Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1911)
- Date
- 1911-02-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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den Proletariat. Ob bei der tjrollcii Notlage im Lande fiir so viele tausende Menschen Arbcitsoiögllchkclten bestehen, muB natürlich entschieden bezweifelt werden. Die Folge davon ist unabsehbares Ulend, Krankheilen und Prädisposition für Seuchen. Aber auch jene Schänken, die eine Konzession erhalten haben, werden durch die Bestimmungen des l.andc.sKcscl/.es, durch welches die .l.iliresuiiikigen der Schilnker auf mindestens sieben Milionen Kronen festgesetzt werden, in ihrer wirtschaftlichen Existenz aufs schwerste geschädigt. Biese Leute gehen unter dem Drucke der ungleichmäßig nach keinem bestimmten System cingehobcncn Umlage zu Grunde, zu der sich natürlich noch die anderen Steuern und Umlagen gesellen. Die Polge davon ist, dal! bereits heute viele, die Aussicht auf einen anderen Erwerb haben, ihre Konzessionen zurücklegcn oder lieber nuswandern, um jenseits des großen Wassers ein neues Feld ftir ihre Tätigkeit zu finden. Es ist also fraglich, inwieweit diese Erscheinungen dem Hestreben des Staates, de Auswanderung cinzusohränkeu, förderlich sind. Die Passung des Propinationsgesctz.es und die KonscQucn7.cn desselben sind überhaupt ganz ungcwöhnlich. Wenn sonst ein bestehendes Gesetz aufgehoben wird, so erfolgt entweder eine obligatorische Ablösung, oder die bisher Berechtigten bleiben so lange sic leben, im Besitze ihrer früher erworbenen Rechte. Dieser Vorgang wurde auch beobachtet, als seinerzeit mit dem System der Wundärzte oder Chirurgen, wie man sic schlechtweg nannte, in Oalizicu gebrochen wurde. Die zur Zeit der Schaffang des Gesetzes tätigen Wundärzte erhielten die Berechtigung, für ihre Lebenszeit ihre Tätigkeit weiter auszuilben, und noch heute gibt es etwa achtzig solcher Wundärzte im Lande. Warum sollte bei der Schankerfrage der Grundsatz, daß kein Gesetz rückwirkende Kraft habe, nicht Berücksichtigung finden? Die ganze Frage könnte aus der Welt geschafft werden, wenn den bisherigen Inhabern von Sohankgewerben Konzessionen für ihre Person verliehen würden. Dadurch werden sie auf den Aussterbe• ctat gesetzt und vorderhand vor einem Wirtschaftliehen Zusammenbruche bewahrt. Die hcranwachsende Generation muß eben dann zu einem anderen Gewerbe greifen. Da die meisten durch das Gesetz betroffenen Schünkcr ältere Leute sind würden die ihnen auf Lebzeiten verliehenen Konzessionen ohnedies nach zehn bis zwölf Jahren erlöschen, und da diese Konzessionen im Sinne des von der StaUhaltcrci nufgcstelltcn Verteilungsschlüssels nicht erneuert werden könnten, würde deren Zahl fortschreitend abnehmen. Unsere Bemühungen gehen dahin, dieser Auffussung bei den maßgebenden Kreisen Hingang, zu schaffen und wir hoffen, daß unsere Aktion von Erfolg begleitet sein wird. | Rabbiner David Rau | Am 15. Februar starb in Plcss (Oberschi.), im Alter von noch nicht 49 Jahren der dortige Rabbiner David Rau, nachdem er nur kurze Zeit krank gewesen. F.r war einer von den wenigen reichsdeut- Ein Lotteriegewinn ohne Lotlerielos Humoreske von M. Pul ver mann. (Fortsetzung.) Hinde wartete inzwischen geduldig, bis er sein Wettrennen eingestellt, bis er müde und matt auf die Ofenbank niedersank. Dann sprach sie wieder•. ״Schitnme leben, wenn du zu müde bist, dann will ich zu dem Kollekteur gehen, um den Lotteriezettcl für dich zu holen. Sage mir nur, welche Zahlen ich besetzen soll.“ 1 ״Die Zahlen! —“ fuhr er sie wieder an. ״Ke Zahlen 1 — Ia, ja, die — die — Zahlen —־ ich —־ ich — habe sie ־— vergessen!