhr nachts herrschte am Montag \״littcr Woche vor dem Nordbaltnhof ein sehr leb- Imius Treiben. In den umliegenden Gatts versammclten sich die Mitglieder des Hilfskomitees, die jüdisch-nationale Studentenschaft. Verwandte und Hekannte der elntrcffcndcn Schenker, .sowie zahlreiche Inunde der guten Sache, ßs wurden noch die letzten Vorbereitungen zum ßmpfangc getroffen. Um viertel 2 Uhr traf der erste Zug ein. ßs nitsl.cgcn zuerst die Abg. Breiter und Hr. Strauchcr, uc allerseits lebhaft begrübtwurden. Die erste l iagc. die an Breiter gerichtet wurde, bezog sich;.nt die Zahl der Iciinchmcr. 1700 war die Antwort. Allmählich leerten sich die Waggons. Mau sah urcisc. Frauen und jüngere Männer. Sic waren alle niUle und abgehärmt von der 2<fstündigen Bahrt. Mit wannen Worten wurden sie von den Herren Stand. Pr. Mahler und Dr. S. R, Landau empfangen. Dann formte sich der Zug und es begann der Abnuruii in die Nachtquartiere. Hin Teil wurde im II. Bezirke untergebraebt, ein anderer mittelst Stellvagen und elektrischen Sonderwagen in׳ fernere lk- /j 1 Ke* befördert, ßbenso erfolgte eine Stunde spater der ßmpfang des zweiten Sonderzuges. Die Studentu! leisteten hierbei vorzügliche Dienste. Der Aufzug auf die Ringstraße. Priih morgens begann sich am Dienstag vor dem Lokal ,.zum goldenen Widder" der Zug aufzustclicn. Um 10 Uhr erfolgte der Abmarsch. Hin ehrwürdiger alter Mann trug eine grolle Tafel voran mit der Aufschrift: ״Brodlos gewordene Schenker aus Galizien“. Heber die Taborstraße, die Marienbrücke und den Franz Josefs-Kai ging es dann, in die Reitalice vor dem Neubau des Kriegsminislcriums, wo der Zug Aiilstelung nahm, da sieh eine Deputation unter Pillirimg der Abgeordneten Breiter, Mahler. Stand und Strauchcr in den Harbastilt zum Handclsmiuistcr Dr. Wcilikirclmcr begeben bat. Debil Uundelsmtiilstcr Dr. Wclßklrcliucr. Hier wurde die Deputation um 11 Uhr empfangen. 111 Begleitung des Handelsministcrs war der galiziscltc Lamlsimumininistcr R. v. Zaleski erschienen. Auf die Ansprache der Abg. Stand und S t r a 11 c 11 c r, welche auf die unverschuldete Notlage von tausenden Scheiikerfamilien verwiesen und ein Memorandum (ilHTreicliteii. erwiderte der Handclsmiuistcr: Ankniipfend an die Ausführungen der Abgeordi'cten Stand und Strauchcr, welche die Notlage derjenigen Schenker schilderten, die bisher eine gewerbliche Schankkonzession nicht erhalten liüttcn. bemerkte der li a n d c 1 s m i n i s t c r zunächst, daß er im eigenen Namen sowie im Namen seines Köllegen, des Ministers für Galizien, das Wort ergreife, und vor allem versichern müsse, daß bei ihnen die Ausführungen der beiden Sprecher das lebhafteste 111tcrcssc erregt liüttcn. ßr glaube aber, daß die Kraft der Argumente genügen sollte mul eine Unter- Stützung derselben durch massenhaftes Auftreten nicht notwendig gewesen wfire. Wenn einer, der Herren Vorredner von der Urplötzlichkeit der neuen Verhältnisse gesprochen habe, so müsse er betonen, daß die heutigen Verhältnisse durch ein Oesetz geschaffen wurden, welches schon vor zirka 2(! Jahren ־zustande gekommen sei, und daß daher genügend Zeit gewesen wäre, sich auf die neue wirtschaftliche Lage vorzubcrcitcn. Selbstverständlich könnten Schank- «onzessionen nicht in demselben unbeschrankten Maße verliehen werden, wie dies in Ansehung der Propiiiationsbercclitigmigcn möglich gewesen sei, weil die Verleihung der Schank- und Versciileifikon- Zessionen nach ausdrücklicher Vorschrift des Gewcrhcgcsctzc$ In persönlicher Hinsicht ttn strengere Voraussetzungen und In sachlicher Beziehung vornchmlich an das Moment des Lokalbcdarfcs gebunden sei. Dem Minister sei bekannt, dal) die beiden Landeschefs alle In Betracht kommcmlcii Gesichtspunkte bei Verleihung der neuen Schankkonzessionen durch die Behörden erster Instanz in humanster Weise geprüft haben. Auch stehe fest, daß speziell in Galizien mehr als drei Viertel dieser Gewerbe-• rechte in die Hündc der bisherigen Propinationsschcnker gekommen seien: außerdem sei die Zahl der zu verleihenden Konzessionen noch nicht erschöpft und cs dürfte sielt noch Gelegenheit ergeben, in bcsMulers berücksIchtigungswUrdigcn Pallen mit der Konzesslonsvcrlcilumg an bisherige Schenker vorzugehen. Was die Berufungen an die Zentralstellen anbclnngc. so mache der Minister auf die Bcstimmutigen der Gewerbeordnung aufmerksam, wonach gegen zwei gleichlautende ßntsclicidungcn keine weitere Berufung zulässig sei, demnach die lngcrcnz des Handelsministeriums von vornherein sehr citigcschrilnkt erscheine. Insofern aber Rekurse oder Aufslchtsbcschwcrdcn au das Handelsministerium gelangen werden, so werde der Handclsministcr Im Hinvernehmen mit dem Minister für Galizien diese mit aller Objektivität prüfen.undmit peinlicher Gewisscnliaftigkclt das Notwendige veranlassen. Sicherlieh aber werde eine gewisse Zahl bisheriger Propimitionsschcnkcr sich einem anderen! Berufe zuwenden müssen, und cs bicto sich genug Gelegenheit, vornehmlich für jüngere Kräfte, bei Fleiß und Ausdauer sich in einem anderen freien Berufe zu betätigen. ln letzterer Richtung werden die berufenen Faktoren diese Bestrebungen nach Kräften unterstützen. Diesen Ausführungen׳ gegenüber betonte Doktor Strauchcr, daß leider bei der Verleihung der Kon- Zessionen die persönliche Qualifikation sehr oft außer Betracht gelassen wurde. In der Bukowina haben Hofrats-Witwon, pensionierte Boamte und selbst Großgrundbesitzer Konzessionen erhalten. Da sic die Konzessionen nicht persönlich auslibcn, so lassen sic sich wieder von gewesenen Schenkern horrende Paelitsliillingc bezahlen. Der Handclsministcr bat. ihm diese Fälle zur Kenntnis zu bringen und er werde das Geeignete vorkehren. In der kaiserlichen Knhliicitskuuzlcl. Die Deputation begab sich wieder auf die Ring- Straße und der Zug bewegte sieb weiter bis zur Hofburg. Unterwegs erregte die Massendeputalion das Aufsehen der Passanten, die verwundert die Ankümmlingc aus dem fernen Osten betrachteten. Man hört liie uiul da Worte des Mitleids und der Hutrüstung über die Herzlosigkeit jener Machtfaktoren, die diesen greisen gebrochenen Männern und schwachen hilflosen Frauen das trockene Brot entrissen haben. Vor der Hofburg begab sich eine Abordnung unter Führung der Abgeordneten in die kaiserliche Kabincttskanzlci. Dort überreichte sic nach einer Ansprache des Dr. Mahler dem Kabinettsdircktor Baron Schießt eine Huldigungsadrcssc an den Kaiser. Baron Schic III übernahm dieselbe und dankte für diesen Ausdruck der dynastischen Lovalität. ßr versicherte, daß er nicht ermangeln werde, noch heute die Huldigungsadrcssc an das Allerhöchste Hoflagcr gelangen zu lassen. Seine Majestät der Kaiser sei bereits informiert, und cs sei zu hoffen׳, daß Seine Maicstät in Seiner be* kannten hohen Gerechtigkeit und väterlichen Fürsorge auch den Schenkern Linderung ihrer Not bringen werde. Dieser herzliche ßmpfang hat die Deputation aufs freudigste überrascht und mit neuen Hoffnungen erfüllt. Vom Handelsministerium zog die Massenabordnung der galizischen Schenker vor das Parlament und eine aus hundert Personen bestehende Abordnung begab sielt unter Führung der Abgeordneten Stand, Mahler, Strauchcr und Breiter in die Säulenhalle des Pari a m c n t s. wo sic vom Obmann des Polcnklubs und einigen uiulcren polnischen Abgeordneten cmpfangen wurden. Dr. Stand sagte in seiner Ansnraclic. cs handle sich darum, das unverschuldete Hlcnd von Tausenden dem Polcnklub und der Regierung . ■■MkaM Es ist in diesen fUr die Fortentwicklung des Judentums so bedeutsamen Tagen dringend notwendig, dass sich ein jeder, der mit den in diesem Blatte vertretenen Anschauungen übereinstimmt, dem zionisiischen Partcivcibande anschlicsst. Die Anmeldung kann in jedem Palle bei unserer Zentrale e!folgen und wird von dort In den Füllen, wo zionistische Ortsgruppen am Platze sind, weitergegeben. Als Mindestbeitrag wird Mk. 6,— (einschliesslich Schekel) im Jahr angesehen. Man schneide diese Aufforderungaus, schreibe Name, Ort und Wohnung sehr deutlich und sende die Anmeldung an das Zionistische Zentralöureau, CiiarloKenburg, Bleibfreustr. 