“ : Im Nu war Hitides Mißtrauen wieder wach. Vergessen! Alje Nowi’s Botschaft vergessen! ־— Das glaube, wer da will! Das war ja rein unmöglich. Ein frommer Jude vergißt so etwas nie und nimmer! Sicherlich war dieses wieder ein neuer Trick von ihm, um ihr das Geld für ein Los abzulocken. Ohne sich weiter um ihn zu kümmern, ging sie wieder ihrer BeschäfÜgung nach und erklärte ihm klipp und klar, daß er nicht einen roten Kreuzer bekommen scheu Rabbinern, die der zionistischen Organisation angeliörcn. Noch kleiner ist die Zahl seiner Kollegen, die im Zionismus tatsächlich mitarheiten, aber als Begriiuder und Vorsitzender einer Ortsgruppe stand er unter seinen Derufsgenossen in Deutschland allein da. In seiner Gemeinde, die 5f1 Haushaltungen zählt, gab es •17 Schckelzalilor, eine Verhältnisziffer, welche von andern den Ischen Gemeinden nicht so schnell erreicht werden dürfte. Rabbiner Rau war ein großer Gelehrter auf iüdischein und profanem Gebiete. Seine rahhinischen Studien hat er auf dem Breslauer Seminar absolviert und auf der dortigen Hochschule eine gründliche philosophische Bildung erlangt. Den Doktortitel hat er nie erworben, obwohl er seine Gymnasial* und Univcrsitätsslmlicn absolviert hatte. Aber cs entsprach das ganz der schlichten Art des Mannes. ,Er legte keinen Wert darauf, Doktor-Rabbiner zu seid. Nach dem Organisationsenlwurf des Deutsch-Israelitischen Gcmcindcbundcs hätte er also nicht Rabbiner in Deutschland sein dürfen. Er war sich aber offenbar der Gefahr nicht bewußt. Man hat in weiteren Kreisen von seiner Gclclirsamkeit nicht viel gehört. Er hat zwar viel geschrieben, aber nie eine Zeile veröffentlicht. In seinem handschriftlichen Nachlasse finden sich ganze Berge von Studien talmudischcn Inhalts vor, die er verfallt hat. Ihre Veröffentlichung verspricht eine namhafte Bereicherung für die jüdische Wissenscliaft zu werden. Sic sind die Frucht einer zwanzigjährigen üclclirtcnarbcit, die Tag und Nacht nur mit Unterbrechung der Unterrichtsstunden und Gebets* Zeiten vor sich gegangen ist. Er war nie verheiratet, und der jüdischen Wissenschaft gehörte seine Liebe ungeteilt. Um ihr zu dienen, darum wählte und liebte er das einsame und abgeschlossene Leben in dem weltverlorenen Winkel Obcrschlcsicns. Dabei war er alles weniger wie ein Menschenfeind. Seine kleine Gemeinde ist voll von Zeugnissen warmer Menschenliehe und Mildtätigkeit, die von ihm ausgegangen. Er war ein Mann von rührender Bescheidenheit, antiker Bedürfnislosigkeit und dabei von .schalkhafter Licbenswürdigkeit. Wir waren stolz darauf, daß er zu uns gehörte. Er war auch Ausschullmitglied des Obcrschlcsiscltcn Oruppenverbandes. Bei unsern Sitzungen hat inan ilm seiten gesehen, er hat seine vier Pfähle niemals gern verlassen. Aber seine inhaltsreichen und gescheiten Briefe die er oft an uns richtete, geben Zeugnis flir sein Interesse auch an den Detailfragen der Bewegung, Und wenn wir in seine Gemeinde kamen, um unsere Ideen darzulcgcn, mit welch herzgewinnender Freundlichkeit hat er uns da nicht aufgenommen I Er hatte selbst die Versammlung vorbereitet mul war von Haus zu Haus gegangen, um für guten Besuch zu werben. Und wenn dann der Abend kaut, dann mischte sich ein Jubclton jugciul• frischer Begeisterung in unsre Darlegungen hinein, und sein Wort, das von Heizen kam, hat immer den Weg zu den Herzen gefunden. ־* Wir fühlen tief die Lücke, die der Tod in unsre Reihen gerissen hat nicht wegen der materiellen Leistungen, die er zu Wege brachte, und die nun wohl aus seinem Orte spärlicher fließen werden; sic konnten naturgemäß von ausschlaggebender Bedenhing nicht sein. Klagte er doch selbst oft über die werde, daß sic den Schwindel durchschaue und ihm kein Wort von alldem glaube. Das aber stieß ׳,cm Fasse vollends den IVden aus. Schiinme raste, er jammerte, er fluchte, er bettelte, aoor ’Pude blieb sta׳u!1!nit und hart. ״Du hast doch ׳he Zahlen vergessen,“ sprach sie, ״also kannst du doch überhaupt nicht setzen.“ ״Aber, wenn Alje Nowi haben will, daß ich gewinnen soll, dann werden mir die Zahlen schon wieder einfallcn.“ ״Wenn Alje Nowi haben will, daß du ge• winnen sollst, dann brauchst du überhaupt erst gar nicht zu setzen. Wenn Gott dir die fünftausend Gulden bescheren will, meinst du, er braucht deine paar Kreuzer Setzcgcld dazu. Er hat Geld genug ohne dem, und wenn du gewinnen sollst, dann wird es geschehen, ob du spielst oder nicht,“ war ihre abweisende Antwort. Reb Schiinme wußte keinen Ausweg mehr und ihm blieb,weiter nichts übrig, als seinen üblichen Spaziergang zur grüngestrichencn Banke anzutreten. Auf dcn'1 Wege dahin wurde er zwar etwas ruhiger, allein beim Anblick des Lpttcricgoschiin.es, da geriet seih Blut wieder in Wallung und sein Kopf würde wieder glü* Begrenztheit der örtlichen Verhältnisse, die ihm mehr zu erreichen nicht gestatteten. Aber wir empfinden tiefe Wehmut darüber, daß ein jüdisches Herz?u schlagen auigeliürt hat, das warm und treu und iimi'g für die Gesamtheit Israels an allen Orten und in allen Landen luliltc mul von dei gleichen Zuluuiftsholimmg bcyliiAt war, wie wir alle. Am letzten Rasttage zum Snbbatli wurde er /.a Grabe gebracht. Imponierend war die Beteiligung i1n den TraiierfderlleliKeiten. Alle Kreise der kleinen Residenzstadt l’lcss wirkten zusammen, um das Am denken dieses schlichten Mannes zu ehren. Aus der Nachbarschaft uml ans weiteren Kreisen der Heintatv Provinz waren Kollegen, Schüler und Verehrer des Entschlafenen herbeigeeilt, um der Bestattung beizuwolmcn. Der Zionistische 0 r u pp c n vc r band O b c r s c 111 e s I c n hatte den Vorsitzenden, lerncr Herrn R.־A. La e 11111 a n n •Künigshütte und Herrn H c r z f c I d •Bcuthen zum Leichenbegängnis ent• sandt. Der Vorsitzende des Oruppenverbandes hielt in der Leichenhalle einen Nachruf auf den Vcistor• benen, in dem er seiner Tätigkeit für die Bewegung und des n10ralisJ.1cn Wertes seiner Mitarbeit gedachte. Wir wollen ein sichtbares Zeichen unsrer Dankbarkeit für den. teuren Toten dadurch geben, daß wir den von ihm erst kürzlich angelegten Plesser Oclbaumgartcn durch neue Pflanzungen vermehren. Vielleicht wird der eine oder der andere der Gesinmmgsgcnosscn, der diese Zeilen liest, sich angeregt fühlen ein Gleiches 11׳ tun. Die Massendeputation der jüdischen Schanker aus Galizien Zwei furchtbare Schläge gegem die Wirtschaftliehe Existenz der Juden in Galizien werden gegenwärtig auf gesetzgeberischem Wege durcligeliilirt. Jenen beiden Erwerbsgruppen, die bisher der gali/isehen Judenheit in ihrer Mehrzahl den spärlichen Un-!erhalt gewährten, will man zu Leibe: Den Hausicrem und den Scli inkern. In der Vorwoche gaben wir die überzeugenden Ausführungen wieder, die der zionistische Abgeordnete Mahler gelegentlich der Beratungen über das neue österreichische Hausierer• gesetz im Reichsrate gemacht hat. Unser Korrcspmi• dent gab dann weiterhin der Meinung Ausdruck, daß das österreichische Kleinbürgertum auf dem Weg־.׳, der es über tausende jüdischer Existenzen führe, nicht mifzuhniten sein w urde. Es blieb nur die Genugtuung darüber, dal» die Juden Galiziens dank ihrer bewußt jüdischen Wahlpolitik sieh im Rate der östcrrciehi• sehen Volker Sprecher gesichert hatten, die sie der doppelten Schmach das Unrecht lautlos hinzunehmen. enthoben. In der Frage der Schankkonzessionen ist die Hoffnung noch nicht ganz, geschwunden, daß das IJnheil, wenn auch nicht abgewandt, so doch abgc• schwächt werden wird. Und wiederum sind es die zionistischen Delegierten, die sich an die Spitze der 1700 Schenker aus den verschiedensten Gegenden Galiziens und der Bukowina stellten um die letzte hemlheiß. Er verwünschte 1 linde, den Tisch, die beiden Kürschner, den jungen und den alten, er verwünschte die ganze Welt. Als er wieder nach I lause' kam. setzte er sich still und schweifend auf die wackelige Gien* bank. Er aß nicht, er (rank nicht, er schlich wie ein Schatten herum, und selbst als der krumme Schlaumc kam und ihm eine Partie ITanzefnß vorschlug, wurde er sackgrob und wies ihm die Tür. Und je näher der Zielimigs• tag hcrankam, desto schlimmer wurde cs mit ihm, und sein jämmerlicher Anblick zerschnitt Hinde das Her/. ״Schiinme leben,“ versuchte sie ihn zu trösten; ״schlage dir doch diesen unseligen Traum aus dein Kopf, oder du wirst noch — Gott behüte — meschttgge werden! Ich habe cs dir doch' schon gesagt, wenn Gott, borttch hu, haben will, daß du gewinnen sollst, wer־ den die richtigen Zahlen schon herauskonimeii, ab du spielst oder nicht. Geh, geh, Schiinme leben, sei kein Schaute und denk’ nicht mehr «in die ganze Sache.“ ״Hinde! Weib!“ schrie er, über diese Fr»־ gik entrüstet. ״Wie kann man nur so dumm sein,und so dumm reden! Natürlich," fuhr er höhnisch und grimmig fort, ״natürlich wird es mir ein großes Vergnügen bereiten, wenn die