49 Postcheckkonto 8091. Bankkonto: A. H. Heyraann & Co., Berlin NW. 7, Unter den Linden 59. Nantes . . . Beruf: .. . I Ort:. . Strasse:. . .... Jahresbeitrag (einschliesslich Schekel): r—:־־ '*־" * '"*״־״**״ ך■ ״י" r ר****״, *י׳ r*״״ י? ״ ״,י י י; ״״׳ ,׳::״״—״<* ״*.׳**׳ ״ ״:״״*. י *׳ י ״״״׳****?*׳?־?,»,,,.i ׳* י. י ״י* ”*״״;׳. "" Zahlen herauskommen, die ich gar nicht spiele! — Gewiß wird es mir eine große Freude sein, wenn ein anderer das viele Geld wegschleppt, während meine Tochter sitzen bleibt, bis sie einen grauen Zopf bekommt! “־־־־ ״Und ich sage dir,“ beharrte Iiindc, ״wenn Gott es will, werden wir doch durch jene Zahlen gewinnen, und deine Tochter wird ihre Mitgift bekommen, ob du die paar Kreuzer dazu gibst oder nicht.“ ״Herr Gott! Wie kann ich gewinnen, wenn ich nicht spiele!“ ״Das weiß ich nicht und geht mich auch nichts an,“ war ihre gelassene Antwort, ״dar• über laß ich Gott sorgen und er wird cs schon fertig machen, ohne meine Ratschläge. Bei ihm ist alles möglich.“ Schimme wäre vor Wut beinah geplatzt, aber er fühlte sich zu schwach, um eine Antwort zu geben. Er nahm alle Verachtung zusammen, die ihm zur Verfügung stand und legte sic in den Blick, mit dem er sieh ansah, verzerrte seine Lippen zu einem mitleidigen Lächeln und suchte bald sein Lager auf. Und morgen war der Ziehungstag 11! — IV. Der .Traumgott schien es eigens auf Reb Schimme abgesehen zu haben, um ihm alle kommenden Ereignisse schon im voraus zu ver* künden; denn kaum hatte das Schnarchen be• gönnen, als der Schläfer schon wieder nach der grüngestrichenen Bank versetzt wurde, von wo er mit stieren Blicken nach dem gegenüberliegenden Hause des kaiserlich - königlichen Lotterie-Einnehmers hinübersah. Dort waren viele Gestalten in einer graden Reihe aufgestellt, die so riesengroß waren, daß sie noch weit über den ״Eirew“ hinausragten, und jeder von ihnen trug eine Zahl — von eins bis hundert — auf seinem großen Wasserkopf. Als Reb Schimme verwundert hinblicktc, da legten sie alle, wie auf Kommando den Daumen der linken Hand an die Nasenspitze, die fünf Finger weit auseinander gespreizt, während sic mit dein Zeigefinger der rechten nach ihm hindeuteten, als wollten sic ihn durchbohren. Reb Schimme wollte sie gerade wegen dieser offenkundigen Verhöhnung zur Rede stellen, da aber drehten die Riesen sich blitzschnell um, machten eine Verbeugung nach vom, so daß er ihre plastische Rückseite bewundern konnte, um nach diesem Manöver s‘ch wieder ihm zuzu• wenden und mit spöttischem Gelächter ihn zu sich hernnzuwinken. Anfänglich konnte er sich dieses befremdliehe Gebahren gar nicht erklären, schließlich aber fiel es ihm ein, daß er gewiß einen großen Gewinn gemacht und somit wieder dn steinreicher Mann geworden, dem sie ihre Referenz beweisen und ihre freudige Teilnahme bekunden wollten. Flink nahm er sein Los aus der Tasche, auf dem aber die Zahlen hin- und hertanzten, wcchselten und sich anders gestalteten, daß er sie gar nicht mehr lesen konnte. Mit dem Zettel in der Hand schickte er sich an, sich hinüber zu begehen; um den Gddhaufen in Empfang zu nehmen. — Da tauchten plötzlich zwei Gestal* ten vor ihm auf, wie aus dem Boden gestampft: eine Dame mit einem feinen Federhut und ein Herr in einem schönen Biberpelz, die sehr langsam vor ihm hergingen und ihm den Weg versperrten. Er wollte rechts Vorbeigehen, aber die Dame ging derartig in die Breite auseinander, daß er unmöglich Platz fand, vorbeizukommen; er versuchte es nach links, da war es der Herr, der dasselbe Manöver ausfiihrte. Reb Schimme versuchte jetzt den beiden Gestalten wenigstens über die Schulter zu sehen, aber da schossen sic himmelhoch in die Höhe, und als ihm endlich ein Durchblick auf die Riesengarde drüben gelungen war, da sah er, wie jene sich mit den Händen auf die Knie patschten und sich vor Lachen förmliclt aussclhittcn wollten. . (Fortsetzung folgt.)